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Zahlreiche junge Männer überprüfen den Eiweiß-Anteil von jedem Lebensmittel, gehen täglich ins Fitnessstudio und tracken ihre Kalorien, angeblich für die eigene „Selbstoptimierung“. Ist das noch gesund?
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In diesem Text geht es um Essstörungen. Der Inhalt kann belastend wirken. Unterstützungsangebote findest du am Ende des Textes.
„Tracke deine Proteine mit einer App, falls du keine Zeit hast, alles abzuwiegen“, rät ein junger Mann mit großem Bizeps im Profilfoto. In TikToks gibt er Tipps, wie man als Teenager Muskeln aufbaut oder am schnellsten „Bauchfett“ verliert. In gefühlt jedem zweiten Video fällt ein Wort, dem man weder auf Social Media noch im Supermarkt-Regal ausweichen kann: Protein.
Wenn wir an eine Essstörung denken, denken wir stereotypisch an junge, dünne Frauen. Bei Männern, die Kalorien und Proteine tracken, jeden Tag ins Fitnessstudio gehen und „Cheat Days“ haben, also begrenzte Tage, an denen sie ausnahmsweise mehr essen, sprechen wir selten von einem ungesunden Essverhalten. Warum eigentlich?
„Weil sie gar nicht das Gefühl haben, dass sie unter einer Essstörung oder einem gestörten Körperbild leiden“, sagt Sarah Grundnig, Leiterin der Diakonie Essstörungsklinik in Kärnten. „Die wenigsten Männer, die das betrifft, holen sich tatsächlich Hilfe.“ In die Spezial-Klinik in Feldkirchen lassen sich hauptsächlich junge Frauen aufnehmen. Die wenigen jungen Männer, die Grundnig und ihr Team behandelt, sind vor allem fixiert auf „Selbstoptimierung“, ein Begriff, der auf Instagram und TikTok andauernd fällt, vor allem im Zusammenhang mit Essen. Auf TikTok sind es nicht mehr nur Bodybuilder, die Protein-Tipps geben, sondern Jugendliche, die die Nährwerttabelle von jedem Nahrungsmittel abchecken.
„Es kann mir keiner erzählen, dass so eine Zwangsform der Ernährung Spaß machen kann. Zwang macht krank. Hier fehlt es an einem Ernährungs- und Gesundheitsbewusstsein. Es wäre wichtig, diese Kompetenz bereits im Elternhaus zu lernen“, sagt Piero Lercher, der an der MedUni Wien den Universitätslehrgang „Public Health“ leitet. „Es ist auch eine Frage des Lebensstils, ob ich mir einen Protein-Shake gönne oder ein gemütliches Essen im Kreise meiner Liebsten. Die Art und Weise meiner Ernährung ist ein wichtiger gesellschaftlicher Kommunikationsfaktor.“
Eine der größten deutschen Fitness-Influencer:innen ist Pamela Reif, die erst kürzlich in einem Instagram-Reel von ihren 54 Kilogramm als ihrem „Höchstgewicht“ sprach. In einem weiteren Video gab die Unternehmerin ihren rund 9 Millionen Followern Tipps, wie man täglich „800 Kilokalorien extra ohne Anstrengung“ verbrennen könne. Reif verkauft unter anderem auch Proteinriegel mit ihrer eigenen Marke, die laut Business Insider zu ihren größten Einnahmequellen zählt.
Die wohl bekannteste deutsche Marke für Proteinprodukte ist More Nutrition, gegründet von Fitness-Influencer Christian Wolf, der auf Social Media vor allem mit provokanten Videos auffällt. Wolf wirbt für das sogenannte Proteinfasten, das auf einem Kaloriendefizit durch die Kombination von Intervallfasten und Proteinshakes basiert. Dutzende Influencer:innen machen in ihren Videos Werbung für die More-Produkte, ob Protein-Pulver, Protein-Saucen oder Protein-Tortilla Chips.
Ist die Protein-Version denn gesünder als das Lebensmittel ohne hohen Eiweißanteil? „Je hochwertiger die Qualität des Lebensmittels ist, je weniger Zusatzstoffe es hat und je weniger es künstlich verarbeitet wird, desto gesünder ist es. Ein künstlicher Proteinzusatz ist oftmals eine ‚elegante‘ Methode, um ein Lebensmittel zu verteuern“, sagt Sportarzt Lercher.
Wie viel Protein sollte man aus medizinischer Sicht nun aufnehmen? Die Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) liegen bei 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ältere und Schwangere haben einen höheren Proteinbedarf. Sportler*innen, die mehr als 5 Stunden pro Woche trainieren, wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) eine Proteinzufuhr von bis zu 2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht empfohlen. Die genaue Höhe der Proteinzufuhr hängt vom individuellen Training ab. Aber: „Zu viele Proteine werden nicht aufgenommen, sondern ausgeschieden“, sagt Lercher. „Eine zu hohe Proteinzufuhr kann unter anderem Nieren und Leber schädigen.“
Zurück zu den Patient:innen in der Essstörungsklinik Feldkirchen. Ihnen wird im Rahmen der Therapie auch zu einer Distanz zu Social Media geraten. „Jeder ohne Ausbildung kann dir auf Instagram Ratschläge geben. Das sind dann oft Aussagen für die Allgemeinheit, die nicht an individuelle Bedürfnisse angepasst sind“, sagt Grundnig. „Wenn Fitness-Influencer irgendwelche Studien zitieren, würde ich aufpassen.“
Hilfe für Betroffene:
Hotline für Essstörungen 0800 20 11 20
sowhat. Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen: 01 4065717 0
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Infos und Quellen
Gersprächspartner:innen
- Sarah Grundnig ist Leiterin der Diakonie Essstörungsklinik in Feldkirchen, Kärnten.
- Piero Lercher ist Sportarzt und leitet an der MedUni Wien den Universitätslehrgang „Public Health“.
Quellen
- Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Ernährungsempfehlungen
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Positionspapier zur Proteinzufuhr im Sport
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