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She’s Everything. He’s just Ken.

6 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Barbie: Wie ich mit zynisch-ablehnender Haltung ins Kino trottete und einen klugen, lustigen und bewegenden feministischen Film vorfand.


Sympathien für Barbie, die Puppe, für Barbie, das Kulturphänomen, hatte ich wahrliche nie. Ich war eines dieser Mädchen, das nie mit Puppen spielte und deshalb auch nie mit Barbies. Mit Autos übrigens auch nicht. Ich kam nämlich weder mit stereotypen Mädchenspielen noch mit stereotypen Bubenspielen zurecht, fand es immer blöd, Erwachsene nachzuspielen, weshalb ich mich im Kindergarten schon in die Leseecke verzogen habe (da sitze ich gewissermaßen bis heute). In Barbieland wäre ich wohl Weird Barbie. In der Echten Welt halt feministische Autorin.

Als Heranwachsende und feministisch denkende Erwachsene fand ich Barbie dann noch schlimmer als als Kind, kritisierte das völlig unrealistische Schönheitsideal, das sie repräsentierte und Mädchen vermittelte, als zutiefst sexistisch. Dass Barbie, wäre sie eine echte Frau mit einem echten Körper, aufgrund ihrer Proportionen nichtmal aufrecht stehen könnte, muss ich an der Stelle wohl nicht wiederholen, der Satz ist bereits zur Platitüde geworden, die immer dann wiederholt wird, wenn feministische oder anderweitige Kritik an der übersexualisierten Plastikpuppe geübt wird.

Barbie-Memes, Barbie-Reels und pinke Schale

Ihr ahnt schon, was jetzt kommt, es ist das, was in Texten über Barbie, den Film, schon des Öfteren auch von anderen feministischen Frauen geschrieben wurde: Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich mir jemals freiwillig einen Barbie-Film anschauen würde. Noch weniger hätte ich mir je gedacht, dass ich ihn für gut befinden würde. Angesehen habe ich ihn, weil Greta Gerwig verlässlich für cineastische Qualität steht und weil, ja, ich gebe es zu, mein Instagram-Feed monatelang mit Barbie-Memes und Barbie-Reels und zuletzt Menschen, die sich für ihren Kinobesuch in pinke Schale werfen, befüllt war. Man will ja schließlich mitreden können. Marketingtechnisch hat Mattel, dessen Barbie-Verkäufe 2022 zum ersten Mal eingebrochen waren also ganze Arbeit geleistet.

Foto einer Barbiepuppe vor ihrem Haus.
Die Barbie-Verkäufe von Mattel sind 2022 zum ersten Mal eingebrochen. Der Film bringt ein Revival der Plastikpuppen.
© Copyright: Mattel

Ich bin also mit einer zynisch-ablehnenden Haltung gegenüber Barbie, gegenüber Mattel sowieso, ins Kino getrottet, in dem Wissen, dass Barbie, der Film, zumindest von Seiten des Konzerns ein kluger Versuch ist, wieder mehr sinnlose pinke Plastikpupperl zu verkaufen um die Plastikberge dieser Welt noch ein Stück weit zu vergrößern und noch mehr Mädchen gefährliche Schönheitsideale einzuimpfen. Und habe dann, zu meiner Überraschung, Gerwig sei Dank, einen klugen, lustigen und bewegenden feministischen Film vorgefunden. Ein Film, in dem ich laut gelacht und geweint habe, was mir im Kino in der Kombination nicht oft passiert.

Achtung, es folgen Spoiler

In Gerwigs Barbieland entscheidet sich Barbie für Cellulite und für das Älter-Werden. Gerwigs Barbieland ist gespickt mit Spitzen gegenüber Mattel, mit Selbstironie und Patriarchatskritik. Tatsächlich: alleine dass das Wort „Patriarchat“ in einem Hollywoodfilm überhaupt vorkommt ist eine kleine Sensation, in Barbie kommt es sehr oft vor (ich habe nicht mitgezählt), denn Barbieland ist gewissermaßen als Matriarchat organisiert. Ein etwas hirnloses Matriarchat, da Barbies dort, um Ärztinnen, Präsidentinnen und Supreme Court Justices zu werden, weder irgendetwas können noch irgendetwas lernen müssen (sie sind schließlich Puppen), aber dennoch eine Welt, in der Frauen (die Barbies) das Sagen haben, während den Männer (die Kens) die Rolle zugewiesen wird, die Barbies zu bewundern und sich nach ihnen zu verzehren.

Film als männerfeindlich kritisiert

She’s everything, he’s just Ken eben. Schon im Vorfeld wurde der Film von konservativer und maskulinistischer Seite als männerfeindlich kritisiert, weil er Kens die Rollen zuweist, die im Hollywoodkino sonst ganz selbstverständlich Frauen haben. Der logische Schluss ist, dass fast alles andere, was wir sonst so im Kino vorgesetzt bekommen, frauenfeindlich ist.

Aber zurück zu Barbie: Stereotypical Ken entdeckt in der Echten Welt, dass sie sehr anders funktioniert als Barbieland, dass dort nämlich Männer das Sagen haben, und versucht, in Barbies Abwesenheit, Barbieland ebenso zum Patriarchat umzuformen. Die Kens scheitern aber kläglich an ihren eigenen patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen. Ohne zuviel zu verraten, sind die besten feministischen Momente im Film jene, die patriarchale Ansprüche an Männlichkeit und Weiblichkeit und die damit einhergehenden Rollenzuschreibungen auseinandernehmen. Ein solcher Moment ist der mittlerweile legendäre Monolog von Gloria, die von America Ferrera gespielt wird:

It is literally impossible to be a woman.
America Ferrera als Gloria

It is literally impossible to be a woman. You are so beautiful, and so smart, and it kills me that you don’t think you’re good enough. Like, we have to always be extraordinary, but somehow we’re always doing it wrong. You have to be thin, but not too thin. And you can never say you want to be thin. You have to say you want to be healthy, but also you have to be thin. You have to have money, but you can’t ask for money because that’s crass. You have to be a boss, but you can’t be mean. You have to lead, but you can’t squash other people’s ideas. You’re supposed to love being a mother, but don’t talk about your kids all the damn time. You have to be a career woman, but also always be looking out for other people. You have to answer for men’s bad behavior, which is insane, but if you point that out, you’re accused of complaining. You’re supposed to stay pretty for men, but not so pretty that you tempt them too much or that you threaten other women because you’re supposed to be a part of the sisterhood. But always stand out and always be grateful. But never forget that the system is rigged. So find a way to acknowledge that but also always be grateful. You have to never get old, never be rude, never show off, never be selfish, never fall down, never fail, never show fear, never get out of line. It’s too hard! It’s too contradictory and nobody gives you a medal or says thank you! And it turns out in fact that not only are you doing everything wrong, but also everything is your fault. I’m just so tired of watching myself and every single other woman tie herself into knots so that people will like us.

Not only are you doing everything wrong, but also everything is your fault.
America Ferrera als Gloria

Und wenn ihr euch schon gefragt habt, wann im Film ich geweint habe, das war der Moment. Und mit mir viele andere Frauen im Kino.

Ja, Barbie, der Film bringt die übliche post- und popfeministische Ambivalenz mit sich, eine Mischung aus feministischen und antifeministischen Diskurssträngen. Ja, Barbie der Film verkauft Kapitalismuskritik um die Profite des Mattel-Konzerns zu vergrößern.

Aber Barbie, der Film wurde von einer klugen, feministischen Frau gemacht und das sieht und hört man in jeder Minute des Films.

Die Echte Welt braucht einen Einstieg in den Feminismus

Barbie, der Film, hat das Potential für viele ein niedrigschwelliger, einfacher Einstieg in den Feminismus zu sein. Und die Echte Welt und die Menschen in ihr sehen im Gegensatz zu Barbieland so aus, als würden sie genau das dringend brauchen.

In der Echten Welt wurden nämlich währenddessen beispielsweise in Wien bei #metoo-Protesten vor den Rammstein-Konzerten jene Frauen, die Till Lindemann der sexuellen Gewalt beschuldigen verhöhnt, Demonstrantinnen mit Bier beschüttet und als „klane Funsen“ beschimpft. Der Echten Welt würde mehr Barbieland nach Gerwigs Façon sehr guttun (und ein paar Plastikpuppen weniger). Aber dazu nächstes Mal mehr.


Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Infos und Quellen

Genese

Beatrice Frasl war schon Feministin bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Das Thema in anderen Medien