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Über Mondausflüge, weaponized incompetence und mangelnde männliche Scham.
Dass Christina Hammock Koch eine lebende Legende ist, steht wohl außer Zweifel. Sie ist nicht nur die erste Frau, die den Mond umrundet hat, sondern hält auch noch den Weltrekord für den längsten Weltraumaufenthalt einer Frau: ganze 328 Tage verbrachte sie 2019 und 2020 auf der ISS. Darüber hinaus unternahm sie mit Jessica Meir den ersten Weltraumspaziergang, an dem ausschließlich Frauen beteiligt waren.
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Nun war Koch Teil der Artemis II Crew und damit Teil jener Mission, die sich weiter von der Erde entfernt hat als jede Mission zuvor. Ja, Kochs Biografie unterscheidet sich in vielen Punkten von den Biografien der meisten Frauen. Die wenigsten von uns haben je die Erde verlassen – auch wenn viele von uns es angesichts der andauernden Nachrichtenflut über männliche Gewalt vermutlich bevorzugen würden, sich lieber zum Mond schießen zu lassen, anstatt es mit diesen Männern auf dieser Erde weiter aushalten zu müssen.
Apropos Männer. Das ist die eine Sache, die Christina Koch dann doch mit vielen Frauen gemeinsam hat: Sie hat einen Ehemann. Sie hat auch nicht nur irgendeinen Ehemann, sondern offenbar denselben, den auch die meisten anderen verheirateten heterosexuellen Frauen haben – nämlich einen, der in Sachen Haushaltsmanagement äußerst inkompetent ist. Oder zumindest vorgibt, es zu sein, um Verantwortung zu delegieren, denn „sie kann es ja besser“.
Wo ist das Druckerpapier?
„Ich muss wirklich sicherstellen, dass [mein Mann] versteht, dass es nicht wie auf der Internationalen Raumstation ist, wo man einfach anrufen kann. Er wird mich nicht anrufen und fragen können, wo etwas im Haus ist. Er wird es selbst finden müssen“, antwortete Koch bei einer Pressekonferenz vor der Artemis II Mission auf die Frage, wie die Astronaut:innen ihre Familien auf die bevorstehende Weltraummission vorbereiten würden.
Schon während ihrer Stationierung auf der ISS habe ihr Mann sie angerufen, weil er das Druckerpapier nicht finden konnte. Anstatt so lange zu suchen, bis er es findet, oder eine andere Person zu fragen, oder eben neues Druckerpapier zu kaufen, weil das alte unauffindbar ist, entschloss er sich, seine Ehefrau auf der ISS anzurufen. Die Ehefrau ist schließlich immer die eigentlich Verantwortliche, unabhängig davon, ob sie zu Hause ist oder im Büro oder auf der ISS: verantwortlich für den Haushalt, die Kinderbetreuung, für das eigene Lebensmanagement und für das Druckerpapier. Die Ehefrau weiß, wo etwas zu finden ist und wann etwas zu erledigen ist, und wie es erledigt werden sollte, weiß sie auch. Und wenn sie es nicht selbst erledigt, erklärt sie einem detailliert, wie es zu erledigen ist.
Wenn du dich noch in der Hoffnung wiegst, dass in deinem heterosexuellen Paarhaushalt die Aufgabenverteilung in Sachen Haushalt, Kinderbetreuung, Fürsorgearbeit und Mental Load irgendwann gleichberechtigt organisiert sein könnte, ist das vielleicht genau die Ernüchterung, die du brauchst: Frauen können nicht mal im Weltall den Orbit männlicher Verantwortungsverweigerung verlassen. Was wiederum ein guter Grund ist, genannten Paarhaushalt zu verlassen. Frau kann sogar die sein, die sich weiter von der Erde wegbewegt als jede andere zuvor, doch männlicher Inkompetenz und dem damit einhergehenden Mental Load entkommt frau offenbar nicht mal auf der International Space Station.
Inkompetenz als Waffe
Es gibt übrigens ein Wort für die vorgeschobene männliche Inkompetenz in Sachen Haushalts- und Lebensführung: weaponized incompetence, im Deutschen gerne etwas abgeschwächt als „strategische Inkompetenz“ übersetzt. Um den Wortsinn besser zu treffen, müsste man allerdings eher so etwas sagen wie „Inkompetenz als Waffe benutzt“.
Weaponized Incompetence bezeichnet das Phänomen, dass Menschen sich manchmal bei unliebsamen Tätigkeiten besonders ungeschickt anstellen, besonders lange brauchen, sie besonders schlecht oder gar nicht erledigen, um ihnen in weiterer Folge zu entgehen, weil sie dann eben jemand anderer übernimmt, der sich über die Inkompetenz ärgert oder unter ihr leidet. Die Mama wird’s schon richten.
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Die Mama richtet es auch meistens, denn es ist einfacher, Dinge gleich selbst zu erledigen, als jemanden mühsam einzuschulen, der sich dabei aufführt wie ich, wenn ich versuche, Tanzchoreografien zu verstehen (ich weiß dann plötzlich nicht mehr, wo meine Gliedmaßen sind, ob ich welche habe und wenn ja, wie viele). Anstatt jemandem (dem Ehemann) eine detaillierte Liste schreiben zu müssen, welche Einkäufe in welchem Geschäft zu erledigen sind, und dann von der Person (dem Ehemann) während des Einkaufs dreimal angerufen zu werden, weil unklar ist, wo im Supermarkt die Eier zu finden sind und ob es der Haferdrink natur oder der Barista sein soll, ist es eben manchmal einfacher (als Ehefrau), gleich selbst einkaufen zu gehen.
24-Stunden-Betreuung
Es gibt nicht wenige Männer, die sich via strategischer Inkompetenz über die Jahre kostenfreie 24-Stunden-Betreuerinnen heranziehen: Sie schmeißt nicht nur den Haushalt und betreut die Kinder, sondern vereinbart seine Arzttermine, organisiert seine Medikamentenschachtel und erinnert täglich an die Einnahme, richtet ihm das tägliche Outfit her (das sie natürlich auch eingekauft hat), wäscht seine Socken, besorgt Geburtstagsgeschenke für seine Mutter und erinnert ihn daran, wann der beste Freund Geburtstag hat. Für die Geburtstagsgeschenke der Kinder ist sowieso sie zuständig, das versteht sich von selbst, schließlich ist es erstens schwer, sich das genaue Datum zu merken (er muss im Büro den ganzen Tag irgendwas mit Zahlen machen, die kriegt man dann alle irgendwann durcheinander) und zweitens schwer zu wissen, was Kinder so wollen (er ist schließlich selten bei ihnen).
Erstaunlich sind hierbei zwei Dinge. Zum einen ist da das mangelnde Schamgefühl der männlichen Inkompetenzler. Ihr findet die Butter im eigenen Kühlschrank nicht? Ihr wisst nicht, wie man eine Waschmaschine oder einen Herd bedient? Ihr findet das Druckerpapier nicht? Ihr wisst nicht, wie man Jeans einkauft, worüber sich eure eigene Mutter oder eure Kinder zum Geburtstag freuen würden? Ihr braucht – als erwachsene Menschen – eine Betreuungsperson, die eure Arzttermine für euch vereinbart? Ist euch das nicht peinlich? So gar nicht?
Zum anderen erstaunlich ist der meiner Meinung nach beste Witz des Patriarchats: Er verbirgt sich in der Tatsache, dass dieselben pflegebedürftigen Männer für geeignete Führungskräfte gehalten werden – egal ob an der Spitze von Unternehmen oder an der Spitze von Staaten.
Frauen an der Seite von strategischen Inkompetenzlern kann man indes nur raten: Schießt sie zum Mond. Metaphorisch gesprochen natürlich.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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