Zum Hauptinhalt springen

Krankl und Kaiser rächen die Schlappe von Königgrätz

3 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

Vor 160 Jahren fügten die Preußen Österreich eine vernichtende militärische Niederlage zu. Damals schlug die Geburtsstunde der „Piefke“-Aversion, und die Österreicher sinnen bis heute auf Rache.


    • Der "Königgrätzer Marsch" von Johann Gottfried Piefke erinnert Österreich an die Niederlage von 1866 und wird selten gespielt.
    • Die Rivalität zwischen Österreich und Deutschland zeigt sich in Sport und Politik, etwa beim Fußballspiel von Cordoba 1978 und der UN-Wahl 2026.
    • Historische Ereignisse wie Königgrätz werden in Medien und Spielen oft verzerrt oder neu interpretiert, etwa in der Serie "Sisi" oder "Empire Earth II".
    • Schlacht von Königgrätz: 3. Juli 1866, Niederlage für Österreich
    • Fußball-WM 1978: Österreich besiegt Deutschland am 21. Juni mit 3:2 in Córdoba
    • TV-Serie „Sisi“ (2021–2024): Kaiser Franz Josef kämpft fiktiv bei Königgrätz
    • Juni 2026: Österreich erhält Sitz im UN-Sicherheitsrat, Deutschland unterliegt
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Indiana Jones kennt hierzulande jeder, den „Königgrätzer Marsch“ keiner. Und das, obwohl beide untrennbar miteinander verbunden sind. Das Musikstück, komponiert 1866 vom Preußen Johann Gottfried Piefke, ist Filmmusik von „The Last Crusade“. Im Rennen um den Heiligen Gral verschlägt es den Helden, der von Harrison Ford verkörpert wird, in das nationalsozialistische Berlin zu einer Bücherverbrennung – eine Szene, die von Piefkes Werk zackig im 6/8-Takt untermalt wird.

In Österreich wird der Piefke-Marsch äußerst selten gespielt, vor allem dann nicht, wenn heimische Militärs anwesend sind. Denn die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové im heutigen Tschechien) am 3. Juli 1866 war für die österreichisch-kaiserliche Armee die große militärische Niederlage schlechthin. Mit dem siegreichen Gemetzel war die unangefochtene Führungsrolle Berlins in den damals aufgesplitterten deutschen Gebieten fixiert. Für Österreich bedeutete es den Anfang eines stetigen Niedergangs.

Eine Wunde, die bis heute schmerzt – und die nach Rache schreit.

Der „hässliche Deutsche“ war geboren

Also wurde in einem ersten Schritt der Militärmusikmeister „Piefke“ auf gut österreichisch zum Synonym für den bösen Deutschen schlechthin gemacht. Des penetranten, besserwisserischen Unsympathlers, des unerwünschten Nachbarn, den wir nicht wollen. Kurzum: Der 3. Juli 1866 ist Geburtsstunde des Deutschen-Hasses hierzulande.

Die Österreicher nahmen aber erst am 21. Juni 1978 bei der Fußball-WM in Argentinien richtig Revanche. Und zwar in Córdoba, als Hans Krankl die Deutschen mit einem Siegestor zum 3:2 in die Knie zwang. Die „Rache für Königgrätz“ wurde damals in der Journaille und in diversen Karikaturen zum geflügelten Wort. „Wann i an Deitsch’n seh’, wer’ i zum Ras’nmäher“, hat man Krankl später zitiert. Die Begeisterung kennt bis heute kein Ende.

Franz Josef boxt sich durch

Auf eine weitere skurrile Königgrätz-Fantasie wurde die WZ vom deutschen Historiker Tobias Hirschmüller im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung in Wien hingewiesen. Die Szene ist in der 24-teiligen Fernsehserie „Sisi“ zu sehen, die in den Jahren 2021 bis 2024 von Story House Pictures als deutsch-österreichische Co-Produktion hergestellt und zuerst auf RTL ausgestrahlt wurde. Kaiser Franz Josef, der real am 3. Juli 1866 eher tatenlos in Wien saß, wird in Folge zwölf des mit absurden Sexszenen gespickten Streifens zum Helden hochstilisiert. Er kämpft sich bei Königgrätz auf Rambo-Manier gegen die angreifenden Preußen durch einen Wald, bis ihn in letzter Minute ungarischen Truppen retten.

Ein Kampf, der bis heute tobt

In dem PC-Spiel „Empire Earth II“ aus dem Jahr 2005, auf das die WZ ebenfalls von Historiker Hirschmüller hingewiesen wurde, gilt wieder die Perspektive des wirklichen Siegers von 1866: Der Spieler muss hier unter anderem die deutsche Reichsgründung bewerkstelligen. Mit einem kleinen Otto von Bismarck als Kanzler und Anführer – einer Figur, die man nicht verlieren darf – muss man hier unter anderem Österreich bei Königgrätz besiegen, damit die süddeutschen Staaten sich Preußen anschließen. Großer Endgegner ist aber nicht Kaiser Franz Josef I., sondern sein französischer Kollege Napoleon III. Der soll schließlich getötet werden, will man das Spiel gewinnen.

Doch hat sich im Juni 2026 das Kriegsglück wieder gewendet: Das vorläufig letzte große Trostpflaster für ihr verletztes Selbstbewusstsein hat die Alpenrepublik ganz real in New York verpasst bekommen. Deutschland und Österreich bewarben sich beide um einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, doch hat Wien Berlin diesmal ausgestochen. Ein „Córdoba-Moment“, eine späte Rache, ein Sieg, der umso süßer schmeckte, als es just die deutsche Ex-Außenministerin Annalena Baerbock war, die als Präsidentin der UNO-Generalversammlung in New York zähneknirschend den österreichischen Erfolg verkünden musste.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Tobias Hirschmüller, Historiker an der Universität Trier

Quellen

Daten und Fakten

  • Am 3. Juli 1866 kämpften auf preußischer und österreichischer Seite jeweils mehr als 200.000 Mann.
  • Die Preußen hatten rund 2.000 Todesopfer zu beklagen, Österreicher und Sachsen mehr als 5.600. Dazu kommen mehr als 7.400 Vermisste auf österreichischer Seite, die Preußen machten mehr als 22.000 Gefangene.
  • Der Sieg der Preußen wird oft dem Umstand zugeschrieben, dass diese das Zündnadelgewehr und somit Hinterlader in Verwendung hatten, während die Österreicher Vorderlader benutzten. Die Forschung weist heute unisono darauf hin, dass die österreichischen Gewehre nicht so schlecht, die preußischen wenig treffgenau und andere Faktoren für den deutschen Sieg viel ausschlaggebender waren: Etwa der Umstand, dass die kaiserliche Armee unter massiven Einsparungen litt und die preußische Eisenbahn besser ausgebaut war. Auch war die Organisationsstruktur der Preußen effizienter. Dazu kam die Fehlentscheidung Kaiser Franz Josefs, der mit Ludwig von Benedek einem Feldzeugmeister das Oberkommando gab, der das Gelände in Böhmen nicht kannte und den Oberbefehl deshalb von vorneherein nicht übernehmen wollte.
  • Die Schlacht ist einer der Wegbereiter für die Deutsche Reichsgründung 1871, die mit dem Sieg über Frankreich finalisiert wurde. Architekt dieses vereinten Deutschlands war Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 – 1898).

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte