Überfüllte Zellen, zu wenig Personal, geschmuggelte Handys: Der Jugendvollzug in Österreich steht massiv in der Kritik. Doch wie sieht der Alltag aus? Ehemalige Insassen erzählen der WZ von ihren Erfahrungen.
Dennis, 16: „Keiner fühlt sich zuständig“
„Wenn du Pech hast, bist du in einer Arschzelle. Kalter Tee, kaltes Essen, die Geräte im Fitnessraum kaputt. Und niemand fühlt sich zuständig.“ Dennis kam mit 16 Jahren in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe: Drogenhandel, kriminelle Vereinigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung eines Beamten. Er erzählt schnell, springt zwischen den Erinnerungen. „Ich war 23 Stunden eingesperrt. Eine Stunde Hof. 14 Tage lang durfte ich nicht duschen.“ Das Justizministerium sagt dazu auf Anfrage der WZ:
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„Im Strafvollzugsgesetz (§42 StVG) ist geregelt, dass jede inhaftierte Person mindestens zweimal wöchentlich Gelegenheit zum Duschen haben muss. In der Praxis wird dies jedoch je nach Verfügbarkeit auch zumeist öfter eingeräumt.
Dennis erinnert sich nicht gern an seine Zeit im Gefängnis zurück. Er weiß, dass er „eh selber schuld“ war, allerdings würden sich viele Jugendliche das Gefängnis ganz anders vorstellen – als etwas „Cooles oder Heldenhaftes“ –, doch dem sei nicht so. Er spricht auch das “Handy-Problem” an:
In österreichischen Gefängnissen sind Handys bei Häftlingen grundsätzlich verboten. Offiziell genehmigte Ausnahmen sind selten und gibt es höchstens in gelockerten Haftformen – dennoch haben viele der Insassen ein Gerät.
„Fast jeder hat ein Handy, das ist eine Art offenes Geheimnis, aber nicht jeder benutzt es, um kriminelle Dinge zu machen. Ich mein, stell dir vor, du hast so lang kein Handy, ich glaube, deshalb zuckene einige auch aus, wenn sie keines haben.“ Im Jahr 2024 wurden 1306 Handys in österreichischen Gefängnissen sichergestellt.
Dennis berichtet davon, dass das Justizsystem auf ihn überfordert gewirkt hat – nicht nur wegen der Handys. Man wurde kurzfristig verlegt, wechselte die Zelle von einem Tag auf den anderen, alles erschien ihm chaotisch.
Der einzige Fixpunkt für ihn war eine kleine Jugendgruppe. Einmal pro Woche gab es Gespräche mit Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen. „Das war das Einzige, was sich normal angefühlt hat und mir auch eine Struktur gegeben hat.“
Was sagen das Justizministerium und die Volksanwaltschaft?
Aus dem Justizministerium heißt es gegenüber der WZ: “Zu Beginn der Strafhaft wird ein individueller Vollzugsplan erstellt, der regelmäßig im multiprofessionellen Team überprüft wird. Dort werden auch die psychosoziale Beratung und Betreuung individuell geregelt und situativ angepasst.“
„Es gibt im gesamten Strafvollzug zu wenige Psychiater:innen. Darunter leidet auch die Versorgung von jugendlichen Inhaftierten“, kritisiert wiederum die Volksanwaltschaft gegenüber der WZ. Bis September 2025 wurden 40 versuchte und tatsächliche Suizidfälle in österreichischen Gefängnissen verzeichnet, im Vergleich zu 47 Fällen im gesamten Jahr 2022, heißt es in einem Bericht der Volksanwaltschaft.
Die Situation des Jugendstrafvollzugs ist aus Sicht der Volksanwaltschaft nach wie vor prekär. Während die Zahl der inhaftierten Jugendlichen kontinuierlich steigt, bleibt der Personalschlüssel seit Jahren unverändert. Dieser Personalmangel ist im Jugendstrafvollzug eine besondere Herausforderung, da es nicht ausreichend speziell ausgebildetes Justiz- und Fachpersonal für die adäquate Betreuung dieser jungen Menschen gibt, heißt es seitens der Volksanwaltschaft.
Es gibt aber auch positive Beispiele: „In der Justizanstalt Wiener Neustadt hat der Soziale und Psychologische Dienst für die Jugendlichen Gesprächsgruppen während der Einschlusszeiten organisiert, um so die Zeiten außerhalb der Hafträume auszudehnen, in der Justizanstalt Graz-Jakomini gibt es tägliche Besprechungen über die Jugendlichen. In der neuen Jugendhaftanstalt Wien-Münnichplatz sind unseres Wissens nach etliche Planstellen noch nicht besetzt. Allerdings gehen Mitarbeiter:innen vom Psychologischen Dienst wochentags täglich auf die Abteilung und fragen, ob jemand Gesprächsbedarf hat“, begrüßt die Volksanwaltschaft.
Emre, 25: „Viele glauben, der Knast ist cool. Ist er nicht.“
Emre kam mit 19 Jahren das erste Mal ins Gefängnis. In seinem Umfeld, sagt er, sei das eher spät gewesen. „Die meisten, die ich kannte, waren mit 14 drin.“ Bei ihm ging es um Schlägereien, Milieu-Delikte und Konflikte mit der Polizei. Insgesamt verbrachte er sechs Jahre in Haft.
„Wie du bist, so behandeln sie dich“, sagt er. „Du hast Leute da drin, die durchdrehen und auszucken, es ist besser, einfach still zu sein. Man gewöhnt sich mit der Zeit ja auch daran“, erzählt Emre. Im Gefängnis begann er eine Bäckerlehre, brach sie aber ab. Er trainierte viel, strukturierte seinen Alltag. „Struktur gibt es genug. Aber trotzdem, du hast halt keine Perspektive.“ Auch er erzählt davon, dass Handys trotz Verbot allgegenwärtig sind. „Viele Beamte wissen genau, was läuft. Manche verdienen mit.“ So könnten Kontakte nach draußen gehalten und Geschäfte weitergeführt werden. „Das ist ein riesiges Problem, aber das macht halt jeder“, erzählt er.
Aslan, 20: „Plötzlich waren wir zu dritt in einer Zweimannzelle“
Aslan saß wegen Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt insgesamt zwei Jahre. Er wollte die Zeit nicht einfach absitzen, machte viel Sport und stellte sogar einen Antrag auf Verlegung, um eine Schlosserlehre zu beginnen. „Ich wollte diese Chance nutzen“, sagt er heute. Er beschreibt die Zeit aber als chaotisch: „Zu uns wurden dann andere jugendliche Häftlinge verlegt.“ Wer zuvor gelockert untergebracht war, hatte plötzlich nur noch Wohngruppenstatus. Wohngruppenstatus bedeutet, dass die Türen zur Zelle die meiste Zeit über offenbleiben. „Von einem Tag auf den anderen. Keiner wusste warum.“ Die Folgen waren sofort spürbar: überfüllte Abteilungen, weniger Platz, improvisierte Lösungen. „Wir waren zu dritt in einer Zweimannzelle“, sagt Aslan. Seinen Alltag beschreibt er nüchtern: Sport, Arbeit, wenig Kontakt nach draußen. „Aber jeder hat ein Handy. Und fast jeder nimmt irgendwas.“
Laut aktuellem Drogenbericht 2024 der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) bleibt der Konsum illegaler Drogen in Österreich insgesamt stabil, gleichzeitig steigt aber bereits im dritten Jahr in Folge die Zahl der tödlichen Überdosierungen. Cannabis ist nach wie vor die am häufigsten konsumierte Droge. Der Bericht zeigt aber auch, dass viele der Häftlinge schon vor ihrer Inhaftierung zu einem gewissen Grad von verschiedenen Substanzen abhängig waren.
Laut Statistik Austria machen Jugendliche in Österreich aber nur einen kleinen Teil der Verurteilten aus: 2024 waren es rund 6,1 Prozent, während über 85 Prozent Erwachsene waren. Einer von ihnen ist Alex, der 2021 nach dem sogenannten Terrorparagraphen verurteilt wurde – aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung, dem sogenannten IS –, der sich heute aber geläutert zeigt. Anderen Jugendlichen will er seine Geschichte als Warnung mitgeben.
Alex, 36: "Das Gefängnis hat mich gebrochen"
„Mich hat das Gefängnis psychisch zerbrochen. Ich bekomme bis heute Angst in engen Räumen“, erzählt der heute 36-jährige Alex, der von 2021 bis 2024 inhaftiert war. In den engen Zellen, in denen man „die Hände ausstrecken kann und beide Wände berührt“, habe es kaum Hygiene gegeben, nur „einmal in der Woche fünf Minuten duschen“, dazu Hitze, Lärm und ständige Kontrollen – „alle zwei Stunden wird das Licht eingeschaltet“.
Alex hat sich selbst den Behörden gestellt und war bereit, seine Strafe abzusitzen. Er fragt sich aber, ob solche Zustände im Jahr 2026 noch verhältnismäßig sind. „Ich verstehe ja, dass viel über den Jugendstrafvollzug berichtet wird und über die Zustände dort, das ist ja auch wichtig. Aber die Hochsicherheitsabteilung, in der ich war, ist nochmals eine andere Nummer,“ so Alex. „Wenn du davor nicht psychisch krank warst, wirst du es nach einigen Wochen in der Sicherheitsabteilung.“ Der Häftling in der Nebenzelle habe ständig mit sich selbst gesprochen, „auf und ab, dass die Osmanen die U-Bahn gebaut haben und lauter ähnlich wirres Zeug“, erinnert sich Alex,
Besonders prägend seien Momente gewesen, in denen Mitinsassen sich selbst verletzten oder starben: „Neben mir hat sich jemand umgebracht in der Zelle – und am nächsten Tag hörst du eine depperte Bemerkung darüber von den Wachen und das war’s“ Hilfe habe es kaum gegeben: „Der psychologische Dienst interessiert sich nicht für dich“, sagt er, stattdessen habe er Angst, Drohungen und Willkür erlebt. Ihn hat seine Zeit in Haft für sein Leben geprägt: „Gefängnis ist weder ‚leiwand‘, noch ‚irgendwas, womit man angeben kann oder sollte‘. Das zeigt sich spätestens, wenn du danach auf Jobsuche bist.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:
(Allesamt ehemalige Insassen österreichischer Gefängnisse. Alle Namen wurden von der Redaktion geändert)
Dennis
Emre
Aslan
Alex
Daten und Fakten:
Jugendliche sind in Österreich ab 14 Jahren strafmündig und können sowohl in Untersuchungshaft als auch in Strafhaft kommen. Untersuchungshaft wird etwa bei Flucht- oder Verdunkelungsgefahr verhängt und regelmäßig vom Gericht überprüft.
Der Kriminalitätsbericht des BMI 2025 zeigt, dass Jugendkriminalität vor allem bei sehr jungen Tätern ein Thema bleibt. Besonders bei den 10- bis 14-Jährigen sind die Zahlen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, teils fast auf das Doppelte seit 2021. Gleichzeitig gehen die Zahlen bei älteren Jugendlichen eher zurück oder bleiben stabil. Auffällig ist auch, dass ein relativ kleiner Teil der Jugendlichen für viele Delikte verantwortlich ist.
Quellen:
Ministerium für Soziales: Drogenbericht 2024
Bundesministerium für Inneres: Kriminalpolizeiliche Anzeigenstatistik 2025
Bundesministerium für Justiz: Sicherheitsbericht
Das Thema in der WZ:
Wege aus der kriminellen Spirale
Weibliche Gewalt: Lieber Täterin, als immer nur Opfer
Das Thema in anderen Medien:
DerStandard.at: Warum der Jugendstrafvollzug noch immer eine Baustelle ist
DerStandard.at: Abendessen um 13.30 Uhr: Missstände im Wiener Jugendstrafvollzug
DiePresse: Volksanwaltschaft leitet Prüfverfahren wegen Missständen in neuem Jugendgefängnis ein
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