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Rapid Wien im Dilemma! Die Hintergründe

9 Min
Die WZ hat in den Maschinenraum des Vereins geblickt – und zeichnet die (vermeidbare) Fehlerkette nach.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Apa Images, Adobe Stock.

Österreichs populärster Fußballklub Rapid Wien kommt trotz Millionen-Investitionen nicht in die Erfolgsspur. Die Misere ist noch dazu hausgemacht.


Aus der großen Chance wurde das große Chaos. Nirgends geht das so schnell wie beim SK Rapid Wien. Im September wurde vom Titel geträumt. Anfang Dezember pfiffen Rapid-Fans ihre Mannschaft minutenlang aus.

Dabei war alles angerichtet für den Rekordmeister, der seit 2008 auf einen Titel wartet: die Konkurrenz schwächelt, dazu hat Rapid 61 Millionen Euro Rekordumsatz erzielt und so viel Geld wie noch nie in den Kader gesteckt. Wann, wenn nicht jetzt? Nun aber ist Rapid Letzter im Europacup, in der Liga nur Siebenter. Der neue Trainer Peter Stöger wurde – trotz Vertrags bis Sommer 2027 – nach 187 Tagen schon wieder gefeuert. Das Millionen-Team steht heftig in der Kritik. Zuletzt setzte es, erstmals seit 20 Jahren, fünf Pleiten hintereinander.

Rapid steckt in einer Krise. Schon wieder. Dem Verein sind aktuell grobe Fehler unterlaufen – aber die Probleme reichen tiefer. Im Grunde geht es um die Frage, ob der Millionenbetrieb Rapid auf die Besten setzt. Oder bloß auf die besten Freunde.

Die WZ hat in den Maschinenraum des Vereins geblickt – und zeichnet die (vermeidbare) Fehlerkette nach.

Eigentlich war Rapid auf dem richtigen Weg. Die Klubbosse um Ex-ORF-Chef Alexander Wrabetz und Milliardär Michael Tojner hatten vor drei Jahren versprochen, „alles dem sportlichen Erfolg unterzuordnen“.

Rapid sollte künftig modern, offensiv und intensiv spielen. Ende 2023 übernahm – nach drei Rapid-Legenden – der Deutsche Robert Klauß als Trainer; ein moderner Taktikfreak, der unter Kapazundern wie Julian Nagelsmann gearbeitet hatte. Die Folge: begeisternder Offensiv-Fußball. Im Europacup zog man gar ins Viertelfinale ein – der größte internationale Erfolg seit fast 30 Jahren. Millionen flossen so in die Vereinskasse.

Dann aber folgte der Absturz. Rapid verlor und verlor. Intern hieß es: Klauß habe die Mannschaft verloren. Einer, der mittendrin war, erzählt der WZ, dass Führungsspieler mehr Mitsprache gefordert hätten, Klauß aber unnahbar, selbstherrlich und kühl agiert haben soll. Als Stürmerstar Guido Burgstaller Ende 2024 vor einem Wiener Lokal niedergeschlagen wurde und lange ausfiel, soll sich Klauß kaum bei ihm gemeldet haben, „danach war er bei vielen in der Mannschaft unten durch“, wird erzählt. Im April musste der Deutsche gehen, klubintern wurden ihm zwischenmenschliche Defizite sowie fehlende Kommunikationsfähigkeit nachgesagt.

Stöger „wollte viel abgeben, was das Tagesgeschäft betrifft“

Heute weiß man: Damit begann das Dilemma. Rapid suchte nun keinen Trainer, der die angriffige Spielweise fortführen würde, sondern einen Mann mit Einfühlungsvermögen. Peter Stöger, 59, wurde verpflichtet, ein einstiger Meistertrainer, der zuletzt für den TV-Sender Sky als Experte auftrat – und als Menschenfänger gilt. Der Neue barg aber auch viel Risiko: Stögers Erfolge liegen fast zehn Jahre zurück, dazu steht er nicht für den von Rapid gewünschten Offensivfußball. Im Gegenteil. „Peter Stöger ist jemand, der es schafft, eine gute Stimmung zu erzeugen“, erklärte sein Ex-Spieler Florian Klein schon 2022. „Seine Art zu spielen ist aber eher defensiv.“

Der Klub stellte Stöger zwei Assistenten zur Seite. Der von offensivem Red-Bull-Fußball geprägte Thomas Sageder sollte intensives Pressing erarbeiten, der Ex-Rapid-Kicker Stefan Kulovits offensive Spielzüge – und Stöger kam die Aufgabe zu, die Mannschaft mit menschlichen Qualitäten zu einen. Stöger sei das anfangs ganz recht gewesen. Aus Rapid-Kreisen heißt es: „Peter wollte sehr viel abgeben, was das Tagesgeschäft betrifft“. Schon früher, bei seinen Erfolgen in Wien und Köln, hatte er taktische Aufgaben an seinen Assistenten delegiert.

Nun wurde das zum Problem. Die drei Trainer waren sich uneins, wie das perfekte Spiel auszusehen hat. Stöger wollte aus einer sicheren Defensive und durch Konterfußball vors Tor, Sageder mit aktivem Pressing und Kulovits über Ballgeschiebe. Auf dem Feld war vermehrt eine zerrissene Mannschaft zu sehen, die Spiel um Spiel verlor.

Sportchef Katzer in der Kritik

Der Mann, der das alles zu verantworten hat, heißt Markus Katzer, 46, ein ehrgeiziger Typ und seit drei Jahren Sport-Geschäftsführer. Als Spieler wurde er mit Rapid Meister. Als Sport-Chef aber ist er noch ein Lernender. Seine einzige Station vor Rapid: der First Vienna FC in der zweiten Liga.

Katzer hat sich dennoch einen guten Ruf erarbeitet. Zuletzt hat er zwei Kicker um knapp zwei Millionen geholt und um das Zehnfache verkauft – ein noch nie dagewesener Geldregen für den Verein. Das Problem: Transfererlöse zu generieren ist nur eine Aufgabe eines guten Sportmanagers. Dazu kommt: eine nachhaltige Spielweise entwickeln, einen harmonierenden Kader gestalten, einen passenden Coach wählen. Vieles davon klappte nicht.

Katzer hat Rohdiamanten aus der ganzen Welt zusammengekauft. Doch damit waren Stöger und Sageder nicht zufrieden. Mit manchen Spielern sei das gewünschte intensive Spiel nicht möglich, wurde laut WZ-Infos beklagt. Etwa mit dem 4-Millionen-Rekordeinkauf Tobias Gulliksen, der ein Ballverteiler sei, aber kein Balleroberer.

Als Katzer 2023 zu Rapid kam, beklagte er selbst die fehlende Intensität im Rapid-Spiel – und bekräftigte, genau das ändern zu wollen. Nun aber kritisierten Stöger und Sageder intern, dass dafür Physis und Fitness fehle. Immer wieder fielen Spieler mit Muskelverletzungen aus. Laut WZ-Recherche kam es zu Konflikten zwischen den beiden Trainern und der Athletikabteilung. Mitte Oktober wurde der Athletikcoach David Lechner entlassen.

Auf dem Rasen spielte Rapid nicht intensiv, sondern passiv und bieder – und verlor immer öfter. Stöger machte einen verzweifelten, ratlosen Eindruck.

Konflikte, Vorwürfe und enttäuschte Erwartungen

Laut WZ-Info warf die Athletikabteilung Stöger und Sageder vor, zu intensiv trainieren zu wollen – und kaum auf die Belastungssteuerung zu achten. So war Neuzugang Nosa Dahl nach einer Verletzung Schonung empfohlen worden, während im Training aber kaum Rücksicht genommen wurde, wodurch sich die Blessur verschlimmerte. Die beiden Trainer kritisierten wiederum, dass das Athletikteam die Spieler falsch belaste, verschlafen agiere und die fehlende Fitness von Millionen-Neuzugang Martin Ndzie zu spät erkannt habe.

Auch innerhalb des Trainerteams kriselte es. Stöger (der zwar auch für Rapid gespielt hat, aber eigentlich als Austrianer gilt) und Sageder waren die beiden Neuen. Der zweite Co-Trainer Kulovits ist dagegen ein Rapid-Urgestein, als Spieler Meister, seit Jahren im Klub und dazu mit vielen – auch den Athletiktrainern – befreundet. Kulovits, so wird im Klub erzählt, spitze schon länger auf den Cheftrainerposten. Schon unter dem Deutschen Klauß gehörte er dem Trainerteam an – und übernahm nach dessen Rauswurf interimistisch. Im Sommer soll er gehofft haben, weitermachen zu dürfen. Dann aber kam Stöger – und machte sich schnell angreifbar.

Spitzen gegen Stöger

Stöger kritisierte den Kader, redete schwache Gegner stark und machte kryptische Andeutungen; etwa, dass im Verein einiges im Argen liege und er nun mit dem Presslufthammer hineinfahren wolle. Im Klub wiederum war man enttäuscht, dass Stöger weniger souverän agierte als erwartet, kaum taktische Inhalte vorgab, sondern von seinen Assistenten fertige Konzepte erwartete. Einmal soll er einen Sponsorenauftritt dem Training vorgezogen haben. Und nach einer polternden Reformrede von ihm gab er selbst der Mannschaft trotz Krise gleich vier Tage frei. Dazu wurde der Fußball immer unansehnlicher. Viele Spieler, so heißt es intern, hätten lieber den von Kulovits favorisierten Ballbesitzstil gespielt. Stöger soll klubintern vermehrt Spitzen gegen sich wahrgenommen, diese auch angesprochen und mit der Freunderlwirtschaft gehadert haben.

Die Führungsetage zeigte sich irritiert. Stöger wurde geholt, damit er Rapid eint und perfekt nach außen verkauft. Nun aber positionierte er sich als verkannter Erneuerer, der an einem desolaten Klub scheitere.

Nach nur 27 Pflichtspielen wurden Stöger und Sageder Ende November entlassen. Der Rapidler Kulovits durfte hingegen bleiben – und übernahm als Cheftrainer.

Der Klub versteht sich als Familienbetrieb, der von einstigen Helden geführt und geprägt wird. Das Problem: Viele von ihnen waren zwar als Spieler hier Meister, sind aber im neuen Berufsfeld noch Lehrbuben, oft ohne nennenswerte Erfahrung oder Erfolgsnachweis.

Auch Stefan Kulovits, 42, hat – bis auf seinen Draht zu mächtigen Fans und Ex-Kicker-Kollegen im Klub – wenig vorzuweisen. Als Trainer von Rapid II ist er von der zweiten in die Regionalliga abgestiegen. Seine Trainerausbildung hat er gerade erst abgeschlossen – dennoch darf er nun, quasi zur Reifeprüfung, einen Millionenklub coachen. Kulovits setzte sofort auf im Verein lange verankerte Rapidler, holte die Klublegende Burgstaller ins Trainerteam. Der Erfolg kehrte aber nicht zurück. Von fünf Partien wurde keine gewonnen.

Familienbetrieb und Freunderlwirtschaft

Rapid ist zur Versorgungsanstalt und Spielwiese einer Rapid-Kicker-Generation geworden. Geschäftsführer, Sportchef, Trainer, Kaderplaner, Tormanncoach, Nachwuchsstürmertrainer, Individualbetreuer – allesamt Rapidler.

Ein Paradebeispiel: Steffen Hofmann, 45, einst als grün-weißer Fußballgott verehrt, nun Geschäftsführer. 2022 hat er dem Präsidium um Wrabetz an die Macht verholfen – um kurz darauf eine Führungsrolle zu erhalten. Erfahrung hat er keine, davor war er als Co-Trainer und Talente-Förderer tätig. Auch im Verein sprechen ihm einige die Kompetenz ab und kritisieren, dass er kaum Verantwortung trägt. In der aktuellen Krise verweist er auf Sportchef Katzer. Entscheidungen würden „von denen getroffen“, erklärte er zuletzt, „die dann irgendwann den Schädel hinhalten“.

Den Schädel hinhalten mussten zuletzt aber nie echte Rapidler. Im Frühjahr wurden Robert Klauß und sein deutscher Co-Trainer vor die Tür gesetzt – aktuell Stöger und Sageder. Kulovits, der bleiben durfte, sprach vor seinem ersten Spiel trotz Trainerentlassungen und Niederlagenserie von „einer coolen Woche“.

Wirklich cool findet das nicht mal mehr der harte Fan-Kern im Block West. „Ihr werdet immer Legenden sein“, war zuletzt auf einem Spruchband zu lesen. „Aber wenn ihr Rapid liebt und versteht, wird es Zeit, dass ihr geht!“

Chaostage

Für den Klub steht einiges auf dem Spiel. Im Sommer wurde viel vom erwirtschafteten Geld in den teuersten Kader der Rapid-Geschichte investiert. Nun aber wurde der Aufstieg im Europacup deutlich verpasst – und nach Rapid-Spielern kräht auf dem Transfermarkt kein Hahn mehr. Bleibt der Erfolg länger aus, hätte das auch grobe wirtschaftliche Folgen.

Rapid sucht bereits einen neuen Trainer. Einige Spieler wünschen sich laut WZ-Info den Deutschen Robert Klauß zurück. Andere würden lieber Kulovits behalten; dieser sei immerhin „ein echter Rapidler“, erklärte Nenad Cvetković. Sportchef Katzer steht unter Druck. Es ist nicht klar, für welche Spielweise der Kader zusammengestellt wurde – und welcher Trainer nun passt. Das entscheidende Kriterium sei, hielt Katzer vor wenigen Tagen fest, „dass der Trainer zu unserer Spielidee passt“. Nur welche ist das? Zuletzt spielte der Klub mit jedem Trainer anders. Der Neue möge laut Katzer „modern denken“ und „fachliche Kompetenz“ mitbringen. Das klingt nach nichtssagenden Fußball-Floskeln. Immerhin: Ein Ex-Rapid-Spieler, so heißt es, muss er nicht sein.


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Infos und Quellen

Genese

Rapid Wien steckt regelmäßig in der Krise. Das ist kein Zufall. Autor Gerald Gossmann hat sich auf die Suche nach den Hintergründen gemacht.

Gesprächspartner

Recherche im und um den Verein, die Gesprächspartner wollten allesamt anonym bleiben.

Daten und Fakten

  • Familienbetrieb: Von den letzten sechs Rapid-Trainern haben fünf für Rapid gespielt – auch die letzten beiden Sportchefs. Aktuell sind Geschäftsführer, Sportchef, Trainer, Tormanncoach, Kaderplaner und mehrere Individualbetreuer Rapidler.
  • Sportliche Bilanz: Rapid ist österreichischer Rekordmeister, der letzte Titel liegt aber 17 Jahre zurück. In den vergangenen vier Saisonen wurde Rapid zweimal Vierter und zweimal Fünfter. Aktuell liegt man auf dem siebten Tabellenplatz.
  • Wirtschaftliche Bilanz: Rapid hat zuletzt Millionen im Europacup und durch Spielertransfers eingenommen und einen Rekordumsatz von 61 Millionen Euro verbucht. Viel Geld wurde in den aktuellen Kader und in ein neues Trainerteam gesteckt.
  • Führungsetage: Im ehrenamtlichen Präsidium des Vereins sitzen unter anderem Ex-ORF-Chef Alexander Wrabetz, Unternehmer Michael Tojner, die Ex-WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger oder der Ex-Rapid-Spieler Michael Hatz.
  • Operativ leitet den Verein eine Dreier-Geschäftsführung: Steffen Hofmann, Markus Katzer und Daniela Bauer.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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