Zum Hauptinhalt springen

Sind Konzerte jetzt beliebter als Sex? Ich würd’s checken

3 Min
Für viele sind Konzerte wohl die verlässlichere Quelle an Spaß und zwischenmenschlicher Connection.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Laut einem Report von Live Nation würden 70 Prozent der Befragten ein Konzert ihres liebsten Acts dem Geschlechtsverkehr vorziehen. Das spielt Konzert-Monopolisten in die Hände und sagt einiges über den Zustand von Dating und Konzertkultur aus.


„Sex ist geil, aber wart ihr schon mal auf einem richtig guten Konzert?“: So oder so ähnlich könnte das Meme lauten, das den „Living for Live“-Report des Konzertveranstalters Live Nation auf den Punkt bringt. 40.000 Menschen aus 15 Ländern und im Alter zwischen 18 und 54 Jahren wurden laut Live Nation für den Report befragt, der sich um den Zustand der Konzert-Industrie dreht.

Noch eine Sache, bevor wir uns dem spannendsten Outcome dieses Reports widmen: Umfragen von Marken sind natürlich immer mit dem sprichwörtlichen „Grain of Salt“ zu nehmen – vor allem, wenn die Ergebnisse der Agenda der Brand in die Hände spielen. Live Nation erklärt mit der Umfrage Live-Konzerte nämlich zur beliebtesten Entertainment-Form überhaupt – noch vor Sport-Events und Kino. Und vor Sex. 70 Prozent der Befragten gaben an, lieber auf ein Konzert ihrer Lieblingskünstler:innen zu gehen, als Sex zu haben.

Ganz ehrlich, als Frau, die Männer datet, und kürzlich Lady Gagas „Mayhem Ball“ live erlebt hat, kann ich diese Antwort erstmal ganz gut nachvollziehen. Und nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene lohnt es sich, diesen hypothetischen „This-or-That“-Gedanken näher zu betrachten.

Alle wollen zur „Eras Tour“, niemand will Sex

Denn während sich für Ariana Grandes UK-Tourdaten mehrere Millionen Menschen in die virtuelle Ticketmaster-Warteschlange begeben haben, scheint Sex unter jungen Menschen auf dem absteigenden Ast zu sein. Internationale Umfragen zeigen, dass die Gen Z weniger Geschlechtsverkehr hat als vorhergehende Generationen. Erklärungsversuche bringen diesen Rückgang gerne mit Social Media in Verbindung: Steigende Unsicherheiten, weniger Real-Life-Begegnungen und somit weniger Intimität, mehr Fake News, problematische Körperbilder und Gender-Vorstellungen.

Social Media – insbesondere TikTok – hat mit Sicherheit auch den Post-Corona-Konzert-Boom befeuert, den man Live Nation nicht absprechen kann: In den letzten zwei, drei Jahren spielen große Live-Shows in den sozialen Medien eine viel größere Rolle als zuvor. Um Tourneen wie Taylor Swifts „Eras Tour“, Harry Styles’ „Love On Tour“ oder Beyoncés „Renaissance“ entstanden Hypes, die es Pop-Fans fast unmöglich machten, ihre Konzert-FOMO auszuhalten. Stattdessen wurde es gang und gäbe, mehrere Shows einer Tour zu besuchen, dafür sogar in andere Länder zu reisen, Hunderte Euro auszugeben, um ein Stück vom Erlebnis-Kuchen abzugreifen.

Konzert-Hype als „Recession Indicator“

Will man den Vergleich zu Sex ziehen (und ja, wir wollen), sind Konzerte wohl für viele die verlässlichere Quelle an Spaß und zwischenmenschlicher Connection. Um mit einem anderen Meme zu sprechen: Vielleicht ist das Ergebnis des „Living-for-Live“-Survey auch ein waschechter „Recession Indicator“. In Zeiten der Krise wenden wir uns bekanntermaßen den simplen Freuden zu – wobei der Begriff „simpel“ bei Besuchen großer Konzerte mittlerweile auch relativ zu betrachten ist, denkt man an den enormen Planungsaufwand. Aber: Das Ganze ist für manche wohl immer noch simpler als die einst schönste Nebensache der Welt (und in weiterer Folge Dating als Ganzes).

Der Guardian schreibt, dass Sex und Konzerte mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick denkt. Beides dreht sich um Beziehungen, die im echten Leben auf die Probe gestellt werden sollen – mit der Hoffnung, positiv überrascht zu werden. Ich will es diplomatisch ausdrücken: Diese Hoffnung wurde auf all den Konzerten, die ich in den letzten Jahren besucht habe, definitiv erfüllt.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Ähnliche Inhalte