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Lässt die Gesellschaft psychisch erkrankte Mütter im Stich?

8 Min
Im Schnitt erleiden 15 Prozent der Mütter eine postpartale oder peripartale Depression. Die postpartale Psychose tritt deutlich seltener auf.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner

Rund um den US-Fall Lindsay Clancy entsteht eine Diskussion über die Versorgungslücke von psychisch erkrankten Müttern. Wie ist die Lage in Österreich? Ein Interview mit Veronika Walpoth, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin.


    • Postpartale Psychosen sind selten, schwer zu erkennen und erfordern eine stationäre Behandlung als psychiatrischer Notfall.
    • In Österreich gibt es zu wenige spezialisierte Versorgungsangebote, lange Wartezeiten und mangelnde Bekanntheit der Hilfsangebote.
    • Gesellschaftliche Erwartungen und Scham erschweren es betroffenen Müttern, Hilfe zu suchen und offen über ihre Erkrankung zu sprechen.
    • Postpartale Psychose: 1–3 Fälle pro 1.000 Geburten
    • Postpartale Depression: 10–20 % der Mütter betroffen
    • -Angsterkrankungen nach Geburt: bis zu 22 % der Mütter
    • In Österreich gibt es nur 2 Spezialambulanzen für peripartale Psychiatrie
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Eine junge Mutter steht in den USA vor Gericht, weil sie ihre Kinder getötet haben soll. Lindsay Clancys Verteidigung argumentiert, dass sie unter einer postpartalen Psychose litt und nicht ausreichend medizinisch betreut wurde.

Wie ist die Versorgungslage von psychisch erkrankten Müttern in Österreich, was ist eine postpartale Psychose und welche Verantwortung trägt die Gesellschaft? Die WZ hat bei Veronika Walpoth, Fachärztin für Psychiatrie & psychotherapeutische Medizin, nachgefragt.

WZ | Anna Jandrisevits
In den USA steht zurzeit Lindsay Clancy vor Gericht, eine junge Mutter, die ihre Kinder getötet haben soll. Ihre Verteidigung spricht von einer postpartalen Psychose – wie häufig kommt diese Diagnose in Ihrer Arbeit vor?
Veronika Walpoth
Vorweg: Ich habe mit dieser Betroffenen nie gesprochen und will und kann keine Ferndiagnosen stellen. Die postpartale Psychose ist deutlich seltener als die Depression oder andere psychische Erkrankungen in der Peripartalzeit (Zeit der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahrs des Kindes, Anm.). Die Zahlen liegen bei ein bis drei pro tausend Geburten. Aufgrund der Seltenheit, aber auch aufgrund der wechselnden Symptomatik ist die Psychose schwierig zu diagnostizieren und nicht so leicht zu erkennen, sodass selbst Fachpersonen nicht immer die richtige Diagnose stellen können, weil Betroffene zwischen klaren Phasen und sehr verwirrten und psychotischen Phasen schwanken. Das kann sich quasi stündlich ändern.
WZ | Anna Jandrisevits
Gibt es bestimmte Warnsymptome, die für eine postpartale Psychose sprechen?
Veronika Walpoth
Ja, aber betroffene Frauen werden vielleicht nicht spontan darüber sprechen. Deshalb ist es das Wichtigste, danach zu fragen. Zum Beispiel, ob es Momente gibt, in denen sich die Betroffenen sehr ratlos oder verwirrt fühlen. Das ist etwas anders als bei Psychosen im Allgemeinen: Von Betroffenen mit postpartaler Psychose wird oft berichtet, dass sie Phasen haben, in denen sie sich überhaupt nicht orientieren können, ob räumlich oder mit Gegenständen. Sie wissen dann nicht einmal, wie man ein Wasserglas verwendet. Auch ein Gefühl der Bedrohung kann auftreten. Manche berichten, dass sie das Gefühl haben, ihr Kind ist von einer bösen Macht besetzt oder vom Teufel geschickt worden. Andere, dass sie und ihr Kind in Gefahr sind. Diese paranoiden Gedanken sind immer ein Alarmsignal. Postpartale Psychosen sollten stationär behandelt werden, weil sie für die Betroffenen ein Ausnahmezustand und ein psychiatrischer Notfall sind.
WZ | Anna Jandrisevits
Wie häufig kommen allgemein postpartale psychische Erkrankungen bei Müttern vor?
Veronika Walpoth
In der Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie haben wir ein sehr hohes Patient:innenaufkommen. Wir behandeln ja nicht nur Mütter, sondern auch Väter. Sehr häufig ist die postpartale oder peripartale Depression, die während der Schwangerschaft oder nach der Geburt eines Kindes auftritt. Da gibt es Zahlen von 10 bis 20 Prozent. Zum Vergleich: Schwangerschaftsdiabetes kommt auch nicht häufiger vor. Noch häufiger treten Angsterkrankungen auf – mit bis zu 22 Prozent. Wobei die Abgrenzung nicht immer eindeutig ist, weil die postpartale Depression häufig mit Angstsymptomen einhergeht.
WZ | Anna Jandrisevits
Was unterscheidet die Angsterkrankung von der postpartalen Depression?
Veronika Walpoth
Typisch für die postpartale Depression sind Schlafstörungen, die unabhängig vom Stillrhythmus oder von der Versorgung des Kindes auftreten. Die Frauen erzählen, dass sie in der Nacht das Baby versorgen und es weiterschläft, sie selbst aber liegen wach, grübeln lange und angstvoll nach, schlafen nicht mehr ein. Ihre Stimmung kann über einen längeren Zeitraum sehr gedrückt bis depressiv sein, was von Betroffenen als sehr leidvoll empfunden wird, weil die Gefühle dumpf werden. Häufig bei der postpartalen Depression sind deshalb auch Schuldgefühle. Bei der Angsterkrankung treten zum einen episodische Panikattacken auf, kurzzeitig mit sehr heftiger Angst und körperlichen Symptomen. Zum anderen gibt es diffuse Ängste, die sich um die Versorgung des Kindes drehen, Versagensängste oder Ängste finanzieller Natur.
WZ | Anna Jandrisevits
Spielt da auch die Angst mit, eine schlechte Mutter zu sein?
Veronika Walpoth
Bestimmt. Viele Frauen lehnen nicht das Baby ab, sondern haben das Gefühl, sie werden vom Baby abgelehnt. Als wären sie nicht gut genug und könnten die Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllen. Die Rolle als Mutter wird vor allem durch das Bild erschwert, das die Gesellschaft vermittelt, wie eine perfekte Mutter zu sein hat und welche Erwartungen an sie herangetragen werden. Dadurch haben manche Frauen das Gefühl, sie können dem nicht entsprechen und fühlen sich als schlechte Mutter, als gescheitert oder als Versagerin, wenn sie diesem hohen Ideal nicht entsprechen können.
WZ | Anna Jandrisevits
Was müsste sich in der Gesellschaft diesbezüglich ändern?
Veronika Walpoth
Bei Betroffenen einer postpartalen Psychose, wie in dem von Ihnen erwähnten Fall in den USA, besteht oft die Schwierigkeit, dass sie sich nicht ernst genommen und nicht wahrgenommen fühlen in ihrem leidvollen Zustand. Da sieht man auch die Verantwortung, die die Gesellschaft Müttern gegenüber hat: Dieses Bild einer gesunden, liebevollen, stillenden und einfach perfekten Mutter, das da vermittelt wird, erschwert deutlich, sich die benötigte Hilfe zu suchen.
WZ | Anna Jandrisevits
Welche Rolle spielt Scham bei den Betroffenen?
Veronika Walpoth
Viele empfinden Scham, ja, aber andererseits ist es oft eine Entlastung, wenn sie über ihre Gedanken sprechen dürfen und einen Raum haben, wo sie merken: Da wird ihnen urteilsfrei und vorurteilsfrei zugehört. Zum Beispiel, wenn Frauen Zwangsgedanken haben, sind diese oft aggressiver Natur gegenüber dem Baby. Dass man es fallen lassen könnte oder aus dem Fenster werfen. Das sind Gedanken, die sich aufdrängen und natürlich große Schuldgefühle bei Betroffenen verursachen. Und dann zu hören, dass auch andere Mütter solche Zwangsgedanken haben, ohne diese in Handlung umzusetzen: Das kann sehr entlastend sein.
WZ | Anna Jandrisevits
Gibt es in Österreich genug Versorgung für psychisch erkrankte Eltern?
Veronika Walpoth
Die psychosozialen Angebote der “Frühen Hilfen “sind mittlerweile flächendeckend in Österreich vorhanden. Aber alles, was medikamentöse Behandlung benötigt: Da schaut es sehr viel schlechter aus. Mit der Spezialambulanz in der Wiener Klinik Ottakring versorgen wir Ostösterreich, kann man sagen. Da müssen Frauen aus dem Burgenland oder dem Waldviertel bis nach Wien fahren. Diese Anfahrt in einem mental nicht stabilen Zustand ist eigentlich eine Zumutung. Eine zweite Ambulanz gibt es nur in Innsbruck, die somit den Westen versorgen muss. Es gibt vereinzelt stationäre Angebote in Österreich, etwa eine Eltern-Kind-Station in Tulln. Aber da das Angebot so begrenzt ist, gibt es überall lange Wartezeiten. Das zweite Problem ist, dass die Angebote auch nicht sehr bekannt sind. Da tut sich zwar jetzt schon einiges durch die sozialen Medien, weil darüber gesprochen wird und die Erkrankungen zunehmend ins Bewusstsein rücken, aber nichtsdestotrotz gibt es noch immer viele Personen, die diese Erkrankungen und Angebote nicht kennen.
WZ | Anna Jandrisevits
Was bräuchten Betroffene in Österreich?
Veronika Walpoth
Einen niederschwelligen, raschen Zugang. Bei einer schweren Depression oder einer postpartalen Psychose muss innerhalb weniger Tage eine Behandlung möglich sein. Die Wartezeit in unserer Ambulanz beträgt derzeit durchschnittlich zwei Wochen. Da höre ich dann oft: Das ist ja nicht lange. Aber für schwer Erkrankte ist das zu lange. In solchen Fällen klären wir dann rasch ab, welches Behandlungssetting erforderlich ist.
WZ | Anna Jandrisevits
Was bräuchten Sie als behandelnde Ärzt:innen?
Veronika Walpoth
Es bräuchte eine bessere Vernetzung. Es gibt von der Stadt Wien immer wieder Treffen im Bereich Frauengesundheit, damit wir uns zum Beispiel mit Geburtshelfer:innen oder Hebammen vernetzen können. Wir brauchen jede Einzelne, die uns verstärken kann. Und es bräuchte online eine Anlaufstelle, bei der man nachschauen kann, wohin sich Betroffene wenden können: Wo ist die nächste psychiatrische Einrichtung oder wo finde ich eine:n niedergelassene:n Psychiater:in mit Behandlungsschwerpunkt peripartale Psychiatrie? Auch die Psychotherapie ist das zweite wichtige Standbein in der Behandlung von postpartalen Erkrankungen. Wir empfehlen allen Patient:innen, begleitend zur Medikation mit Psychotherapie zu beginnen. Es gibt viele Therapeut:innen, die in diesem Bereich arbeiten, aber die meisten sind privat zu bezahlen. Da herrscht eine soziale Kluft.
WZ | Anna Jandrisevits
Sie haben erwähnt, dass auch Väter an postpartalen psychischen Erkrankungen leiden. Wie unterscheidet sich das von Müttern?
Veronika Walpoth
Wir sehen Väter häufiger, wenn die Partnerin eine psychische Erkrankung hatte und in dieser Zeit der Kindsvater viel übernehmen musste. Dann kann es bei Vätern zu einer Erschöpfungsdepression kommen. Oder aber, und da gibt es leider noch wenig Forschung dazu, es sind Väter, die relativ bald nach der Geburt des Kindes erkranken. Dabei spielen möglicherweise biologische Faktoren eine Rolle, mehr als gesellschaftliche. Wobei ich finde, dass auch Vätern mittlerweile deutlich mehr zugemutet wird, als das früher der Fall war. Die müssen das auch unter einen Hut kriegen, ihren Job zu machen und gleichzeitig liebende, fürsorgliche Väter zu sein. Aber diese psychosozialen Faktoren sind immer nur ein Teil von psychischen Erkrankungen, der andere Teil ist der biologische.
WZ | Anna Jandrisevits
Zeichnet sich eigentlich bei der Familienzusammensetzung Ihrer Patient:innen ein Muster ab?
Veronika Walpoth
Das würde man fast erwarten, aber so ist es nicht. Es kommen die unterschiedlichsten Frauen zu uns – unabhängig von Bildungsschicht oder finanzieller Sicherheit und unabhängig davon, ob sie alleinerziehend sind oder nicht. Das macht die Arbeit auch sehr schön, weil wir mit sehr vielen verschiedenen Menschen zu tun haben.


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Infos und Quellen

Brauchst du Hilfe?

  • Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie, Klinik Ottakring: +43 1 49150 8110
  • Frühe Hilfen: https://fruehehilfen.at

Gesprächspartner:innen

Veronika Walpoth ist Fachärztin für Psychiatrie & psychotherapeutische Medizin in Wien. Sie arbeitet u. a. in der Spezialambulanz für Psychiatrie in der Klinik Ottakring und unterstützt Mütter und Väter in psychischen Krisen von der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes.

Begriffe

  • Postpartal: Nach der Geburt eines Kindes. Beschreibt in der Medizin den Zeitraum nach der Entbindung, bezogen auf die Mutter
  • Peripartalzeit: Zeit der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahrs des Kindes

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