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Orbáns Erfolg und seine Grenzen

5 Min
Orban wankt: Das Interview aus Budapest
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Seit 16 Jahren regiert Viktor Orbán Ungarn. Die Politikanalystin Zsuzsanna Szelenyi spricht über die politischen Mechanismen seines Erfolgs, die Rolle von Krisennarrativen – und warum seine Dominanz erstmals ernsthaft herausgefordert wird.


    • Viktor Orbán nutzt strategisches Geschick, Nationalismus und ein Sicherheitsnarrativ, um seine Macht zu festigen und Wahlen zu gewinnen.
    • Péter Magyar und seine Partei Tisza gewinnen durch direkte Bürgernähe, effektive Social-Media-Nutzung und eine breite Unterstützerbasis an Einfluss.
    • Die liberale Demokratie verliert an Überzeugungskraft, weil sie vielen Menschen kein ausreichendes Gefühl von Sicherheit und Wohlstand vermittelt.
    • Orbán gewann 2010 die Wahl mit dem Versprechen, die Wirtschaft zu stabilisieren.
    • Ungarn verzeichnete bis 2020 ein Wirtschaftswachstum von rund 4 %.
    • Bei der Europawahl erreichte Magyars Partei Tisza fast 30 % der Stimmen.
    • Russisches Rohöl machte zeitweise bis zu 93 % der ungarischen Ölimporte aus.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

WZ | Markus Schauta
Frau Szelenyi, wie erklären Sie Viktor Orbáns Erfolg?
Zsuzsanna Szelenyi
Orbán blickt auf rund 40 Jahre politische Erfahrung zurück. Er verfügt über strategisches Geschick und ein ausgeprägtes Gespür für Kommunikation. Das prägt auch die Arbeitsweise seiner Partei Fidesz. In der Öffentlichkeit inszeniert sich Orbán als Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen, der sich gegen die Eliten durchgesetzt hat. Er gibt sich als „einer von ihnen“, der für die Menschen da ist.

Ideologisch setzt Orbán auf einen historisch begründeten Opfernationalismus. Ergänzt wird dieser durch einen selbstbewussten Nationalismus, der internationalen Respekt für Ungarn einfordert. Dazu gehört auch, die Geschichte in gewisser Weise neu zu interpretieren. Damit hat Orbán viel Aufmerksamkeit gewonnen und für seine Anhänger ist dieses Gefühl – „Wir sind die echten Ungarn“ – bis heute zentral.
WZ | Markus Schauta
Orbán gewann 1998 die Parlamentswahlen, bevor er die darauffolgenden Wahlen an die Sozialisten verlor. Was brachte ihn 2010 erneut an die Macht?
Zsuzsanna Szelenyi
Die späten 2000er-Jahre waren in Ungarn von großer Unsicherheit geprägt. Von der Finanzkrise 2008 war das Land besonders stark betroffen. Orbán trat bei den Wahlen 2010 mit dem Versprechen an, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Sein Narrativ lautete: Er stabilisiert die Lage, sorgt für Sicherheit.

Er gewann die Wahl und hielt sein Versprechen: Bis etwa 2020 verzeichnete Ungarn ein Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent. Dieses Wachstum war regional nicht außergewöhnlich und stützte sich maßgeblich auf EU-Fördermittel. Es bedeutete aber eine deutliche Verbesserung zur vorangegangenen Regierungszeit der Sozialdemokraten. Gleichzeitig baute Orbán eine Staatspartei auf, die die staatlichen Institutionen und Ressourcen für parteipolitische Zwecke dominiert. Dadurch kontrolliert Fidesz den öffentliche Diskurs.

Dazu zählt auch Orbáns Sicherheitsnarrativ, das bis heute zentrales Thema seiner Wahlkämpfe ist. Ursprünglich bezog es sich auf die Überwindung der Wirtschaftskrise, wurde aber auf andere Krisen übertragen – etwa die Covid-Pandemie oder aktuell den Krieg in der Ukraine. Orbán präsentiert sich als derjenige, der die Lage für die Bevölkerung ruhig und kontrolliert hält – und signalisiert: Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich kümmere mich.
WZ | Markus Schauta
Der wirtschaftliche Höhenflug ist nun vorbei …
Zsuzsanna Szelenyi
In den vergangenen fünf Jahren zeigt Ungarn eine deutlich schwächere wirtschaftliche Entwicklung. Hinzu kommt die unglaubliche Bereicherung und Korruption der Fidesz-Eliten. Obwohl seine Popularität deutlich zurückgegangen war, gewann Orbán die Wahlen 2022. Dabei kam ihm der Krieg in der Ukraine zugute, weil er schnell ein Friedensnarrativ etablieren konnte. Dank der effizienten Kommunikationsmaschine von Fidesz gelang es ihm, die Botschaft zu verbreiten, ein Sieg der Opposition würde Ungarn in den Krieg hineinziehen und Chaos auslösen – während Orbán für Frieden stehe.

Die Opposition verlor bei den Parlamentswahlen 2022 deutlich und zerfiel in der Folge weitgehend. Viele Wähler waren enttäuscht und wandten sich von ihr ab, das politische Feld war damit offen für neue Akteure.
Fidesz war überrascht, wie schnell Magyar an Popularität gewann.
Zsuzsanna Szelenyi
WZ | Markus Schauta
In dieses Vakuum stieß Péter Magyar vor ...
Zsuzsanna Szelenyi
Fidesz war überrascht, wie schnell Magyar an Popularität gewann. Als er bei der Wahl zum Europäischen Parlament auf fast 30 Prozent kam, war das ein Schock für Fidesz. Es traf aber auch die bisherige Opposition, die heute kaum noch eine Rolle spielt. Das war ein echter Wendepunkt.

Magyar baute seine Popularität weiter aus und besuchte eine Vielzahl an Städten und Dörfern in Ungarn; viele Menschen schätzen diese Energie und den direkten Kontakt vor Ort. Das steht im deutlichen Kontrast zu dem streng kontrollierten politischen Rahmen, in dem Orbán seit Jahrzehnten agiert.

Anfang 2025 erreichte Magyars Partei Tisza in den Umfragen das Niveau von Fidesz und überholte die Partei bis Mai. In den vergangenen zehn Monaten liegt Tisza stabil rund zehn Prozentpunkte vorne, zuletzt leicht darüber.
WZ | Markus Schauta
Die Kampagne von Tisza wirkt professionell. Wie finanziert sich die Partei?
Zsuzsanna Szelenyi
Tisza verfügt nur über begrenzte finanzielle Mittel. Die Partei finanziert sich unter anderem über Crowdfunding. Professionell ist die Kampagne von Tisza dennoch – vor allem, weil sie soziale Medien sehr effektiv nutzt. Péter Magyar war zuvor Experte für politische Kommunikation. Er weiß also sehr genau, wie soziale Medien funktionieren. Zudem ist er jemand, der diese Rolle aktiv ausfüllt. Er ist permanent präsent, sein Leben wird nahezu vollständig öffentlich begleitet. Das ist ein entscheidender Faktor.

Ein weiterer Punkt: Tisza verfügt über eine enorme Zahl an Aktivisten – deutlich mehr als Fidesz oder jede andere Partei zuvor in Ungarn. Als Magyar plötzlich so populär wurde, bildeten sich in vielen Städten und Dörfern kleinere Gruppen, die sich selbst als „Tisza-Inseln“ bezeichneten. Nach der erfolgreichen Europawahl begann Magyar, diese Strukturen gezielt zu vernetzen. Es handelt sich nicht um klassische Parteimitglieder, sondern um eine Art organisierte Unterstützerbasis. Diese Menschen tragen den Wahlkampf derzeit maßgeblich.
Magyar betont konsequent, dass er keine Verbindung zur Ukraine hat.
Zsuzsanna Szelenyi
WZ | Markus Schauta
Orbán wird in der EU häufig als jemand wahrgenommen, der Entscheidungen blockiert – insbesondere in Bezug auf die Ukraine. Würde sich das im Falle eines Wahlsiegs von Péter Magyar ändern?
Zsuzsanna Szelenyi
Seit seiner zweiten Amtszeit sucht Orbán gezielt die Nähe zu Putin. Gleichzeitig versucht er, die Wahrnehmung von Russland und der Ukraine in Ungarn zu drehen. Russland präsentiert er als pragmatischen Partner – man müsse es nicht mögen, aber man könne mit ihm Geschäfte machen. Nach 2014 hat Fidesz begonnen, zunehmend gegen die Ukraine zu argumentieren, vor allem mit Verweis auf die ungarische Minderheit dort.

Orbán präsentiert sich daher nicht so sehr als pro-russisch, sondern vor allem als anti-ukrainisch. Umfragen zeigen, dass diese Haltung unter Fidesz-Anhängern besonders stark ausgeprägt ist, aber auch insgesamt im Land zugenommen hat. Das muss Magyar berücksichtigen. Im aktuellen Wahlkampf verbreitet Fidesz die zentrale Erzählung, Tisza werde von der Ukraine finanziell unterstützt. Es wird suggeriert, dass Geld aus dubiosen Quellen über Ungarn in Richtung Ukraine fließe. Laut dieser Darstellung würde ein Wahlsieg von Tisza bedeuten, dass Ungarn die Ukraine unterstützt, in den Krieg hineingezogen wird und ungarische Soldaten dort kämpfen müssten. Diese Verschwörungserzählung ist seit zwei Jahren präsent und sehr wirkungsvoll – verbreitet über soziale Medien und durch KI-generierte Videos.

Magyar betont daher konsequent, dass er keine Verbindung zur Ukraine hat. Im Europäischen Parlament enthält er sich bei Abstimmungen zur Ukraine regelmäßig, um keine klare Position zu beziehen. Das ist politisch motiviert, aber nachvollziehbar.
WZ | Markus Schauta
Aus welchem Grund legt Orbán so großen Wert auf gute Beziehungen zu Russland?
Zsuzsanna Szelenyi
Niemand weiß genau, welche Absprachen Orbán mit Putin getroffen hat. Was wir jedoch wissen: Unternehmen, die direkt mit Orbáns Familie oder seinem Umfeld verbunden sind, profitieren erheblich vom Gas- und Ölhandel mit Russland sowie vom Ausbau des Kernkraftwerks Paks unter russischer Beteiligung.

Weitere Erklärungen sind aus dieser Perspektive kaum notwendig. Diese Beziehung ist vor allem für bestimmte Akteure sehr profitabel – nicht unbedingt für Ungarn als Ganzes. Im Gegenteil: Russisches Rohöl machte zeitweise bis zu 93 % der ungarischen Ölimporte aus, gegenüber einem Anteil von 61 % im Jahr 2021. Es hat also keine Diversifizierung stattgefunden, sondern eine stärkere Abhängigkeit. Das ist für kein Land vorteilhaft.
WZ | Markus Schauta
Was können Demokratien in Europa von Ungarn lernen, um sich gegen den Aufstieg illiberaler Politiker verteidigen zu können?
Zsuzsanna Szelenyi
Verteidigung allein reicht nicht aus. Die Welt hat sich so stark verändert, dass ein Umdenken notwendig ist. Diese radikalen Parteien haben Anhänger gefunden, weil den Wählern etwas gefehlt hat. Die liberale Demokratie, wie wir sie in den 1990er- und 2000er-Jahren kannten, konnte ihnen nicht das notwendige Gefühl von Wohlstand und Sicherheit vermitteln.

Sicherheit ist für viele Menschen zentral. Es geht nicht nur um das Verhindern von Kriegen, sondern auch um Wohnraum, ein verlässliches Einkommen, ein funktionierendes Gesundheitssystem. Sicherheit ist ein vielschichtiges Konzept. In dieser Hinsicht hat die liberale Demokratie an Überzeugungskraft verloren.

Die Frage ist also: Wie schafft man ein Umfeld, das nicht nur Wohlstand garantiert, sondern auch ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit für die Bürger? Das erfordert Innovation. Das repräsentative System allein reicht nicht mehr aus, um Vertrauen und Beteiligung zu sichern. Es geht darum, demokratische Strukturen so zu gestalten, dass Menschen wieder das Gefühl haben, politisch gehört zu werden und Einfluss zu haben.

Gleichzeitig muss auch die wirtschaftliche Grundlage der Demokratie neu gedacht werden. Angesichts des schwachen Wachstums in Europa ist es schwierig, das Versprechen einzulösen, dass es der nächsten Generation besser gehen wird. Das ist ein strukturelles Problem.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Zsuzsanna Szélenyi ist Politikanalystin und frühere Oppositionspolitikerin in Ungarn. Anfang der 1990er-Jahre war sie Mitglied von Orbáns Partei Fidesz, die damals als liberal galt. Als Fidesz ins konservativ-nationalistische Lager abdriftete, verließ Szélenyi die Partei.

Heute ist sie Direktorin der Leadership Academy am Democracy Institute der Central European University (CEU) und forscht zu illiberalen Systemen sowie zum demokratischen Wandel in Europa. Die zweite Auflage ihres Buches Tainted Democracy, Viktor Orbán and the Subversion of Hungary erschien im März 2026.

Daten und Fakten

  • Fidesz / Viktor Orbán: Fidesz ist die dominierende Regierungspartei in Ungarn. Ursprünglich liberal, heute nationalkonservativ. Viktor Orbán führt die Partei seit den 1990ern und ist seit 2010 durchgehend Ministerpräsident. Sein politisches Modell gilt als „illiberale Demokratie“ mit starker staatlicher Kontrolle über Medien und Institutionen.
  • Tisza / Péter Magyar: Die Partei Tisza ist eine neue politische Kraft um Péter Magyar, einen ehemaligen Fidesz-Funktionär. Er positioniert sich als Anti-Korruptionskandidat und fordert Reformen von Staat und Wirtschaft. Tisza spricht vor allem jüngere und urbane Wähler an und gilt als ernsthafte Herausforderung für Orbán.

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