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Palästinenser:innen im Westjordanland: Ein Leben in Angst

7 Min
Iranische Raketen über dem Westjordanland: Schutzräume für Palästinenser:innen fehlen.
© Illustration: WZ

Im Schatten des Krieges zwischen Israel, dem Iran und den USA sowie der anhaltenden Angriffe auf Gaza eskaliert auch im Westjordanland die Gewalt. Israelische Zivilschutzvorschriften gelten im Westjordanland zumindest für Palästinenser:innen nicht.


„Organisierte Gewalt von Seiten israelischer Siedler gehört mittlerweile zum Alltag vieler Palästinenser im Westjordanland“, sagt der Menschenrechtsaktivist Issa Amro, der in der palästinensischen Stadt Hebron lebt. Die Stadt liegt im südlichen Westjordanland und wird von mehr als 200.000 Palästinenser:innen und etwa 800 israelischen Siedler:innen bewohnt, wobei die Siedler:innen unter dem Schutz des schwer bewaffneten Militärs stehen. Die palästinensische Bevölkerung wiederum ist mit erheblichen Einschränkungen konfrontiert, die den Alltag erschweren. Viele Geschäfte, Straßen und Wohnungen in der Altstadt wurden aufgrund der Besatzung geschlossen. Häufige Belästigungen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durch israelische Streitkräfte schaffen eine anhaltende Atmosphäre der Angst und Instabilität für die lokale palästinensische Bevölkerung. Vergangenen Juni kam neben der Siedlergewalt und dem andauernden Krieg in Gaza eine weitere Sorge hinzu: der Krieg zwischen Israel und dem Iran.

Auch die in Ostjerusalem lebende Palästinenserin Hadeel Amas berichtet von einem Gefühl der ständigen Unsicherheit: „Der jüngste Krieg (zwischen Israel und dem Iran) hat mir bestätigt, dass wir an einem Ort leben, an dem Sicherheit kein Recht für alle ist, sondern ein Privileg, welches nicht jedem gewährt wird.“ Die 24-jährige Studentin lebt in einem arabischen Stadtteil namens Sur Baher. Ihr Haus sei eines der wenigen Häuser dort, das über einen Raum mit verstärkten Wänden verfüge. Trotzdem erfüllt der Raum nicht die heutigen israelischen Sicherheitsstandards, die vorgeschriebenen Schutzraumtüren fehlen nämlich vollständig. Die Familie begibt sich trotz fehlender Türen in diesem Raum, wenn die Sirenen der Stadt erklingen und ein neuer Angriff droht. Eine andere Option haben sie nicht.

Keine Schutzräume

Die Raketenbeschüsse aus dem Iran waren auch in palästinensischen Städten im Westjordanland zu sehen. Anders als in Israel gibt es jedoch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten kaum Möglichkeiten, um sich in Sicherheit zu bringen. „Als wir die feuerroten Geschosse am Himmel sahen, konnten wir nicht wirklich etwas unternehmen. Für die meisten Palästinenser:innen hier gibt es keine Schutzräume bei Raketenangriffen“, sagt Issa.

Während das israelische Zivilschutzgesetz seit 1992 vorsieht, dass jedes neugebaute Haus Israels über einen geschützten Raum (Hebräisch: Merkhav Mugan) verfügen muss, ist die palästinensische Minderheit innerhalb der israelischen Grenzen stark davon benachteiligt, wie das Israel Democracy Institute zeigt. Das israelische Forschungsinstitut zitiert hierbei auch einen Bericht aus dem Jahr 2018, in welchem arabische Kommunen Israels diesbezüglich untersucht wurden. Fast die Hälfte der Bewohner:innen der untersuchten arabischen Kommunen lebt demnach in Gebäuden ohne vorgeschriebene Schutzräume. In den besetzten Gebieten wiederum ist die Situation noch prekärer, denn israelische Zivilschutzvorschriften gelten im Westjordanland nicht – zumindest nicht für Palästinenser:innen. Während illegale israelische Siedler:innen dort Zugang zu Luftschutzbunkern haben, ist die palästinensische Bevölkerung den Luftangriffen ausgeliefert. Zugleich nimmt die Anzahl neuer illegaler Siedlungen unter Israels rechtsextremer Regierung weiterhin zu.

Angst als ständiger Begleiter im Alltag

Während des Israel-Iran-Kriegs wurden die militärischen Kontrollpunkte im Westjordanland, die Palästinenser:innen täglich durchqueren müssen, geschlossen, was die Bewegungsfreiheit nahezu zum Stillstand brachte.

Gerade für Menschen, die auf Medikamente oder medizinische Versorgung angewiesen sind, stellen insbesondere die vom Militär in Hebron verhängten Ausgangssperren eine existenzbedrohende Situation dar.

Gleichzeitig können die gewalttätigen Siedler:innen ohne Konsequenzen agieren, wie Issa erklärt: „Willkürliche Tötungen, Massenverhaftungen ohne Gerichtsverfahren, die fortschreitende Enteignung palästinensischen Landes und der beschleunigte Siedlungsausbau rauben mir den Schlaf.“

Dabei war das Leben in Hebron auch zuvor schon alles andere als leicht. Seit 1997 ist die Stadt in zwei Gebiete unterteilt: H1 („H“ steht für „Hebron“), das theoretisch unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde steht, und H2, wo Israel die Sicherheitskontrolle behält. Palästinenser:innen durften schon vor dem 7. Oktober 2023 in ihrer eigenen Heimatstadt bestimmte Straßen nicht betreten. Im Jahr 2008 gründete Issa deshalb die Basisorganisation Youth Against Settlements (YAS), die sich auf gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung im Westjordanland konzentriert. YAS spielt eine zentrale Rolle bei der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, der Organisation von Protesten und der Unterstützung der Einwohner:innen Hebrons, die ständigen Bedrohungen und Angriffen durch israelische Siedler:innen und durch das Militär ausgesetzt sind. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel haben diese drastisch zugenommen.

Issa arbeitet auch mit israelischen Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem zusammen, die die Gewalt der Siedler:innen als Staatsgewalt beschreiben, da sie von israelischen Soldat:innen unterstützt und von der rechtsextremen Regierung befeuert wird. Außerdem sind viele dieser Siedler:innen auch Teil des Militärs. Am 19. Januar 2025, kurz nachdem ein (inzwischen wieder aufgehobener) Waffenstillstand im Gazastreifen in Kraft getreten war, erklärte die israelische Regierung zudem die „verstärkten Offensivaktivitäten“ im Westjordanland offiziell zu einem ihrer Kriegsziele. Laut einem Bericht von OCHA (Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten) im Februar wurden über 40.000 Palästinenser:innen aus vier Flüchtlingslagern und den umliegenden Gebieten in Jenin, Tulkarm und Tubas vertrieben. Dasselbe Büro berichtet, dass zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 21. April 2025 insgesamt 916 Palästinenser:innen im besetzten Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, getötet wurden.

Ein Zuhause mit Vorbehalt

Hadeel wiederum hat in Ostjerusalem den Status einer „Person mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht“. Dadurch kann sie sowohl Gebiete Israels als auch das Westjordanland bereisen, solange die Kontrollpunkte geöffnet sind – was zum Beispiel während des Israel-Iran-Kriegs nicht immer möglich war. Der dauerhafte Aufenthaltsstatus kann ihr jedoch von den israelischen Behörden entzogen werden, wenn diese feststellen, dass ihr Lebensmittelpunkt nicht mehr in Jerusalem liegt.

Da Israel Jerusalem als unteilbare Hauptstadt des jüdischen Staates sieht, übernimmt die israelische Stadtgemeinde die Verwaltung für West- wie auch für Ostjerusalem. Während in Hebron eine weitgehende physische Trennung zwischen israelischen Siedler:innen und den palästinensischen Einwohner:innen dominiert, ist der Alltag in Jerusalem zwischen der israelischen und der palästinensischen Bevölkerung verwobener. Man begegnet sich etwa am Arbeitsplatz, an der Universität oder auch beim Einkaufen. So besucht auch Hadeel die israelische Kunsthochschule „Bezalel“. In diesem Semester sollte sie eigentlich an ihrem Abschlussprojekt arbeiten, doch oft fällt es ihr in Anbetracht der zunehmenden Gewalt, die sie umgibt, schwer, sich zu konzentrieren. Auch sie erzählt, dass sie in den vergangenen Tagen – insbesondere während des Krieges zwischen Israel und dem Iran – Schlafprobleme hatte. Die Angst vor einer weiteren Eskalation bleibt auch seit der Waffenruhe zwischen den beiden Staaten präsent.

Gedanklich stets auch in Gaza

Obwohl Hadeel den Gazastreifen noch nie besucht hat (dieser steht seit 2007 sowohl von israelischer als auch von ägyptischer Seite unter Blockade, die Ein- und Ausreise ist seitdem nur in Ausnahmefällen möglich gewesen), hat sie über soziale Medien Freundschaften mit Menschen dort geschlossen. Seit etwa sieben Jahren ist sie etwa mit Mahmoud befreundet. Damals bereiteten sich beide auf ihre Abschlussprüfung an der Oberstufe vor, die im jordanischen und palästinensischen Schulsystem Al-Tawjeehi genannt wird. Über eine Facebook-Gruppe, so erzählt sie, unterstützten sie sich gegenseitig. Seit dem Gaza-Krieg ist die Sorge auch um ihn groß: „Die meiste Zeit kann ich ihn nicht erreichen, weil er entweder keinen Strom oder keine Internetverbindung hat.“

Wenn Hadeel nach langer Zeit ein Lebenszeichen von ihrem Freund in Gaza erhält, dann enthält es fast immer nur traurige Nachrichten – von getöteten Menschen, zerstörten Häusern und von Familien, die alles verloren haben. Diese Ohnmacht anzusprechen fällt ihr nicht leicht. Der Großteil ihrer Mitstudierenden und Lehrenden sind Israelis – und seit dem 7. Oktober, so erzählt sie, haben sich die Spannungen zwischen jüdischen und palästinensischen Studierenden deutlich verschärft. Obwohl Palästinenser:innen im Alltag von Gewalt und Unsicherheiten umgeben sind, wird ihr Leid kaum anerkannt. Stattdessen sehen sie sich meist einem kollektiven Generalverdacht ausgesetzt.


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Infos und Quellen

Genese

Elias Feroz bereiste Israel und die palästinensischen Gebiete im Rahmen seines Studiums mehrfach – sowohl vor als auch nach dem 7. Oktober 2023 – und schreibt regelmäßig über die politische und gesellschaftliche Lage vor Ort. Der Krieg zwischen Israel, dem Iran und den USA hat die gewaltvolle Situation in Gaza, aber auch im Westjordanland in den Hintergrund gedrängt. Feroz möchte mit diesem Text die derzeitige Situation von Palästinenser:innen im Westjordanland sichtbarer machen.

Gesprächspartner:innen

  • Issa Amro ist ein palästinensischer Menschenrechtsaktivist aus Hebron, der sich mit gewaltfreiem Widerstand gegen die israelische Besatzung engagiert und regelmäßig Übergriffe von Siedler:innen und Soldat:innen dokumentiert. Im Oktober 2024 wurde er gemeinsam mit seiner Organisation Youth Against Settlements (YAS) mit dem schwedischen Right Livelihood Award ausgezeichnet.
  • Hadeel Amas lebt in Ostjerusalem und ist Studentin an der israelischen Kunsthochschule Bezalel.

Anmerkung: Der Name von Hadeels Freund in Gaza wurde auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert.

Daten und Fakten

  • Die völkerrechtswidrige Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifens durch Israel begann im Juni 1967 nach dem Sechstagekrieg zwischen Israel, Ägypten, Jordanien und Syrien.
  • Nach den Parlamentswahlen innerhalb der sogenannten palästinensischen Autonomiegebiete von 2006, bei denen die Hamas gewann, kam es 2007 zum Bruch zwischen Fatah und Hamas. Letztere übernahm im Juni 2007 gewaltsam die vollständige Kontrolle über Gaza. Daraufhin verhängte Israel – gemeinsam mit Ägypten – eine umfassende Blockade über den Küstenstreifen.
  • Im 7. Oktober 2023 griff die Hamas Israel mit einem koordinierten Großangriff an, der mit massivem Raketenbeschuss und bewaffneten Infiltrationen begann. Dabei wurden etwa 1.200 Menschen getötet und rund 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel erklärte daraufhin den Kriegszustand und begann eine umfassende Militäraktion auf Gaza.
  • Die Gewalt durch israelische Siedler:innen ist ein weiteres Mittel, mit dem Israel Palästinenser:innen in bestimmten Gemeinden systematisch unterdrückt. Unter der derzeitigen Regierung hat diese Gewalt stark zugenommen. In diesem Zusammenhang spricht die israelische Menschenrechtsorganisation „B’Tselem“ von regelrechten Pogromen.
  • Laut den Vereinten Nationen (OCHA) wurden zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 25. März 2025 insgesamt 906 Palästinenser:innen im besetzten Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, getötet. Allein seit Beginn des Jahres 2025 kamen demnach mindestens 100 Menschen ums Leben, darunter mindestens 17 Kinder.
  • Am 19. Januar 2025, unmittelbar nachdem der Waffenstillstand im Gazastreifen in Kraft trat, erklärte die israelische Regierung, sie werde künftig auch eine „verstärkte Offensivtätigkeit“ im Westjordanland zu ihren offiziellen Kriegszielen zählen.
  • Gleichzeitig führte das israelische Militär großangelegte Operationen in den Flüchtlingslagern Tulkarm, Nur Shams und Jenin durch – mit der Folge, dass rund 40.000 Menschen vertrieben wurden. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, dass das Militär das gesamte Jahr über in den Lagern bleiben werde und eine Rückkehr der Vertriebenen ausgeschlossen sei.
  • Über 50.000 Menschen wurden laut den palästinensischen Behörden seit Oktober 2023 durch israelische Angriffe im Gazastreifen getötet.
  • In der Nacht zum 13. Juni 2025 hat Israel den Iran unter dem Codenamen „Operation Rising Lion“ angegriffen und dabei mehrere Ziele des iranischen Atomprogramms beschossen. Der Iran reagierte mit einem Vergeltungsangriff und führte hunderte Drohnen- und Raketenangriffe auf israelische Ziele durch.
  • Am 22. Juni 2025 griffen die USA direkt in den Israel-Iran-Krieg ein: Unter dem Codenamen „Operation Midnight Hammer“ bombardierten sie drei iranische Atomanlagen. Iran reagierte mit einem Raketenangriff auf eine US-Militärbasis in Katar.
  • Am 24. Juni trat ein Waffenstillstand durch massiven US-Druck in Kraft.

Quellen

Das Thema in anderen Medien


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