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David Alaba ist Österreichs erfolgreichster Fußballer aller Zeiten, doch in der Heimat stand er lange in der Kritik. Dabei hat er große Verdienste um die Entwicklung der Nationalmannschaft. Nur wird das kaum bemerkt.
In Österreich gibt es eine Art Erfolgsparadoxon. Nach dem Prinzip: Je größer der Status, desto größer die Kritik. Toni Polster wurde vom eigenen Publikum ausgepfiffen und im Land zur Witzfigur verzerrt. Marko Arnautović erhielt scherzhaft den Titel „Magister“ – etwa, weil er einem Mitspieler Shampoo statt Chapeau zurief. Und auch Österreichs erfolgreichster Fußballer, David Alaba, stand in der Heimat öfter in der Kritik als auf der Weltbühne.
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Dabei spielt Alaba beim bekanntesten Verein der Welt, Real Madrid. Er hat genügend Trophäen für ein eigenes Museum gesammelt und zählt mit 22,5 Millionen Euro-Jahresgehalt zu den bestbezahlten Spielern der Welt. Doch in Österreich wurde er lange als pausbäckiger Bengel wahrgenommen. Auch, weil er im Nationalteam einst stur agierte und lieber als Mittelfeld-Regisseur aufgeigen wollte, anstatt auf seiner Stammposition in der Abwehr zu spielen. 2017 erweckten TV-Bilder gar den Anschein, Alaba widersetze sich der Teamchefanweisung, in die Verteidigung zu rücken. Ältere Teamspieler blickten kritisch auf den frechen Jungspund. Krone-Kolumnist Michael Jeannée attestierte ihm „peinliches Gestolpere“. Im Land kippte die Stimmung gegen Alaba.
Wie sich Dinge ändern können. Heute ist Alaba 33 Jahre alt. Und siehe da: Er gilt als Vaterfigur, die wachsam darauf achtet, dass die Nationalmannschaft in der Erfolgsspur bleibt – obwohl er wegen Verletzungen zuletzt kaum mitspielte. Aber abseits des Feldes gibt er die Richtung vor, legt sich mit Funktionären an, spricht Klartext und setzt seinen Weltstar-Status gegen die immer wieder aufkeimende ÖFB-Provinzialität ein.
Zwischen Bengel und Gott
Mit Alaba änderte sich einst Österreichs Fußballwelt. Vor ihm dominierten ängstliche und biedere Kicker das Land. Nun setzten sich mutige Burschen wie Alaba bereits in Teenagerjahren bei Topklubs durch – Bling-Bling für den langweiligen Ösi-Kick. Mit Anfang Zwanzig hatte Alaba bereits alles gewonnen: Champions League, Weltpokal, Supercup. Von Trainer-Guru Pep Guardiola wurde er ob seiner Spielintelligenz als „Gott“ bezeichnet.
Doch im Nationalteam blieb der Erfolg oft aus. Auch, weil im ÖFB Strukturen, wie er sie aus dem Weltfußball gewohnt war, fehlten. Nun waren da zwar Kicker, die in der Weltelite mitspielten. Im ÖFB aber haben neun Landespräsidenten das Sagen. Ex-Bürgermeister, pensionierte Richter, Rechtsanwälte, die ohne Fachkompetenz ihre Bubenträume auslebten, indem sie etwa den Teamchef selbst auserwählten – und oft danebengriffen.
Besonders bitter war das Ende 2017, als die Nationalmannschaft vom europaweiten Aufstieg des FC Red Bull Salzburg profitierte und das Teamgerüst aus Spielern bestand, die offensives Pressing beherrschten. Doch die Herrenrunde im ÖFB erwählte mit Franco Foda einen Teamchef, der auf biederes Verteidigen setzte. Spieler kamen ob der unpassenden Spielweise verzweifelt zu ihren Klubs zurück, verriet mir ein Trainer der Deutschen Bundesliga. Österreich, so sagte dieser, hätte die einmalige Chance, sich mit einer offensiven Pressing-Truppe einen Wettbewerbsvorteil zu erspielen – auch, weil der Stil auf Nationalteamebene damals noch neu war. Der ÖFB jedoch schaute lieber zu, wie offensive Kicker vier Jahre lang an einem defensiven Coach verzweifelten.
„Schnauze voll“: Alaba wehrte sich auf dem Feld
Einen öffentlichen Aufschrei wagten die Spieler nicht. ÖFB-intern klagten sie zwar über den Missstand. Doch es passierte nichts. Die Auftritte des Nationalteams blieben bieder, kein besserer Gegner wurde besiegt, es setzte Pleiten gegen Israel und Lettland. Bei der EM 2021 reichte es den Kickern. Der Teamchef hatte bloß einen Sieg als Ziel ausgerufen. Aber Alaba & Co. wollten mehr. Vor dem Duell gegen Italien studierten Alaba und Sabitzer den Gegner, besprachen Laufwege, feilten an der Taktik. Die Folge: Als Foda dann den Abwehrbeton verfestigen wollte, spielten sie nicht mit. Stattdessen setzten sie auf Offensive und spielten gegen geschockte Italiener groß auf.
Alaba wurde zum Anführer, auch außerhalb des Platzes. Als Österreich 2022 in der WM-Qualifikation nur Vierter wurde und Foda seinen Hut nehmen musste, fand Alaba deutliche Worte. Der neue Teamchef müsse „im Fußballdenken zu uns passen“, erklärte er. Es gebe „mit qualitativ passenden Spielern viel Potential, guten Fußball zu spielen“. Für Alaba, der lange nur nichtssagende Floskeln drosch, ein deutlicher Hilfeschrei.
Doch der Verband schien nicht hinzuhören. Und verhandelte erneut mit defensiven Trainern. Offensives Pressing sei im Nationalteam kaum umsetzbar, erklärte Sportchef Peter Schöttel. Auf öffentlichen Druck fragte er zwar halbherzig beim Offensiv-Kapazunder Ralf Rangnick an, ohne aber zu glauben, dass der ÖFB-Job tatsächlich interessant für ihn sein könnte.
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Falsch gedacht. Rangnick wollte. Er sah Potential in der Mannschaft, offensiv und mutig zu spielen. „Lass uns bitte angreifen!“, flehten seine Spieler. Und siehe da: Schnell wurden große Kaliber besiegt. Alaba erklärte die starken Leistungen ungewohnt offen damit, dass die Spieler „die Schnauze voll haben von einer gewissen Art Fußball zu spielen, wie wir es immer wieder in den Jahren zuvor hatten“.
Rangnick nahm den Spielern nicht nur auf dem Feld die Fesseln ab, sondern auch abseits davon. Er hat sie ermutigt, klar Stellung zu beziehen. Spieler wie Alaba brachten Weltgewandtheit in den provinziellen ÖFB, ein neues Erfolgsdenken und schließlich auch die Möglichkeit, dass es einen wie Rangnick reizte, hier zu arbeiten. Alaba hat in seiner Karriere eine andere Welt kennengelernt. Bei seinen Klubs in München und Madrid, erzählte er bei ServusTV, liege es „in der DNA, Erfolg zu haben“. Nachsatz: „Das war beim ÖFB ein bisschen anders“.
Kritik am ÖFB: „Keine Ahnung von Fußball“
Als Funktionäre aufgrund eines Machtpokers vergangenes Jahr Geschäftsführer Bernhard Neuhold entließen, wandte sich Alaba an die Entscheidungsträger, vereinbarte ein Treffen und ließ seine Muskeln spielen. Weil viele Weltklassespieler bislang weit unter ihrem Marktwert für ÖFB-Sponsorentermine zur Verfügung gestanden waren, drohten sie nun, künftig höhere Gagen zu verlangen. Mit Erfolg. Neuholds Kündigung wurde zurückgenommen.
Einst blieben Spieler still, wenn Funktionäre ihre von Eigeninteressen getriebenen Entscheidungen trafen. Nun stellte sich Alaba mit seinem Weltstar-Status im Rücken der Provinzialität entgegen. Als ÖFB-Funktionär Johann Gartner letztes Jahr kundtat, dass mit Rangnick nichts besser geworden sei und ein defensiver Spielstil womöglich zielführender wäre, reichte es Alaba. „Dann hat er keine Ahnung von Fußball“, erklärte er öffentlich. „Wir wollen und müssen genau so spielen, wie uns unser Teamchef lässt, damit wir erfolgreich sein können.“
Im Fußball-Bund denken einige, dass mit dieser tollen Spielergeneration jeder Trainer Erfolg hätte. Alaba aber, der unter Welttrainern wie Guardiola oder Ancelotti gearbeitet hat, weiß um die Bedeutung des Coaches. „Ich glaube nicht, dass wir ohne Ralf Rangnick bei der WM wären“, erklärte er zuletzt. Man hätte zwar auch davor Spieler gehabt, „um erfolgreich zu sein“. Aber es habe „einer gefehlt, der die Puzzlesteine zusammenlegt“.
Rangnick steht verbandsintern dennoch in der Kritik. Auch, weil er gerade als Bedingung für einen neuen Vertrag bessere Arbeitsbedingungen für das Nationalteam durchboxen will. „Ralf hat Visionen, die größer sind, als manche vielleicht wollen“, sagt Alaba offen. Einige meinen: Spieler und Coach sollten sich nicht einmischen. Doch die Weltklassekicker und der Toptrainer wurden zur wichtigen Allianz gegen die Klüngelei und Beamtenhaftigkeit im ÖFB. Als wirtschaftliche Zugpferde des Verbandes haben sie viel Macht. Aus dem Spielerkreis dringt, dass man nicht mehr in die alte Tristesse zurückwolle – und dafür zu kämpfen bereit ist.
Superstar Alaba, der seine Rolle im eigenen Land lange nicht fand, hat offenbar seine wichtigste Aufgabe erkannt: die des mächtigen Bewahrers eines späten Nationalteamerfolgs, der weiterhin nicht selbstverständlich ist.
Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.
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Infos und Quellen
Zum Autor
Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.
Daten und Fakten
- David Alaba debütierte bereits mit 17 Jahren für die Profis des FC Bayern München und die österreichische Nationalmannschaft. Der Wiener, der in jungen Jahren für den FK Austria spielte, wurde zu einem der weltweit besten Abwehrspieler, der aktuell bei Real Madrid unter Vertrag steht. Für das Nationalteam hat der 33-Jährige 112 Spiele bestritten und 15 Tore erzielt.
- Alaba hat viermal die Champions League gewonnen und wurde je dreimal Klub-Weltmeister und UEFA-Supercupsieger. Dazu hat er zwölf Meistertitel (zehn mit Bayern München) gewonnen. Er wurde zehnmal – so oft wie kein anderer – zu Österreichs Fußballer des Jahres und dreimal zum Sportler des Jahres gewählt.
- Alaba wurde auch abseits des Fußballplatzes zum Weltstar. Auf Instagram folgen ihm 15 Millionen Menschen. Vor einigen Jahren zierte er wegen seines Faibles für extravagante Kleidung das Cover des Modemagazins GQ.
Quellen
- ServusTV ON: Podcast mit David Alaba
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