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Sollen wir wieder Masken tragen?

5 Min
Die Bundesregierung beschränkt sich derzeit auf Appelle an Eigenverantwortung und Hausverstand.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Corona-Infektionszahlen steigen erneut, Ärzt:innen mahnen zur Vorsicht, doch Gesundheitsminister Johannes Rauch plant keine weiteren Maßnahmen.


Seit Anfang Juli 2023 ist Covid-19 keine meldepflichtige Krankheit mehr – alle Corona-Maßnahmen sind aufgehoben. Und durch die geringen Infektionszahlen im Sommer haben viele Menschen das Virus verdrängt, doch es war nie weg. Derzeit steigt die Zahl der Ansteckungen wieder. Das zeigt das österreichische Abwassermonitoring – die einzige verbliebene systematische Analyse des Pandemiegeschehens. Da sich die Menschen kaum mehr testen, fehlen exakte Infektionszahlen.

Sollten wir jetzt wieder flächendeckend Tests durchführen, Masken tragen, Abstand halten? „Die Herbstwelle schleicht sich langsam an. Das Virus ist im Laufe der letzten Jahre ansteckender geworden, aber parallel dazu hat sich durch Impfung und Infektion in der Bevölkerung eine Immunität aufgebaut“, stellte die Virologin Dorothee van Laer von der Universität Innsbruck kürzlich im Radiosender Ö1 fest. Und die Wiener Hausärztin Naghme Kamaleyan-Schmied ergänzte: „Wir haben viele virale Infekte und sind froh, dass wir in der Ordination jetzt wieder PCR-testen können, um den Erreger zu kennen.“ Sie vermisse aber das Bewusstsein und den Respekt für „jede virale Erkrankung“. Allein zur Sicherheit würde sie sich die Rückkehr der Masken in ihre Ordination wünschen. Denn unser jetziges Verhalten werde den weiteren Corona-Verlauf bestimmen.

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„Restriktive Maßnahmen derzeit nicht zu argumentieren“

Die Bundesregierung beschränkt sich derzeit allerdings auf Appelle an Eigenverantwortung und Hausverstand. Eine Maskenpflicht oder andere restriktive Maßnahmen „sind derzeit auch nicht zu argumentieren“, meint dazu der Komplexitätsforscher Peter Klimek, der am Wiener Complexity Science Hub Prognosen zum Pandemieverlauf erstellt. Denn mit Blick auf die Gesundheitssysteme, die in der Vergangenheit durch Eingriffe in das Gesellschaftsleben vor der Überlastung geschützt werden sollten, sei ,,das zerstörerische Potenzial, das Corona in den vergangenen drei Jahren hatte, jetzt nicht mehr gegeben“.

Statt Verboten und Regelungen, so Klimek, solle man „die Debatte rund um Corona entpolitisieren, nicht damit auf Stimmenfang gehen und an Ratio und Eigenverantwortung appellieren“. Klimek betont auch mit Nachdruck den Stellenwert von Lüftungsanlagen in öffentlichen Gebäuden und Schulen für die Pandemiebekämpfung. Und er fordert gezielte Informationskampagnen zum Umgang mit dem Virus. Diese sind aber heuer nicht mehr geplant. Offenbar geht man davon aus, dass die Bevölkerung nach dreieinhalb Jahren ausreichend Bescheid weiß über Sicherheitsabstände, in die Armbeuge niesen oder bei Ansteckung daheimbleiben.

Die Varianten, die uns heuer bedrohen

Welche Version des Coronavirus treibt uns heuer vor sich her? Konkret verbreitet sich derzeit die Variante Eris mit der Fachbezeichnung EG.5. Sie verursacht Symptome von leichtem Schnupfen bis zu hohem Fieber, aber auch Durchfall. Anstecken können sich nach wie vor alle – Junge wie Ältere. Die Risikopatien:innen bleiben ältere Personen oder solche mit Vorerkrankungen; Jüngere kommen ohne oder mit leichten Symptomen davon. Und Eris umgeht die Immunabwehr des Menschen höchst effizient.

Für eine größere Herbst- und Winterwelle könnten aber auch Varianten eine Rolle spielen, die erst in den Startlöchern stehen. So gibt es eine Übergruppe von Varianten mit dem Spitznamen FLip, die laut dem Wiener Molekularbiologen Ulrich Elling von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den Immunschutz ebenfalls sehr gut umgehen können.

Das Katz-und-Maus-Spiel geht weiter

Auch die Variante Pirola könnte sich durchsetzen. Sie ist von Omikron aus dem vergangenen Herbst und Winter so weit entfernt wie Omikron selbst vom Originalvirus, das Ende 2019 erstmals in der chinesischen Stadt Wuhan aufgetaucht ist. Ihre zahlreichen Mutationen zeigen, dass Sars-CoV-2 noch jede Menge evolutionären Spielraum hat – und daher noch viel Schaden anrichten könnte. Eine neue, hochansteckende Variante könnte, wenn sie dominant wird, eine neue globale Welle auslösen. Pirola wurde bereits im Nachbarland Deutschland wenige Tage vor dem Start des heurigen Oktoberfestes in München nachgewiesen. Ob dieses weltgrößte Volksfest zum neuen Ischgl wird, werden die kommenden Wochen zeigen.

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen neuen Corona-Varianten und angepassten Impfstoffen geht also munter weiter, und anstecken kann sich prinzipiell jede:r. Um bei den Varianten den Überblick zu bewahren, wird das Abwassermonitoring, das als einzige breitenwirksame Testeinrichtung geblieben ist, in seiner jetzigen Form wohl nicht ausreichen (siehe Infos & Quellen).

Also doch wieder flächendeckende Testungen? Wenn, dann müsste man sie mit klinischen Daten verknüpfen, meint der Mikrobiologe Andreas Bergthaler, der das Abwassermonitoring an der Medizinuniversität Wien leitet. „Das hat bei uns in den letzten Jahren aber nicht funktioniert. Wir konnten nicht nachschauen, ob Personen in Spitälern einen schweren Verlauf aufgrund einer neuen Variante haben. Da gibt es Raum nach oben, um unsere Datenlage zu verbessern.“ Das gilt auch für das neue SARI-Dashboard: Dieses bildet Krankenhausaufnahmen wegen RSV, Influenza oder Corona ab, jedoch erst ab 8. Mai 2023; ein Vergleich mit den Zahlen davor ist schwierig. Die ersten drei Jahre Pandemie werden hier außer Acht gelassen.

Keine neuen Gratistests für alle

„Eine breite Testausgabe an die Bevölkerung wie in den vergangenen Jahren wird es nicht mehr geben“, stellt Thomas Neubauer, Sprecher von Gesundheitsminister Johannes Rauch, klar. Er verweist auf das Abwassermonitoring, „das mehr als die Hälfte der Bevölkerung abdeckt“. Die Regierung will sich wohl nicht erneut dem Vorwurf aussetzen, Millionen für Corona-Tests zu verschleudern, weshalb diese derzeit nur bei Symptomen und Verdacht auf eine Infektion gratis sind.

Eine breite Testausgabe an die Bevölkerung wird es nicht mehr geben.
Thomas Neubauer, Sprecher von Gesundheitsminister Johannes Rauch

Auch an den Schulen dürfte sich vorerst nichts ändern. Diese würden „nicht anders behandelt als jeder andere Gesellschaftsbereich“, betont Peter Stöckl, Sprecher von Bildungsminister Martin Polaschek. Daher seien auch hier keine besonderen Maßnahmen geplant. Wie es an den Universitäten gehandhabt werde, „obliegt der Hochschulautonomie“, seitens des Ministeriums gebe es jedenfalls keine besonderen Empfehlungen, die von den allgemeinen abweichen würden. Insgesamt erwartet man also im Ministerium ein Wintersemester wie früher.

Wird der Hausverstand genügen?

Für Corona-positive Kinder gelten die gleichen Regeln wie bei allen anderen Erkrankungen. „Kein Elternteil wird sein Kind mit Symptomen in die Schule schicken“, meint Stöckl dazu. Präventiv daheimzubleiben, weil der Sitznachbar positiv ist, das spielt es freilich auch nicht mehr. Der Ministeriumssprecher verweist im Umgang mit dem Virus auf den „ganz normalen Hausverstand“.

Ob der genügen wird? Nun, der Herbst wird es zeigen.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteurin Eva Stanzl hat seit Beginn der Pandemie Artikel zum Thema Covid-19 verfasst und hat den jüngsten erneuten Anstieg der Corona-Zahlen zum Anlass genommen, bei Wissenschaftler:innen nachzufragen, wie wir am besten durch den bevorstehenden neuen Corona-Herbst und -Winter kommen. Ihr Kollege Mathias Ziegler hat die zuständigen Ministerien zu den geplanten Maßnahmen befragt.

Gesprächspartner:innen

Daten und Fakten

  • Angepasste Corona-Impfung: Die Republik Österreich plant eine breit angelegte Impfkampagne, bei der Corona sozusagen mitgenommen werden soll. In Österreich ist bereits jetzt ein Impfstoff erhältlich, der an die Omikron-Variante XBB.1.5 angepasst ist, aber auch vor der derzeit kursierenden Eris-Variante und der bald zu erwartenden Pirola-Variante schützt. Das Nationale Impfgremium empfiehlt grundsätzlich eine Auffrischung ab zwölf Jahren, insbesondere für besonders gefährdete Menschen und jene, die im Beruf einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Bei der Abschätzung des persönlichen Risikos verweist das Gesundheitsministerium auf die Hausärzt:innen.

  • Immunität: In den vergangenen Wellen konnte die Kombination aus mehrfacher Impfung und überstandener Infektion vor schweren Verläufen schützen. Durch den heuer ruhigen Sommer haben sich aber viele, die im Vorjahr um diese Zeit vollständig geimpft waren, keinen Booster geholt. Expert:innen sehen einen überraschend guten Langzeit-Schutz vor schweren Verläufen durch die T-Zellen des Immunsystems. Vor einer Ansteckung schützen die zuständigen Antikörper kürzer.

  • Abwassermonitoring: Beim Abwassermonitoring wird jede Woche in 48 Kläranlagen jeweils 24 Stunden lang alle 15 Minuten eine kleine Menge entnommen. Die Sammelproben werden PCR-getestet, um die Virenlast und die gerade vorherrschenden Varianten zu bestimmen, erläutert der Mikrobiologe Andreas Bergthaler, der dieses Monitoring an der Medizinuniversität Wien leitet. Nur im Einzelfall prüft die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) positive Samples im Detail. Das systematische Monitoring durch genetische Sequenzierung wurde im Mai abgeschafft, weswegen sich neue Corona-Mutationen hierzulande nicht mehr im Detail analysieren lassen.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien