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Raussaniert? Wie Mieter:innen verdrängt werden sollen

6 Min
Aktuell gibt es in der Paulusgasse 5 kein Warmwasser zum heizen, duschen oder kochen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

In der Paulusgasse in Wien beklagen Altmieter:innen, dass sie aus ihren Wohnungen rausgeekelt werden. Der Hauseigentümer will den Altbestand zu Luxuswohnungen umbauen – die Inserate sind bereits online.


Die Müllcontainer quellen über, das Haustor steht offen. Im Innenhof stapeln sich Einkaufswägen, in den Gängen Abfall, in den Baugruben Sperrmüll. Um das weiße Zinshaus spannt sich ein eisernes Baugerüst. Im Haus drinnen ist es kalt, seit Mitte Oktober gibt es kein Gas mehr.

Noch sieht es nicht danach aus, aber in der Paulusgasse 5 im dritten Wiener Gemeindebezirk entsteht eine Luxusimmobilie. Die Inserate dazu sind bereits online. Von neuen, modernen und energieeffizienten Eigentumswohnungen ist die Rede, inklusive aufgestocktem Dachgeschoß und „Townhouses“ im Innenhof – Kaufpreis knapp zwei Millionen Euro. „Erstbezug des generalsanierten Altbaus“ liest man in den einzelnen Wohnungsexposés. Auch neue Balkone soll es geben.

Laut Website wurden einige Wohnungen bereits „erfolgreich verkauft“. Doch dem großen Profit stehen die Altmieter:innen im Weg. Sie wohnen schon lange an der Adresse, haben unbefristete Mietverträge. Sie berichten der WZ von „neuen Bewohner:innen“, die sie bedrängen, von Ratten, Mängeln auf der Baustelle und Polizeikontrollen.

Altmieter:innen: „Man will uns loswerden“

„Die Sache ist eindeutig: Wir sollen für die Luxusprojekte ausgemietet werden. Man möchte uns rausekeln. Und jetzt, wo wir kein Gas haben, nicht kochen, nicht heizen, nicht duschen können, haben sie uns in der Hand“, sagt Lisa. Ihren echten Namen will sie an dieser Stelle nicht lesen.

Zum Bauschutt mischt sich auch Sperrmüll.
Zum Bauschutt mischt sich auch Hausmüll.
© WZ

Lisa wohnt schon seit vielen Jahren in der Paulusgasse 5. Ihre Wohnung fand sie online in einem Exposé gelistet, inklusive Balkon, den es noch nicht gibt. Der WZ zeigt sie Videos von Ratten, die in den Baugruben nach Essensresten suchen, und von den „neuen Bewohnern“, die auf Mülltonnen herumspringen.

Von den „neuen Bewohnern“ ist im Gespräch oft die Rede. Gemeint sind damit die Bauarbeiter, die in den bis vor kurzem leerstehenden Wohnungen untergebracht sind. Lisa zeigt Fotos von einem Mann, der versucht die Tür zu einem von ihr angemieteten Abstellraum einzutreten, und einem anderen, der nachts auf dem Baugerüst vor ihrem Schlafzimmerfenster steht. Einige Altmieter:innen trauen sich nachts mittlerweile nicht mehr aus ihren Wohnungen.

Eigentümer: „Vorwürfe haltlos“

Für Christian Wagner-Zimmermann sind die Beschwerden der Altmieter:innen nicht nachvollziehbar. Er ist der Geschäftsführer des Immobilieneigentümers ST 3 Paulusgasse GmbH und Bauherr. Gegenüber der WZ sagt er: „Das Unternehmen legt Wert auf ein respektvolles Miteinander aller Beteiligten und ersucht um Verständnis für temporäre Beeinträchtigungen, die bei Bauarbeiten in Bestandsobjekten leider nicht immer vermeidbar sind.“

Die „neuen Bewohner“ leisten laut ihm gute Arbeit. Jedoch bestätigt Wagner-Zimmermann, dass es durch Verstöße gegen die Hausordnung bereits zu Kündigungen der Mietverträge gekommen ist – sofern man die Verantwortlichen ausfindig machen konnte.

Auch die Ratten aus dem Video gebe es laut Wagner-Zimmermann nicht und er verweist auf einen Kontrollbericht einer Schädlingsbekämpfungsfirma. Wagner-Zimmermann hält fest, dass das Projekt möglichst rasch und ausschließlich kostendeckend fertiggestellt werden soll.

Lage vor Ort: Besuch in der Paulusgasse

Während der Recherche ist die WZ mehrmals in der Paulusgasse 5. Einmal fliegen Holzbretter über Wohnungsfenster hinweg aus dem dritten Stock in die Baugrube. Laut Wagner-Zimmermann sei das am Bau üblich. Die Baupolizei nennt die Praxis „nicht rechtens“.

Die Baupolizei bestätigt der WZ außerdem, dass sie Mitte Oktober mehrere Mängel festgestellt hat, wie kaputte Geländer und Lichter, ein offener Elektroverteiler und der freie Zugang zum Dachboden. Daraufhin wurden kurzfristige polizeiliche Notstandseingriffe veranlasst, da die Verantwortlichen nicht rechtzeitig handeln konnten. Seitdem finden laufend Kontrollen statt. Auch die MA 48 erklärt gegenüber der WZ, dass sie den Altpapiercontainer wegen starker Verunreinigung und nicht vorhandener Mülltrennung entfernen mussten.

Der Hauseingang steht immer offen.
Der Hauseingang zur Paulusgasse steht immer offen.
© WZ

Zusätzlich kam es am 21. Oktober zur Beschädigung einer Gasleitung – die Schuttrutsche wurde an einem Gaszähler befestigt. Seitdem kann im ganzen Haus weder geheizt und gekocht noch warm geduscht werden.

Wagner-Zimmermann bestätigt den Vorfall, verneint aber einen Zusammenhang mit dem abgedrehten Gas. Die Leitungen seien schlichtweg alt. Man arbeite bereits an ihrer Sanierung, möchte vorerst aber mehrere Angebote vergleichen. Bis dahin wurden den Altmieter:innen Heizgeräte und Kochplatten von der Hausverwaltung zur Verfügung gestellt.

Was hier entstehen soll

Was in der Paulusgasse entstehen soll, zeigt eine eigens dafür angelegte Webseite. Derzeit sind 26 Eigentumswohnungen geplant, unter anderem im Dachgeschoß zusätzlich zu zwei Stadthäusern im Hinterhof. Daneben entstehen 26 voll möblierte „Anlegerwohnungen“ zur Kurzzeitvermietung. Investor:innen erwerben diese und können sich dann mit dem sogenannten „Sorglos-Vermietungs-Konzept“ zurücklehnen.

Hinweise auf die bestehenden unbefristeten Mietverträge findet man auf der Website des Wohnprojekts nur klein gedruckt, versteckt in einzelnen Wohnungsgrundrissen.

Als die WZ als potenziell interessierte Käuferin beim Maklerbüro anruft, heißt es, dass noch nicht klar ist, ob die Altmieter:innen im Haus bleiben. Man arbeite daran, sich zu einigen – eventuell würde man ihnen Geld für den Auszug anbieten.

Wagner-Zimmermann bestreitet das Vorhaben: „Die Eigentümerin hat kein Interesse daran, irgendjemanden auszumieten.“ Die Wohnungsinserate der aktuell unbefristet vermieteten Wohnungen seien „ein Marketingfehler“. Nach der WZ-Anfrage verschwinden sie plötzlich von der Website.

Der Bezirk schaut zu

Auch im Bezirksvorstand der Landstraße (SPÖ) kennt man die Paulusgasse bereits. Gegenüber der WZ heißt es aus dem Büro, dass die Liegenschaft unter Beobachtung stehe – Mitte Oktober seien Mängel festgestellt und gestraft worden. Zwar dulde man im Bezirk weder illegale Bauführung noch sanitäre Übelstände, jedoch gibt es keine Möglichkeiten, in privatrechtliche Verhältnisse einzugreifen.

Die stellvertretende Bezirksvorsteherin, Siegrid Widhalm von den Grünen, kritisiert das scharf: „Beschwerden werden weitergereicht, statt aktiv zu handeln. Die Anrainer:innen erwarten sich zu Recht, dass der Bezirk mehr in seinem möglichen Handlungsspielraum agiert und eingreift, statt nur zuzuschauen."

Georg Prack, Wohnsprecher der Grünen Wien, fordert die Stadt Wien zum Handeln auf: „Die Stadt muss schärfer gegen Spekulation mit Wohnraum vorgehen und alle Möglichkeiten nutzen, um die verbleibenden Bewohner:innen der Paulusgasse 5 zu schützen.“ Das ginge laut Prack von der Unterstützung durch die Mieter:innenhilfe, über Eingriffe wie die Zwangsverwaltung, bis zur Enteignung von Spekulanten nach dem Stadterneuerungsgesetz. „Sonst bleiben Mieter:innen der Spekulation schutzlos ausgeliefert.“

Die Paulusgasse bleibt vorerst kalt

Zurück in die Paulusgasse, auf der Website des Immobilienprojekts wird aktuell fleißig weiter geworben: „Hier verschmelzen historische Eleganz und zeitgemäßer Wohnkomfort.“ Vier Objekte sind laut Webseite bereits verkauft, vierzehn weitere reserviert – neun davon als Anlegerwohnung.

Einzelfall ist die Paulusgasse 5 keiner. Laut einer Studie der Arbeiterkammer in Zusammenarbeit mit der TU Wien gehören Schikanen und Einschüchterungen, langwierige Baustellen, prekäre Vermietung, nicht-reparierte Haustore sowie die Einquartierung unerwünschter Personen zu den gängigen Methoden, um Altmieter:innen loszuwerden.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der WZ-Recherche hat Lisa immer noch kein Gas. In ihrer Wohnung hat es zeitweise 14 Grad. „Es ist wirklich unmenschlich. Ich weiß nicht mehr, an wen ich mich noch wenden soll“, sagt sie.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Bewohner:innen und Anrainer:innen der Paulusgasse 5
  • Christian Wagner-Zimmermann, Geschäftsführer „ST 3 Paulusgasse GmbH“
  • „BS Real 360 GmbH“, Hausverwaltung der Paulusgasse 5
  • „Lin B&A GmbH“, Generalunternehmer und Baumeister der Paulusgasse 5
  • Michael Riedler, Makler des Wohn- und Investmentprojekts „Paulus 5“
  • Magistratsabteilung 37 – Baupolizei
  • Magistratsabteilung 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark
  • Finanzpolizei
  • Polizei Landstraße
  • Wiener Netze
  • Wirtschaftskammer Österreich (WKO)
  • Markus Liebsch, Büroleiter Bezirksvorstehung Landstraße
  • Siegrid Widhalm, Grüne Wien, stellvertretende Bezirksvorsteherin Landstraße
  • Georg Prack, Grüne Wien Klubvorsitzender, Sprecher für Wohnen

Daten und Fakten

  • Die Liegenschaft befindet sich im Besitz der „ST 3 Paulusgasse GmbH“.
  • Die Eigentümerin der „ST 3 Paulusgasse GmbH“, deren Alleingesellschafterin, die Scopus Treuhand GmbH (Deutschland), ignorierte unsere Anfrage.
  • Die neuen Wohnungen finden sich bereits zum Verkauf in den jeweiligen Exposés, obwohl diese unbefristet vermietet sind. Rechtlich gesehen ist das erlaubt: Eine vermietete Wohnung darf ohne Zustimmung der Mieter:innen verkauft werden, der bestehende Mietvertrag geht auf den neuen Eigentümer oder die neue Eigentümerin über.
  • Die Website des Immobilienprojekts stellte die unbefristet vermieteten Wohnungen nach WZ-Anfrage offline, jedoch sind diese über ein Archiv nach wie vor abrufbar.
  • Generalunternehmer/Baumeister ist die „Lin B&A GmbH“. Gegenüber der WZ geht sie davon aus, dass beim Fensterwurf des Bauschutts sämtliche sicherheitsrechtlich relevanten Vorgaben eingehalten wurden, indem (die Baugrube) baulich abgesperrt und für Unbefugte unzugänglich ist. Die WZ konnte das Wohnhaus zum Zeitpunkt des Fensterwurfs jedoch uneingeschränkt betreten.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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