Zum Hauptinhalt springen

Raus aus der Rohstoff-Erpressung

4 Min
Mathias Ziegler beleuchtet in seiner Kolumne alle zwei Wochen EU-Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Von Aluminium bis Wolfram: Europa muss bei den 34 kritischen Rohstoffen unabhängiger werden.


    • Die EU ist bei strategischen Rohstoffen stark von Importen, besonders aus China, abhängig und sieht darin ein geopolitisches Risiko.
    • Bis 2030 sollen 75 Prozent des europäischen Bedarfs an strategischen Rohstoffen durch Abbau, Verarbeitung und Recycling in Europa gedeckt werden.
    • Hürden wie geringe Recyclingquoten, fehlende Infrastruktur und politische Widerstände erschweren die Unabhängigkeit Europas bei kritischen Rohstoffen.
    • 34 kritische Rohstoffe laut EU-Liste, 17 davon strategisch wichtig
    • EU-Ziel ab 2030: 10 % des europäischen Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch eigenen Abbau decken, 40 % durch eigene Verarbeitung, 15 Prozent aus Recycling
    • Österreich bezieht 8 von 17 strategischen Rohstoffen hauptsächlich aus China
    • China besitzt fast 50 % der Vorkommen an Seltenen Erden
    • Österreichs Recyclingquote bei kritischen Rohstoffen: 40 % (Top 5 in Europa)
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Was haben Antimon, Gallium und Tantal gemeinsam? All diese Materialien (und noch etliche weitere) sind in deinem Smartphone verbaut. Und sie alle finden sich in der Liste der sogenannten kritischen Rohstoffe, die seit 2011 von der EU erstellt wird. Binnen 15 Jahren hat sich diese Liste mehr als verdoppelt: von ursprünglich 14 auf mittlerweile 34 Materialien, die einerseits wirtschaftlich enorm wichtig sind und andererseits ein hohes Versorgungsrisiko aufweisen. Und gut die Hälfte von ihnen sind eben auch in deinem Handy enthalten.

Innerhalb dieser 34 kritischen Rohstoffe von Aluminium bis Wolfram wurden auch noch 17 strategische Rohstoffe definiert, die unerlässlich für Schlüsseltechnologien in den Bereichen Verteidigung, Digitalisierung, Raumfahrt und Klimaschutz sind. Hier ist die Abhängigkeit vom EU-Ausland besonders groß. Die Versorgung Europas gilt bei 12 der 17 strategischen Rohstoffe als gefährdet oder sogar stark gefährdet. Österreich bezieht die Hälfte dieser Materialien hauptsächlich aus China, das auf fast 50 Prozent aller weltweiten Vorkommen der sogenannten Seltenen Erden sitzt.

Kritische Abhängigkeiten werden als geopolitisches Druckmittel eingesetzt.
Komplexitätsforscher Peter Klimek

Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Elementen, die jeweils nur in einer geringen Konzentration vorhanden sind, sodass der Abbau sehr aufwendig ist. Dementsprechend wertvoll sind diese Bodenschätze. Und dementsprechend wichtig ist auch die geostrategische Rolle, die sie spielen. „Wir haben nicht nur kritische Abhängigkeiten, sondern sie werden auch als geopolitisches Druckmittel gegen uns eingesetzt“, schildert der Komplexitätsforscher Peter Klimek vom Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII).

Das Ziel: 75 Prozent Selbstversorgungsgrad ab 2030

Europa habe zu lange zu wenig dagegen getan, kritisiert Katharina Rogenhofer, Vorständin des unabhängigen KONTEXT Instituts für Klimafragen. Doch nun bewegt sich die EU. Ein Maßnahmenpaket der Kommission definiert höchst ambitionierte Ziele für die nächsten fünf Jahre: Ab 2030 sollen nämlich 10 Prozent des europäischen Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch eigenen Abbau, 40 Prozent durch eigene Verarbeitung und 15 Prozent aus Recycling als Teil einer Kreislaufwirtschaft gedeckt werden. Macht also 75 Prozent Selbstversorgungsgrad. Und die EU soll von keinem Drittland zu mehr als 65 Prozent abhängig sein.



Mit Jessika Roswall gibt es sogar eine eigene EU-Kommissarin für eine wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft. Dieser ist allerdings bewusst, dass die verbleibende Zeit kurz und der Weg noch weit ist: „Europa ist abhängig“, stellt sie im Gespräch mit der WZ fest. Und vor allem der geringe Recyclinggrad bei kritischen Rohstoffen sei „erschreckend“. Dabei ist Österreich mit einer Recyclingquote von 40 Prozent unter den Top 5 in Europa.

Doch die Hürden bei der Wiederverwertung sind noch hoch. Der Transport von Recyclingmaterial von einem EU-Land ins andere dauert nicht nur lange, sondern ist auch gespickt mit Bürokratie. Und teilweise fehlen sowohl die Infrastruktur für einen europäischen Markt für Zweitverwertungen als auch das Vertrauen, dass es wirtschaftlich rentabel ist. „Eine große Herausforderung besteht auch darin, dieselbe Qualität zu erreichen wie beim Original“, sagt Roswall. Und solange es billiger ist, frische Rohstoffe aus Asien zu importieren, als bestehendes Material in Europa wiederzuverwerten, wird sich wenig ändern. Und bei manchen strategischen Rohstoffen ist die Nachfrage so enorm, dass es noch gar nicht genug Altmaterial gibt, das man recyceln könnte.

Bitte nicht vor unserer Haustür

Dazu kommt die politische Dimension. Denn während es bei einigen Rohstoffen tatsächlich nur wenige Länder gibt, in denen sie vorkommen, könnten andere zwar auch in Europa leicht abgebaut werden. Aber will man wirklich dabei die eigene Natur zerstören, wenn man das genauso gut im Ausland machen und dann das Produkt importieren kann? Dabei würde gerade ein Abbau in der EU mit strengeren Auflagen einhergehen, was letztlich das Endprodukt umweltschonender machen könnte.

Ein weiteres Problem ist die Weiterverarbeitung, für die in Europa oft die Kapazitäten fehlen, während etwa China mittlerweile längst nicht mehr nur Rohstoffe liefert, sondern fertige Produkte. Für Österreich, dessen Exportwirtschaft – allen voran Automobilzulieferer, Stahlindustrie und Maschinenbau – gut zur Hälfte von kritischen Rohstoffen abhängig ist und wo bereits 13 Prozent der Versorgung stark gefährdet sind, sieht Klimek allerdings auch die Chance einer „doppelten Dividende“. Dann nämlich, wenn in diesem Gefüge nicht nur Abhängigkeiten reduziert werden und die Nachhaltigkeit erhöht wird, sondern auch heimische Unternehmen mit ihrem Know-how zu Vorreitern werden können.

Ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen

In der Zwischenzeit rät Rogenhofer zu einem Mix aus verschiedenen Maßnahmen, um sich unabhängiger zu machen: Neben Kreislaufwirtschaft und Recycling kann man zum Beispiel auch durch den Materialbedarf reduzieren, etwa durch eine Steigerung der Materialeffizienz, alternative Materialien, Leichtbau, Miniaturisierung und eine Erhöhung der Langlebigkeit von Produkten, die dann später ersetzt werden müssen. Ein wesentlicher Hebel ist auch die Wiedernutzbarkeit von Bauteilen: Hat zum Beispiel ein E-Auto das Ende seiner Lebensdauer erreicht, weist der Akku vielleicht immer noch eine Speicherkapazität von 70 bis 80 Prozent aus – genug für ein zweites Leben als Speicher für eine Photovoltaikanlage.

„Die Versorgungssicherheit in Europa ist nur dann erreichbar, wenn wir alle Hebel einsetzen“, sagt Rogenhofer. Und Klimek ergänzt: „Wir haben in den vergangenen Jahren viel Zeit verloren.“ Die muss Europa jetzt dringend aufholen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Peter Klimek ist Physiker und Komplexitätsforscher am Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) in Wien.
  • Katharina Rogenhofer ist Vorständin des KONTEXT Instituts für Klimafragen in Wien.
  • Jessika Roswall ist EU-Kommissarin für Umwelt, Wasserresilienz und wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte