Zum Hauptinhalt springen

Reduziert Euch!

7 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Über Ozempic, die Erschlankung von Celebrities und warum es wichtig ist, darüber zu sprechen


Vor einigen Jahren noch tanzte (die zwischenzeitlich erschlankte) Lizzo über die Bühne und sang darüber, wie sie sich in ihrem dicken Körper „Good as Hell“ fühlte. (Die zwischenzeitlich erschlankte) Meghan Trainor sang in All about that Bass „I am bringing booty back“ und dass sie „all the right junk in all the right places“ habe. Auf den Laufstegen der Welt fanden sich – selbstverständlich allesamt normschöne und sanduhrförmige – Plus-Size-Models, und Firmen warben mit Body-Positivity-Slogans. (Die zwischenzeitlich erschlankte) Adele war einer der größten Popstars und (die zwischenzeitlich erschlankte) Melissa McCarthy war in jeder zweiten Hollywood-Komödie zu sehen, natürlich so gut wie immer in der Rolle der lustigen Dicken, und (die zwischenzeitlich erschlankte) Rebel Wilson ebenso.

Keine Kommentare über Körper

Die Body Positivity der 2010er-Jahre ging einher mit einer Reihe von Slogans und Stehsätzen, wie das Social-Justice-Bewegungen im Zeitalter von Social Media immer tun. Einer davon war die Regel, dass man keine Kommentare über Körper anderer abgeben dürfe, auch dann nicht, wenn einem das, was man sieht, irgendwie ungesund vorkommt.

Das mag auf individueller Ebene auch sinnvoll sein, insbesondere wenn man der jeweils anderen Person nicht nahesteht und wenig bis nichts über den Kontext derer weiß, die man kommentiert. Versteh mich nicht falsch: Wenn ich innerhalb kürzester Zeit sehr viel zu- oder abnehme, möchte ich darauf vertrauen, dass Menschen in meinem nächsten Umfeld das sehr wohl bemerken und ansprechen. Immerhin kann der Angelegenheit ein ernsthaftes gesundheitliches Problem – psychischer oder physischer Natur – zugrunde liegen. Fremden auf der Straße oder Fremden im Internet steht aber tatsächlich keinerlei Kommentar über meinen Körper zu – auch nicht unter dem Vorwand, sich gesundheitlich zu sorgen.

Schließlich weiß man mit einer Blickdiagnose sehr wenig über eine andere Person. Man weiß nichts über ihren physischen Gesundheitszustand, nichts über Stoffwechsel oder Blutwerte oder über etwaige Medikamenteneinnahme, die eine Zu- oder Abnahme befördert. Man weiß nichts über den psychischen Gesundheitszustand einer Person, der das Ess- und Bewegungsverhalten beeinflusst. Man weiß nichts über genetische Prädispositionen, nichts über Lebensverhältnisse, nichts über etwaige chronische Erkrankungen. Über die Körper individueller Personen, die man nicht kennt, zu urteilen – auch über jene, die in der Öffentlichkeit stehen – ist also meist keine gute Idee und im schlimmsten Fall hochgradig verletzend. Darüber zu mutmaßen, warum Menschen ab- oder zunehmen, und ob ihr Gewicht gesund sei oder nicht, auch nicht.

Geballte Erschlankung

Gleichzeitig ist es wichtig, auf einer strukturellen Ebene Tendenzen und Trends in der Veränderung von Körpernormen zu erkennen – und diese wenn nötig einer kritischen Betrachtung zu unterwerfen. Denn es erschlanken aktuell nicht nur vereinzelte Celebrities, sondern halb Hollywood: Lizzo, Amy Schumer, Oprah Winfrey, Christina Aguilera, Meghan Trainor, Melissa McCarthy, Rebel Wilson, Kelly Clarkson, Kathy Bates, Whoopi Goldberg, Kelly Osbourne, Missy Elliott, Jennifer Hudson, Selena Gomez und viele andere.

Öffentlich sichtbare Frauenkörper – jene von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Moderatorinnen – nehmen gerade im Rekordtempo und in oft tatsächlich besorgniserregendem Ausmaß ab. Ohne individuell über Personen zu mutmaßen und zu urteilen, sollten wir diese kollektive Erschlankung in ihrer Geballtheit daher nicht ignorieren, sondern als strukturelles Problem hinterfragen. Einerseits, da sie uns etwas über den kulturellen und politischen Kontext lehrt, in dem sie stattfindet. Andererseits, weil es nicht egal ist, mit welchen Körpernormen junge Frauen und Mädchen aufwachsen und welche auf uns alle wirken – denn tatsächlich sind nicht alle dieser normativen Anforderungen und Schönheitsideale gleich gesund.

Grund für die Erschlankung sind in den allermeisten Fällen im übrigen GLP1-Hemmer, also Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy. Sie hemmen den Appetit und führen so zu einer geringeren Kalorienzufuhr.

Für das größte Aufsehen in Sachen Gewichtsabnahme sorgten in den letzten Wochen die beiden – ohnehin schon immer sehr schlanken – Co-Stars des Hollywood-Blockbuster-Musicals „Wicked“ Cynthia Erivo und Ariana Grande. Auf Social Media wurde gemutmaßt, ob sie an einer Essstörung leiden würden, ob sie Abnehmspritzen „missbrauchen“ würden, um noch dünner zu werden, als sie ohnehin schon sind, und ob man über all das überhaupt sprechen dürfe.

Das liberale Mantra, dass jeder Mensch auf einer individuellen Ebene mit seinem Körper tun und lassen kann, was er will, kann oder muss dabei neben der feministischen Analyse stehen, was es strukturell bedeutet, dass alle irgendwie dasselbe mit ihrem Körper machen wollen. Und dass diese Gleichförmigkeit des Wollens vermutlich kein reiner Zufall ist. Denn was offenbar gerade alle – insbesondere alle Frauen - mit ihrem Körper machen wollen, ist: ihn reduzieren. Und, um Schopenhauer auszupacken: Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Körper als Kulturerscheinungen

In den Cultural Studies werden Körper unter anderem als „kulturelle Texte“ gelesen, das bedeutet: Körper sind keine rein biologischen Naturerscheinungen, sondern werden kulturell geformt, diszipliniert, zurechtgeschnitten, zurechtgerückt, geschmückt und geschminkt. Und wie sie geformt und diszipliniert, zurechtgerückt, zurechtgeschnitten, geschmückt und geschminkt werden, ist hochgradig abhängig vom kulturellen Kontext, in dem all dies stattfindet. Körper werden so gewissermaßen zu Oberflächen, die die Normen der jeweiligen Gesellschaft verinnerlichen und nach außen transportieren.

Und die neue – eigentlich alte – Norm ist, so scheint es, dass Frauen und ihre Körper nun wieder möglichst wenig Raum einzunehmen haben. Dass sie möglichst hilflos, weil kindlich auszusehen haben. Dass sie keine wehrhaften oder standhaften Körper sein dürfen, weil sie ausgehungert ja auch viel zu schwach sind für Wehrhaftigkeit oder Standhaftigkeit.

Frauenkörper sollen wieder weniger werden. Möglicherweise findet diese Entwicklung ja nicht ganz unabhängig vom allgemeinen antifeministischen Backlash statt.

Reduziert euch!

Der Ozempic’sche Imperativ lautet: Reduziert euch! Dicke Frauen sollen schlank werden und schlanke schlanker, bis möglichst wenig von ihnen übrigbleibt. Und genau darüber müssen wir – trotz der verständlichen Vorsicht, Körper von Frauen in der Öffentlichkeit nicht kommentieren zu wollen – sprechen.

Denn das Nichtkommentieren und das ostentative Nichtbemerken führt dazu, dass wir übersehen, dass sich tatsächlich höchst ungesunde Dünnheitsnormen breit machen – und damit ein restriktives Essverhalten, eine Normalisierung von Essstörungen und ein hochgradig misogynes Weiblichkeitsideal – nämlich das der kleinen, mageren und schwachen Frau. Das „Heroin Chic“ der 1990er mit seinen superdünnen Models ist nämlich nicht in seiner alten Form zurück. Der große Unterschied ist: Während extreme Schlankheit in früheren Jahrzehnten nur mit großer Disziplin, sprich mit restriktivem Essverhalten, zu haben war, ist die superdünne Körperform nun im Grunde für alle für den Preis eines Privatrezeptes erreichbar. Deshalb gilt der Schlankheitsimperativ auch allen Frauen. Es gibt schlicht keine Entschuldigung mehr dafür, dick oder nicht sehr schlank zu sein. Es gibt keine Entschuldigung mehr, sich dem Schlankheitsdiktat nicht zu unterwerfen.

Groß und stark

Aber wir brauchen Frauen, die essen. Frauen, die gut essen. Mädchen, die groß und stark werden. Frauen, die sich in ihren Körpern wohlfühlen – die zufrieden sind in ihren dünnen und dicken und jungen und alten und faltigen und fettrolligen und knochigen und behaarten und runzligen Körpern. Die sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigen, wie sie aussehen, sondern damit, sich gegen patriarchale Verhältnisse aufzulehnen. Die Raum einnehmen und laut sind, wenn es sein muss.

Genau dafür haben wir nämlich keine Kraft, wenn wir zu wenig essen. Um es mit dem neuen Song von Paris Paloma zu sagen: „Heaven is a fed girl.“ Der antifeministische Backlash hätte uns gern klein und schwach und reduziert. Diesen Gefallen sollten wir ihm nicht tun.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Ähnliche Inhalte