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Die Fälle von sexuell übertragbaren Infektionen steigen. Oft bleiben sie unbemerkt und werden unterschätzt. Gleichzeitig sinkt die Nutzung von Kondomen, auch weil viele heute anders verhüten. Doch Spirale & Co schützen nicht vor Ansteckung.
Wir sitzen in unserem Lieblings-Hipster-Lokal, trinken Matcha aus Essiggurken-Gläsern. An den Wänden kleben Sticker über Safer Sex, Testangebote und die nächste Sex-Positive-Party. Wir reden übers Fortgehen, über Dates und Sex. Eine Freundin erzählt mir, dass sie letztens einen Dreier hatte, aber vergessen hat, zu verhüten. Und wir kommen zu dem Schluss: Ungeschützten Sex hatten wir alle schon einmal. Sicher, über Geschlechtskrankheiten sind wir aufgeklärt, aber glauben insgeheim dennoch: „Uns wird schon nix passieren.”
- Kennst du schon?: Bin ich sauber genug? TikTok sagt: Nein.
Dass sexuell übertragbare Infektionen aber auftreten und an Häufigkeit sogar zunehmen, zeigt eine aktuelle Studie der Europäischen Gesundheitsagentur ECDC: Dabei kann schon ein ungeschützter Oralverkehr zur Ansteckung führen, etwa mit Tripper, Chlamydien oder Syphilis. Die Zahl der Tripper-Fälle hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. „Das lässt sich auch auf Österreich umlegen“, sagt die Gynäkologin und Vorsitzende der Aids Hilfe Wien Mirijam Hall. Grund dafür: Rund jede:r Zweite zwischen 14 und 20 Jahren verhütet gar nicht, und wer verhütet, denkt primär an Schwangerschaft, nicht an Infektionen. Das zeigt der Verhütungsbericht 2024.
Verhütung = keine Kinder
„Mir war immer wichtiger: Ich werd’ nicht schwanger“, sagt Lilli in die Runde. Wir nicken. Goldspirale, Kupferkette, Vaginalring: Wir wissen über den edelsten Schmuck in unserem Uterus und unserer Vagina Bescheid und über jede Methode, Schwangerschaften zu vermeiden. Dass aber Verhütung auch die Prävention von Geschlechtskrankheiten umfasst, kommt hier nicht zur Sprache.
Das Kondom ist die einzige Möglichkeit, sich zu schützen.Mirijam Hall
Durch den medizinischen Fortschritt hat HIV viel von seinem Schrecken verloren, das sagt auch STI-Experte Florian Breitenecker: „Das ist eine erfreuliche Entwicklung, hat aber sicher zu einem Rückgang der Kondomnutzung beigetragen.“ Viele verlassen sich darauf, dass ein ungeschützter Sexualkontakt sich nachher medikamentös regeln lässt, ganz nach dem Motto unserer Freundin Susi: „So schlimm sind Geschlechtskrankheiten auch wieder nicht“. Zumindest nicht so schlimm, dass man dafür den Vibe Killer „Kondom-Überziehen“ riskiert.
Bitch, don’t kill my vibe
„Ich finde das ‚Kondom anziehen‘ während dem Sex eher störend und nervig“, gibt Daria zu. Lilli versteht, was sie meint und fügt hinzu: „Wenn ich an Verhütung denk, denk ich daran, dass Sex teilweise ultra das Gegenteil von unbeschwert ist.“ Wir sprechen darüber, dass wir diese Szenen, in denen man über Verhütung redet, aus Pornos oder Filmen nicht kennen. Darüber, dass Vernunft und Verhütung nicht viel mit Sexiness zu tun hat. Tina kontert: „Klar ist das ein Vibe Killer. Aber es ist auch ein Vibe Killer, sich eine Geschlechtskrankheit einzufangen.“ Stimmt eigentlich.
Die Sache mit dem Spüren
Oft kommt es aber gar nicht zu der Situation, denn schnell merken wir: Fast alle von uns kennen es, wenn Sexualpartner kein Kondom benutzen wollen. Jana regt sich auf: „Einer wollt mir mal erklären, dass er nichts spürt mit Kondom. Halt die Fresse, du Trottel.“ Anna hat das alles schon gehört: „Das Kondom ist unangenehm! Sie können nicht kommen! Es ist zu eng!“. Ihr Lösungsvorschlag: „Ja, dann miss mal deinen Penis ab und kauf dir passende.“ Was ist da dran? Spürt man mit Kondomen wirklich weniger? Breitenecker erklärt: „Es ist realistisch, dass bei zirka 20 % der Männer das Empfindungsvermögen mit Kondomen verringert ist, besonders bei falscher Größe. Bei optimaler Wahl von Kondomtyp und passendem Gleitmittel wird das Gefühlsleben von fast allen Personen jedoch kaum eingeschränkt sein.“
Aufgeklärt, aber nicht wirklich
Auch wenn viele von uns regelmäßig bei Gynäkolog:innen sitzen, heißt das noch lange nicht, dass über sexuelle Gesundheit gesprochen wird. „Wie oft haben Sie bei der Gynäkologin über STDs oder Ihr Sexleben gesprochen?“, fragt Mirijam Hall. „Eher selten, oder?“ Frauen haben zwar, zum Beispiel mit regelmäßigen Gynäkolog:innen-Terminen, prinzipiell besseren Umgang zur medizinischen Versorgung, aber genau diese Themen werden oft ausgespart. Bei Männern ist es umgekehrt: Sie gehen seltener zum Arzt, wenn aber „untenrum“ plötzlich etwas nicht stimmt, ist der Schock groß. „Wenn ein 45-Jähriger plötzlich Ausfluss hat, ist das für ihn meist sehr traumatisch“, sagt Hall.
Am Ende des Treffens ist klar: Obwohl wir uns für aufgeklärt und sexpositiv halten, kennen wir uns alle zu wenig aus. Einige von uns hatten Geschlechtskrankheiten, von denen andere noch nie etwas gehört haben. Wir verlassen uns auf das gute Gefühl, uns „eh mal getestet“ zu haben. Auf Verhütungsmittel, die nur vor Schwangerschaft schützen. Und auf Partner:innen, die das Thema gerne ignorieren. Irgendwer muss dann halt doch Verantwortung übernehmen. „Gibt es kein Kondom, gibt es keinen Sex und fertig!“ sagt Tina. Und irgendwie hat sie recht.
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Infos und Quellen
Genese
Die Fälle von Geschlechtskrankheiten steigen. Verhüten wir noch? Nora und Mimi haben festgestellt, dass sie in einer sehr aufgeklärten und sexpositiven Bubble sind. Vor Geschlechtskrankheiten schützen? Trotzdem oft nicht drin. Einige ihrer Freund:innengehen ab und zu testen, aber meistens nur nach einer direkten Exposition.
Gesprächspartner:innen
- Anna
- Lilli
- Daria
- Tina
- Jana
- Susi
(Namen von der Redaktion geändert)
- Mirijam Hall ist Gynäkologin und Vorstandsvorsitzende vom Aids Haus Wien.
- Florian Breitenecker ist Allgemeinmediziner und hat sich auf HIV-Therapie und sexuelle Gesundheit spezialisiert.
Daten und Fakten
- Kondome schützen nicht zu 100 % vor Geschlechtskrankheiten, sind aber das sicherste Verhütungsmittel, um eine sexuelle Übertragung zu vermeiden.
- STD steht für sexually transmitted disease. (auf Deutsch: sexuell übertragbare Erkrankung).
- Die Europäische Gesundheitsagentur (ECDC) hat erhoben, dass Im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der registrierten Gonorrhoe-Fälle in den EU- und EWR-Staaten um 31 % gestiegen ist. Im Zehnjahresvergleich bedeutet das sogar einen Anstieg von rund 300 %.
- Der Verhütungsbericht 2024 zeigt, was wir eigentlich nicht hören wollen: In der Altersgruppe der 14- bis 20-Jährigen gibt rund jede:r Zweite an, nicht zu verhüten. Auch in anderen Altersgruppen ist der Anteil überraschend hoch. Mehr als ein Drittel der 31- bis 40-Jährigen gibt an, keine Verhütungsmittel zu verwenden.
Quellen
- Europäischen Gesundheitsagentur (ECDC): STI cases continue to rise across Europe
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Verhütungsbericht 2024
Das Thema in anderen Medien
- orf.at: Europa: Anstieg bei Geschlechtskrankheiten
- Der Standard: Immer mehr Fälle ansteckender Geschlechtskrankheiten in Europa
- Kleine Zeitung: Experten schlagen Alarm: Fälle von Geschlechtskrankheiten in Europa steigen
Das Thema in der WZ
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