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Schule auf Feldwebel-Art

4 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

Die Bedrohung Europas durch Russland bringt mit sich, dass das Militärische im Schulunterricht an Bedeutung gewinnt. Österreich blickt in dieser Hinsicht auf eine prägende Vergangenheit zurück.


    • Teile der Regierung wollen angesichts möglicher Bedrohungen die "geistige Landesverteidigung" in Schulen stärken und setzten dabei in einem Vorstoß vor zwei Jahren auf Offiziere.
    • Die Initiative, Milizsoldat:innen als Quereinsteiger:innen gegen den Lehrermangel einzusetzen, stößt auf Kritik und bleibt umstritten.
    • Historisch prägte militärischer Drill das Schulsystem, doch heute werden zunehmend moderne, kreative Lehrmethoden gefördert.
    • Nur 32 % der Österreicher:innen würden das Land im Ernstfall mit der Waffe verteidigen.
    • 2017 gab es 220 Schulbesuche von Offizieren, zuletzt fast 3.000 pro Jahr.
    • Die allgemeine Schulpflicht wurde 1774 von Maria Theresia in Österreich eingeführt.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Europa, auch Österreich, sieht die drohende Gefahr eines russischen Angriffs und rüstet auf. Und zwar überall, auch in den Schulen. In Zukunft soll dort die „geistige Landesverteidigung“ stärker zum Tragen kommen, sagt die zuständige Ministerin Klaudia Tanner (ÖVP) und verweist auf den schlappen Wehrwillen hierzulande. Laut Umfrage sind nur 32 Prozent der Österreicher:innen bereit, im Ernstfall das Land mit der Waffe zu verteidigen. Außerdem sind bei der Musterung immer weniger junge Männer tauglich.

Vor diesem Hintergrund kommt es jetzt immer öfter zu Schulbesuchen von Offizieren des Bundesheeres, die dort Vorträge halten. Der Standard berichtete zuletzt von jährlich fast 3.000 derartigen Veranstaltungen, im Jahr 2017 sollen es nur 220 gewesen sein. Das Heer will sein Image aufpolieren, und der Anwerbungsgedanke spielt mit.

Milizsoldat:innen als Lehrer:innen

Dazu passt gut, dass die ÖVP dem grassierenden Problem des Lehrer:innenmangels in Österreich mit Milizsoldat:innen – Militärs, die einen zivilen Hauptberuf haben – zu Leibe rücken will. Sie sollen als Quereinsteiger:innen im Rahmen der Initiative „Klasse Job“ rekrutiert werden, hieß es in einem viel beachteten Vorstoß vor gut zwei Jahren. Auch Vertreter:innen der Militärmusik und des Heeressports könnten so zum Zug kommen.

Die Folge war Kritik vor allem von Seiten der Österreichischen Hochschüler:innenschaft (ÖH) und der SPÖ („Militarisierung des Schulwesens“). Der Christgewerkschafter und oberste Lehrervertreter Paul Kimberger, einst selbst Soldat, konterte: „Das gab es schon bisher“, meinte er im „Kurier“, die Idee sei „gar nicht neu“.

Am Anfang war das Militär

Damit hat Kimberger mehr als recht: Denn als Maria Theresia 1774 die allgemeine Schulpflicht einführte, griff sie auf pensionierte Unteroffiziere zurück, um die löchrigen Reihen der Lehrkräfte zu schließen. Das hatte große Vorteile. Die Altsoldaten bezogen bereits eine staatliche Pension und mussten nicht extra bezahlt werden. Außerdem sollten die Schüler frühzeitig militärisch fit gemacht werden, um Österreichs damalige Niederlagenserie auf den Schlachtfeldern zu beenden. Als Grenadier und Kanonier war es vorteilhaft, links von rechts unterscheiden und zählen zu können. Vor allem aber sollten die Schüler Unterordnung und Gehorsam lernen. Preußen war da weit voraus, dort gab es die allgemeine Schulpflicht schon seit 1717.

„Wie aus der Pistole geschossen“

Die alten Feldwebel Maria Theresias organisierten und gestalteten den Unterrichtsbetrieb so, wie sie eben konnten. Und manches daran kommt uns heute sehr bekannt vor. So dauerte eine Exerziereinheit im Kasernenhof anno dazumal genau 50 Minuten, dann war 5 Minuten die Gelegenheit, um auf das Klo zu gehen. Eine Unterrichtsstunde zieht sich immer noch exakt so lange, dann schrillt die Glocke. Die Pulte stehen im Normalfall in Reih und Glied, ein Oberfeldwebel (Lehrer) kommandiert 20 bis 30 Mann (Schüler). Wissen nachbeten ist besser als selbst nachdenken, Schwächen werden herausgestrichen, Tadel überwiegt das Lob. Eine Antwort kommt im Idealfall „wie aus der Pistole geschossen“, „auch wenn ich euch um drei Uhr in der Nacht aufwecke und frage“, wie eine meiner gruseligen Lehrerinnen Ende der 1980er-Jahre zu sagen pflegte. Sture Wiederholung und Auswendiglernen statt Fantasie, Selbstdisziplin und Gehorsam statt freier Entfaltung. Drill in einer Drillschule eben. Und es ist kein Zufall, dass „Gott Kupfer", der sadistische Mathematiklehrer in Friedrich Torbergs epochalem Roman „Der Schüler Gerber", notorisch von seinen Erlebnissen als Soldat im Ersten Weltkrieg schwadroniert.

Und sie bewegt sich doch

Das alles ist eine Pädagogik, die längst nicht mehr zeitgemäß ist in einer Welt, die sich massiv verändert hat. In der Aufgaben eigenständig und kreativ gelöst werden sollen. Dazu kommt, dass mit den oben angeführten Maximen ein moderner Krieg, egal gegen wen, nicht mehr zu gewinnen ist.

Ein Glück, dass in den Klassenzimmern heute neben Relikten aus grauer Vorzeit moderne Ansätze gefördert werden. Selber denken, Kritikfähigkeit, kreative Problemlösung etwa. Die Milizsoldat:innen-ab-ins-Klassenzimmer-Aktion hat diese Tugenden nicht unbedingt gefördert. Um die Initiative ist es vorerst ruhig geworden, der Zuspruch dürfte ein überschaubarer sein. Und so schließe ich mit der Lehre: Es bleibt viel zu viel, aber nicht alles beim Alten an Österreichs Schulen.


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Infos und Quellen

Quellen

  • Otto Glöckel: Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule, Wien 1928
  • Schulzeitgesetz 1985 § 4
  • Friedrich Torberg: Der Schüler Gerber, Paul-Zsolnay-Verlag, 1930

Daten und Fakten

  • Milizsoldat:innen in Österreich gehen in erster Linie ihrem privaten Beruf nach. Sie sind zwar in das Bundesheer eingegliedert, werden jedoch erst bei Übungen oder Einsätzen militärisch tätig.
  • Die Anfänge des staatlichen Schulwesens in Österreich gehen auf die Schulreform von 1774 unter Maria Theresia zurück. Die Regentin führte öffentliche Staatsschulen und eine sechsjährige Schulpflicht ein. 1869 stellte das Reichsvolksschulgesetz das gesamte Pflichtschulwesen auf eine einheitliche Basis, die Schulpflicht wurde von sechs auf acht Jahre erhöht.
  • Als Preußen die Schulpflicht 1717 einführte, wurden Lehrer, wie in Österreich unter Maria Theresia, nicht bezahlt. Es wurden Handwerker, Tagelöhner und auch pensionierte Soldaten zum Schuldienst verpflichtet.

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