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Queer statt Kaiser

4 Min
Bad Ischl ohne Kaiser? Bis jetzt nicht vorstellbar.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images & Unsplash

Kaiservilla, Kaiserhanf, Kaiserschmarrn: Über Jahrzehnte lebte Bad Ischl von der Habsburg-Verklärung. 2024 schlägt die Gemeinde – als Kulturhauptstadt – neue Wege ein.


Fast wäre Bad Ischl ein Dorf unter vielen geblieben, hätte nicht Kaiser Franz Joseph I. den Ort an der Traun für seine Sommerfrische auserkoren. Das löste einen einzigartigen Boom aus, Bad Ischl wurde zur Society-Metropole der Alpen. Alles, was Rang und Namen hatte, folgte dem Monarchen. Wiener Bürger bauten dort ihre Villen, verbrachten mit Kindern und Personal den Sommer im Salzkammergut und waren stolz auf das Privileg, in der Nähe des Kaisers logieren zu dürfen.

Noch heute ist Ischl ohne Kaiser nicht vorstellbar. Der Tourismus hat Jahrzehnte auf dieses Pferd gesetzt. Kein Hotel ohne Porträt des weißbärtigen Monarchen; wer am Abend ausgehen will, trinkt und tanzt im „k.u.k-Hofbeisl“. In der Konditorei Zauner darf selbstredend der Kaiserschmarrn nicht fehlen, „Kaisertage“ gibt es immer noch jährlich im August anlässlich des Geburtstages Seiner Majestät. „Restauration Elisabeth“, Kaiservilla und eine Franz-Joseph- sowie eine Sisi-Suite im Thermenhotel runden das royale Bild ab. Sogar einen Hanfkaiser – „Das Beste aus der Hanfpflanze“ – gibt es. Wer auf der Flucht vor so viel Monarchie den Ort verlassen will und an der Traun entlanghastet, der läuft einem steinernen Jagdstandbild Franz Josephs direkt in Arme. Die Nostalgie kennt scheinbar keine Grenzen.

NS-Aufarbeitung statt Kaiser-Seligkeit

Jetzt aber soll der Kaiser, wenn schon nicht komplett ab-, so doch für eine Weile in den Hintergrund treten. 2024 wird Bad Ischl Europäische Kulturhauptstadt, Flaggschiff für 22 Gemeinden im Salzkammergut, die sich zusammengeschlossen haben, um sich international mit zahlreichen Projekten hervorzutun. Es gehe nicht darum, die alte „Erfolgsgeschichte Kaiser“ komplett hinter sich zu lassen, so die Organisatoren gegenüber der WZ, sondern darum, neue Akzente zu setzen. Die touristischen Konzepte, die auf Tradition setzen, entwickelten sich mehr und mehr zur Sackgasse, weil sie dem stattfindenden Strukturwandel nicht gerecht würden. Man will das Salzkammergut für die Jungen attraktiv machen, neue architektonische und digitale Projekte sollen die Region voranbringen.

Und es werden kritische Blicke in die Vergangenheit geworfen, die den herkömmlichen k.u.k-Kult und den kaiserlichen Imperialismus hinterfragen. Abseits davon wird es auch darum gehen, die Vernichtungspolitik der Nazis zu thematisieren: Immerhin war nicht weit von Ischl entfernt das KZ-Lager Ebensee und das Salzkammergut war ein Hort des Nationalsozialismus – und des Widerstandes.

Schaffung einer queeren Community

Den wohl deutlichsten Kontrapunkt zur alten Ischler Kaiserseligkeit setzt das Projekt „Salzkammerqueer“, das in der Kurstadt und der ganzen Region das erste „queere community building“ seiner Art in Europa umsetzen will. Birgit Hofstätter ist für die inhaltliche Arbeit zuständig. Hofstätter selbst sieht sich als nicht-binär. Derzeit gibt es im Salzkammergut jedenfalls keine queere Community, fixe Treffpunkte existieren nur in den Städten, „am Land nicht“. Wenn man sich als queer oute, werde man am Land als „Quotenlesbe oder -schwuler“ wahrgenommen und rein auf die sexuelle Orientierung reduziert. Ziel des Projektes ist es laut Hofstätter, die queere Gemeinschaft sichtbarer zu machen – es sollen Formate für Treffpunkte und Veranstaltungen geschaffen werden. Projektträger sind zwei Frauenanlaufstellen in der Region, die unter anderem über die nötigen Räumlichkeiten verfügen.

Im Juni hat es mit „Pride Picknick“ bereits ein erstes Community-Treffen in Gmunden gegeben, auch gemeinsame Vernetzungsausflüge zu urbanen Pride Parades. Großer Widerstand gegen das Projekt sei bis dato nicht zu bemerken, auch nicht von politischer Seite, wie Hofstätter sagt. Wenn, dann nur von Einzelpersonen, wobei sich die Vorbehalte nicht gegen die Community richten.

Tom Neuwirth alias Conchita stellt sich als Botschafter zu Verfügung, das Interesse ist groß: Pädagog:innen haben Fragen zum Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer, Jugendliche und Eltern zeigen sich wissbegierig. Was Hofstätter sehr positiv aufgefallen ist, ist die Offenheit seitens der für das Kulturhauptstadt-Programm Verantwortlichen. Der Programmschwerpunkt habe zunächst „Kraft der Gegenkultur“ geheißen, jetzt wurde er in „Kultur im Fluss“ umbenannt, „damit wurde der Sache ein wenig der Zahn gezogen“, bedauert Hofstätter. Klar ist jedoch, dass die Organisatoren ganz bewusst einen Kontrapunkt zum üblichen Kaiser- und Traditionsprogramm setzen wollten.

Erst toleranter, dann strafender Kaiser

Und was hätte Franz Joseph dazu gesagt? Zunächst einmal vielleicht gar nicht so viel, war doch sein jüngster Bruder, Erzherzog Viktor Ludwig, offen homosexuell. Was von Franz Joseph, dem erzkatholischen Familienoberhaupt und Herrscher über viele Völker, zunächst sogar toleriert wurde. Einige Jahre hielt der Monarch seine schützende Hand über den Bruder. Er war Eskapaden gewohnt, schließlich gab es genug „schwarze Schafe“ in der Familie. Als Viktor Ludwig, der als scharfzüngig und intrigant galt, schließlich selbst das Opfer eine Intrige wurde, war der Kaiser – so heißt es – die ewigen Skandale leid und verbannte ihn nach Salzburg. Wo der „unnatürlich Veranlagte“ letztendlich isoliert, unglücklich und verlassen starb.

Das war im Jahr 1919. 2023 hat der Fortschritt Einzug gehalten, in Österreich wird in punkto sexueller Vielfalt anders gedacht. Dem Salzkammergut soll künftig in diesem Punkt sogar eine Vorreiter-Rolle zukommen.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Daniela Goldmann ist in Sachen Kulturhauptstadt für die Kommunikation zuständig. Sie hat wichtige Hinweise und Anstöße geliefert.

  • Birgit Hofstätter vom Frauenforum Salzkammergut hat umfassend über das Projekt "Salzkammerqueer“ informiert.

Daten und Fakten

Bad Ischl hat rund 14.000 Einwohner und ist 2024 neben Bodo in Norwegen und Tartu in Estland Kulturhauptstadt Europas. Als Blütezeit gelten bis heute die Jahre 1849 bis 1914, als Ischl die Sommerresidenz Kaiser Franz Josephs war. Am 28. Juli 1914 erklärte der Kaiser dort Serbien den Krieg, was den Auftakt für den Ersten Weltkrieg darstellte.

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