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Rauchfreie Generation: Kann Politik das Rauchen abschaffen?

5 Min
Großbritannien hat eines der strengsten Anti-Raucher-Gesetze der Welt beschlossen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Nie mehr legal Zigaretten kaufen: Großbritannien setzt mit einem Generationenverbot auf einen der radikalsten Schritte der Tabakpolitik. Der Vorstoß soll Leben retten – und stößt eine Debatte über die Wirksamkeit und Grenzen staatlicher Eingriffe an.


    • Großbritannien führt ein strenges Gesetz ein, das Tabakkäufe für nach 2009 Geborene dauerhaft verbietet, Rauchen bleibt aber erlaubt.
    • Suchtforscher Alfred Uhl warnt vor praktischen und ethischen Problemen solcher Verbote, etwa Schwarzmarkt und schwerer Durchsetzbarkeit.
    • In Österreich sinkt der Zigarettenkonsum, alternative Nikotinprodukte nehmen zu, ein generationenbezogenes Verbot ist kein Thema.
    • Großbritannien verbietet Tabakverkauf für nach dem 1.1.2009 Geborene ab 2027.
    • Malediven verbieten seit November 2025 Tabakkonsum für nach 2006 Geborene.
    • In Österreich steigt Nutzung von E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Snus.
    • Seit 1. April 2024 Verkauf von E-Zigaretten nur noch in Trafiken erlaubt.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Emilia* erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie das erste Mal an einer Zigarette gezogen hat: ihr 16. Geburtstag. Einfach, weil es damals „cool“ war, und weil alle ihre Freund:innen geraucht haben. Eine Mischung aus Mitlaufen und Gruppenzwang.

Einem solch leichten Einstieg ins Rauchen will Großbritannien entgegenwirken. Der Inselstaat hat letzte Woche eines der strengsten Anti-Raucher-Gesetze der Welt beschlossen: Wer nach dem 1. Jänner 2009 geboren wurde, darf dort bald nie mehr Tabakprodukte legal kaufen. Denn das Mindestalter für den Kauf wird ab 2027 jedes Jahr um ein Jahr erhöht. Brit:innen, die heute noch nicht 18 sind, können dieses also niemals erreichen. Das Rauchen selbst bleibt jedoch erlaubt. Gesundheitsminister Wes Streeting nannte den Beschluss einen „historischen Moment“ für eine erste „rauchfreie Generation“. Dem Gesetz fehlt nur noch die förmliche Zustimmung des Königs.

Doch wie viel Sinn ergeben solche Generationenverbote wirklich? Und wären andere Maßnahmen nicht sinnvoller?

Zwischen Skepsis und Zustimmung

Emilia ist heute 32 und raucht nur noch gelegentlich. Wenn sie mit Freund:innen an einem lauen Wiener Sommerabend beisammensitzt, dient die Zigarette als Genussmittel. Großbritanniens Vorstoß steht sie ambivalent gegenüber: „Das ist schon ein starker Eingriff ins Privatleben. Menschen finden außerdem immer Wege, um Verbote zu umgehen.“ Gleichzeitig merkt sie auch anhand ihres eigenen Konsums, dass Maßnahmen etwas bewirken können: „Seit Österreichs Rauchverbot in Lokalen rauche ich weniger.“

Die 27-jährige Sofie ist regelmäßige Raucherin und begrüßt das neue britische Gesetz: „Je schwieriger es wird, an Zigaretten zu kommen, desto weniger wird es zur Gewohnheit. Ein solches Verbot hätte mich zwar nicht vom Rauchen abgehalten, aber ich würde weniger rauchen, weil es mit einem größeren Aufwand verbunden wäre.“

Zwischen Schutz und Bevormundung

Alfred Uhl, Suchtforscher und stellvertretender Abteilungsleiter am Kompetenzzentrum Sucht der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), sieht generationenbezogene Tabakverbote kritisch: „Aus Public-Health-Sicht ist es eindeutig wünschenswert, die Raucherquote möglichst niedrig zu halten. Die zentrale Frage ist jedoch: Wie weit darf ein Staat in einer Demokratie Zwang ausüben, um Individuen vor sich selbst zu schützen?“, sagt er im WZ-Interview.

Neben der ethischen Frage stelle sich auch die praktische: „Die Erfahrungen mit illegalen Drogen zeigen, dass selbst strenge Verbote Konsum und Produktion nicht verhindern können.“ Die Folge seien oft Schwarzmärkte und organisierte Kriminalität. Auch bei Tabak bestünde laut Uhl dieses Risiko, wenn Preise zu stark steigen oder der Zugang zu stark eingeschränkt wird: „Das erinnert an die Alkoholprohibition in den USA, bei der massive kriminelle Strukturen entstanden sind, ohne das Problem nachhaltig zu lösen.“ Von 1920 bis 1933 war es in den Vereinigten Staaten verboten, Alkohol zu trinken. Trotzdem gab es durchgehend illegale Kneipen, und der Alkoholschmuggel wurde überwiegend von der amerikanischen Mafia gesteuert.

Ein weiteres Problem sei laut Uhl die Umsetzbarkeit: Um zu unterbinden, dass ältere Jahrgänge Zigaretten an jüngere weitergeben, müsste man laut dem Experten sehr strenge Strafen einführen – „was wiederum schwer zu rechtfertigen und praktisch kaum durchsetzbar ist“.

Grundsätzlich plädiert er dafür, gesundheitsschädliches Verhalten zu reduzieren und gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen zu schaffen. Gleichzeitig sei aber zu akzeptieren, „dass man Menschen, die sich selbst schaden, in den meisten Fällen weder ethisch gerechtfertigt noch praktisch wirksam zwingen kann, ihr selbstschädigendes Verhalten aufzugeben“.

Ein Blick auf andere Länder

Ähnliche Gesetze wie jenes in Großbritannien gibt es bislang kaum. Lediglich die Malediven gehen einen noch strengeren Weg: Sie verbieten seit letztem November nicht nur den Kauf und Verkauf, sondern auch den Konsum von Tabakprodukten für alle nach 2006 Geborenen – das gilt auch für Tourist:innen. Neuseeland hatte als Vorreiter bereits 2022 ein Verkaufsverbot für nach 2008 Geborene beschlossen, schaffte es 2024 aber nach einem Regierungswechsel noch vor Inkrafttreten wieder ab.

In Österreich ist ein generationenbezogenes Tabakverbot kein Thema. Nikotin ist aber weiterhin die am meisten verbreitete Sucht, wie der neue Epidemiologie- und Drogenbericht 2025 der GÖG zeigt. Während der Konsum von Zigaretten zwar zurückgeht, nimmt die Nutzung von E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Nikotinbeuteln („Snus“) zu.

Derzeit ist eine Novelle des Tabak- und Nichtraucher:innenschutzgesetzes in Vorbereitung, die auch ein Verbot von Einwegzigaretten beinhaltet. Seit 1. April dürfen E-Zigaretten und Nikotinbeutel zudem nicht mehr über Automaten, sondern nur noch in Trafiken und Fachgeschäften verkauft werden. Außerdem fallen diese Produkte künftig unter das Tabaksteuerrecht.

Zurück zu Emilia und Sofie. Sie hätten sich als Jugendliche wohl nicht von einem Tabakverbot abschrecken lassen. Die Gen Z raucht und trinkt zwar weniger, wie die internationale Schülerbefragung ESPAD 2024 zeigt. Dass die nächste Generation in Großbritannien nie zur Zigarette greifen wird, ist dennoch fraglich.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Emilia*, Raucherin
  • Sofie, Raucherin
  • Alfred Uhl, Suchtforscher und stellvertretender Abteilungsleiter am Kompetenzzentrum Sucht der Gesundheit Österreich GmbH

Daten und Fakten

  • In Großbritannien werden neben dem Generationenverbot auch die Regeln für E-Zigaretten verschärft: Vape-Verbote werden ausgeweitet, Werbung und Produkte stärker reguliert. Der Verkauf von Tabak-, Nikotin- und Vape-produkten wird künftig strenger kontrolliert. Verstöße gegen Verkaufsregeln können in England, Wales und Nordirland mit Geldstrafen von bis zu 2.500 Pfund geahndet werden.
  • In Österreich ist Nikotin weiterhin die am meisten verbreitete Sucht, wie der neue Epidemiologie- und Drogenbericht 2025 zeigt: Etwa 24 Prozent der Bevölkerung – rund 1,8 Millionen Menschen – konsumieren täglich nikotinhaltige Produkte. Während der Konsum herkömmlicher Zigaretten rückläufig ist, nimmt die Nutzung alternativer Produkte wie E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel zu. Elektronische Inhalationsprodukte werden von etwa sechs Prozent täglich oder nahezu täglich verwendet, oft zusätzlich zum klassischen Rauchen.
  • Vor allem bei Jugendlichen ist ein klarer Anstieg zu beobachten: 8,4 Prozent der Buben und 3,6 Prozent der Mädchen verwenden täglich Nikotinbeutel, und innerhalb des letzten Monats waren es sogar 16 Prozent aller Schüler:innen. Dabei ist die gleichzeitige Nutzung mehrerer Produkte keine Seltenheit. Gleichzeitig geben fast zwei Drittel der Raucher:innen an, darüber nachzudenken, mit dem Konsum aufzuhören.
  • Auf EU-Ebene wurden mit der (2.) EU-Tabakprodukterichtlinie (TPD II) aus 2014 die Vorschriften für Tabakerzeugnisse und E-Zigaretten in der EU harmonisiert. Diese EU-Richtlinie war in den EU-Mitgliedstaaten bis 2016 verbindlich umzusetzen. Sie enthält kein generationsbezogenes Tabakverbot.
  • Die Europäische Kommission bewertet den EU-Rahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums insgesamt als wirksam: Er habe wesentlich zum Rückgang von Rauchen und tabakbedingten Todesfällen beigetragen.
  • Seit 2012 ist die Raucherquote in der EU von 28 auf 24 Prozent gesunken, bei jungen Menschen sogar noch stärker.
  • Strengere Maßnahmen wie Werbeverbote, Gesundheitswarnungen und Produktregulierung gelten als zentrale Gründe für diese Entwicklung.
  • Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen durch E-Zigaretten, erhitzte Tabakprodukte und Nikotinbeutel, die besonders bei Jugendlichen verbreitet sind. Diese neuen Produkte könnten den Einstieg in Nikotinabhängigkeit erleichtern und teils auch den Übergang zum klassischen Rauchen fördern.
  • Digitale Werbung für Tabak- und Nikotinprodukte gilt als wachsendes Problem, da sie schwerer regulierbar und oft weniger sichtbar ist.
  • Die EU-Regeln haben zudem das Funktionieren des Binnenmarkts verbessert, etwa durch einheitliche Vorschriften zu Verpackung, Inhaltsstoffen und Rückverfolgbarkeit.
  • Die Kommission sieht dennoch Anpassungsbedarf: Der Rechtsrahmen soll an neue Produkte, Technologien und Konsumtrends angepasst werden. Eine Überarbeitung der EU-Tabakregeln ist für 2026 geplant.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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