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Religionen schüren den Nahostkonflikt

6 Min
Religionen leisten einen Beitrag, den Nahostkonflikt weiter zu verschärfen.
© Collage: WZ, Bildquelle: Adobe Stock & Getty Images

Die unterschiedlichen Religionen spielen in den Nahostkonflikt hinein: Sie sorgen für eine geistige Aufladung, an der beide Seiten beteiligt sind. Eine Analyse.


Der Krieg Israels gegen die Hamas ist keine religiöse Auseinandersetzung. Er sollte kein Wasser auf die Mühlräder der Atheismus-Apostel sein, die ihn dennoch benützen, um in den sozialen Medien Religionen prinzipiell für alle Kriege verantwortlich zu machen, als wäre die atheistische Sowjetunion der Ausgangspunkt des Weltfriedens gewesen.

Für den derzeit kriegerisch ausgetragenen Nahostkonflikt gilt freilich auch das Gegenteil nicht: Er ist längst kein rein territorialer Konflikt mehr. Allein diese Unmöglichkeit, die Religionen ganz herauszulassen oder sie als primäre Verursacher dingfest zu machen, zeigt, wie verwirrend das Aderngeflecht ist, das diesen Konflikt speist.

Tatsache ist, dass sich über die Jahrzehnte des Bestehens des Staates Israel eine zunehmende religiöse Aufladung eingestellt hat. Israel verstand sich Jahrzehnte hindurch als säkularer Staat, der lediglich den Strenggläubigen, den Charedim, eine Befreiung vom Militärdienst gewährt. Hat Israel auf die Frage nach der Nation ursprünglich eine rein territoriale Antwort gegeben, ist sie mittlerweile religiös aufgeladen.

Der jüdische Staat

Israel versteht sich als jüdischer und demokratischer Staat. Nun scheiden sich am Begriff „jüdisch“ selbst in Israel die Geister. „Jüdisch“ kann nämlich eine ethnische Bezeichnung ebenso wie eine religiöse sein. Ein ethnischer Jude kann Atheist sein oder sich lose am Judentum und seinen Bräuchen orientieren, etwa entsprechend Katholiken, die zwar den Gottesdiensten fernbleiben, aber irgendwie doch Weihnachten feiern und, fern aller päpstlichen Dogmen, vielleicht an einen Gott glauben.

Auf der anderen Seite stehen die Charedim, die Jüdisch-Sein durchaus in Verbindung bringen mit dem Praktizieren des mosaischen Glaubens. Zu den Strenggläubigen gehört ein großer Teil der Siedler im Westjordanland. Nach Auffassung der Charedim muss ein jüdischer Staat nach den Regeln der Tora aufgebaut sein. Damit entspräche er im weitesten Sinn einer Theokratie – und Theokratien können nicht demokratisch organisiert werden. Demgemäß schrieb Menachem Schach, einer der einflussreichsten Rabbiner in der Geschichte Israels: „Demokratie ist treif, und ihre Absicht ist es, die Tora zu zerstören.“

Die Zahl der Strenggläubigen steigt

Diese Strenggläubigen wirbeln nun die israelische Bevölkerung schon seit geraumer Zeit gehörig durcheinander: Während die säkulare israelische Familie rein statistisch bei unter zwei Kindern im Durchschnitt bleibt, bringen es die Ultrareligiösen auf sechs und mehr. Zur Zeit der Staatsgründung (1948) lebten in Israel etwa 35.000 bis 45.000 Charedim. Gegenwärtig ist es über eine Million, was zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung bedeutet. Prognosen gehen von einem ungebremsten Fortgang dieser Entwicklung aus. Dem Zentralen Statistikbüro Israels zufolge könnte sich die Zahl der Charedim bis 2037 auf mehr als 2,3 Millionen Menschen steigern. Vor allem aber stellen die Charedim einen immer größeren Anteil an den jungen jüdischen Israelis: Das „Israelnetz“ rechnet damit, dass 2060 jeder dritte Schüler ultra-orthodox ist.

Damit geht die religiöse Aufladung des Staates Israel einher. Zunehmend versteht sich Israel als das von Gott verheißene Land. Der Ruf nach „Eretz Israel“ wird lauter. „Eretz Israel“ bedeutet einen großisraelischen Staat, der mit dem „verheißenen Land“ des Alten Testaments gleichzusetzen ist. Der westliche Sprachgebrauch macht dabei jedes Mal wieder mit, wenn er für Israel auch in rein politischem Zusammenhang „das Heilige Land“ als Synonym bemüht.

Ultrareligiöse auf beiden Seiten

Die israelische Politik gerät nun in die Zwickmühle: Sie muss auf die Ultrareligiösen eingehen, sowohl im Sinn einer Demokratie, da die Ultrareligiösen, selbst, wenn sie nicht unbedingt willens sind, den Staat Israel als demokratisch anzuerkennen, dennoch ein Teil davon sind; als auch im ganz profanen Machtspiel, das nach den Erfahrungen der letzten Jahre lautet: Ohne Ultrareligiöse kommt keine Regierung zustande.

Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft der Palästinenser mit der Zeit ebenso religiös aufgeladen worden. Seit sich die ursprüngliche PLO mit der Untergruppe Fatah in den palästinensischen Autonomiegebieten weltlich realpolitisch gibt, hat ihr Parteivorsitzender Mahmud Abbas zunehmend Einfluss auf die Palästinenser eingebüßt. Im Gazastreifen spielt er vorerst kaum noch eine Rolle.

Religiöse Fundamente in Gaza

Die dort diktatorisch auftretende Hamas wiederum ist aus den religiösen Muslimbrüdern entstanden und dadurch per se religiös fundamentiert. Das konnte sie ursprünglich gut verbergen. Als sie Ende 1987 (nach Beginn der Ersten Intifada) in Gaza-Stadt gegründet wurde, gab sie sich nahezu bürgerlich. Israels Präsident Benjamin Netanjahu fiel zwar auf diese Pose nicht herein, stärkte aber die Hamas, teils, um die Palästinenser politisch zu spalten, teils, weil er der Alternative zur Hamas, der als linksextrem wahrgenommenen PLO Yassir Arafats, noch wesentlich mehr misstraute.

Mittlerweile hat freilich die Hamas verstanden, die Lage in Gaza ebenso religiös aufzuladen, wie es auf der anderen Seite des Befestigungszauns in Israel mit nur theologisch anderen Vorzeichen geschehen ist. Wie stets, wenn die Religion mitspielt, geht es um die Frage der Rationalität. So definiert die Gründungscharta der Hamas die Befreiung Palästinas als „ein Glied in der Kette des Dschihad gegen die zionistische Invasion“, wobei die Palästina-Frage „nur durch den Dschihad gelöst werden“ kann, und den Islam als Lebensentwurf der palästinensischen Bewegung. „In den Köpfen der kommenden muslimischen Generationen muss unbedingt die Vorstellung verankert werden, dass es sich bei der Palästina-Frage um eine religiöse Frage handelt, die dementsprechend angegangen werden muss“, heißt es weiter in der Gründungscharta der Hamas.

Terror im Namen Gottes

Demgemäß gilt im Gazastreifen jeder, der durch eine Aktion Israels oder eines Israeli stirbt, automatisch als Märtyrer:in. Der Terror ist als Tun im Namen Gottes gerechtfertigt, und jüdische Babys gelten als Feinde Gottes, dessen Wille es ist, den Staat Israel ausgelöscht zu sehen.

Wie stark die Hamas ihre Handlungsweise als religiös versteht, geht ebenfalls aus der Gründungscharta hervor, in der die PLO zwar zuerst gelobt, im Handumdrehen aber dafür getadelt wird, dass sie einen säkularen Staat verfolgt.

Wie beliebt ist die Hamas?

Ob die Bevölkerung des Gazastreifens die Ideen der Hamas mitträgt, ist indessen eine der Fragen, die man sich in Israel stellt – denn sie entscheidet letzten Endes, ob eine friedliche Koexistenz mit den Palästinenser:innen möglich ist, sobald die Hamas ausgeschaltet ist. Bei den Gaza-Wahlen des Jahres 2006, den einzigen, denen sich die Hamas gestellt hat, waren einer Umfrage zufolge rund 70 Prozent der Palästinenser:innen in Gaza, die die Hamas gewählt haben, entgegen der Hamas-Charta dafür, Israel als Staat anzuerkennen.

Weshalb sie die Hamas dennoch gewählt haben, hängt nicht nur mit deren bis zu den Wahlen scheinbar sozialen und zukunftsorientierten Aktivitäten zusammen: Man darf durchaus auch mitteleuropäische Wähler:innen fragen, ob sie die Programme der von ihnen gewählten Parteien tatsächlich gelesen haben.

Eine aktuelle Umfrage erbrachte bis 6. Oktober (das ist der Tag vor dem Angriff der Hamas auf Israel) das Ergebnis, dass 50 Prozent der Palästinenser:innen keine Sympathisant:innen der Hamas waren, 25 Prozent meinten, die Hamas sei die einzige Kraft, die sich für die Palästinenser:innen einsetzt und 25 Prozent waren überzeugte Anhänger:innen der Hamas.

Religiöse Vorstellungen als Stolpersteine

Grundsätzlich ist der Nahost-Konflikt eine Auseinandersetzung um Territorien: Die im Arabischen als Nakba („Katastrophe“) bezeichnete Vertreibung der Palästinenser:innen in den Jahren 1947 bis 1949 und die Zersiedelung des palästinensisch-autonomen Westjordanlands durch Israel und damit die in immer weitere Ferne rückende Lösung durch einen autonomen palästinensischen Staat stehen auf der einen Seite, auf der anderen steht die Position der Hamas, Israel müsse zugunsten eines palästinensischen Staates ausgelöscht werden.

Der Nahostkonflikt bestünde auch ohne Religion, wie die Vergangenheit leidvoll bewiesen hat. Doch die territorialen Ansprüche sind zunehmend deckungsgleich mit religiösen Vorstellungen. Und so bleibt am Schluss nur die bittere Erkenntnis, dass angesichts immer stärker religiös werdender Gesellschaften auf beiden Seiten die Religion ein wachsender Stolperstein auf dem Weg zu einer Lösung des Konflikts werden kann.

Was, weitergedacht, bedeutet, dass die Zeit nicht für, sondern gegen eine Lösung des Nahostkonflikts spielt.


Infos und Quellen

Genese

In den sozialen Medien wird verstärkt ein Zusammenhang von Religion und Nahostkonflikt konstruiert. Dabei werden die Begriffe religiös aufgeladen („das Heilige Land“ als Synonym für den Staat Israel), mit dem Ergebnis, dass in den Köpfen von Zuschauer:innen und/oder Zuhörer:innen der Eindruck entstehen kann, es handle sich um einen Konflikt zwischen Judentum und Islam. Edwin Baumgartner versucht in seiner Analyse zu differenzieren, was der tatsächliche Konflikt ist und welche Rolle dabei die Religionen spielen.

Daten und Fakten

  • Charedim (auch Haredim und charedische/haredische Juden) sind Anhänger eines orthodoxen Judentums. Der Begriff bedeutet im Deutschen „Gottesfürchtiger“, „vor Gott Zitternder“, abgeleitet von charada/harada für Furcht. Rund die Hälfte der charedischen jüdischen Männer geht keiner geregelten Arbeit nach, sondern widmet sich ausschließlich dem Studium religiöser Schriften, speziell des Tanach und des Talmud. Sie sind vom Wehrdienst befreit. Charedim fordern einen Staat, der auf den alttestamentarischen Gesetzen beruht; ein großer Teil der Charedim lehnt obendrein den Staat Israel als politisches Gebilde ab, da nach biblischer Auffassung allein der in Zukunft zu erwartende Messias (das bedeutet: der Gesalbte) die Juden in einem Staat vereinen kann.

  • Ultraorthodoxe Juden (Haredim = Gottesfürchtige) sind der am schnellsten wachsende Bevölkerungsteil der jüdischen Israelis. Laut einer aktuellen Statistik haben sie sechs bis sieben Kinder; durchschnittliche Israelis ein bis zwei. 2060 werden die Haredim etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Vergleiche dazu: „The Times of Israel“: Haredim are fastest-growing population, will be 16% of Israelis by decade’s end

  • Der Tanach ist die jüdische Bibel. Er besteht aus der Tora (das sind die fünf Bücher Mose) sowie den prophetischen Schriften und den poetischen Schriften (entspricht etwa den Psalmen). Im Prinzip entspricht der Tanach dem Alten Testament der christlichen Bibel.

  • Der Talmud, bestehend aus der älteren Mischna und der jüngeren Gemara, ist eine Sammlung von Auslegungen des Tanach und zeigt, wie dessen Gesetze im Alltag anzuwenden sind.

  • Der Begriff „treif” (auch „trefe”) bedeutet „unrein” gemäß der Kaschrut, wie die Sammlung der jüdischen Speisegesetze heißt. Gegessen werden darf nur, was im Einklang mit den Speisegesetzen „koscher” (das bedeutet „rein”) ist. Unter „treif” fällt beispielsweise der Genuss von Schweinefleisch oder Fischen ohne Schuppen (z. B. Aal) oder Blut (etwa Blutwurst); ebenso darf kein Fleisch eines von Raubtieren erlegten Tiers gegessen werden.

  • Elasar Menachem Man Schach (1898-2001) war ein talmudischer Gelehrter und gilt ultraorthodoxen Juden bis in die Gegenwart als wegweisender Rabbi in Israel. 1940 wanderte der gebürtige Litauer mit seiner Familie in Israel ein. Schach war 1988 maßgeblich an der Gründung der Degel-haTora-Partei beteiligt. Er verachtete säkulare Israelis und bezeichnete die Demokratie als „Krebsgeschwür“. Allerdings bezog er gegen den israelischen Siedlungsbau im Westjordanland Stellung: Er meinte, dieser sei eine Provokation der internationalen Gemeinschaft.

  • Eretz Israel bedeutet Großisrael, ein Staat, der deckungsgleich mit dem „verheißenen Land“ des Alten Testaments der Bibel ist. Eretz Israel bedeutet ein ungeteiltes Israel mit Souveränität über das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und dem Fluss Jordan, je nach Interpretation der Bibel zusätzlich mit Ausdehnung auf Gebiete in Jordanien, des Libanon, Syriens und Ägyptens.

  • Dschihad ist ein Konzept des Islam. Das Wort bedeutet „Anstrengung“ und „Kampf“. Schiitische Theologen unterscheiden zwischen einem größeren Dschihad, der als Kampf gegen eigene Unvollkommenheiten zu verstehen ist, und einem kleineren Dschihad, der als kriegerische Kampfhandlung zu verstehen ist. Die meisten islamischen Theologen begreifen den Dschihad indessen als militärischen Begriff, wobei freilich zwischen einem aggressiven Kampf gegen Nicht-Muslime und einer Verteidigung gegen Nicht-Muslime unterschieden werden kann.

  • PLO (abgekürzt für Palestine Liberation Organization, deutsch: Palästinensische Befreiungsorganisation) ist eine Dachorganisation verschiedener Fraktionen von Vertretungen aller Palästinenser:innen, auch derer im Exil. Die weitaus stärkste Fraktion ist die Fatah, deren Oberhaupt Mahmoud Abbas seit 11. November 2004 ist. Die „Palästinensische Nationalcharta“ der PLO sieht, wie die Gründungscharta der Hamas, eine Zerstörung Israels vor. Diese Passagen hat der ehemalige PLO-Führer Jassir Arafat (1929-2004) in Briefen an den ehemaligen israelischen Präsidenten Jitzchak Rabin (1922-1995) und den ehemaligen Präsidenten der USA, Bill Clinton, zurückgenommen. Der Zentralrat der PLO bestätigte die Briefe. Allerdings wurde der Wortlaut der Charta nicht verändert. Die PLO bzw. die Fatah scheint dessen ungeachtet eine politische Lösung des Nahost-Konflikts anzustreben, bei der die Frage der Religion, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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