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„Schafft sie alle raus“ – Afghan:innen im Iran

7 Min
Afghanen im Iran : Emran Feroz
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Bereits während des Krieges mit Israel hatte das iranische Regime in afghanischen Geflüchteten einen Sündenbock gefunden. Seit dem Ende der Angriffe haben die Repressalien zugenommen. Im Juni wurden fast 30.000 Afghan:innen an einem Tag abgeschoben.


„Ich weiß nicht, wann ich mich wieder melden kann. Vielleicht war es nicht klug, hierherzukommen. Afghanistan wäre sicherer gewesen“, sagt Sayyed Ahmad*, Mitte dreißig, während eines WhatsApp-Telefonats mit mir. Tagelang funktionierte seine Internetverbindung nicht. Dann half ein Nachbar mit Elon Musks „Starlink“ aus. Mittlerweile wurde dessen Benutzung vom Regime in Teheran verboten. „Wer ‚Starlink‘ benutzt, gerät unter Verdacht, mit dem ‚Feind‘, also dem israelischen Geheimdienst Mossad, zusammenzuarbeiten. Man wird verhaftet und vielleicht sogar hingerichtet“, sagt Ahmad aufgeregt. Vor rund einem Jahr flüchtete der Afghane aus Kabul nach Teheran. Er knüpfte Kontakte zu Freunden, mit denen er einst studiert hatte und hoffte, dass er im Iran einer Tätigkeit für die Vereinten Nationen oder der IOM (Internationale Organisation für Migration) nachgehen könne. „Hier leben viele geflüchtete Afghanen und es hieß, dass man fähiges Personal brauchen würde“, so Ahmad. Letzten Endes wurde nichts daraus. Als Israel im Juni anfing, den Iran zu bombardieren, fand sich Ahmad, ähnlich wie die über vier Millionen afghanischen Geflüchteten, die laut UNHCR-Schätzungen im Iran leben, in einem neuen Krieg wieder. Und nun sind es ausgerechnet afghanische Geflüchtete, die für diesen Krieg und dessen Verlauf und Ausgang verantwortlich gemacht werden.

„Spione des Mossad“

Schon kurz nach Beginn der israelischen Angriffe schien es, als ob das Mullah-Regime für das eigene Versagen den perfekten Sündenbock gefunden hatte. Wieder einmal mussten afghanische Geflüchtete herhalten. Einst galten sie als „Diebe“, „Vergewaltiger“ oder „Terroristen“. Nun sind sie „Spione“ oder „Kollaborateure“ des israelischen Auslandgeheimdienstes Mossad. Sie sollen den Israelis Koordinaten geliefert oder für sie Drohnen gebaut haben. Noch während des Krieges wurden zahlreiche afghanische Männer verhaftet und im Staatsfernsehen vorgeführt. Ihre Bilder verbreiteten sich in den sozialen Medien, auf Instagram oder auf TikTok. „Wir bekamen es mit der Angst zu tun und wussten, dass wir nun auch hier nicht mehr sicher sind“, berichtet Akhtar Mohammad*, der nach der Rückkehr der militant-islamistischen Taliban in Kabul mit seiner Familie in den Iran flüchtete. „Ein zweites Taliban-Regime wollte ich nicht mitmachen. Ich wollte das meinen Töchtern nicht antun“, so Mohammad.

Ausbeutung und Rassismus

In erster Linie assoziieren viele Afghan:innen mit dem Iran Ausbeutung und Rassismus. Denn während weitere Kriege Afghanistan plagten, wuchsen iranische Großstädte wie Maschad, Shiraz oder Teheran auf den Rücken afghanischer Arbeiter, die dort bis heute für Hungerlöhne schuften, während sie sowohl vom Regime als auch von großen Teilen der Gesellschaft angefeindet werden. „Afghani“ gilt im Iran als Schimpfwort. In mindestens sechzehn iranischen Provinzen dürfen Menschen afghanischer Herkunft offiziell nicht residieren. Es gibt öffentliche Parks mit der Aufschrift „Afghanen verboten“. Mobilität und Infrastruktur werden für Afghan:innen massiv reguliert und kontrolliert. Dies betrifft sowohl öffentliche Verkehrsmittel als auch den Arbeitsmarkt. Geflüchteten ohne Aufenthaltsdokumenten, die die große Mehrzahl darstellen, wird der Zugang zu Schulen und anderen Bildungsinstitutionen verwehrt.

Vom Regime wurden die bestehenden Verbote in den letzten Jahren sogar auf brutale Art und Weise missbraucht. Als der Krieg in Syrien begann, rekrutierte Teheran Tausende afghanischer Geflüchteter, hauptsächlich Angehörige der schiitischen Hazara-Minderheit, für die sogenannte Fatemiyoun-Brigade, einer militant-schiitischen Miliz, um die Diktatur Bashar al-Assads zu verteidigen. Den Familien der Söldner, unter denen sich auch Minderjährige befanden, wurden iranische Aufenthaltsdokumente sowie der Zugang zu Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten versprochen.

„Wir sollen an alldem schuld sein, wieder einmal“

„Wir sind hierhergekommen, weil wir uns in Afghanistan nicht mehr sicher fühlten. Wir waren allein, während die Repressalien der Taliban tagtäglich zunahmen. Was sollen wir nun tun? Wieder flüchten?“, fragt Khatera Ahmadi*, eine fünfzigjährige Mutter, die mit ihrer Familie erst vor rund drei Monaten nach Teheran gereist ist. Vielen Geflüchteten gehe es im Iran zwar sehr schlecht, aber in vielerlei Hinsicht sei das Leben immer noch besser als in der Heimat unter den militant-islamistischen Taliban. Seit deren Rückkehr hat nicht nur die Geschlechtertrennung im Land, die deutlich strikter ist als jene im Iran, zugenommen, sondern auch die willkürliche Unterdrückung. So wurde etwa Ahmadis Haus mehrfach von bewaffneten Taliban-Soldaten gestürmt und durchsucht. „Ich bin eine Witwe, doch die Soldaten interessierten sich nicht dafür. Sie dachten, IS-Terroristen hätten sich bei uns verschanzt“, erinnert sie sich heute am Telefon. Nach den Angriffen Israels stellte sich Ahmadis Familie die Frage, ob sie nun wieder flüchten müssen. Mittlerweile ist der Krieg vorbei, doch die Frage ist geblieben. „Die Regierung macht nun Jagd auf Afghan:innen. Wir sollen an alldem schuld sein, wieder einmal! Das ist unerträglich“, meint Ahmadi. Die Familie will vorerst im Iran bleiben und hofft, dass die Repressalien gegen Menschen aus Afghanistan bald wieder abnehmen. Doch aktuell deutet alles auf das Gegenteil hin.

Woher kommt das historisch?

Seit Jahrzehnten ist der Iran, der an den Westen Afghanistans grenzt, eine der größten Anlaufstellen für Afghan:innen. Erste größere Fluchtwellen fanden bereits während der frühen 1980er-Jahre statt. Kurz zuvor fanden in den beiden Ländern geschichtsträchtige Revolutionen statt: In Teheran kamen die Islamisten um Ayatollah Rohullah Khomeini an die Macht, während in Kabul marxistische Kräfte mit Hilfe der Sowjetunion die junge, afghanische Republik stürzten. In beiden Fällen handelte es sich um brutale Diktaturen, die kurz nach ihrer Machtergreifung Tausende von Menschen ermordeten. Während die Mullahs Khomeinis Jagd auf Säkulare oder Linke machten, verfolgten die Kommunisten in Afghanistan alles, was auch nur ansatzweise mit Religion und Tradition zu tun hatte. Die darauffolgende sowjetische Besetzung des Landes sowie der Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West trieben Hunderttausende von Afghan:innen in den Iran. Zeitgleich unterstützte das Mullah-Regime schiitische Mudschaheddin-Milizen im Kampf gegen die Rote Armee mit Waffen und Geld.

Nach dem Ende der israelischen und amerikanischen Angriffe wurden weitere Fabriken und Häuser, in denen sich afghanische Geflüchtete aufhalten sollen, von der iranischen Polizei gestürmt. Willkürliche Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen gehören zum Alltag. Der Hass auf Menschen afghanischer Herkunft spiegelt sich auch in der Gesellschaft wider. „Schafft sie alle raus“, kommentieren zahlreiche User auf Instagram auf Persisch, etwa unter Videos, die zeigen, wie afghanische Jugendliche von einem Mob beschimpft und verprügelt werden.

„Afghanistan kann das nicht allein stemmen“

Akhtar Mohammad und zahlreiche andere Afghan:innen sind deshalb gezwungen, nach Afghanistan zurückzukehren. Allein im Juni wurden mehr als 256.000 Geflüchtete abgeschoben. Kurz nach dem Ende des iranisch-israelischen Krieges mussten rund 30.000 Afghan:innen den Iran an einem einzelnen Tag verlassen. Weitere Massenabschiebungen sind in vollem Gange. „Afghanistan kann das nicht allein stemmen“, heißt es hierzu seitens IOM. Eine internationale Reaktion auf das Flüchtlingschaos sei notwendig. Auch die Vereinten Nationen und andere Organisationen kritisieren das Vorgehen scharf und warnen vor einer weiteren humanitären Katastrophe in der Region. Denn auch Pakistan, ein weiteres Nachbarland Afghanistans, schiebt in diesen Tagen Hunderttausende afghanischer Geflüchteter ab. Seit der Rückkehr der Taliban wurden zahlreiche internationale Hilfsorganisationen aus Afghanistan abgezogen. An den Grenzen zum Iran herrschen dystopische Zustände. Mehreren Berichten zufolge werden die Menschen mit Bussen zurückgebracht. Hungrig, durstig und ohne Geld. „Die Menschen strömen zurück ins Land und besitzen wortwörtlich nichts. Es ist klar, dass die Taliban-Regierung all das nicht stemmen kann“, erklärt Ahmad Zubair, ein Journalist aus Kabul. Auch in die Hauptstadt, die rund 1.000 Kilometer entfernt von der iranischen Grenze liegt, sind mittlerweile zahlreiche Abgeschobene zurückgekehrt. „Es gibt auch zahlreiche Minderjährige, deren Familien gesucht werden müssen“, fügt Zubair hinzu.

Mittlerweile gibt es auch Widerstand aus der Zivilgesellschaft. In der vergangenen Woche veröffentlichten mehr als 1.300 iranische und afghanische Aktivist:innen, Filmemacher:innen und Schriftsteller:innen, darunter bekannte Stimmen wie die Schauspielerin Taraneh Alidoosti und die Filmemacherin Leili Farhadpour, einen offenen Brief, in dem der Umgang mit afghanischen Geflüchteten im Iran verurteilt wird. Darin heißt es unter anderem, dass das Unrecht, das Afghan:innen und andere Minderheiten erleiden müssen, gegen jedwedes Verständnis von Menschlichkeit und Freiheit sei und umgehend beendet werden müsse.


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Infos und Quellen

Genese

Wie viele Afghan:innen hat auch Autor Emran Feroz Verwandte im Iran. Als der Krieg losging, dachte er an sie und kam dann auch auf andere Geflüchtete aus Afghanistan, die dort leben. Er recherchiert schon seit Jahren zur Situation von Afghan:innen im Iran. Eine seiner Recherchen behandelte die Rekrutierung von afghanischen Geflüchteten, die nach Syrien geschickt wurden.

Gesprächspartner:innen

  • Ahmad Zubair, Journalist, lebt in Kabul

Mehrere geflüchtete Afghan:innen, die im Iran leben:

  • Sayyed Ahmad
  • Khatera Ahmadi
  • Akhtar Mohammad

Daten und Fakten:

  • Die UNHCR schätzt, dass sich über vier Millionen Afghan:innen im Iran befinden.
  • Seit Jahrzehnten ist der Iran, der an den Westen Afghanistans grenzt, eine der größten Anlaufstellen für Afghan:innen. Erste größere Fluchtwellen fanden bereits während der frühen 1980er-Jahre statt. Kurz zuvor fanden in den beiden Ländern geschichtsträchtige Revolutionen statt: In Teheran kamen die Islamisten um Ayatollah Rohullah Khomeini an die Macht, während in Kabul marxistische Kräfte mit Hilfe der Sowjetunion die junge, afghanische Republik stürzten. In beiden Fällen handelte es sich um brutale Diktaturen, die kurz nach ihrer Machtergreifung Tausende von Menschen ermordeten. Iran mischt seit Jahrzehnten in Afghanistan mit und übt seinen Einfluss aus. Unterstützt wurden in den letzten Jahren nicht nur schiitische Milizen, denen die Mullahs in Teheran konfessionell nahestehen, sondern im Kampf gegen die US-Truppen auch die militanten Taliban, die heute Afghanistan regieren.

Quellen:

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