)
Zum Weltkatzentag am 8. August: Wie Katzen ihre Kommunikation an Menschen anpassen - und umgekehrt.
Schnurr, murr und knurr: Das sind die drei Gemütszustände. Schnurr steht für glücklich, zufrieden, fröhlich, amüsiert (schnurr!), begeistert (schnurrschnurrschnurr!!!), befriedigt oder entspannt (schnuuuurr), bringt aber auch Appetit zum Ausdruck. Murr wiederum signalisiert je nach Tonlage eine fragend-neugierige oder neutrale Haltung. Es markiert Anwesenheit, kann aber auch Langeweile vermitteln und kippt im äußersten Fall in eine Warnung vor Knurr. Knurr legt den Schalter um. Es tritt bei Grenzüberschreitungen in Aktion und macht Missbilligung, Ablehnung oder Aggression deutlich. Und dann gibt es da noch einen Zwischenzustand – Maunz. Bemaunzen lässt sich so ziemlich alles, ob aus (Selbst)zweifel, Ratlosigkeit, Leiden, als Jammerei über die Zustände, oder um einfach nur ein Gespräch in Gang zu bringen.
- Für dich interessant: Die Wohltat des Singens
Soweit eine individuelle Sicht auf die „Miauologie“. Dieses Spezialgebiet der Sprachwissenschaft erforscht den sich ausbreitenden Spleen von Katzenhalter:innen, ihren felligen Freund:innen komplexe Bedeutungen ins Maul zu legen, beziehungsweise sich selbst murrend oder schnurrend zu artikulieren. „Cat Content“, also Inhalte im Internet, die sich um Katzen drehen, sind voller Zuschreibungen und Sprachspiele, die der Wahrnehmung katzenverliebter Menschen entspringen. Das beginnt mit Imitationen und Interpretation verschiedener Arten zu miauen und reicht bis zu Podcasts und Neigungsgruppenliteratur.
Wortschatz der „Miauologie“
In einem Buch hat die Grazer Sprachsoziologin Edith Podhovnik den menschengemachten katzotischen Wortschatz erforscht – freilich mit Augenzwinkern. So stünde ein „Miezvertrag“ für den Eindruck, dass der Mensch nur von felinen Gnaden in seiner Wohnung lebt. Eine „Pantherisierung“ wiederum ist jener Freiheitsentzug, der sich einstellt, wenn eine schwarze Katze auf den Schoß springt und es sich dort so gemütlich macht, dass an Aufstehen gar nicht zu denken ist. Im englischen Sprachraum, wo Schnurr purr und Pfote paw heißt, ist die Hauskatze Felis catus sogar belesen. So heißt der Intrigant Polonius in William Shakespurr’s „Hamlet“ in (katzotischer) Wahrheit Pawlonius.
Bei so viel Hingabe und Projektion ist es kein Wunder, dass Forschende nach Klarheit suchen. Sie interessiert, was in den Tieren tatsächlich vorgeht. Während die Katzensprache in Zeiten vor dem Internet wissenschaftlich wenig beachtet war, ist sie heute ein Forschungsgebiet mit soliden Ergebnissen. Der Wortschatz von Felis catus ist nämlich größer als der ihrer weitgehend stummen, wilden Verwandten.
Ein Miau ist kein Miau
Was also will uns unsere Katze sagen? Ob ein leises Miau zur Begrüßung, ein verhaltenes Knurren zur Warnung, ein Greinen nach Futter oder ein schläfriges Schnurren: Phonetiker:innen haben Katzenlaute, die akustische und kontextuelle Eigenschaften gemeinsam haben, in mehr als 20 Gruppen eingeteilt, darunter Miauen, Zischen, Trillern, Jaulen oder Schnattern, und jede Kategorie hat ihre eigenen Variationen.
„Katzen lernen, dass wir Menschen sprechen und modulieren, und benutzen aus diesem Grund selbst verschiedene Laute in der Kommunikation mit uns, abhängig davon, was sie uns sagen wollen“, berichtet Susanne Schötz vom Zentrum vor Menschen-Katzen-Kommunikation der schwedischen Universität Umea in einem Fernsehinterview. Zwar kenne Felis catus keine grammatikalische Sprache, sehr wohl aber habe sie einfache Begriffe innerhalb der genannten Lauttypen. Das heißt: Ein Miau ist kein Miau. Beim Tierarzt senkt die Katze den Ton am Ende, beim Warten aufs Frühstück hebt sie ihn an.
Katzen kennen ihre Menschen und hören auf ihre Namen – obzwar sie nicht immer reagieren, wenn wir sie rufen. Schötz und ihr Team haben untersucht, ob unsere felinen Freund:innen sich an die Sprache ihrer Halter:innen anpassen und somit so etwas wie regionale Dialekte annehmen. Die Antwort ist jein. Zwar kennen Katzen keine Dialekte im herkömmlichen Sinn, doch mit fortschreitendem Zusammenleben können die „Gespräche“ zwischen ihnen und ihren Menschen zu immer komplexeren Dialogen heranwachsen.
Katzenvideos gesucht
Ähnlich wie Menschen gestikulieren, mit den Schultern zucken, die Stirn runzeln oder die Augenbrauen heben, vermitteln Katzen mit ihrem Fell und ihren Schnurrhaaren Botschaften: Ein zuckender Schwanz verkündet Nervosität, angelegte Ohren signalisieren Angst, ein langsames Blinzeln verspricht Frieden, ein Augenzwinkern die Vertraulichkeit eines Lächelns. Diese Körpersprache der Katzen will die deutsche Ruhr-Universität Bochum besser verstehen. Neurowissenschaftler:innen rufen Katzenhalter:innen dazu auf, ihre Tiere mit dem Handy im Bezug auf Schwanzbewegungen, Schlafposition und Pfotenpräferenz zu filmen. Denn auch Katzen bevorzugen eine bestimmte Seite: Sie teilen sich in Linkspfoter:innen und Rechtspfoter:innen, oder Linkschläfer:innen und Rechtsschläfer:innen. Nun soll herausgefunden werden, welche Prozesse sich dabei im Gehirn abspielen.
Wissenschaftler:innen der britischen Universität Sussex haben noch einen weiteren Aspekt der Katzenkommunikation untersucht. Die Tierpsychologin Karen Mccoomb wollte wissen, warum sie selbst das morgendliche Schnurren ihrer eigenen Katze nicht ignorieren kann, sondern dieses in ihr das dringende Gefühl auslöst, aufstehen zu müssen, um sie zu füttern. Sie zeichnete das Morgenschnurren zahlreicher Exemplare als Tonspuren auf. Wie sich herausstellte, schwingt in dem an sich tiefen Schnurrgeräusch bei Hunger in der Früh eine hohe Note mit – und zwar auf 380 Hertz oder einem mittleren G. Danach stellte Mccoomb fest, dass die Tonlage mit der eines schreienden Babys vergleichbar ist.
„Felis catus ist eine geschwätzige Art, die ihre Stimme im Laufe der Jahrtausende der Domestizierung auf die Primaten, die ihnen den Kühlschrank öffnen, ausgerichtet hat“, schreibt der kanadische Romanautor Deni Ellis Bechard in einem Fachartikel im Magazin Scientific American. Um ihre Sprache besser zu verstehen, haben Vertreter:innen der Neigungsgruppe „Miauologie" sogar eine App entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz angeblich Katzensprache für Menschen in Texte umwandelt. Laut der Website haben unsere felligen Freund:innen sogar einen Laut für „Ich bin verliebt!“. Ich sage schnurr. Und alles Gute zum Weltkatzentag am 8. August!
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Der Weltkatzentag findet am 8. August statt. Er wurde 2002 vom Internationalen Tierschutzfonds (IFAW) ins Leben gerufen, um auf die Bedürfnisse und eine artgerechte Haltung von Katzen aufmerksam zu machen und ihren Schutz zu fördern.
- Ein chinesisches Technologieunternehmen namens Baidu arbeitet daran, Miauen mithilfe von künstlicher Intelligenz in menschliche Sprache zu übersetzen. Es sammelt Stimmlaute, Verhaltensmuster und physiologische Signale und übersetzt diese in Bilder, mit Hilfe derer eine KI den emotionalen Zustand des Tieres erkennen und in menschliche Sprache übersetzen soll. Wenn die Arbeiten fruchten, könnte vielleicht das Smartphone irgendwann Miauen in Textnachrichten konvertieren. Es bleibt abzuwarten, ob die Kombination der Daten die Aussagen des Tieres vereinfacht oder verkompliziert.
- Die geschichtliche Entwicklung von der Wild- zur Hauskatze kann bis heute nicht eindeutig nachvollzogen werden. Fest steht, dass Katzen bereits rund 9000 vor Christus mit Menschen zusammengelebt haben. In diesem Zeitraum ist der Beginn der Landwirtschaft in der heutigen Türkei, Ägypten, Syrien, dem Iran und Irak anzusiedeln. Mit der damit einhergehenden Lagerung von Getreide wurden Katzen durch die verstärkt auftretenden Mäuse angelockt. Infolgedessen erkannten die Landwirte den Nutzen der Tiere und lernten die Katze wertzuschätzen. Neuere Analysen von Grabfunden aus Zypern aus der Zeit um 9500 vor Christus legen nahe, dass die Katzen sogar schon früher bei uns eingezogen sind.
- Die Falbkatze oder Afrikanische Wildkatze (Felis silvestris lybica) kommt in Afrika und ist die wildlebende Stammform der Hauskatze (Felis catus).
Quellen
- Ruhr-Universität Bochum: Katzenvideos machen für die Forschung
- Purrieties of Language: How We Talk about Cats Online, Edith Podhovnik, Cambridge University Press, April 2023, ISBN: 9781108918909
- Scientific American: What Is Your Cat Trying to Say? These AI Tools Aim to Decipher Meows
- BBC: Three ways cats can control our minds
- The Harvard Gazette: So why does Mr. Whiskers meow?
- Comparative Psychology/NIH Nat Library: What’s in a Meow? A Study on Human Classification and Interpretation of Domestic Cat Vocalizations
- Forschungsprojekt der Universität Lund: Melody in Human-Cat-Communication (Meowsic)
- APA PsycArticles: Classification of domestic cat (Felis catus) vocalizations by naive and experienced human listeners
- Vetenary Healthcare: Cat Slow Blinking: Why Your Cat Blinks Slowly at You
- Petrebels: Ein Minikurs in Katzensprache
- Meow Factor: Blog in Miauologie
Das Thema in der WZ
- Warum uns Katzen glücklich und gesund machen
- Wenn Katzen trösten: Tiergestützte Pflege im Hospiz
- Social Media-Video: Therapiekatzen
Das Thema in anderen Medien
- BBC: The answer to a cat's loud meow might be buried in its genes
- Reuters: China's Baidu looks to patent AI system to decipher animal sounds
- The Guardian: Cat got your tongue? Study to examine if pets adopt owner's Accent
- sience.orf.at Miaulogie: Wie Katzen im Internet „sprechen"
- Deutschlandfunk Kultur: Wie gut verstehen uns Hunde und Katzen wirklich?
)
)