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Rechtsextremismus: Hanau ist überall

7 Min
Eine Collage mit den Opfern des Hanau-Attentates und dem Gedenkspruch "Say their names"
Das Attentat in Hanau prägt auch vier Jahre später unzählige Lebensrealitäten.
© Illustration: WZ

Das Attentat in Hanau jährt sich heuer zum vierten Mal. Es erinnert uns daran, dass Menschen mit Migrationshintergrund gefährdet sind.


Am 19. Februar 2020 erschießt der rechtsextreme Attentäter Tobias R. im hessischen Hanau gezielt neun Menschen. Neun Menschen mit Migrationshintergrund, deren Aussehen er als „nicht deutsch“ einordnet. Der Terroranschlag von Hanau gilt als das schwerste rechtsextreme Attentat in Deutschland seit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor über 20 Jahren.

Ich wage an dieser Stelle einmal zu behaupten, dass viele von euch, liebe Leser:innen, sich entweder nicht mehr an Hanau erinnern können, oder dass ihr euch jetzt fragt, warum genau ich diesen Tag in Erinnerung rufen möchte. All das ist komplett verständlich. Ein Attentat, vier Jahre her, in Deutschland. Es ist weit weg, lange her, es betrifft einen nicht unmittelbar. Mich persönlich hat der 19. Februar allerdings nie losgelassen. Ich spreche hier stellvertretend für unzählige Menschen in Deutschland und Österreich, für Menschen mit Migrationsbiografie. Dieses Datum steht repräsentativ für so viele Lebensrealitäten, die Teil unserer Gesellschaft sind.

Erstmal zur Einordnung, was in dieser Nacht geschehen ist: Der rechtsextreme Attentäter Tobias R. zieht am Abend des 19. Februar 2020 los, um gezielt Menschen, die in seinen Augen „nicht deutsch“ aussehen, zu erschießen. Zuerst feuert er in der Bar „La Votre“ und danach in der Shisha-Lounge „Midnight“ im Zentrum von Hanau. Beide Lokale werden vorwiegend von Menschen mit Migrationshintergrund frequentiert. R. tötet am Tatort neun Menschen: Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi. Danach fährt er nach Hause, erschießt seine Mutter und richtet sich schlussendlich selbst. Seine Opfer kommen aus kurdischen, türkischen, bosnischen, rumänischen, bulgarischen und afghanischen Familien.

Viele Fragen aus der Tatnacht bleiben offen

Das deutsche Bundeskriminalamt stufte die Morde des von paranoiden Wahnvorstellungen geprägten Täters als rechtsextrem und rassistisch motiviert ein. Der Hanau-U-Ausschuss, der von Angehörigen der Opfer gefordert wurde, beklagte Behördenversagen in jener Nacht: Warum durfte der den Behörden bereits bekannte Attentäter seine Waffenerlaubnis behalten? Warum war der Notruf in der Tatnacht unterbesetzt? Warum war der Notausgang der „Arena Bar” verschlossen? Auch beklagen die Angehörigen fehlende Sensibilität, Betreuung und Informationsmangel beim Verlesen der Todesnachrichten – dieses Versagen hatte die hessische Polizei allerdings eingeräumt.

Bis heute übernehmen die hessischen Behörden keine Verantwortung für ihre Fehler
Newroz Duman, Sprecherin „Initiative 19. Februar”

Fakt ist: Die Angehörigen fühlen sich auch vier Jahre später allein gelassen und enttäuscht. „Trotz all der Aufmerksamkeit, trotz U-Ausschuss, haben wir es bis heute nicht geschafft, dass die hessischen Behörden für ihre Fehler Verantwortung übernehmen” erklärt Newroz Duman, Sprecherin der „Initiative 19. Februar”, in der sich Überlebende, Angehörige sowie ihre Unterstützer:innen zusammengeschlossen haben. „Es reicht nicht, zu sagen, dass der Täter tot ist und somit hat sich die Sache. Wir wollen aufzeigen, dass das keine Einzelschicksale waren. Das ganze hat Struktur, wir leben in einer Gesellschaft, in der das möglich war.”

Das waren doch keine Fremden

Gesellschaftlich war damals die Rede von einer „fremdenfeindlichen Attacke.” Mein erster Gedanke, damals wie heute: Das waren doch keine Fremden. Um die Dimension offenzulegen: Allein in Wien hat jede vierte Person Migrationshintergrund, es handelt sich hier nicht um eine kleine Randgesellschaft. Das waren Menschen wie ich, die zwar eine andere Herkunft haben, aber hier aufgewachsen sind. Die hier zur Schule gegangen, studiert, gearbeitet haben. Sie waren ein Teil dieser Gesellschaft – aber nicht für alle.

Die unterschiedlichsten Emotionen schießen mir durch den Kopf: Glück, Trauer, Sorge und Wut. Glück, weil ich selbst, trotz meines Migrationshintergrunds, wahrscheinlich nicht Opfer dieser oder ähnlicher Taten geworden wäre: Ich bin in Polen geboren, in Österreich aufgewachsen – man sieht mir meine Herkunft nicht an, ich bin weiß, ich habe keinen allzu „ausländisch” klingenden Namen, ich könnte locker als autochthone Österreicherin durchgehen. Sorge, weil die Opfer meine Freund:innen hätten sein können, von denen viele eben nicht wie autochthone Österreicher:innen oder Deutsche aussehen. Sorge, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnten. Trauer darüber, dass Menschen gestorben sind, die mich an mein nahes Umfeld erinnern, deren Namen zu schnell in Vergessenheit geraten sind. Und Wut. Wut darüber, wie mit rechtsextremen Taten umgegangen wird. Auch von uns Journalist:innen. Wir steuern den Diskurs durch unsere Berichterstattung und Wortwahl maßgeblich mit.

Welches Bild entsteht in unseren Köpfen, wenn wir den Begriff „Terroranschlag” hören? Ich sage es einmal frei heraus: ich denke als erstes an einen islamistisch motivierten Anschlag, einen in dunkle Kleidung gehüllten Mann, einen Selbstmordattentäter, der unschuldige Menschen erschießt, möglicherweise Teil oder Sympathisant einer radikalislamistischen Gruppierung. Wir erinnern uns alle noch gut an den Terroranschlag in Wien am 2. November 2020, bei dem ein islamistischer Attentäter aus seiner radikalen Motivation heraus wahllos vier Menschen erschossen hat. Die Tat ist uns in Erinnerung geblieben, weil es uns alle hätte treffen können. Es war islamistischer Terror und wurde medial zurecht als solcher bezeichnet.

Welcher Terrorist ist psychisch stabil?

Bei rechtsextrem motivierten Taten wird medial fast immer von psychischen Problemen gesprochen, auch im Falle von Tobias R. Niemand, der so eine Tat verübt, ist psychisch stabil, wage ich einmal zu behaupten. Niemand, der grundlos andere Menschen tötet, kann das rechtfertigen. Ich will keine Headlines mehr lesen, die sich wie ein Coming-Of-Age-Roman einer heroischen Märchengestalt („Mit dem Gewehr über der Schulter“) anhören, oder Umfragen in der Nachbarschaft darüber, was „für ein lieber Junge der Täter doch gewesen sei“ lesen.

All das ist brandgefährlich, für jeden von uns. Betiteln wir all diese Täter doch bitte, als das was sie sind: Terroristen. Zurück zu Hanau: Der Vater des Terroristen Tobias R. bedroht übrigens nach wie vor die Angehörigen der Opfer seines Sohnes: Er lauert ihnen auf, bezeichnet die Erinnerungskultur von Hanau als „Volksverhetzung“. R. war ein Einzeltäter, mit seiner Gesinnung ist er allerdings nicht alleine.

Auch nicht in Österreich: In den vergangenen Wochen hat es Hausdurchsuchungen und Festnahmen im Bereich des Rechtsextremismus gegeben: So wurden bei einem Festgenommenen unter anderem Schusswaffen und NS-Devotionalen gefunden. Der Wiener schrieb in Vergangenheit in einem Chat über „Sprengstoffattentate auf Juden und Muslime.“ Im Juli sind bei Hausdurchsuchungen in Niederösterreich hunderte Waffen und NS-Gegenstände in rechtsextremen Rockern-Kreisen sichergestellt worden. In fast allen EU-Ländern gewinnen Rechtspopulisten an Zustimmung und Macht.

Potsdam löste Unbehagen in mir aus

Oder auch die Extrembeispiele: Wenn ich an das geheime Treffen von radikalen Rechten in Potsdam im November denke, bei dem Massenabschiebepläne geschmiedet wurden, löst das Unbehagen in mir aus – ich lebe seit 25 Jahren in Österreich, besitze die Staatsbürgerschaft allerdings nicht – was würde in diesem dystopischen Szenario mit mir passieren? Ich verwende den Ausdruck dystopisch, realistisch gibt es aber genug Menschen da draußen, die diese Szenarien unterstützen würden.

Zum Glück gibt es allerdings genug Gegenstimmen zum steigenden Rechtsruck in Europa. Rund 80.000 Menschen haben im Jänner in Wien unter dem Motto „Demokratie verteidigen“ gegen Rechtsextremismus und Rassismus demonstriert. Wir müssen verstehen, dass Anschläge wie in Hanau keine traurigen Einzelfälle waren, sondern, dass wir strukturell gegen solche Gesinnungen vorgehen müssen. Wir müssen auch verstehen, dass, obwohl wir alle Teil derselben Gesellschaft sind, uns, in unterschiedlichen Lebensrealitäten aufhalten und diese auch gesehen und gehört werden müssen. Hanau war kein Einzelfall vor vier Jahren in Deutschland, Hanau ist überall.

In Gedenken an Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi