PodcastNicht mehr Junggesell:in und noch nicht verheiratet: Der Polterabend ist ein Übergangsritual, das für Heiterkeit und Kopfschmerzen sorgt. Die WZ hat sich im Wiener Prater umgesehen.
Laut singend, Bier trinkend und heftig in die Pedale tretend bewegen sich zwei Gruppen junger Männer die Prater Hauptallee hinauf. Die fröhlich feiernde Meute sitzt in überdachten „Thekenfahrädern“, Rikscha-artigen Gefährten mit einem Tisch in der Mitte und einem Bierfass an der Seite. Vorneweg thront ein großgewachsener Typ mit goldener Krone auf dem Kopf und einem Harnisch aus Plastik um den Oberkörper geschnallt. Damen-Netzstrümpfe an den Beinen komplettieren die Erscheinung.
- Kennst du schon?: „We Can’t Consent To This“
Eine Polterfeier, ein Bräutigam in spe mit seinem Trupp, so viel ist sicher. Und die Umgebung wird in die Aktivitäten mit einbezogen. Die Partie ist freigiebig, schnell hält ein Umstehender einen Plastikbecher mit Bier in der Hand und wünscht dem künftigen Ehemann alles Gute für die Zukunft. Heavy-Metal-Musik dröhnt aus einem Lautsprecher.
„Team Bräutigam. Saufen hier“
Eine gute Stunde später ist die „Bräutigam-Crew“ abgestiegen und hat sich vor dem Gasthaus Gösser-Eck mitten im Wurstelprater versammelt. Es wird weiter Bier getrunken, gebrüllt und gelacht. Unweit steigt ein Konkurrenz-Event, eine Gruppe mit T-Shirts „Team Bräutigam. Saufen hier“ hat sich versammelt und tut das, was auf ihrem Gewand geschrieben steht.
Wie die Reisebegleitung so läuft, wird einer vom „Team Bräutigam“ von der WZ gefragt. „Das ist keine Reise, das ist ein Marathon“, stöhnt er, „und wir haben erst die Hälfte geschafft“. Zwischenzeitlich sei auch die im Vorfeld gebuchte Stripperin aufgetreten.
Es bahnt sich durch die Menschenmenge ein Vierer-Grüppchen junger Frauen, eine davon ganz in weiß mit Brautschleier. Hier kommt „Team Bride“, wie auf den Leibchen zu lesen ist. Die „Bride“ selbst hält eine Flasche stilles Mineralwasser in der einen und eine kleine Stoffpuppe, die mit dem Porträt eines bärtigen Mannes bedruckt ist, in der andere Hand. Auf Nachfrage der WZ ist zu erfahren, dass es sich bei dem Stoffbaby um den künftigen Gatten handelt. Als die Frauen das „Team Bräutigam. Saufen hier“ wahrnehmen, stutzen sie, biegen ab und tauchen im Prater-Gewimmel unter.
„Game over“
Die Sozialwissenschaft hat erkannt, dass die Ehe eine patriarchale Erfindung ist, die in erster Linie Männern dient. Die feiernden Gruppen im Prater erwecken allerdings den Eindruck, als sehe jeder Bräutigam einer mehr als trüben Zukunft entgegen. „Game over“ ist etwa auf den uniformen T-Shirts einer Großgruppe zu lesen, vorbei die Zeit der Selbstbestimmung und der Fröhlichkeit. Zumindest was den Gatten betrifft.
Polterfeiern zählen ab April zum städtischen Alltag. Und sie können aus Sicht der Kultur- und Sozialanthropologie als „Rite of Passage“, als Ritual eines Übergangs von einem Lebensabschnitt in den nächsten begriffen werden. Ein Übergang, der so einschneidende Veränderungen mit sich bringt, dass er von den Betroffenen, die in dieser Phase besonders verletzlich sind, allein nicht bewältigbar ist.
Wobei historisch betrachtet strikt zwischen Junggesell:innen-Abschied und Polterfeier zu unterscheiden ist – heute wird beides synonym verwendet. Gepoltert wird traditionell im Kreis der Familie und der Nachbar:innen, Braut und Bräutigam sind gemeinsam anwesend: „Der Begriff Poltern leitet sich vom Geräusch des Zerschlagens von Porzellan oder Keramik am Vorabend der Hochzeit ab. Der Lärm des zerklirrenden Geschirrs sollte böse Geister sowie Unheil abwehren und die Scherben obendrein Glück bringen“, beschreibt Maren Sacherer, Ethnologin im Haus der Geschichte in St. Pölten, die Lage, wie sie sich vor etwa 150 Jahren darstellte.
Beim Junggesellen-Abschied hingegen ging es traditionell darum, dass sich der werdende Ehemann von seiner Peer-Group, die er nun verlässt, freikaufen musste. Als Tribut hatte er Wein zu spendieren; es wurde getrunken, gefeiert, musiziert, gelärmt und die Peers machten sich über den künftigen Gatten lustig: Die Rache derer, die sich von einem geschätzten Kumpanen im Stich gelassen fühlen.
Gefährliche Mutproben
Rache: Das ist der Grund, warum im Mai 2026 ein künftiger Bräutigam mitten im Prater als Hanswurst mit rosa Brautschleier, rosa Brille und pinker Schärpe um den Oberkörper herumsteht. Er ist der Lächerlichkeit preisgegeben, eine Prüfung, die er nur mit Hilfe einiger Bierflaschen und moralisch unterstützt von seinen Freunden, die ihn umringen, bestehen kann.
Ein anderer sieht sich mit einer richtig kniffligen Herausforderung konfrontiert. Er muss in der nahe gelegenen Ausstellungsstraße mit einer Clown-Perücke am Kopf, mit Wasserkübel und einem Schrubber bewaffnet die Windschutzscheiben der Autos waschen, die an der Ampel kurz haltmachen. Ein junger Lenker in einem eleganten schwarzen BMW ist von der Aktion nicht begeistert, wütend steigt er aus, ein Handgemenge kann nur knapp durch Flucht des Scheibenputzers verhindert werden. Wobei der Rest der Poltergruppe das Spektakel lachend und in sicherem Abstand verfolgt.
Andere Männer sind da hilfreicher, stärken der feiernden Hauptperson zumindest mit entsprechenden, auf das Gewand gedruckten Botschaften den Rücken: Da gibt es das „Bräutigam-Support-Team“, eine Mannschaft Sportler, die dem künftig Verheirateten zum „Einstieg in die Ehe-Liga“ gratulieren, und eine Gruppe in Mönchskutte, aus der einer im Priestergewand hervorsticht.
„Fröhliche Lieder“ und Sextoy-Partys
Aber auch die Frauen hatten es früher schon lustig, wie im Klassiker „Die Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit“ des Volkskundlers Hanns Bächtold aus dem Jahr 1914 nachzulesen ist. Der Junggesellinnen-Abschied geschieht meist in der Weise, schreibt Bächtold, dass die künftige Braut ihre Freundinnen „an einem der letzten Sonntage vor der Hochzeit zu sich einlädt und ihnen Kuchen und Kaffee auftischt“. Dabei werden „fröhliche Lieder gesungen und jede Freundin bringt der Braut eine kleine Gabe mit“.
Volkskundler Bächtold deutet es an und der Lokalaugenschein im Wiener Prater legt es nahe: Frauen poltern heute anders, wobei auch hier Alkohol häufig eine Rolle spielt, öffentlich zelebrierte Exzesse zwar vorkommen, aber seltener sind. Die Braut wird eher von ihren Freundinnen eher zum gemütlichen Dinner ausgeführt, es wird eine Bootsfahrt nach Bratislava unternommen, im privaten Rahmen finden Polter-Spiele statt, bei denen es darum geht, Rätsel oder andere Aufgaben zu lösen. Fallweise kann es vorkommen – Bächtold hätte der Schlag getroffen – dass eine findige Vertrieblerin Sextoy- und Dessous-Partys für die Braut organisiert oder die Frauen besuchen gemeinsam einen Poledancekurs.
Flug nach Las Vegas statt Kurztrip in der Holzkiste
Die Übergänge zwischen Junggesell:innentum und Ehe sind heute fließender als früher. Immerhin ist es im 21. Jahrhundert üblich, dass das Brautpaar schon vor der Ehe einige Jahre zusammenwohnt und das Zusammenleben erprobt – früher undenkbar. So haben auch die Übergangsriten einiges an ihrer ursprünglichen Bedeutung verloren. Und, zum Glück, an frauenfeindlicher Heftigkeit: Noch in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts war es im burgenländischen Donnerskirchen üblich, dass der polternde Bräutigam von seinen Freunden in eine mit Sinnsprüchen verzierte Holzkiste gesteckt und so durch das Dorf getragen wurde. Damit sollte er an das künftige Ehegefängnis gewöhnt werden.
Das alte Polterritual wurde in den letzten Jahrzehnten verstärkt zum „Event“ umfunktioniert, das kaum Regeln unterliegt und je nach individuellem Geschmack gestaltet sein kann. Man poltert in der Paintball-Halle, Schnitzeljagden werden von spezialisierten Anbietern geplant und umgesetzt. Jeder ist dabei, immer vorausgesetzt, das nötige Budget ist vorhanden. 2026 kommt es jedenfalls öfter vor, dass Polternde statt einer engen Holzkiste einen Langstreckenflieger nach Las Vegas besteigen, um dort vor dem Eintritt ins Eheleben ein letztes Mal der Leichtigkeit des Seins zu huldigen. Kopfschmerzen am Folgetag sind immer inkludiert.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Verschiedene, „namenlose“ Polternde, Männer und Frauen
- Maren Sacherer, Kuratierung und wissenschaftliche Arbeit Haus der Geschichte, Museum Niederösterreich
Quellen
- Wikipedia: Übergangsritus
- Arnold van Gennep: Übergangsriten, Campus, 2005
- Hanns Bächtold: Die Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit, 1914
- Joseph Campbell: Der Held mit den tausend Gesichtern, 1949
- Burgenländische Brauchdatenbank
Daten und Fakten
- Im Jahr 2025 wurden laut vorläufigen Ergebnissen von Statistik Austria insgesamt 44.502 Ehen standesamtlich geschlossen (2024: 45.810) sowie 1.938 eingetragene Partner:innenschaften begründet (2024: 1.884). Im gleichen Zeitraum erfolgten 14.895 gerichtliche Ehescheidungen (2024: 14.963) sowie 227 Auflösungen eingetragener Partner:innenschaften (2024: 167).
- Nachdem sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, behalten es sich mittlerweile zahlreiche Lokale in Österreich vor, angeheiterten Polterpartien den Zutritt zu verwehren.
- Noch vor einigen Jahrzehnten war es im Burgenland üblich, dass bei Polterabenden in den Hinterzimmern der Gasthäuser die geleerten Weingläser auf dem Boden zerschlagen wurden. Rückfragen der WZ bei einigen Gasthäusern haben ergeben, dass das heute nicht mehr der Brauch zu sein scheint.
Das Thema in anderen Medien
- ORF: Jubel,Trubel, Peinlichkeit. Geschäft Polterreisen
- Der Standard: Pro&Kontra: Poltern
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