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Wie schlimm sind Staatsschulden? 

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Eine Illustration, die das Thema Staatsschulden durch ein Piktogramm des Parlaments, das auf stilisierten Münzen thront, abbildet.
In ihrer Kolumne Ökonowie? erklärt Lisa Oberndorfer jede Woche ein Thema, das die Wirtschaft beschäftigt.
© Illustration: WZ

Schulden: ein negativ konnotiertes Wort – vor allem, wenn es um die eigene finanzielle Situation geht. Doch nicht nur Privathaushalte und Unternehmen verschulden sich, sondern auch Staaten. Wie sehr sollte uns eine Verschuldung des Staates besorgen?


„Eine Staatsverschuldung ist per se nicht schlecht“, beruhigt Hans Pitlik, Ökonom beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Denn Staaten nehmen Schulden zum Beispiel für öffentliche Investitionen auf. Eine Staatsverschuldung besteht, wenn die Ausgaben der öffentlichen Hand höher sind als die Einnahmen. Diese Ausgaben ergeben sich aus Verbindlichkeiten und Krediten. Die wesentliche Kennzahl dabei ist die Schuldenquote: Sie gibt das Verhältnis der Schulden zum Bruttoinlandsprodukt, also der wirtschaftlichen Gesamtleistung, an. In Österreich lag der Schuldenstand im Jahr 2022 bei 350,8 Milliarden Euro, die Schuldenquote bei 78,4 Prozent. In den zwei Jahren davor lag sie aufgrund der Ausgaben in der Covid-Pandemie bei über 80 Prozent. Die Schuldenquote der Europäischen Union betrug vergangenes Jahr 85,3 Prozent. 

Wie hoch die Staatsverschuldung sein sollte, kann man nicht so genau sagenWIFO-Ökonom Hans Pitlik 

Diese Werte liegen weit über dem Richtwert, die die EU 1992 im Vertrag von Maastricht festsetzte: 60 Prozent. Die vereinbarte Schuldenquote sei sehr willkürlich definiert worden, sagt Pitlik vom WIFO. „Wie hoch die Staatsverschuldung sein sollte, kann man nicht so genau sagen”, gibt er zu bedenken. Wenn ein Staat eine hohe Kreditwürdigkeit und das Vertrauen der Investor:innen hat, sei eine höhere Schuldenquote akzeptabel.

Der Staat nimmt Kredite auf

Und hier kommen wir zur Frage, wie das Minus im Budget finanziert wird: Der Staat nimmt dafür Kredite auf, in erster Linie Staatsanleihen. Dabei handelt es sich um eine Anlageform, bei der der Staat der Schuldner ist und über einen definierten Zeitraum mit Zinsen den Betrag zurückzahlt. In Österreich ist die Bundesfinanzierungsagentur dafür verantwortlich. Die effektive Verzinsung, also die Gesamtbelastung der Schuldenfinanzierung inklusive Gebühren, betrug Ende Juni 2023 1,47 Prozent, Ende 2022 waren es noch 1,2 Prozent.

Wie teuer den Bund die Verschuldung kommt, hängt nicht nur von gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen wie der Erhöhung der Leitzinsen ab, sondern vor allem von dem bereits erwähnten Vetrauen des Marktes ab. Rating-Agenturen bewerten laufend die Zahlungsfähigkeit von Staaten. Steigen die Schulden, wirkt sich das laut Ökonom Hans Pitlik auf die Bewertung aus und führt zu höheren Zinsen. Gibt ein Staat über einen längeren Zeitraum also mehr aus als er einnimmt, so gefährdet er damit die Kreditwürdigkeit, gleichzeitig verursacht die Kreditaufnahme durch die effektive Belastung noch mehr Ausgaben. 

Staatsschulden machen Betriebe und Haushalte vorsichtiger 

„Staatsschulden sind die Steuern von morgen”, erklärt Pitlik weiter. Bei einer hohen Verschuldung seien deshalb sowohl Unternehmen als auch Privathaushalte vorsichtiger bei den Ausgaben, was sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken kann. Die derzeit hohe Inflation wirkt sich zwar kurzfristig positiv auf die Schuldenquote aus, weil der Staat durch die Teuerung mehr Einnahmen generiert. Gleichzeitig werden aber auch die öffentlichen Investitionen teurer, und das verlangsamte Wirtschaftswachstum bedeutet ein niedrigeres Bruttoinlandsprodukt. Weil die Einnahmen aber nicht so stark steigen wie die Ausgaben, kann es ohne Gegensteuern rasch zu einer höheren Verschuldung kommen, warnt Marcell Göttert, Ökonom beim liberalen Thinktank Agenda Austria.

Europäische Kommission erwartet Rückgang der Schuldenquote 

Die Europäische Kommission erwartet sowohl in der EU als auch in Österreich für dieses und nächstes Jahr einen Rückgang der Schuldenquote. Laut einer Prognose der Agenda Austria würde die Quote in darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten ansteigen, wenn der Staat nicht handelt. „Wir haben in Österreich kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem”, sagt Göttert. Um die Schuldenquote in den Griff zu bekommen, müsse der Staatshaushalt saniert werden. Zu den möglichen Maßnahmen dafür zählen die beiden Wirtschaftsforscher etwa die Anhebung des Pensionsantrittsalters oder Strukturreformen. Pitlik vom WIFO plädiert für mehr „fiskalpolitische Disziplin” des Bundes, nachdem in den vergangenen Jahren pandemiebedingt der Fokus auf Ausgaben lag. Göttert gibt zu bedenken, dass der Staat bei seinen Einnahmen großteils auf Abgaben der Einwohner:innen zugreift. Eine hohe Schuldenquote sei deshalb auch bei einer guten Anlagestrategie der Bundesfinanzierungsagentur für die Bürger:innen spürbar. 


Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.