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Schweinekopf vor Tür: „Das kann es doch bei uns nicht geben“

6 Min
10.000 Euro soll es für das Finden der Täter:innen geben.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock und Wiki Commons

Bürgermeister Christian Margreiter will die Täter:innen nach dem islamfeindlichen Vorfall in Hall in Tirol unbedingt finden. Er setzt sogar eine Belohnung aus.


    • Vor der Wohnung einer türkischstämmigen Familie in Hall wurde ein Schweinekopf mit beleidigendem Spruch abgelegt, was als Hass-Inszenierung gewertet wird.
    • Bürgermeister Christian Margreiter lobte 10.000 Euro aus eigenen Mitteln für Hinweise zur Ergreifung der Täter:innen aus und erhielt überwiegend positive Rückmeldungen.
    • Margreiter betont die Bedeutung von Toleranz und friedlichem Zusammenleben, kritisiert aber auch gesellschaftliche und politische Tendenzen zu Fremdenfeindlichkeit.
    • Der Vorfall ereignete sich zum Ende des islamischen Monats Ramadan.
    • Migration hat in Hall eine lange Geschichte.
    • Der 15. März wurde von den Vereinten Nationen als Internationaler Tag zur Bekämpfung von Islamophobie eingeführt, in Erinnerung an den Anschlag von Christchurch.
    • In Österreich betrifft das Thema eine relevante Minderheit, da rund 8 bis 9 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

In der Tiroler Gemeinde Hall bei Innsbruck gab es zum Ende des islamischen Monats Ramadan einen islamfeindlichen Vorfall. Bürgermeister Christian Margreiter der unabhängigen Bürgerliste Für Hall war schockiert – und will nun unbedingt die Täter:innen finden. Belohnung: 10.000 Euro.

WZ | Emran Feroz
Der Vorfall mit dem Schweinekopf hat in der vergangenen Woche für viel Entsetzen gesorgt. Doch auch Ihre Reaktion machte Schlagzeilen. Was ist passiert und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Christian Margreiter
Ich war gegen Ende des islamischen Monats Ramadan zum Fastenbrechen in einer der Moscheen in Hall eingeladen. Als ich dort war, zeigte mir einer der Organisatoren ein Foto, das vor der Wohnung einer türkischstämmigen Familie in Hall geschossen wurde. Es zeigte einen Schweinekopf, der dort auf einem Stück Weihnachtspapier abgelegt wurde. Dazu gab es noch einen Spruch mit beleidigenden Äußerungen. Für mich sah das nach keinem Lausbubenstreich aus, sondern nach einer Hass-Inszenierung. Eine sehr feige, menschenverachtende Aktion. Mich hat das bewegt und wütend gemacht. Um die Täter:innen dingfest zu machen, habe ich mich dazu entschlossen, eine entsprechende Auslobung zu machen. Das könnte mehr Menschen dazu bewegen, ihr mögliches Wissen mit mir zu teilen. Mir fiel bei dem Bild auf, dass der Kopf wahrscheinlich von einem Spanferkel stammt. So ein Tier isst und grillt man nicht alleine. Deshalb besteht ja die Möglichkeit, dass eine Gruppe von mehreren Leuten wissen könnte, woher der Schweinekopf stammt und wer der Täter sein könnte.
WZ | Emran Feroz
Die Belohnung ist beachtlich – und sie stammt aus Ihren privaten Mitteln?
Christian Margreiter
Das ist richtig. Mir war klar, dass man mit 500 Euro niemanden aus der Reserve locken kann. Deshalb habe ich den hohen Betrag von 10.000 Euro ausgelobt. Das ist auch für mich viel Geld, aber mir ist es sehr wichtig, die Täter:innen zu überführen. Ich hatte auch ein bisschen die Hoffnung gehabt, dass die Täter:innen sich dadurch selbst stellen und womöglich entschuldigen würden. Diese Erwartung war wohl etwas naiv. Doch nun habe ich mehrere konkrete Termine mit Menschen, die behaupten, sie würden wissen, wer die Täter:innen seien.
WZ | Emran Feroz
Es hieß unter anderem, dass die betroffene Familie sich von der Polizei nicht ernst genommen gefühlt hätte, bevor Sie Ihre Aktion starteten. Denken Sie, dass es hier auch strukturelle Probleme gibt? Kritik gab es an Ihrer Aktion auch, unter anderem von der FPÖ, die nicht bekannt dafür ist, sich für Muslim:innen einzusetzen.
Christian Margreiter
Das kann ich nicht sagen, denn hierzu habe ich einfach zu wenige Kenntnisse. Ich weiß nicht, inwiefern man dieser Anzeige nachgegangen ist. Ich habe der Polizei meine Auslobung mitgeteilt und wollte, dass sie das auch wissen, damit man das gegebenenfalls irgendwelchen Informant:innen weitergeben kann. Ich möchte allerdings auch betonen, dass es mir nicht um eine bestimmte Parteiergreifung für irgendetwas geht, sondern dass ich mich in erster Linie dafür einsetze, dass man anständig miteinander umgeht und dass man sich gegenseitig toleriert. Ich hätte dasselbe auch für die jüdische oder christliche Gemeinschaft gemacht und mache da keinen Unterschied. Mir ist schon klar, dass natürlich die Vertreter:innen mancher Gesinnungen glauben, sie müssen da Stellung beziehen. Ich habe bereits die absurdesten E-Mails erhalten. Die meisten Zuschriften waren dennoch positiv.
WZ | Emran Feroz
Was hat Sie besonders schockiert?
Christian Margreiter
Unter anderem hieß es, ich würde mit meiner Aktion eine klassische Täter-Opfer-Umkehr betreiben. Ich verstehe nicht, wie man überhaupt erst darauf kommen kann. Wie gesagt: Mir ist es einfach nur wichtig, dass man einander toleriert. Ich fordere die Toleranz auch für mich ein, auch für meinen Glauben oder für meine Überzeugung. Ein friedliches Zusammenleben zwischen uns allen ist einfach essenziell. Es muss doch so etwas wie eine Grundachtung geben, und genau das wird durch solche Aktionen in massivster Weise verletzt. Das kann einfach nicht toleriert werden.
Bürgermeister Dr. Christian Margreiter
Bürgermeister Dr. Christian Margreiter (FÜR HALL).
© Emran Feroz
WZ | Emran Feroz
Denken Sie nicht, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten vielleicht einige politische Akteur:innen gegeben hat, die zu so einem Klima beigetragen haben? Ich bin in Innsbruck mit „Daham-statt-Islam“-Sprüchen der FPÖ aufgewachsen.
Christian Margreiter
Natürlich ist das so. Es ist ja grundsätzlich so, dass gegenüber dem Fremden irgendwie natürliche Ängste herrschen. Das dürfte einfach im Menschen irgendwo drinnen stecken, dass alles, was man nicht kennt und was fremd ist, einmal vorerst auf Ablehnung stößt. Es hat auch aufgrund des islamistischen Terrors der letzten Jahre Trittbrettfahrer gegeben, die das Ganze instrumentalisierten, um Unfrieden zu schüren oder Stimmung zu machen.
Besonders leid taten mir die kleinen Kinder der betroffenen Familie.
Bürgermeister Christian Margreiter
WZ | Emran Feroz
Wie empfinden Sie persönlich die Zeit des Ramadans und das muslimische Zusammenleben in Hall?
Christian Margreiter
Früher bin ich damit überhaupt nicht in Berührung gekommen. Seit ich Bürgermeister bin, werde ich natürlich vermehrt von Vereinen und anderen eingeladen. Ich zeige dann auch gerne Interesse und Präsenz. Denn ich bin auch für diese Bürger:innen verantwortlich. Ich bin auch ihr Bürgermeister. Das sollte selbstverständlich sein. Das Zusammenleben in einer kleinen Gemeinde wie Hall ist meiner Meinung nach womöglich besser als anderswo. Es ist ja oft so, dass viele Leute Menschen anderen Glaubens oder anderer Herkunft ablehnen, aber gleichzeitig das Fremde in ihrer eigenen Umgebung, das ihnen bereits vertraut ist, davon ausschließen. Da heißt es dann zum Beispiel: „Nein, den sollte man nicht abschieben, das ist ein Guter!“

Auch in Hall sind wir einfach „näher beinander“. Es gibt viele persönliche Beziehungen, und das führt zu einem positiveren Klima. Natürlich gibt es leider auch bei uns ausländerfeindliche Äußerungen verschiedener Art und Weise. Es gibt hier und dort mal Schmierereien. Aber all das hält sich in Grenzen und ist nicht so extrem. Auch deshalb ist der Schweinekopfvorfall so schockierend. Ich dachte mir zuerst nur: Das kann es doch nicht bei uns geben! Besonders leid taten mir die kleinen Kinder der betroffenen Familie. Ich habe selber fünf Kinder und sieben Enkelkinder und kann mir gut vorstellen, was für Ängste das auslöst.
WZ | Emran Feroz
Wir sehen ja nun auch wieder neue Eskalationen in Nahost. Sie könnten zu neuen Fluchtwellen führen, ähnlich wie in 2015. Dann wären auch Tirol und Hall wieder betroffen. Kleinere Kommunen meinen immer wieder, dass ihnen die Ressourcen fehlen und sie das nicht wieder stemmen könnten.
Christian Margreiter
Ich befürchte, dass man diese Realität leider anerkennen muss. Jede Gesellschaft hat ein bestimmtes Potenzial, um Neues zu bewältigen. Dieses Potenzial ist nicht unerschöpflich, obwohl man natürlich gerne allen, die verfolgt werden und auf der Flucht sind, helfen würde. Diese Realität wird auch in anderen Bereich deutlich. Natürlich würde man auch gerne jede Art von Armut in Österreich ausmerzen, aber auch in diesem Fall sind die Möglichkeiten irgendwann begrenzt.
WZ | Emran Feroz
Gab es aufgrund Ihrer Aktion eigentlich auch Solidarität aus anderen Parteien?
Christian Margreiter
Nein, leider eher weniger. Mir wirft man nun eher vor, dass ich populistisch vorgehen würde. Eine sozialdemokratische Gemeinderätin meinte das unter anderem. Ich finde, das ist ein merkwürdiger Vorwurf, vor allem von dieser Seite. Es ist mein Geld, das ich auslobe und ich habe es überhaupt nicht nötig, mich zu profilieren. Ich weiß nicht einmal, ob ich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters noch einmal für das Bürgermeisteramt antreten werde. Mein Bestreben in dieser Sache ist ehrlich. Ich will einfach nur die Täter:innen dingfest machen.
WZ | Emran Feroz
Gab es Reaktionen aus anderen Landesteilen, zum Beispiel aus Wien?
Christian Margreiter
Ich habe sehr viele E-Mails bekommen und die meisten davon waren durchwegs positiv. Aufgrund der Namen konnte ich feststellen, dass viele dieser Menschen türkischstämmig waren, aber natürlich ließen sich auch viele österreichische und deutsche Namen finden.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Christian Margreiter ist seit 2022 Bürgermeister der Stadt Hall (Bundesland Tirol, Österreich). Er wurde in einer Stichwahl mit rund 57,5 Prozent der Stimmen gewählt und setzte sich damit gegen den bisherigen politischen Block durch. Er gehört der unabhängigen Bürgerliste „Für Hall“ an und engagiert sich besonders für kommunale Themen wie Stadtentwicklung, Verkehr, Digitalisierung, soziale Anliegen sowie Bürgerbeteiligung. Margreiter ist promovierter Jurist und politisch vor allem auf Gemeindeebene aktiv, wo er als Bürgermeister die Stadtverwaltung und lokale Politik leitet.

Daten und Fakten

  • Migration hat in Hall eine lange Geschichte. Die Stadt wurde – wie viele Orte in Tirol – seit den 1960er-/70er-Jahren durch sogenannte Gastarbeiter geprägt, vor allem aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, die für Industrie und Bauwirtschaft angeworben wurden. Heute ist Migration ein fester Bestandteil der Stadtgesellschaft: Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung haben eine ausländische Staatsbürgerschaft. Dabei hat sich die Zusammensetzung verändert – neben klassischen Arbeitsmigrant:innen gibt es auch EU-Zuwanderung, Familiennachzug sowie Geflüchtete. Im Zusammenhang mit Islam spielt vor allem die türkischstämmige Community eine Rolle; es gibt in Hall auch entsprechende religiöse Vereine und Strukturen. Insgesamt zeigt sich, dass Migration in Hall kein neues Phänomen ist, sondern historisch gewachsen und eng mit Wirtschaft und gesellschaftlicher Entwicklung verbunden ist.
  • Antimuslimischer Rassismus: Der 15. März wurde von den Vereinten Nationen als Internationaler Tag zur Bekämpfung von Islamophobie eingeführt, in Erinnerung an den Anschlag von Christchurch. Ziel ist es, auf Diskriminierung und Gewalt gegenüber Menschen aufmerksam zu machen, die als muslimisch wahrgenommen werden. Antimuslimischer Rassismus zeigt sich in unterschiedlichen Formen – von Hassrede und Beleidigungen über Benachteiligung im Alltag (z. B. bei Jobs oder Wohnungen) bis hin zu Angriffen auf Personen oder religiöse Einrichtungen. Besonders häufig betroffen sind Frauen mit sichtbaren religiösen Symbolen wie dem Kopftuch.
  • In Österreich betrifft das Thema eine relevante Minderheit, da rund 8 bis 9 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus werden jährlich mehrere hundert bis über tausend Vorfälle gemeldet, ein großer Teil davon online, aber auch im öffentlichen Raum. Obwohl rechtlich Religionsfreiheit und Gleichbehandlung garantiert sind, bleibt antimuslimischer Rassismus ein gesellschaftliches Thema, das eng mit Debatten über Migration, Integration und Sicherheit verknüpft ist.

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