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Öl-Deals statt Klimawende?

9 Min
Ein Foto von Sultan Ahmed al-Dschaber auf einem Benzinkanister.
Sultan Ahmed Al Jaber ist heuer Präsident der Klimakonferenz COP28. Werden die Öl-Interessen Dubais den Klimazielen entgegenstehen?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, RYAN LIM / AFP / picturedesk.com

Heuer ist Dubai Gastgeber der 28. Weltklimakonferenz. Der Reichtum des Emirats beruht vor allem auf Erdöl. Können die Interessen eines Öl-Staates mit denen des Klimaschutzes in Einklang gebracht werden?


Kaum war bekannt, dass die diesjährige Klimakonferenz COP28 im Wüsten-Emirat Dubai stattfindet, wurden sofort kritische Stimmen laut, die gegen den Veranstaltungsort, besonders aber gegen die Person des Vorsitzenden wetterten: Sultan Ahmed Al Jaber, Minister für Industrie und Fortschrittstechnologien in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Chef der VAE-Ölgesellschaft Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC).

Ein Mini-Staat an der Ostküste der arabischen Halbinsel, dessen Reichtum auf Erdöl und Erdgas beruht, und ein Mann, der seit 2016 zwei hochrangige und einflussreiche Posten im Bereich Energie bekleidet, sollen also die Basis für zukunftsweisende Beschlüsse in Sachen Energiewende, Klimaschutz und Erreichung der Klimaziele von Paris 2015 sein? Schwer vorstellbar. Schließlich hat uns die Geschichte der Klimakonferenzen gelehrt, dass derart unterschiedliche Interessen bis dato keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Und die Lobby der Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie hat es bisher noch immer geschafft, hinter den Kulissen lukrative Verträge abzuschließen, die nicht im Sinn der Klimawende sind. Sondern im Sinn einer Industrie, die ursächlich für die Klimakrise verantwortlich ist. 

Die große Chance 

Dubai und Al Jaber hätten nun die große Chance, zu beweisen, dass es auch anders geht. Denn wer denkt, dass die Präsidentschaft der Klimakonferenz nur einen repräsentativen Zweck hat, der irrt: Sie hat einen wichtigen Anteil am Erfolg oder Misserfolg eines Klimagipfels. Von ihr hängt ab, wie zukunftsweisend und ehrgeizig die Papiere sind, die am Ende der COP28 vorgelegt werden, ob „Treiber“ oder „Bremser“ an den entscheidenden Gesprächen beteiligt sind, ob am Ende vage Vorgaben oder wegweisende Ergebnisse stehen. Sultan Al Jaber sagte im Vorfeld der COP28: „Dies wird ein entscheidendes Jahr in einem entscheidenden Jahrzehnt für den Klimaschutz sein." Die Vereinigten Arabischen Emirate wollten einen pragmatischen, realistischen und lösungsorientierten Ansatz verfolgen, betonte er weiter. Was das genau heißt, werden wir am Ende der COP28 wissen, einen sofortigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern bedeutet es allerdings wohl nicht: Schließlich hat die ADNOC im Frühjahr angekündigt, die Erdölförderung bis 2027 von derzeit vier Millionen auf fünf Millionen Barrel pro Tag zu steigern. 2016 hatte Al Jaber bei seinem Amtsantritt noch erklärt, dass er den Öl- und Gasriesen in die Klimaneutralität führen werde. Wie er das machen wolle, hat er nicht gesagt. 

Trend zu mehr statt weniger Öl 

Die Ankündigung, die Ölförderung zu steigern, entspricht jedenfalls dem negativen Trend, den das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in seinem jüngsten Production Gap Report aufzeigt: Nach diesem wollen die 20 betrachteten Staaten, darunter Australien, die USA, Kanada, China, Norwegen, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Großbritannien, bis 2030 um 110 Prozent mehr fossile Brennstoffe produzieren als bisher. Das steht allerdings dem Klimaziel von Paris, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, entgegen. Und bis 2050 ist sogar ein weiterer Anstieg der weltweiten Kohle-, Erdöl- und Erdgasproduktion geplant. Laut einer Studie des University College of London müssten aber 60 Prozent sämtlicher Öl- und Gasreserven sowie 90 Prozent der Kohlemengen, die als wirtschaftlich förderbar gelten, unangetastet bleiben, um das Pariser Klimaziel zu erreichen. Ein massiver Widerspruch.

Öl-Milliarden für den Luxus 

Die Vereinigten Arabischen Emirate, zu denen neben Dubai weitere sechs Emirate gehören, darunter Abu Dhabi (das größte), Adschman oder Schardscha, gehören bis heute zu den größten CO2-Emittenten der Welt: 2021 lagen die Kohlenstoffdioxid-Emissionen bei durchschnittlich 21,8 Tonnen je Einwohner:in. (Zum Vergleich: Der weltweite Durchschnittswert lag bei rund 4,69 Tonnen pro Kopf.) Dubai hielt den Spitzenplatz – was nicht verwundert, wenn man die Hauptstadt Dubai City betrachtet: Bis Ende der 1950er-Jahre befand sich an ihrer Stelle ein kleines Fischerdorf, mit den Ölfunden wurde innerhalb von 50 Jahren eine Metropole aus dem Sand gestampft: mit gläsernen Wolkenkratzern, zwölfspurigen Straßen, Luxushotels, künstlichen Inseln und weiteren Extravaganzen wie ein 22 Meter hoher Wasserfall im Einkaufszentrum Dubai Mall; ein riesiger künstlicher See vor dem Burj Khalifa, dem höchsten freistehenden Wolkenkratzer der Welt; Fontänen, die Wasser 150 Meter hoch in die Luft katapultieren; der Deep Dive Dubai, dem mit 60 Metern tiefsten Swimming-Pool der Welt und einem Fassungsvermögen von 14 Millionen Litern Wasser; oder der Indoor-Skihalle mit 1,4 Kilometern Piste und 25.000 Tonnen Schnee.

Besonders dieser nasse Luxus hat seinen Preis: Schließlich besteht Dubai zu mehr als 90 Prozent aus Wüste und hat keine Süßwasservorräte. Möglich wird dieser Überfluss an Wasser durch Entsalzungsanlagen am Meer, die zum Teil noch mit Kohle, zum Teil mit Erdgas betrieben werden und täglich Unmengen an CO2 in die Luft blasen. Außerdem landet das ausgefilterte Salz gemeinsam mit giftigen Chemikalien, die zur Bekämpfung von Algen und Bakterien eingesetzt werden, wieder im Meer. Diese hochkonzentrierte Sole schädigt nicht nur das Ökosystem, sondern fördert außerdem die Meereserwärmung. Und damit die Erderwärmung. 

Was kommt nach dem Öl? 

Doch das scheint derzeit kein Problem zu sein, über das sich Dubai Gedanken macht. Es gibt ein dringlicheres: Dem Emirat wird in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren das Öl ausgehen. Dubai hat nur vier Ölfelder. Alle liegen im Persischen Golf, rund 60 Kilometer vor der Küste. Und es gibt nur ein einziges Erdgasfeld an Land. Dubai ist das bewusst, und es hat bereits vor vielen Jahren begonnen, andere Einnahmequellen zu suchen. Tourismus, Finanzgeschäfte, Investitionsprojekte, Handel – das kleine Emirat ist in diesen Bereichen ganz groß unterwegs. Und es ist ein Steuerparadies, das viele ausländische Unternehmen angezogen hat. Doch selbst wenn Dubai das Erdöl nicht ausgeht (Einnahmen aus dem Erdölgeschäft machen mittlerweile nur mehr rund fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus): Gelingt weltweit der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und der Umstieg auf erneuerbare Energien, kauft niemand mehr Erdöl und Erdgas. Im schlimmsten Fall droht der Bankrott; es macht also Sinn, sich rechtzeitig nach anderen Einnahmequellen umzuschauen. 

Dubai sorgt für die Zukunft vor 

Die Milliarden aus der Ölförderung und -verarbeitung wurden und werden aber auch in Nachhaltigkeitsprojekte, erneuerbare Energien oder grünen Wasserstoff investiert. Schließlich hat sich Dubais Regierung das Ziel gesetzt, bis 2050 im Rahmen der Clean Energy Strategy die Stadt mit dem weltweit kleinsten CO₂-Abdruck zu werden. Die Wohnsiedlung Sustainable City („nachhaltige Stadt“) recycelt Wasser und Müll und erzeugt mehr Energie, als sie verbraucht. In der Wüste entsteht ein riesiges Solarkraftwerk.

An der Verbesserung der Klimabilanz arbeitet auch Al Jaber: So gründete er 2006 die Abu Dhabi Future Energy Company, ein staatliches Unternehmen für erneuerbare Energien in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Unter seiner Führung wurde mit dem Bau von Masdar City begonnen, einer Ökosiedlung 30 Kilometer von Abu Dhabi entfernt. Die Stadt auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern soll komplett durch erneuerbare Energie versorgt werden, Trinkwasser kommt aus solarbetriebenen Entsalzungsanlagen, strenge Nachhaltigkeit soll CO2-Emissionen verhindern. Doch der 2008 begonnene Bau stockt immer wieder, die Fertigstellung ist mittlerweile auf 2030 verschoben. Bisher stehen nur etwa fünf Prozent der geplanten Gebäude. Wie nachhaltig Masdar im Endeffekt wirklich ist, muss sich weisen. 

Wüstenstaat im Klimastress

In Dubai ist gerade Winter. Schnee gibt es trotzdem nur in der Skihalle, im Freien herrschen tagsüber Temperaturen um die 30 Grad. Oder mehr, denn die Klimakrise ist mittlerweile längst auch im Emirat am Persischen Golf angekommen. Im Sommer gibt es immer mehr Tage, an denen das Thermometer 50 Grad anzeigt. In sämtlichen Gebäuden, Autos, Bussen und der U-Bahn laufen daher die Klimaanlagen auf Hochtouren – und verbrauchen jede Menge Energie. Wenn den Klimakonferenz-Teilnehmer:innen also die Schweißperlen auf der Stirn stehen, liegt das vermutlich an den hitzigen Diskussionen. Die sich hoffentlich um Maßnahmen gegen die Klimakrise drehen und nicht um Öl-Deals. Spätestens ab dem 13. Dezember werden wir wissen, ob Dubai und Sultan Al Jaber es geschafft haben, ihrer Verantwortung gegenüber der Klimakonferenz und ihren Zielen gerecht zu werden. Glaubt man einem Bericht der BBC von Montag, dass die Emirate bei der COP28 mit 15 anderen Staaten über künftige Öl- und Gasdeals Gespräche führen, haben sie ihre Chance bereits vertan.