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Der Juni ist auch 2026 international der Pride Month, doch während die Sichtbarkeit der LGBTIQ+-Community scheinbar zunimmt, dreht die Politik wichtigen Veranstaltungen in Österreich den Geldhahn zu.
Es ist ein Beben, das die Pride-Organisator:innen in Wien Ende 2025 erschüttert: Statt der gewohnten Unterstützung durch die Stadt – zuletzt 2025 in der Höhe von 651.000 Euro – stehen den Veranstalter:innen heuer nur noch 350.000 Euro zur Verfügung – eine Kürzung um fast 50 Prozent. Für die Stonewall GmbH, die die Vienna Pride organisiert, ist das mehr als nur eine finanzielle Hürde. Geschäftsführerin Katharina Kacerovsky-Strobl fasst es so zusammen: „Die Kürzungen senden ein fatales Signal. Die Stadt Wien betont zwar, die Sichtbarkeit der LGBTIQ+-Community garantieren zu wollen, vermittelt heuer jedoch das Gefühl, dass Menschenrechtsarbeit als Sparposten gesehen wird.“
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Wiens Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling betont, „trotz einer angespannten budgetären Situation die Sichtbarkeit der LGBTIQ-Community weiterhin garantieren und gemeinsam die Regenbogenhauptstadt Wien hochhalten“ zu wollen. „Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, die Solidarität und das Miteinander zu erhalten“, sagt die NEOS-Politikerin.
Die Folgen sind direkt spürbar: Das Pride Village am Rathausplatz, das sonst mehrere Tage für Infos und als Safe Space zur Verfügung stand, wird 2026 auf einen einzigen Tag – den Tag der Regenbogenparade am 13. Juni – zusammengeschrumpft. Dafür plant man in Wien ein großes Community-Fest, das die Sichtbarkeit der LGBTIQ+-Vereine und der Community stärken soll. Auch Side-Events finden heuer statt, allerdings kleiner und verdichteter: „Dass die Vienna Pride von Ehrenamtlichen getragen wird, die die politische Dimension als Motivation sehen, zeigt sich in diesem Jahr in besonderem Ausmaß – denn ohne dieses Engagement wäre eine solche Umsetzung trotz der Kürzungen nicht möglich“, erklärt Katharina Kacerovsky-Strobl.
Menschenrechtsarbeit wird als Sparposten gesehen.Katharina Kacerovsky-Strobl, Vienna Pride
Noch härter trifft es Graz. Hier hat das Land Steiermark (Abteilung Kultur) die Förderung für 2026 komplett gestrichen. Die Veranstalter:innen vermuten dahinter klaren politischen Druck: „Auch wenn das Ressort ÖVP-geführt ist und Landesrat Kornhäusl uns unterstützt, war vermutlich der Druck der FPÖ im Landtag zu groß. Förderungen der Stadt Graz sind vermutlich gleichbleibend, doch stehen die Entscheidungen noch aus“, schreiben die für die Grazer Pride verantwortlichen „RosaLila PantherInnen“ der WZ.
Der verantwortliche Landesrat Hannes Amesbauer (FPÖ) hatte im Vorjahr durchgesetzt, dass mehrere Förderungen für Projekte im Bereich Soziales und Gleichberechtigung gekürzt werden. „Sozial zu sein bedeutet nicht, das Steuergeld wahllos zu verteilen, sondern gezielt zu unterstützen, wo es notwendig ist“, erklärte der Politiker in einer Aussendung im Oktober 2025.
Währenddessen kämpfen auch Prides in anderen Bundesländern wie im Burgenland seit jeher: Hier gab es noch nie öffentliche Förderungen und alles wird von den Aktivist:innen ehrenamtlich organisiert und oft aus eigener Tasche bezahlt.
Große Unterschiede quer durchs Land
In Wien sind es auch internationale Unternehmen wie Durex oder Absolut Vodka, die schon seit 2025 keine offiziellen Pride-Sponsoren mehr sind – eine Entwicklung, die man auch in Metropolen wie New York sieht. Derweil setzen die Prides in anderen Regionen auf neue Strategien. Die Organisator:innen der Linz Pride beobachten etwa, dass „große“ Partner:innen vermehrt Interesse daran haben, kleinere, regionale Prides zu unterstützen, da hier der Impact oft unmittelbarer ist. Das Sponsoringvolumen in der oberösterreichischen Hauptstadt ist 2026 sogar etwas gestiegen: „Es gibt zwei große Partner, die dazugekommen sind, ein anderer ist abgesprungen“, erklären die Organisator:innen auf Rückfrage der WZ.
In Salzburg versteht man das Pride Festival „nicht als Identitätsfestival, sondern als gesellschaftliches Begegnungsformat“, wie Conny Felice von der HOSI es beschreibt. Mit 35 Veranstaltungen an 10 Tagen will die HOSI Salzburg zeigen, dass Sichtbarkeit auch ohne die ganz großen öffentlichen Fördertöpfe für die Parade möglich ist, da man sich hier ausschließlich über Sponsoring finanziert. „Es geht uns darum, Begegnungen zu ermöglichen sowie Ängste und Vorurteile abzubauen – etwa durch Workshops, gemeinsames Kochen, Museumsführungen, Quizformate, Diskussionen, einen ökumenischen Gottesdienst oder Kulturveranstaltungen“, erklärt Conny Felice. Auch der Christopher Street Day, also die Pride-Veranstaltung in Vorarlberg wird ehrenamtlich organisiert und durch das Land, die Stadt Bregenz sowie Sponsoring finanziert.
Villach feiert heuer am 4. Juli die erste Pride in der Geschichte der Stadt – ohne Förderungen von Stadt oder Land, wie Organisatorin Franziska Müller auf Nachfrage der WZ berichtet. Dafür springen private Sponsoren ein, allerdings auch mit Vorbehalten: „Man merkt bei manchen schon eine bestimme Zurückhaltung, eine Pride zu sponsern. Wir haben bei Sponsoring-Absagen schon alle Begründungen zu hören bekommen. Das ging schon von schlicht homophoben Aussagen bis zu simplen Neins“, erklärt Franziska Müller. Mit der Pride möchten sie eine lebensfrohe Community feiern, „die Villach so viel bunter macht.“
Was die Unternehmen tun
Wenn der Staat spart, schlägt die Stunde der Sponsor:innen. Doch auch diese Regel scheint in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten zu bröckeln. Andere internationale Unternehmen mit österreichischen Ablegern sind weniger rigoros: Starbucks hält an Formaten wie dem „Drag Brunch“ fest, auch L’Oréal und Microsoft erhalten ihre Sponsorings aufrecht.
Oft steckt hinter der Zurückhaltung auch Vorsicht aufgrund gestiegener Kosten und Steuern, wie etwa Magenta Telekom anmerkt: „Aktuell sehen auch wir, dass es im Marktumfeld und aufgrund der wirtschaftlichen Situation zunehmend herausfordernder wird, Finanzierungen zu finden. Höhere Abgaben und Kosten erschweren uns die Möglichkeit für Investments in Projekte“, erklärt Unternehmenssprecher Paul von Groote. Trotzdem habe sich das Engagement für Diversity-Themen „über die Jahre erhöht.“ Genaue Zahlen möchte das Unternehmen nicht nennen.
Die Österreichische Post baut ihr Engagement heuer sogar aus und tritt erstmals als Partnerunternehmen des Diversity Ball auf. Zudem möchte man mit einer eigenen Sonderbriefmarke „30 Jahre Regenbogenparade“ feiern. Nachhaltigkeit und Diversität seien für die Post „ keine Trends, sondern stellen ein langfristiges Commitment dar, an dem wir auch im heutigen politischen Klima festhalten“, erklärt Post-Sprecher Markus Leitgeb.
Ein ähnliches Bild zeichnet auf Rückfrage der WZ auch die Erste Bank. Während in vergangenen Jahren verstärkt öffentlich sichtbare Maßnahmen im Fokus standen, setzt das Unternehmen seit 2025 auch auf inhaltliche Formate und Kooperationen wie das Queerfiolmfestival oder die TEDx Pride Edition, bei der Redner:innen im Rahmen des Pride Month zu LGBTIQ+-Themen eingeladen werden. Ziel dieser Formate sei es, Austausch zu fördern, Perspektiven sichtbar zu machen und unterschiedliche gesellschaftliche Realitäten greifbar zu machen – auch über den Pride Month hinaus.
Mehr als nur eine Party
Ein großer Kritikpunkt vieler Veranstalter:innen ist die mediale Darstellung. Allzu oft werde die Pride-Parade auf „schrille Kostüme“, Glitzer und Party reduziert: „Das vermittelt ein verzerrtes Bild der Community und kann auch Ablehnung verstärken“, findet Michael Müller von der HOSI Linz. Tatsächlich sei die Pride ein vielfältiger Raum, der einen breiten Querschnitt unterschiedlicher Menschen, Lebensrealitäten und Ausdrucksformen zeige.
Wir verstehen Pride nicht als Identitätsfestival, sondern als Begegnungsformat.Conny Felice, HOSI Salzburg
Den Veranstalter:innen, aber auch den Demonstrierenden geht es um politische Forderungen: volle Gleichstellung, den Schutz vor Diskriminierung und ein striktes Verbot von Konversionstherapien. Natürlich soll die Vielfalt aber auch gefeiert werden, erklärt Katharina Kacerovsky-Strobl: „Vienna Pride war immer schon Party und Demonstration – und das ist bewusst so. Die Regenbogenparade ist Österreichs größte Demonstration für Menschenrechte, verbindet Protest aber gleichzeitig mit Lebensfreude, weil LGBTIQ+-Menschen an diesem einen Tag keine Angst haben müssen, sich offen zu zeigen.“
Haltung ist kein Sparposten
Große Prides wie in Wien oder Graz stehen 2026 vor finanziellen Veränderungen. Die teils massiven Kürzungen sind ein Warnsignal dafür, wie schnell mühsam erkämpfte Akzeptanz und queere Sichtbarkeit herunterpriorisiert werden kann. Kleinere Veranstaltungen im Land kennen diesen Druck jedoch schon. Die Reaktion der Community ist eindeutig: Wo Geld fehlt, wächst das Ehrenamt. In Wien tragen rund 200 Freiwillige die Pride mit ihrem persönlichen Einsatz.
Als Demonstrant:innen oder Pride-Teilnehmer:innen, aber auch als Konsument:innen müssen wir uns alle jedoch fragen: Welche Unternehmen nutzen den Regenbogen nur als Deko und welche stehen auch dann noch an der Seite der LGBTIQ+-Community, wenn sich der politische Wind dreht? Ernst gemeinte Unterstützung ist 2026 wichtiger denn je – nicht nur im Juni, sondern das ganze Jahr über.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
In Wien wurden die Förderungen der Stadt für die Vienna Pride um fast 50 Prozent auf 350.000 Euro gekürzt. Das Land Steiermark strich die Kulturförderung für 2026 komplett, was bei den RosaLila PantherInnen zu einer Budgetlücke von 40.000 Euro (ca. 16 Prozent der Jahresausgaben) sowie dem Wegfall von 10.000 Euro für Schulworkshops führte. Während die Förderung in Linz im niedrigen fünfstelligen Bereich stabil bleibt, finanziert sich die Pride in Salzburg primär über Sponsoring. Auch im Burgenland gab es noch nie öffentliche Mittel, weshalb dort 100 Prozent der Kosten privat und ehrenamtlich getragen werden.
Operativ führen diese Kürzungen zu spürbaren Einschränkungen: Das Wiener Pride Village wird 2026 von mehreren Tagen auf nur einen einzigen Tag – den 13. Juni – verkürzt. In der Steiermark mussten aufgrund der fehlenden Mittel bereits zwei Stellen in der Beratung und Administration gestrichen werden. Dennoch bleibt das zivilgesellschaftliche Engagement hoch: Allein in Wien tragen 200 Freiwillige die Organisation der Parade mit. Wie groß die Reichweite der Bewegung trotz der Hürden ist, zeigen die Zahlen aus 2025: Der CSD Graz verzeichnete 10.000 Besucher:innen und 22 Infostände, während die steirische Interessenvertretung insgesamt 8.097 Personen durch Beratungen und Gruppen erreichte – ein Zuwachs von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Quellen
- E-Mail-Anfragen bei Pride-Organisator:innen in allen Ländern und bei verschiedenen Unternehmen in Österreich. Aus Innsbruck, Mistelbach und St. Pölten kam bis zur Fertigstellung des Artikels keine Rückmeldung.
- Anfrage bei Stadt Salzburg
- Jahresberichte der RosaLila PantherInnen Graz
- Equaldex: LGBT Rights in Austria
- Vienna Pride Statement zu Einsparungen
Das Thema in anderen Medien
- MeinBezirk: Wien halbiert Zuschüsse für Vienna Pride, Veranstalter kritisieren
- Kurier: Vienna Pride steht 2026 unter dem Motto „Sichtbar”
- Gleichlaut Mag: Vienna Pride in Gefahr
- Standard: Blau-schwarze steirische Landesregierung setzt bei NGOs massiv den Sparstift an
- Die Presse: Wenn Pride-Sponsoren abspringen: „Sichtbarkeit ist ein Thema“#
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