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Religion nach Algorithmus

7 Min
Georg Renner schreibt jede Woche einen sachpolitischen Newsletter. Hier könnt ihr diesen Beitrag online nachlesen.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Georg Renner, Adobe Stock

Der stärkste Treiber demokratiefeindlicher Haltungen unter Wiener Jugendlichen ist laut einer neuen Studie nicht Herkunft oder Religion allein, sondern die algorithmisch verstärkte Beschäftigung mit religiösen Inhalten auf sozialen Medien.


    • Die Studie von Kenan Güngör zeigt, dass algorithmisch verstärkte Social-Media-Nutzung stärkeren Einfluss auf radikale Einstellungen hat als Religion oder Herkunft.
    • Jugendliche, die sich online intensiv mit ihrer Religion beschäftigen, neigen häufiger zu antidemokratischen und abwertenden Haltungen.
    • Politische Maßnahmen fokussieren auf Bildung und Anerkennung, vernachlässigen aber die Regulierung digitaler Plattformen als Hauptfaktor.
    • 1.221 Wiener:innen (14-24 Jahre) aus 10 Herkunftsgruppen wurden befragt
    • 53 % der muslimischen Jugendlichen befürworten Kopftuchpflicht in der Öffentlichkeit
    • 41 % stellen religiöse Regeln über österreichische Gesetze
    • Stärkster Treiber radikaler Einstellungen: Nutzung sozialer Medien zur Religionsinformation
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Heute ist Christi Himmelfahrt, dank Konkordat und Arbeitsruhegesetz ein gesetzlicher Feiertag – und damit ein hervorragender Anlass, über Religion und deren Bedeutung für Jugendliche in Wien zu reden. (Falls Du gerade im Songcontest-Fieber bist und für nichts anderes einen Kopf hast: Hier lang zum üppigen Schwerpunkt, den die WZ-Kollegi:nnen dazu zusammengestellt haben.)

Vergangene Woche hat die Stadt Wien eine Studie präsentiert, die seither breit rezipiert worden ist: „Zwischen Anerkennung und Abwertung – Einstellungen junger Zugewanderter in Wien“, durchgeführt vom Soziologen Kenan Güngör im Auftrag des Büros der Wiener Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (Neos). 1.221 Wiener:innen zwischen 14 und 24 Jahren aus zehn Herkunftsgruppen wurden dafür zu Demokratie, Religion, Diskriminierung, Erziehung, Mediennutzung und einer ganzen Reihe abwertender Einstellungen befragt. Hier gibt es die ganze Studie zum Download, sie ist sehr lesenswert – und stimmt ein bisschen bedenklich.

Muslimische Jugend in Wien

Die Schlagzeilen dazu – im Standard, in Heute, in der Krone zum Beispiel – lauten sinngemäß: Muslimische Jugendliche in Wien werden radikaler. Die dafür herangezogenen Zahlen sind unstrittig: 53 Prozent der muslimischen Jugendlichen finden, dass jede Muslimin in der Öffentlichkeit Kopftuch tragen sollte; 65 Prozent meinen, islamische Vorschriften gälten für alle Lebensbereiche und seien streng einzuhalten; 41 Prozent stellen die Regeln ihrer Religion über die Gesetze in Österreich; 43 Prozent sehen den Westen als schuldig an den Problemen der islamischen Welt. Das ist ziemlich viel, und das ist problematisch.

Bevor wir aber alle wissend nicken und/oder in Panik verfallen: Diese Studie ist keine repräsentative Bevölkerungsumfrage, sondern eine Quotenstichprobe, deren Offline-Teil unter anderem auf der Mariahilfer Straße, im Donauzentrum, in der Millennium City und vor dem Columbus-Center erhoben wurde. Die Autor:innen schreiben selbst dezidiert: „Diese Studie ist nicht repräsentativ.“ Hochgerechnete Aussagen über die muslimische Jugend in Wien lassen sich daraus also nur mit Vorbehalt ableiten. Trotzdem hat die Arbeit methodisch durchaus Substanz – nur leider an einer Stelle, die in der Berichterstattung praktisch komplett übergangen wurde.

Das Problem mit Social Media

Diese Stelle liegt in Kapitel 4 zur Mediennutzung und in der Regressionsanalyse in Kapitel 9. Und sie zeigt einen Ansatz, der weit über die – wichtige! –Wiener Integrationsfrage hinausgeht: Der einzelne stärkste Treiber problematischer Einstellungsmuster ist bei den Befragten weder ihre Herkunft, noch ihre Bildung, noch direkt ihre Religion. Es ist, wie und wofür sie soziale Medien nutzen.

Schauen wir uns das im Detail an. Güngör und sein Team haben aus den fünf Skalen Gleichheits-/Demokratiebefürwortung, Autoritarismus, Gewaltakzeptanz, sexuelle und partnerschaftliche Selbstbestimmung sowie patriarchale Geschlechterbilder eine übergeordnete Skala antidemokratische, abwertende und gewaltaffine Haltungen – kurz AAG – gebildet. Die kann Werte zwischen 1 und 5 annehmen; je höher, desto problematischer. Dann haben sie überprüft, welche Variablen diese AAG-Werte erklären.

Renner
© Screenshot

Wir sehen hier zunächst nur Korrelationen, also reine Zusammenhänge ohne Kausalrichtung. Aber die Größenordnungen sind bemerkenswert: Wer soziale Medien überwiegend dafür nutzt, sich über die eigene Religion zu informieren, weist eine extrem hohe Korrelation mit politisch-religiösem Autoritarismus auf (r = 0,46), mit der Befürwortung strenger Erziehung (r = 0,40), mit Gewaltakzeptanz (r = 0,33) und mit patriarchalen Geschlechterbildern (r = 0,28) – alles statistisch signifikant.

Umgekehrt: Wer soziale Medien hauptsächlich für den Austausch mit Freund:innen und Familie oder für die Freizeitgestaltung verwendet, weist negative Zusammenhänge mit all diesen problematischen Einstellungen auf (zwischen r = -0,20 und r = -0,22) und einen deutlich positiven mit der Demokratiebefürwortung (r = 0,31).

In der hierarchischen Regressionsanalyse, die für 17 Faktoren gleichzeitig kontrolliert, wird das Bild noch interessanter. Das Vollmodell (Stufe 8) kommt auf eine Erklärungskraft von 70 Prozent – ungewöhnlich hoch für diese Art von Sozialforschung. Und in diesem Vollmodell ist „häufige Online-Beschäftigung mit der eigenen Religion“ der zweitstärkste Einzelzusammenhang (standardisiertes β = 0,23) – nur noch übertroffen von Vereinsamung, Sinn- und Orientierungslosigkeit (β = 0,26). Zum Vergleich: Niedrige bis mittlere Bildung kommt auf β = 0,13, männliches Geschlecht auf β = 0,12, die muslimische Religionszugehörigkeit auf β = 0,10.

Mit anderen Worten: Wer sich digital intensiv mit seiner Religion (egal, welcher) auseinandersetzt, tendiert weit häufiger zu demokratiefeindlichen, abwertenden und gewaltaffinen Haltungen als zum Beispiel der Durchschnittsmuslim.

Spannender wird's noch, wenn man sich die Stufen des Regressionsmodells anschaut. In Stufe 4, in der Religionszugehörigkeit und Religiosität erstmals als Prädiktoren ins Modell aufgenommen werden, hat „muslimisch“ noch ein deutlich höheres Gewicht (β = 0,21). In den folgenden Stufen schrumpft dieser Wert kontinuierlich – und der größte Sprung passiert in Stufe 8, wenn die Mediennutzung dazukommt. Die Studie schließt daraus: Der Effekt von Religiosität auf antidemokratische Haltungen verläuft zu einem erheblichen Teil indirekt über die digitale Auseinandersetzung mit der eigenen Religion. Religion macht nicht radikal – aber Religion, die hauptsächlich über algorithmisch verstärkte Plattformen vermittelt wird, korreliert sehr deutlich mit radikalen Haltungen.

Renner
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Die Autor:innen sind hier vorsichtig mit Kausalitätsbehauptungen – ob die Jugendlichen wegen ihrer Tiktok-Reels radikaler werden oder ob sie wegen schon vorhandener Haltungen entsprechende Reels suchen, lässt sich aus einer Querschnittsstudie nicht eindeutig beantworten. Sie verweisen aber auf die einschlägige Literatur, die sehr wohl Wirkmechanismen für algorithmisch verstärkte Polarisierung dokumentiert, und auf die simple Dynamik, dass die Plattformen jene Inhalte, mit denen interagiert wird, gezielt nachspülen. Wer zwei Predigt-Videos anschaut, kriegt das dritte ungefragt. Wer das dritte zu Ende schaut, kriegt das vierte und fünfte – und je niedrigschwelliger der Inhalt, je provokativer, desto besser performt er in der Regel im Algorithmus.

(An dieser Stelle noch ein Verweis auf die Arbeit von WZ-Kolleg:innen: Die Initiative „Algokind“ versucht genau solche Mechanismen bewusst zu machen.)

Was bedeutet das politisch? Die Wiener Antwort auf die Studie – ein verpflichtender Demokratie- und Ethikunterricht für alle Schüler:innen, das „Wiener Netzwerk Demokratiekultur und Prävention“, das schon länger laufende Projekt „Respekt. Gemeinsam Stärker“ an Mittelschulen – ist nicht falsch und zielt durchaus auf zwei der drei stärksten Hebel: Bildung und soziale Anerkennung in Wien. Den dritten Hebel, die algorithmisch verstärkte digitale Religionssozialisation, berührt sie kaum. Das ist auch nicht verwunderlich, denn das ist keine Wiener Bildungsfrage, sondern eine europäische Plattformregulierungsfrage. Der Digital Services Act, der seit Mitte 2023 für die ganz großen Plattformen gilt, sieht eigentlich Mechanismen vor, mit denen die EU-Kommission von Tiktok, Meta und X verlangen kann, systemische Risiken – darunter „negative Folgen für den gesellschaftlichen Diskurs“ – zu mindern. In der Praxis dümpelt die Durchsetzung allerdings vor sich hin; Verfahren gegen Tiktok wegen Wahlbeeinflussung laufen seit Ende 2024, gegen X seit Mitte 2024 – Ergebnisse: bislang ausständig.

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Ein Kopf auf gelbem Hintergrund

Einfach Politik.

Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

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Wenn die Güngör-Studie also einen Befund hat, der sich auch jenseits der heimischen Migrationsdebatte verallgemeinern lässt, dann diesen: Wir streiten politisch hauptsächlich darüber, welche Religion oder welche Herkunft junge Menschen radikalisiert – und übersehen dabei, dass der mit Abstand stärkste hebelbare Faktor in der Studie jene US- und chinesisch dominierten Plattformen sind, die algorithmisch entscheiden, welche Inhalte wir als Nächstes sehen. Bei der DSA-Durchsetzung und auch bei dem alten Hut der Medienkompetenz in Schulen wird in den kommenden Jahren noch viel zu tun sein. Mit Verboten allein – Stichwort: Tiktok-Bann – ist es vermutlich nicht getan, mit ein paar Workshops gegen Hate Speech auch nicht.


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Infos und Quellen

Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

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