Zum Hauptinhalt springen

Schulterzucken ist auch eine Entscheidung

4 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

2025 war ein Jahr umweltpolitischer Rückschritte, das lässt sich nicht schönreden: Nachhaltigkeit ist gerade nicht wirklich in.


Es gab viele skandalöse Entwicklungen, sodass man kaum noch nachkam. Und genau da begann etwas Gefährliches: kollektives Schulterzucken. Ja mei, ein bisserl Aufweichung hier, heftiges Zurückrudern dort. Es ist, als hätte sich eine gewisse Müdigkeit breitgemacht – eine Erschöpfung, die sagt: Es bringt ja eh nichts. Aber Nicht-Reagieren ist keine neutrale Haltung. Schulterzucken ist auch eine Entscheidung.

Was waren sie, die negativen Höhepunkte 2025 in Sachen Nachhaltigkeit?

Da wäre zum Beispiel das vielzitierte Omnibus-Paket der EU. Was als „Vereinfachung“ verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als systematische Entkernung mühsam erkämpfter Umwelt- und Nachhaltigkeitsregeln. Weniger Berichtspflichten, mehr Ausnahmen, weniger Verbindlichkeit. Bürokratieabbau klingt sympathisch, solange man nicht dazusagt, dass damit vor allem ökologische Mindeststandards über Bord gehen. Der Omnibus fährt – nur leider in die falsche Richtung. Und sehr wahrscheinlich benzinbetrieben, aber dazu später.

Lieferkettengesetz: Schwach.

Ähnlich ernüchternd ist die Abschwächung des EU-Lieferkettengesetzes. Ein Instrument, das Unternehmen endlich für Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen entlang ihrer Wertschöpfungsketten in die Verantwortung nehmen sollte, wurde so zurechtgestutzt, dass ein Großteil der Wirtschaft gar nicht mehr betroffen ist. Haftung? Aufgeschoben. Verpflichtungen? Verwässert. Das Signal ist klar: Wer groß genug ist, kann sich offenbar weiterhin wegducken.

Green Claims: Wegblockiert.

Besonders schockiert hat mich das Ende der geplanten Green Claims Richtlinie in der EU: Mitten im Trilog, noch bevor es ein Ergebnis gab, schrieb die EVP, die Europäische Volkspartei, einen Brief an die Kommission und forderte, die Richtlinie ganz zurückzuziehen. Sie erklärte quasi: Egal, was kommt, wir werden nicht zustimmen. Ergebnis: Die Richtlinie liegt auf Eis.

Verbrenner: Bleiben.

Und dann der U-Turn beim Verbrenner-Ausstieg. Lange galt das Aus für neue fossile Autos als fixer Anker der europäischen Klimapolitik. 2025 wurde daraus ein „Naja, vielleicht doch nicht ganz“. Neue Schlupflöcher, neue Ausnahmen, neue Narrative von Technologieoffenheit – Nehammer und ein paar andere in der ÖVP wird’s freuen. In Wahrheit ist es ein Einknicken vor kurzfristigen Industrieinteressen – auf Kosten von Planbarkeit, Glaubwürdigkeit und Klima. Und vor den Interessen der Bürger:innen: Bereits 60% aller 2025 bis November in Österreich zugelassenen Pkw haben alternativen Antrieb, also Elektro oder Hybrid.

USA: Welches Klimaschutzabkommen?

Global betrachtet, wurde es nicht besser. In den USA wurden Klimaschutzmaßnahmen zurückgefahren, Umweltauflagen gelockert, internationale Verpflichtungen infrage gestellt – bis hin zum erneuten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Wenn eine der größten Volkswirtschaften der Welt wieder demonstrativ aus der Verantwortung geht, bleibt das nicht ohne Folgen. Auch das ist ein Schulterzucken mit globaler Wirkung.

Klimaticket teurer, Klimabonus gestrichen.

Doch wir müssen gar nicht so weit schauen. Auch in Österreich wird 2025 auf Kosten der Umwelt und der Zukunft gespart. Das Klimaticket wird teurer, der Klimabonus gestrichen. Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz bleibt hinter dem zurück, was nötig – und möglich – gewesen wäre. Statt klarer Signale für die Energiewende gibt es Abwägungen, Verzögerungen und ein ständiges „Jetzt ist leider nicht der richtige Zeitpunkt“. Spoiler: Der richtige Zeitpunkt wird nie von selbst kommen.

Los, Ärmel hochkrempeln.

Was wünsche ich mir also für 2026? Ich wünsche mir, dass wir erkennen, dass dieser Weg in die falsche Richtung führt. Dass wir begreifen, wie gefährlich bequem Resignation ist. Und ich wünsche mir, dass wir aufhören, nur noch mit den Schultern zu zucken – und stattdessen wieder anfangen, Fragen zu stellen, Widerspruch zu äußern, Druck zu machen. Demokratie und Klimaschutz leben davon, dass Menschen nicht müde werden.

In diesem Sinne wünsche ich eine erholsame Zeit zwischen den Jahren. Eine Pause zum Durchatmen, Nachdenken, Kraftsammeln. Denn ab Jänner brauchen wir sie wieder: die volle Energie für ein Jahr, in dem Schulterzucken keine Option mehr sein darf..

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Ähnliche Inhalte