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Restitution ist mehr als die Rückgabe von Raubobjekten in Museen: Sie berührt Fragen von Macht, Identität und historischer Verantwortung. Der Historiker Jürgen Zimmerer erklärt, warum Museen sich ihrer kolonialen Vergangenheit stellen müssen.
Woher stammen eigentlich die Objekte, die wir in europäischen Museen sehen? In vielen Fällen handelt es sich um Kulturgüter, die während der Kolonialzeit unter Gewalt- und Zwangsverhältnissen nach Europa gelangten. Ihre Rückgabe – auch Restitution genannt – ist seit Jahren Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg, leitete rund ein Jahrzehnt lang die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Im Interview spricht er über die Gefährdung von Dekolonisierungs- und Restitutionsarbeit in Deutschland, die Verantwortung von Bildungsinstitutionen wie Museen und warum es wichtig ist, Raubobjekte aus der Kolonialzeit – wie etwa die Nofretete-Büste in Berlin – zurückzugeben.
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Hinzu kommt eine kulturpolitisch konservative Regierung, die die Aufarbeitung kolonialer Geschichte zurückfährt. So wurde im neuen Bundesgedenkstättenkonzept der Kolonialismus gestrichen, obwohl er ursprünglich neben dem Unrecht des nationalsozialistischen Regimes und der DDR [d. h. der Deutschen Demokratischen Republik] aufgenommen werden sollte.
Insgesamt herrscht also ein politisches Klima, in dem kritische Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte zurückgefahren wird. Und das beeinflusst auch die Restitutionsfrage. Formal hält man zwar daran fest, aber der politische Druck, tatsächlich zu restituieren, ist zurückgegangen.
Gleichzeitig ziehen sich politische Entscheidungsträger zurück. Sie machen das Thema nicht mehr zu ihrer Sache – auch, weil die AfD immer stärker wird und offen gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus arbeitet. Dadurch schwindet der politische Rückhalt, obwohl genau diese Ebenen über Fördermittel und finanzielle Unterstützung entscheiden.
Deshalb wurde in 2025 die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ geschlossen. Allerdings haben auch die Grünen die Entscheidungen mitgetragen, die zur Schließung der Forschungsstelle führten. Das Desinteresse in der Politik ist also nicht nur ein Problem der CDU oder CSU, sondern auch der SPD-Grünen-Regierung, die wir in Hamburg haben.
Es zeigt sich hier ein Spannungsfeld zwischen einer von unten getragenen Erinnerungskultur, die Aufarbeitung einfordert, und einer politischen Ebene, die sie zunehmend zurückfährt.
In kolonialen Kontexten herrscht stets ein massives Machtungleichgewicht.Jürgen Zimmerer
Bei der Nofretete-Büste war Ägypten de facto ein europäisches Protektorat unter britisch-französischer Kontrolle. Die sogenannte Fundteilungsregeln wurden von europäischen Akteuren festgelegt und von europäischen Beamten umgesetzt. Durch diese Regeln und Gesetze gelangten Objekte aus einem politisch abhängigen Land nach Europa. Unter diesen Bedingungen war die Ausfuhr nur „legal“, wenn man koloniales Recht weiterhin als gültige moralische Grundlage akzeptiert.
Beim Kolonialismus wird dieser Grundsatz weitgehend ignoriert. Eigentlich müssten wir sagen: Als Nachfahren und Profiteure kolonialer Herrschaft können wir uns nicht auf koloniales Recht berufen – das ist aus moralischer Sicht die einzig vertretbare Position. Von diesem Standpunkt aus ist klar: Die Nofretete steht illegitim in einem Berliner Museum.
Weltkultur müsste gleichmäßig über die Welt verteilt sein.
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Infos und Quellen
Genese
Mit der Eröffnung des „Grand Egyptian Museums“ in Gizeh, dem größten archäologischen Museum der Welt, wurde eine alte Debatte erneut entfacht: Sollen europäische Museen, wie etwa das Ägyptische Museum in Berlin, Objekte, die während der Kolonialzeit erworben bzw. geraubt wurden, an die Herkunftsländer zurückbringen?
Daten und Fakten
- In den vergangenen Jahren kam europaweit Bewegung in die Restitutionsdebatte: 2022 gab etwa das Naturhistorische Museum Wien zwei menschliche Schädel an Hawaii zurück – ein seltener Schritt in Österreich, der die koloniale Herkunft vieler Museumsbestände sichtbar machte. Deutschland ging im selben Jahr noch weiter, indem die Bundesregierung die Eigentumsrechte von mehr als 1.000 Benin-Bronzen an Nigeria übertrug. Diese Kunstwerke wurden 1897 von britischen Kolonialtruppen aus dem Königspalast des damaligen Königreichs Benin – im heutigen Nigeria – gewaltsam geraubt und gelangten über den Kunsthandel in zahlreiche europäische Museen. Kurz nach der Eigentumsübertragung folgten die ersten physischen Rückgaben: Außenministerin Annalena Baerbock überreichte im Dezember 2022 persönlich 22 Objekte in Abuja. Auch andere Länder reagieren – die Niederlande gaben ebenfalls in diesem Jahr 119 Benin-Bronzen an Nigeria zurück.
- Trotz dieser Fortschritte bleiben zahlreiche Raubobjekte weiterhin in europäischen Museen. Die langsame Dynamik zeigt, wie umkämpft und schleppend Restitutionsprozesse nach wie vor verlaufen. Der Historiker Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg gehört zu den größten Befürworter:innen von Restitutionsarbeit und der damit verbundenen historischen Verantwortung. Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und leitete dort von 2014 bis Frühjahr 2025 die „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Zu seinen Arbeitsgebieten gehören die Geschichte Afrikas, die (Post-)Kolonialgeschichte, die Historische Globalisierungsforschung, die Vergleichende Genozidforschung und das Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus, wie auch von Klimawandel, Umwelt und Gewalt.
Gesprächspartner
- Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg, leitete rund ein Jahrzehnt lang die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Sie war die erste ihrer Art in Europa, wurde jedoch im April 2025 geschlossen.
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