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Der ÖFB hat sich finanziell und ideell gestreckt, um Ralf Rangnick nach der WM im Land zu halten. Das sei ein Risiko für den Verband, meinen manche Kommentatoren und Experten. Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Es ist ungewöhnlich, dass ein Trainer von Weltklubs wie Bayern, Dortmund und nun auch vom AC Milan umworben wird, aber jedes Mal Teamchef in Österreich bleibt. „Mir liegt das Ganze wirklich am Herzen“, erklärte Ralf Rangnick, als er Samstagmittag vor die Presse trat, um seine ÖFB-Vertragsverlängerung bis 2028 zu verkünden. Ein halbes Jahr haben sich die Verhandlungen gezogen. Doch am Ende wurden dem Deutschen – auch im Angesicht des Milan-Werbens – alle Bedingungen erfüllt. Sein Gehalt wird verdoppelt: von einer auf zwei Millionen Euro. Auch sein Betreuerstab wurde, wie von Rangnick gefordert, verlängert und aufgewertet. Für den interessengesteuerten und oft behäbigen Verband ist das durchaus ein Kraftakt.
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In der Branche findet die Verlängerung vor der WM aber nicht nur Zustimmung. So mancher ÖFB-Landesverbandspräsident hätte noch vor Kurzem lieber die Gruppenspiele abgewartet, um bei einem frühen Aus die Karten neu zu mischen. Herbert Prohaska riet dem ÖFB im April bei Sky, „nicht frühzeitig zu verlängern“. Denn was wäre, wenn Österreich bei der WM früh scheiterte, Rangnick aber danach „nicht eine Million, sondern zwei Millionen“ bekomme? Da sei der Groll in der heimischen Neidgesellschaft vorprogrammiert. Und selbst im Standard war zu lesen, dass der ÖFB „ein gewisses Risiko“ in Kauf nehme. Denn bei einem frühen WM-Aus hätte man „trotz sportlichen Misserfolgs Rangnick zwei weitere Jahre an der Backe“.
Es stimmt, dass der ÖFB finanziell und ideell an seine Grenzen gegangen ist, um Rangnick noch vor der WM in Österreich zu halten. Doch damit ist kaum Risiko verbunden. Im Gegenteil.
Kein finanzielles Risiko für den ÖFB
Da wären einmal die harten Fakten: das Geld. Da besteht für den ÖFB kein Risiko. Denn die Gehaltserhöhung, von einer auf zwei Millionen Euro, wird komplett von vier Verbandsponsoren übernommen. Der ÖFB zahlt weiterhin nur das, was man bereits vor fast zehn Jahren Rangnicks Vorgänger Franco Foda zuteilwerden ließ.
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Die Gehaltserhöhung für Rangnick sorgte anfangs für den größten Widerstand bei manchen Landesverbänden und der finanziell angeschlagenen Bundesliga, die drei Stimmen im ÖFB-Aufsichtsrat hat. Der Verband sieht sich nämlich als gebranntes Kind. Schon dem Schweizer Marcel Koller hatte man vor zehn Jahren ein Millionengehalt gewährt, ehe sportlicher Misserfolg für eine finanzielle Schieflage sorgte. Deshalb springen nun ÖFB-Sponsoren ein, die den Werbewert Rangnicks eher erkennen als mancher ÖFB-Funktionär.
Denn Rangnick hat Österreichs Fußball nicht nur sportlich erfolgreich gemacht, sondern die Denkweise im Land verändert. Bevor der Deutsche 2022 das Teamchef-Amt übernahm, regierte Kleinrederei und Ausredenkultur im ÖFB. 2022 verpasste Österreich – trotz ähnlich starker Spieler – die WM noch hinter Dänemark, Schottland und Israel. Österreich besitze zu wenige Weltklassespieler, erklärte ÖFB-Sportchef Peter Schöttel. Und auch ein neuer Teamchef könne nur wenig bewirken, da die Lehrgänge zu kurz seien. Es gab Versagen, keine Vision. Dazu dominierten in den Medien vor allem Streitereien unter den Funktionären. Kein Erfolg, aber viel Erregung.
Seit Rangnick das Nationalteam trainiert, wird es weltweit ernstgenommen. Während der EM 2024 erhob der renommierte deutsche Spiegel die Österreicher zu einem Geheimfavoriten auf den Titel. Und vor der WM erklärte Ex-Weltfußballer Lothar Matthäus, dass er das ÖFB-Team unter den besten acht Teams weltweit sehe. Österreichs Fußballer spielen nun weltgewandt, offensiv, mutig. Rangnick strotzt vor Selbstbewusstsein – und das färbt aufs einst duckmäuserische Land ab.
Aber was wäre, wie von manchem Kommentator befürchtet, würde Rangnick mit Österreich bei der WM früh scheitern: Hätte der ÖFB dann einen Fehler gemacht mit der vorzeitigen und kostspieligen Verlängerung?
Auch das ist schnell zu entkräften. Denn ein frühes WM-Aus ist trotz aller Euphorie gar nicht unwahrscheinlich und kaum vom Teamchef zu beeinflussen. Hans Krankl erklärte zwar zuletzt die WM-Vorrundengruppe mit Weltmeister Argentinien, Algerien (Marktwert: 260 Millionen Euro) und Jordanien zu „einer der leichtesten, die es gibt“, doch nach dem Datenanalysten Opta ist das Los vielmehr „eines der schwierigsten bei der WM“. Und sollte Österreich Gruppenzweiter werden, wartet wohl im Sechzehntelfinale bereits Europameister Spanien.
Nicht-Verlängerung wäre kurzsichtig gewesen
Rangnicks Verlängerung an eine erfolgreiche WM zu koppeln, wäre sowieso kurz
sichtig gewesen. Denn auch bei einem Scheitern wäre für einen dann nötigen Umbau wohl kein für den ÖFB verfügbarer – und bezahlbarer – Trainer geeigneter. Österreichs goldene Spielergeneration wird immer älter. Die Stars Arnautović (37 Jahre alt) und Alaba (34 Jahre) rücken der Sportlerpension entgegen. Auch Marcel Sabitzer und Michael Gregoritsch sind bereits über dreißig. Während Schweden, die Türkei oder Norwegen über Millionenstars Anfang zwanzig verfügen, kommen in Österreich kaum Toptalente nach, die bereits für die Nationalmannschaft taugen. Rangnick hat sich deshalb vorgenommen, künftig mehr in die Fußballer-Förderung im Land einzugreifen.
Dem Verband kommt dabei jetzt schon zugute, dass der Deutsche international ein hohes Ansehen genießt. Vor der WM hat er zwei Top-Talente aus Deutschland und England, die aufgrund ihrer familiären Wurzeln auch für Österreich spielberechtigt sind, vom kleinen ÖFB überzeugt: Den 20-jährigen Paul Wanner, Stammspieler bei PSV Eindhoven, und den 22-jährigen Carney Chukwuemeka von Borussia Dortmund. Beide zusammen sind 40 Millionen Euro wert. Während im heimischen Fußball-Bund lange Ausreden über abgewanderte Spieler dominierten, sorgt Rangnick im Alleingang für hochwertigen Nachschub.
Rangnick wurde in Österreich zum Hansdampf in allen Gassen. Er besorgt Topspieler, fordert eine Multifunktionsarena und arbeitet an der Professionalisierung des behäbigen ÖFB.
Größtes Risiko: Theater der Teamchefsuche
Hätte der Verband mit Rangnick nicht verlängert, wäre der ÖFB nach der WM ohne Teamchef dagestanden. Und jeder Österreicher weiß, was das bedeutet. Ein Interessenskampf unter den Funktionären, wer denn nun der nächste Trainer wird. Schon 2017 ließ die Runde ihrem Sportchef Schöttel eine Auswahl unterschiedlichster Kandidaten vorlegen, ehe sie dann in Gutsherrenart selbst darüber abstimmte. Rangnick fiel dem ÖFB zu, weil Ex-Präsident Gerhard Milletich seinen Sportchef dazu drängte, es bei Rangnick zu versuchen. Eigentlich hatte Schöttel bereits seinem Ex-Teamkollegen Peter Stöger zugesagt, der Vertrag lag bereit, die Pressekonferenz war bestellt. Dann sagte Rangnick unerwartet zu – und wurde zum Glücksfall. Dieses Theater der Teamchefsuche, samt begrenzten finanziellen Möglichkeiten, wäre für den österreichischen Fußball ein viel höheres Risiko gewesen, als sich von den eigenen Sponsoren eine Rangnick-Verlängerung finanzieren zu lassen.
Apropos Risiko: Das liegt eigentlich mehr bei Rangnick als beim ÖFB. In Mailand oder München hätte er ein Vielfaches von seinem ÖFB-Gehalt kassiert. Und auch die neue sportliche Erwartungshaltung im Land, die er selbst in die Höhe geschraubt hat, könnte sich bei einem WM-Misserfolg und der kaum Motivation hervorrufenden Nations-League schnell gegen ihn wenden. Noch dazu, wo sein Team einige Baustellen hat. Fällt, wie aktuell, Christoph Baumgartner aus, gibt es keinen gleichwertigen Ersatz in der Mittelfeld-Zentrale. Und auch internationale Top-Stürmer fehlen weit und breit.
Praktischerweise ist der Teamchef ein Workaholic, der gar nicht anders kann, als ständig an Visionen zu tüfteln und neue Ideen zu spinnen; etwa, indem er hochkarätige Kicker von anderen Verbänden nach Österreich lotst.
Rangnick ist für den Fußball-Bund daher auch kein Risiko, wie nun gerne angemerkt wird – sondern vielmehr ein Geschäft mit Rendite.
Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Ralf Rangnick verlängert beim ÖFB bis zur EM 2028. Die letzten Wochen waren von Verhandlungen bestimmt. Der AC Milan bekundete großes Interesse am österreichischen Teamchef, traf sich mit ihm in Wien, konnte am Ende aber nicht rechtzeitig vor WM-Start zu einer Einigung kommen.
- Der ÖFB dagegen finalisierte sein Angebot Anfang Juni – Rangnick musste nur noch unterschreiben.
- In den nächsten Tagen stehen die drei WM-Vorrundenspiele an. Am 17. Juni (6 Uhr MEZ) trifft Österreich auf Jordanien, am 22. Juni (19 Uhr MEZ) auf Argentinien und am 27. Juni (4 Uhr MEZ) auf Algerien.
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