Was jede und jeder Einzelne zur Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität beitragen kann, erklärt Helmut Gaugitsch vom Umweltbundesamt im Interview.
Ein einfaches „Ja“ stellt die erste türkis-grüne Koalition kurz vor der nächsten Nationalratswahl vor eine Zerreißprobe: Die ÖVP tobt über die Zustimmung der grünen Umwelt- und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler zum EU-Renaturierungsgesetz, das eine umfassende Wiederherstellung von Naturräumen vorsieht, um die dortige Artenvielfalt zu erhalten beziehungsweise wieder neu aufzubauen. Während die Politik streitet, wollte die WZ wissen: Was kann jede und jeder Einzelne in der Bevölkerung für die Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität tun? Darüber haben wir mit dem Experten Helmut Gaugitsch vom Umweltbundesamt ebenso gesprochen wie über die Frage, wie groß der Handlungsbedarf in Österreich tatsächlich ist.
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Wer seinen Energieverbrauch reduziert, schützt ebenfalls die Natur.Helmut Gaugitsch
Es braucht einen Interessenausgleich.Helmut Gaugitsch
Nicht-Handeln kostet uns mehr als rechtzeitig gesetzte Maßnahmen.Helmut Gaugitsch
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
Helmut Gaugitsch ist fachlicher Leiter für Biodiversität im Umweltbundesamt.
Daten und Fakten
Die am 17. Juni 2024 von der Mehrheit der Mitgliedsländer beschlossene EU-Verordnung zur Renaturierung soll geschädigte Ökosysteme und Lebensräume bis zum Jahr 2050 wieder in einen guten Zustand versetzen. „Das neue Gesetz festigt eine wesentliche Grundlage für den Wohlstand, die Wirtschaft und Ernährungssicherheit in Österreich“, ist dazu auf der Website des Umweltschutzministeriums zu lesen. Nicht ganz so positiv formuliert es der WWF: „Der heimischen Natur geht es schlecht, aber Österreich hat das Know-how und gute Voraussetzungen, um eine Trendwende zu schaffen – wenn die Politik ihre Hausaufgaben macht und dem Thema die notwendige Priorität gibt. Der Handlungsbedarf für die Wiederherstellung ist jedenfalls groß, wie zahlreiche Studien zeigen. In Österreich sind mehr als 80 Prozent der europarechtlich geschützten Lebensräume in keinem günstigen Erhaltungszustand.“ Die Umweltschutzorganisation bezieht sich dabei auf einen Bericht der EU-Umweltagentur auf Basis von Rückmeldungen der Bundesländer.
So verfehlen mehr als die Hälfte der Fließgewässer die EU-Kriterien für einen guten ökologischen Zustand, und jener der meisten Moore ist sogar bedenklich. Dabei sind diese besonders wichtig, auch für den Klimaschutz: Intakte Moore speichern nämlich sehr viel mehr CO₂ als trockengelegte, die sogar Treibhausgase emittieren. Dazu kommt ein hoher Bodenverbrauch, der sich negativ auf viele Ökosysteme auswirkt, die für die ganze Gesellschaft notwendig sind. Mit 12,1 Hektar pro Tag wurde zuletzt fünfmal mehr Boden versiegelt als das selbst gesteckte Ziel der Politik (2,5 Hektar pro Tag). In den Wäldern leiden unter anderem standortfremde Fichten-Monokulturen infolge der Klimakrise zunehmend unter Hitze- und Trockenstress, was diese labilen Forste anfälliger für Borkenkäferbefall und Schäden durch Wetterextreme macht – Renaturierung bedeutet hier zum Beispiel, wieder für mehr artenreiche Mischwälder zu sorgen, die umfassend nachhaltig genutzt werden können und widerstandsfähiger sind. Damit einher geht eine höhere Artenvielfalt, und sie können auch mehr CO₂ speichern.
Auch für Siedlungsgebiete gibt es Renaturierungsziele: In einem ersten Schritt bis 2030 sollen weitere Verluste an Grünflächen verhindert werden und danach wieder mehr städtische Grünflächen geschaffen werden. Auf dem Land wiederum spielt die Landwirtschaft eine große Rolle. In Österreich gibt es bereits ein Agrarumweltprogramm, das Wiederherstellungsmaßnahmen im Sinne der EU-Renaturierungsverordnung vorsieht, und zwar mithilfe finanzieller Förderungen für nachhaltige Landwirtschaft. Diese könnten im Rahmen der neuen EU-Verordnung noch weiter ausgebaut werden.
Sobald das Gesetz in Kraft tritt, haben die Mitgliedsländer zwei Jahre Zeit, einen Wiederherstellungsplan zu erarbeiten. Der WWF fordert von der Politik, hier auch die lokale Bevölkerung einzubinden und Anlaufstellen zu schaffen, „sodass tatsächlich jede und jeder Einzelne sich bei der Wiederherstellung von Österreichs Natur einbringen kann“.
Quellen
- EU-Renaturierungsgesetz
- Begriffserklärung: Biodiversität und Artenvielfalt
- Verordnung zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme
- Österreichisches Programm für eine umweltgerechte Landwirtschaft (ÖPUL)
Das Thema in der WZ
- Von Renaturierungen, Bananen und wütenden Bauern
- Wer renaturiert
- Umweltbaustelle: Dem Trockenrasen nachhelfen
- Wie die EU Wälder und Moore schützen will
- Maßnahmen gegen den Klimawandel sind günstiger als keine
Das Thema in anderen Medien
- WWF: Moore, Wälder, Flüsse: So funktioniert Renaturierung
- WWF: Die wichtigsten Fragen & Antworten zum EU-Renaturierungsgesetz
- Der Standard: Wie Marlene Engelhorns Bürgerrat ihr Geld an 77 Organisationen verteilt hat
- Falter: Da staunt der Laie. Neues zum „Fall“ Gewessler, Strafanzeige gegen Karl Nehammer
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