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Schrödingers Sommer im April

4 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Darf man sich über Sommertemperaturen im April freuen?


Es war ein wunderschöner Tag. Ich war mit einer Freundin gerade in Kroatien, im Norden, bei Rijeka. Wir verbrachten den ganzen Tag abwechselnd in der Sonne und im Schatten, im Meer und im Liegestuhl. Abends gingen wir vom Hotel rüber in die Altstadt und aßen in einer kleinen Konoba mit rot-weiß karierten Tischtüchern und dem typischen kroatischen schwammähnlichen Brot. Wieder zuhause saßen wir dann noch am Steg und konnten uns am silbrig-rosa glitzernden Meer, kurz nachdem die Sonne die Bucht verlassen hatte, nicht sattsehen. Erst dann wurde es langsam Zeit für einen Pullover. Oben am Balkon wurde dann noch zu Millenial-Brechern wie Cantaloop getanzt, barfuß natürlich, logisch, an so einem herrlich lauen Abend.

Es war absolut fantastisch. Also. Anders. Es war ein absolut fantastischer Juni-Tag. Nur blöderweise ist halt gerade erst Mitte April. Und in meinem Kopf befindet sich ein großer, gordischer Knoten.

Es fühlt sich falsch an

Wie wahrscheinlich sehr viele Menschen liebe ich den Sommer. Tagsüber irgendwo ins Wasser springen, laue Abende im Freien. Es tut der Seele gut. Es macht innerlich leicht. In diesen warmen Monaten lade ich meine Akkus auf und speichere dieses Gefühl von Sonne am und im Bauch für hartnäckige graue Hochnebel-Wetterlagen im November. Ab Weihnachten lechze ich diesen warmen Tagen entgegen.

Aber diesmal fühlte es sich nicht richtig an. Ich schaltete den Kopf aus, genoss die Sonne auf der Haut und fühlte mich pudelwohl. Ich schaltete den Kopf wieder ein und wusste: Das ist doch einfach falsch! Das kann doch nicht sein, dass es im April schon so warm ist wie an einem durchschnittlichen Juni-Tag in meiner Kindheit. Es war wie Schrödingers Wetter: Ich fand es leiwand und sehr unleiwand gleichzeitig.

Klimaangst

Diese innere Dissonanz ist mehr als nur verwirrend. Was mir früher einfach nur gute Laune und Glück bereitete, macht mir nun … Angst?! Ich habe Angst, weil einfach nur perfektes, nicht zu heißes Sommerwetter mitten im April herrscht. Wie wird dann wohl der Sommer werden? Werden wieder halbe Kontinente brennen? Welches Land wird es diesmal erwischen, Kanada, Spanien oder doch mal wieder halb Australien (ok, da brennt es wohl erst ein paar Monate später…)? Werden unsere Eltern und Großeltern den Sommer 2024 genießen können oder werden sie sich gezwungenermaßen hauptsächlich drinnen aufhalten? Und wie heiß wird dieses Jahr meine Wohnung?

Mit dieser Angst stehe ich nicht allein da. Klimaangst ist ein inzwischen sehr weitverbreitetes Phänomen: Das Wissen rund um die Klimakatastrophe überfordert. Die Reaktion ist menschlich, und manche Psycholog:innen halten sie für positiv, denn: Gefühle animieren dazu, zu handeln. In diesem Fall, sich gegen die Klimakatastrophe zu wehren. Doch auch das kann sich schnell nach aussichtslosem Kampf anfühlen. Die Psychologin Myriam Bechtoldt von den Psychologists for Future plädiert für Zuversicht. Und darauf, sich konstruktiv erreichbare Ziele zu setzen. Natürlich weiß ich, dass ich ganz individuell nix verändere, wenn ich auf Fleisch verzichte und nicht mehr fliege. Aber es befriedigt meine eigene Wertewelt und schafft einen (minimalen) Beitrag – und das wiederum macht dann doch wieder etwas optimistischer.

Kraft für den Klimakampf

Und: Das Genießen von guten Tagen muss auch weiterhin erlaubt sein. Rund um uns brennt eh schon alles, wir müssen uns Inseln der Zuversicht suchen, auf denen wir unsere Seele für den Klimakampf wappnen und Kraft sammeln können. Es ist wichtig, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Aber hin und wieder darf man auch die Augen zumachen, die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren und fühlen, wie die Glückshormone im Körper sich munter vermehren. Dieses Genießen der Wärme, das ist zu weiten Teilen ein unterbewusster Vorgang. Da geht es ums Fühlen. Das Unwohlsein entsteht aus dem Denken, dem Wissen.

Ja, das klingt jetzt sehr nach „wenn ich die Augen zumache, dann ist das Problem nicht da“. Aber darum geht es nicht. Es ist einfach eine Ambivalenz, mit der wir alle im 21. Jahrhundert leben müssen: Unsere Ratio zeigt uns auf, was noch zu tun ist, und unsere Emotionen in Momenten des Genusses geben uns die Kraft dafür.

Kurz: Man darf warmes Wetter Mitte April beängstigend finden und gleichzeitig genießen. Man darf es genießen und gleichzeitig Angst haben. Und: Es wird Schrödingers Sommer sein.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

Klimaangst ist eine emotionale Reaktion auf den Klimawandel und andere Umweltthemen. Seit fast 20 Jahren gibt es viele Studien dazu: Der Zustand ist keine medizinische Diagnose und wird als rationale Reaktion auf die Realität des Klimawandels angesehen – allerdings kann diese Reaktion zu psychischen Auswirkungen wie Depressionen führen. Auslöser für Klimaangst sind häufig Berichte, die den Fokus aufs Problem legen, aber keine möglichen Lösungswege aufzeigen. Es geht oft einher mit einem Gefühl der Machtlosigkeit.

Quellen

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