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Raubobjekte in Museen: Wie geht es jetzt weiter?

8 Min
Viele Sammlungsstücke in europäischen Museen stammen aus kolonialen Gewaltkontexten. Ihre Herkunft wird heute zunehmend wissenschaftlich erforscht. Das Ziel dabei ist u.a. eine mögliche Restitution.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Wiki Commons

Restitution ist mehr als die Rückgabe von Raubobjekten in Museen: Sie berührt Fragen von Macht, Identität und historischer Verantwortung. Der Historiker Jürgen Zimmerer erklärt, warum Museen sich ihrer kolonialen Vergangenheit stellen müssen.


Woher stammen eigentlich die Objekte, die wir in europäischen Museen sehen? In vielen Fällen handelt es sich um Kulturgüter, die während der Kolonialzeit unter Gewalt- und Zwangsverhältnissen nach Europa gelangten. Ihre Rückgabe – auch Restitution genannt – ist seit Jahren Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Debatten. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg, leitete rund ein Jahrzehnt lang die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Im Interview spricht er über die Gefährdung von Dekolonisierungs- und Restitutionsarbeit in Deutschland, die Verantwortung von Bildungsinstitutionen wie Museen und warum es wichtig ist, Raubobjekte aus der Kolonialzeit – wie etwa die Nofretete-Büste in Berlin – zurückzugeben.

WZ | Elias Feroz
Herr Prof. Zimmerer, mit der Eröffnung des „Grand Egyptian Museum“ in Gizeh ist die Diskussion über die Rückgabe von Museumsobjekten aus kolonialen Kontexten erneut aufgeflammt – exemplarisch sichtbar etwa am Streit um die Nofretete-Büste in Berlin. Wie bewerten Sie die aktuelle Dynamik in der internationalen Restitutionsdebatte?
Jürgen Zimmerer
Die Restitutionsdebatte in Deutschland ist Teil einer viel größeren Auseinandersetzung über das koloniale Erbe insgesamt – und die reicht weit über Museen und Objekte hinaus. Wir hatten in der Aufarbeitung des kolonialen Erbes einen Höhepunkt an öffentlichem Interesse und politischer Bereitschaft, etwas zu verändern – vor allem 2020/21 im Kontext von Black Lives Matter und nach der Ermordung von George Floyd. Seitdem ist das abgeklungen.
Hinzu kommt eine kulturpolitisch konservative Regierung, die die Aufarbeitung kolonialer Geschichte zurückfährt. So wurde im neuen Bundesgedenkstättenkonzept der Kolonialismus gestrichen, obwohl er ursprünglich neben dem Unrecht des nationalsozialistischen Regimes und der DDR [d. h. der Deutschen Demokratischen Republik] aufgenommen werden sollte.
Insgesamt herrscht also ein politisches Klima, in dem kritische Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte zurückgefahren wird. Und das beeinflusst auch die Restitutionsfrage. Formal hält man zwar daran fest, aber der politische Druck, tatsächlich zu restituieren, ist zurückgegangen.
WZ | Elias Feroz
Sehen Sie die Dekolonisierungs- und Restitutionsarbeit in Deutschland als strukturell gefährdet?
Jürgen Zimmerer
Ja. In Hamburg etwa haben wir in den vergangenen zehn Jahren mit der Forschungsstelle viel erreicht: Wir konnten Wissen bereitstellen, das Interesse in der Stadtgesellschaft ist deutlich gewachsen, und vielen ist heute klar, welchen strukturell rassistischen Unrechtscharakter der Kolonialismus hatte. Zivilgesellschaftlich ist das Bewusstsein also stärker geworden.
Gleichzeitig ziehen sich politische Entscheidungsträger zurück. Sie machen das Thema nicht mehr zu ihrer Sache – auch, weil die AfD immer stärker wird und offen gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus arbeitet. Dadurch schwindet der politische Rückhalt, obwohl genau diese Ebenen über Fördermittel und finanzielle Unterstützung entscheiden.
Deshalb wurde in 2025 die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ geschlossen. Allerdings haben auch die Grünen die Entscheidungen mitgetragen, die zur Schließung der Forschungsstelle führten. Das Desinteresse in der Politik ist also nicht nur ein Problem der CDU oder CSU, sondern auch der SPD-Grünen-Regierung, die wir in Hamburg haben.
Es zeigt sich hier ein Spannungsfeld zwischen einer von unten getragenen Erinnerungskultur, die Aufarbeitung einfordert, und einer politischen Ebene, die sie zunehmend zurückfährt.
In kolonialen Kontexten herrscht stets ein massives Machtungleichgewicht.
Jürgen Zimmerer
WZ | Elias Feroz
In den vergangenen Jahren kam es dennoch zu Rückgaben von Objekten, auch solchen, die von der inzwischen geschlossenen Hamburger Forschungsstelle untersucht wurden. In der öffentlichen Debatte wird oft zwischen Sammlung, Ankauf, Fund und Raub unterschieden; selbst bei der Nofretete-Büste wird häufig behauptet, sie sei „legal“ erworben worden.
Jürgen Zimmerer
Die zentrale Problematik ist die koloniale Aneignung: In kolonialen Kontexten herrscht stets ein massives Machtungleichgewicht. Gewalt und Zwang sind strukturell vorhanden – ein wirklich „gewaltfreier“ Moment existiert nicht.
Bei der Nofretete-Büste war Ägypten de facto ein europäisches Protektorat unter britisch-französischer Kontrolle. Die sogenannte Fundteilungsregeln wurden von europäischen Akteuren festgelegt und von europäischen Beamten umgesetzt. Durch diese Regeln und Gesetze gelangten Objekte aus einem politisch abhängigen Land nach Europa. Unter diesen Bedingungen war die Ausfuhr nur „legal“, wenn man koloniales Recht weiterhin als gültige moralische Grundlage akzeptiert.
WZ | Elias Feroz
Recht und Moral ändern sich über die Zeit – doch heißt das, dass wir heutige Maßstäbe pauschal auf historische Fälle anwenden sollten?
Jürgen Zimmerer
In der deutschen Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen gilt als wichtige Erkenntnis: Auch wenn damalige Gesetze Raub, Enteignung oder die Aneignung jüdischen Eigentums formal ermöglichten, berufen wir uns nicht auf diese Gesetze, weil wir anerkennen, dass es sich um „Unrechtsrecht“ handelte – also Gesetze und Normen, die jedoch nicht als gerecht betrachtet werden können.
Beim Kolonialismus wird dieser Grundsatz weitgehend ignoriert. Eigentlich müssten wir sagen: Als Nachfahren und Profiteure kolonialer Herrschaft können wir uns nicht auf koloniales Recht berufen – das ist aus moralischer Sicht die einzig vertretbare Position. Von diesem Standpunkt aus ist klar: Die Nofretete steht illegitim in einem Berliner Museum.
Weltkultur müsste gleichmäßig über die Welt verteilt sein.
WZ | Elias Feroz
Es wird oft argumentiert, dass bestimmte Objekte, etwa die Nofretete, zum Weltkulturerbe gehören. Gleichzeitig werden sie durch nationale Ansprüche und staatliche Besitzlogiken an geografische Grenzen gebunden. Wie bewerten Sie diesen Widerspruch?
Jürgen Zimmerer
Der Gedanke des Weltkulturerbes ist grundsätzlich toll. Die Objekte sollen die ganze Welt erreichen. De facto können viele Menschen aus dem globalen Süden diese Objekte jedoch kaum sehen, sei es wegen finanzieller Hürden oder restriktiver Einreisebestimmungen. Weltkultur müsste gleichmäßig über die Welt verteilt sein. Deutsches oder europäisches Kulturerbe sollte also auch in Ägypten, Nigeria oder Pakistan ausgestellt werden. Tatsächlich aber konzentriert sich ein Großteil dieser Objekte im globalen Norden, wo wir sie als „Weltkultur“ definieren – weil wir auch die hauptsächlichen Konsumenten sind.
WZ | Elias Feroz
Museen sind auch Räume der Identitätsbildung mit pädagogischem Anspruch. Wie ist es zu verstehen, dass Institutionen weiterhin Raubobjekte behalten wollen?
Jürgen Zimmerer
Praktische Faktoren spielen eine große Rolle: Die Nofretete-Büste ist nicht nur ein Publikumsmagnet, sondern auch wirtschaftlich bedeutend für Berlin. Gleichzeitig geht es in Deutschland stark um Identität. Sie steht symbolisch für die Aneignung und Erforschung der Antike und das Selbstbild als „Land der Dichter und Denker“, überlagert aber die dunkleren Kapitel der NS-Geschichte. Auch im Humboldt Forum und auf der Museumsinsel wird die wissenschaftliche Leistung des 19. Jahrhunderts betont. Das ist aber auch ein subtiler Versuch, einen Schlussstrich unter die zwölf Jahre des Nationalsozialismus zu ziehen. Dabei wird die koloniale und verbrecherische Dimension der ethnologischen Sammlungen häufig vernachlässigt. Der Kolonialismus war durch epistemische Gewalt geprägt. Das heißt, dass Gewalt durch Wissen ausgeübt wurde – zum Beispiel, indem bestimmte Wissensformen unterdrückt, ignoriert oder als minderwertig oder falsch bewertet wurden. Wissenschaft und Museen fungierten demnach als Kollaborateure und entwickelten sich zugleich aus diesen Machtverhältnissen – das gilt auch für österreichische Institutionen.
WZ | Elias Feroz
Die Habsburger waren jedoch nicht sehr erfolgreich in ihrer Kolonialpolitik.
Jürgen Zimmerer
Und dennoch waren sie in koloniale Strukturen eingebunden. Wissenschaft zeigt deutlich, dass man nicht selbst formale Kolonien besitzen muss, um am Kolonialismus teilzuhaben und davon zu profitieren. Bei den berühmten Benin-Bronzen etwa ist das sichtbar: Die Deutschen haben sie nicht direkt gestohlen – das taten die Briten – dennoch profitierten deutsche Museen vom Raub. So profitieren auch österreichische Museen und Universitäten weiterhin von kolonialen Strukturen. Es ist wichtig, ein Bewusstsein hierfür zu schaffen.

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Infos und Quellen

Genese

Mit der Eröffnung des „Grand Egyptian Museums“ in Gizeh, dem größten archäologischen Museum der Welt, wurde eine alte Debatte erneut entfacht: Sollen europäische Museen, wie etwa das Ägyptische Museum in Berlin, Objekte, die während der Kolonialzeit erworben bzw. geraubt wurden, an die Herkunftsländer zurückbringen?

Daten und Fakten

  • In den vergangenen Jahren kam europaweit Bewegung in die Restitutionsdebatte: 2022 gab etwa das Naturhistorische Museum Wien zwei menschliche Schädel an Hawaii zurück – ein seltener Schritt in Österreich, der die koloniale Herkunft vieler Museumsbestände sichtbar machte. Deutschland ging im selben Jahr noch weiter, indem die Bundesregierung die Eigentumsrechte von mehr als 1.000 Benin-Bronzen an Nigeria übertrug. Diese Kunstwerke wurden 1897 von britischen Kolonialtruppen aus dem Königspalast des damaligen Königreichs Benin – im heutigen Nigeria – gewaltsam geraubt und gelangten über den Kunsthandel in zahlreiche europäische Museen. Kurz nach der Eigentumsübertragung folgten die ersten physischen Rückgaben: Außenministerin Annalena Baerbock überreichte im Dezember 2022 persönlich 22 Objekte in Abuja. Auch andere Länder reagieren – die Niederlande gaben ebenfalls in diesem Jahr 119 Benin-Bronzen an Nigeria zurück.
  • Trotz dieser Fortschritte bleiben zahlreiche Raubobjekte weiterhin in europäischen Museen. Die langsame Dynamik zeigt, wie umkämpft und schleppend Restitutionsprozesse nach wie vor verlaufen. Der Historiker Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg gehört zu den größten Befürworter:innen von Restitutionsarbeit und der damit verbundenen historischen Verantwortung. Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg und leitete dort von 2014 bis Frühjahr 2025 die „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Zu seinen Arbeitsgebieten gehören die Geschichte Afrikas, die (Post-)Kolonialgeschichte, die Historische Globalisierungsforschung, die Vergleichende Genozidforschung und das Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus, wie auch von Klimawandel, Umwelt und Gewalt.

Gesprächspartner

  • Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg, leitete rund ein Jahrzehnt lang die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. Sie war die erste ihrer Art in Europa, wurde jedoch im April 2025 geschlossen.

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