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Sollte Österreich die WM boykottieren, Herr Filzmaier?

8 Min
Boykott der Fußball-WM
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Fußball-WM in den USA steht in der Kritik, wegen des Iran-Krieges, der Menschenrechtslage und Donald Trumps Willkür. Sollte Österreich besser daheimbleiben? Ein Gespräch mit dem Politologen und Fußballfan Peter Filzmaier.


    • Peter Filzmaier sieht aktuell keine Gründe für einen WM-Boykott durch Österreich, empfiehlt aber Krisenszenarien vorzubereiten.
    • Die FIFA propagiert laut Peter Filzmaier fälschlicherweise einen unpolitischen Sport und arbeitet bevorzugt mit Diktaturen zusammen.
    • Peter Filzmaier fordert, dass der Iran wegen seines Regimes längst von der WM hätte ausgeschlossen werden müssen.
    • Österreich erstmals seit 28 Jahren bei einer WM
    • FIFA hat 211 Mitgliedsverbände, ca. 130 aus Diktaturen
    • Vertrag garantiert Einreise für Spieler, auch aus Iran und Haiti
    • WM 1978 in Argentinien, 2018 in Russland, 2024 in den USA
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

WZ | Gerald Gossmann
Österreich ist erstmals seit 28 Jahren bei einer WM. Werden Sie zu den Spielen in die USA reisen?
Peter Filzmaier
Nein. Und das fällt mir schwer. Ich hätte Karten für Österreich gegen Algerien gehabt. Aber ich fühle mich dort – von Regierung und FIFA – als Fußballfan und politisch-kritischer Mensch nicht willkommen.
WZ | Gerald Gossmann
Sie haben sich öfter kritisch über Donald Trump geäußert. Hätten Sie Angst, nicht einreisen zu dürfen?
Peter Filzmaier
Es ist untragbar, dass bis zu zehn Jahre zurückliegende private Mails, Telefonate und Social-Media-Einträge überprüft werden. Das passt für mich zu einem Überwachungsstaat, aber nicht zu einem großen Sportevent.
WZ | Gerald Gossmann
Aufgrund der Menschenrechtslage und der politischen Situation in den USA wurde zuletzt in Deutschland und Österreich immer wieder ein WM-Boykott diskutiert. Wäre das zu argumentieren?
Peter Filzmaier
Ich sehe derzeit keine Boykott-Gründe. Aber es braucht Krisenszenarien, weil niemand weiß, was noch passiert.
WZ | Gerald Gossmann
Russland ist wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine von der WM ausgeschlossen. Die USA haben den Iran angegriffen. Warum müssen die einen daheimbleiben und die anderen dürfen das Turnier ausrichten?
Peter Filzmaier
In den Statuten der FIFA wurde Frieden als Ziel formuliert. Nun müsste man meinen: Wenn ein Land einen Angriffskrieg führt, geht sich das mit der Erfüllung der Statuten nicht aus. Aber: Die FIFA verweist darauf, dass ihre Mitglieder nicht die nationalen Regierungen sind, sondern die nationalen Fußballverbände, die laut Statut unabhängig sein müssen. Nur glaubt niemand ernsthaft, dass der Fußballverband in Russland nicht aus Putin-Getreuen besteht – und das ist bei den USA eben nicht so eindeutig.
WZ | Gerald Gossmann
1978 fand die WM in der Militärdiktatur Argentinien statt und 2018 in Russland, obwohl Putin vier Jahre zuvor die Krim annektiert hatte. Boykotte wurden damals aber keine gefordert. Hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung verändert?
Peter Filzmaier
Das Demokratiebewusstsein ist nach unseren Daten aus der Politikforschung leider nicht gestiegen. Aber in den Medien wird kritischer berichtet, auch im Sportjournalismus. Und das finde ich als Politikwissenschaftler gut und richtig.
Die WM ist eines der größten Politikereignisse, die es gibt.
Peter Filzmaier
WZ | Gerald Gossmann
Verstehen Sie Sportler, die von einem Boykott nichts hören wollen?
Peter Filzmaier
Aus Sicht der Sportler ist das sehr nachvollziehbar, diese Chance kommt vielleicht nur einmal im Leben. Trotzdem dürfen Athleten, Sportverbände und die FIFA nicht damit argumentieren, dass der Sport unpolitisch ist. Das ist objektiv falsch. Die WM ist eines der größten Politikereignisse, die es gibt.
WZ | Gerald Gossmann
Sicherheitspolitisch und wirtschaftlich sind die USA und Europa Partner. Ist es da nicht scheinmoralisch, den Fußballern Proteste abzuringen?
Peter Filzmaier
Den Sportlern kann man nicht Problemlösungen für etwas übertragen, woran Staaten und Regierungen scheitern. Trotzdem können sie nicht so tun, als ginge sie das alles nichts an. In anderen Bereichen funktioniert es ja auch: Man kann als Sportler Rassismus auch nicht allein bekämpfen – trotzdem positionieren sich Spieler und Vereine klar gegen Rassisten. Und beim Thema Frieden soll das anders sein?
WZ | Gerald Gossmann
Spieler sagen mir, sie würden Kritik nicht äußern, um bei der Einreise keine Probleme zu bekommen.
Peter Filzmaier
Es gibt einen Vertrag des Veranstalterlandes mit der FIFA. Und der garantiert, dass die Spieler einreisen dürfen. Das gilt sogar für Iran und Haiti. Also brauchen sich österreichische Spieler unmittelbar keine Sorgen machen.
WZ | Gerald Gossmann
Trump stand bisher nicht für seine Berechenbarkeit. Verstehen Sie Spieler, die trotzdem lieber still sind?
Peter Filzmaier
Das kann ich emotional verstehen. Ihre Sorge zeigt dazu, wie willkürlich die US-Regierung agiert. Ich hätte nie gedacht, dass nach den Weltmeisterschaften in Russland und Katar nun solche Sorgen auch in den USA da sind.
WZ | Gerald Gossmann
Die USA befinden sich im Krieg mit dem Iran. Beide Nationen sind bei der WM dabei. Hat die WM – abseits moralischer Debatten – mittlerweile nicht auch ein großes Sicherheitsproblem?
Peter Filzmaier
Sportliche Großereignisse sind immer gigantische Sicherheitsoperationen gewesen. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona sind erstmals U-Boote im Hafen gekreist, um die Sicherheit zu gewährleisten. Ich war bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, in einem unbestreitbar demokratischen Land, und habe noch nie zuvor in meinem Leben so viel schwer bewaffnetes Militär und Polizei gesehen.
Den Iran hätte man längst ausschließen müssen.
Peter Filzmaier
WZ | Gerald Gossmann
Die Nationalmannschaft des Iran könnte im Laufe des Turniers auf die USA treffen. Kann das gutgehen?
Peter Filzmaier
Ich unterstelle der FIFA, dass sie trotz der Beteuerungen von Präsident Gianni Infantino für eine Teilnahme des Iran insgeheim auf eine baldige Absage des Iran hofft. Dann könnte sie ein beliebiges anderes Land nachnominieren. Der Iran wird – meine These – so lange wie möglich gar nichts tun. Wenn er aber in letzter Sekunde absagt, wird es für die FIFA organisatorisch schwierig.
WZ | Gerald Gossmann
Sollte die FIFA den Iran ausschließen?
Peter Filzmaier
Den Iran hätte man längst ausschließen müssen. Denn ein menschenverachtendes, mörderisches Regime ist der Iran seit den 1970er-Jahren. Allerdings würde die FIFA nach dieser Argumentation mit dem Ausschließen nicht nachkommen, weil dann auch Saudi-Arabien und viele andere nicht mehr teilnehmen könnten.
WZ | Gerald Gossmann
Die FIFA möchte die Politik aus dem Sport raushalten. Wie soll das noch gelingen?
Peter Filzmaier
Das kann nicht gelingen. Der unpolitische Sport ist eine Lebenslüge. Das zu propagieren hilft nur Antidemokraten, die keine Skrupel haben, den Sport politisch zu nutzen. Aber genau das macht die FIFA. Sie bezeichnet sich als unpolitisch, andererseits zeigt man sich Seite an Seite mit Katar, Putin und Saudi-Arabien.
WZ | Gerald Gossmann
Warum werden Weltmeisterschaften neuerdings so oft an Nicht-Demokratien vergeben?
Peter Filzmaier
Die FIFA hat einen Konstruktionsfehler: Von 211 Mitgliedsverbänden sind etwa 130 aus Diktaturen mit von den jeweiligen Regimen abhängigen Nationalverbänden. Die Abstimmungen sind deshalb vorhersehbar. Für die FIFA ist es zudem einfacher, mit Diktaturen zusammenzuarbeiten, denn da gibt es eine kleine Gruppe, die entscheidet und keine langatmigen Umweltauflagen und Volksbefragungen wie in westlichen Demokratien. Es gibt Millionen weiterer Gründe, und jeder davon ist ein Dollar.
WZ | Gerald Gossmann
Die FIFA argumentiert, dass Sportereignisse in Diktaturen etwas zum Besseren bewegen. Ihr Eindruck?
Peter Filzmaier
Man kann die Länder entweder ausgrenzen und sanktionieren. Oder man kooperiert unter Auflagen mit ihnen, um dort Veränderungen zu bewirken. Kooperation kann etwas bewegen. Aber deshalb muss nicht jede Diktatur eine WM austragen.
WZ | Gerald Gossmann
Wie soll sich der Österreichische Fußball-Bund, ÖFB, verhalten? Zur WM fahren? Daheimbleiben?
Peter Filzmaier
Ich würde dem ÖFB dringend empfehlen, Krisenszenarien vorzubereiten: Was machen wir, wenn? Verbände tun im Anlassfall oft so, als wäre man überrumpelt worden. Wir wissen, was alles passieren kann, auch was die Sicherheit anbelangt. Deshalb muss diskutiert werden, wo für den ÖFB die Grenze erreicht wäre.
WZ | Gerald Gossmann
Wann wäre eine WM in den USA nicht mehr vertretbar?
Peter Filzmaier
Ich gehe davon aus, dass die Einreise der österreichischen Spieler ohne Probleme ablaufen wird. Aber wer weiß, was Trump im Fall einer Teilnahme Dänemarks eingefallen wäre. Womöglich hätte er für eine Einreiseerlaubnis des dänischen Betreuerstabs im Gegenzug Grönland verlangt. Ihm ist alles zuzutrauen. Deshalb muss der ÖFB für sich definieren, wie er sich verhält, wenn Spieler aus anderen Ländern nicht einreisen dürfen. Verhalte ich mich dann solidarisch oder freue ich mich über nur neun jordanische Gegenspieler, weil der Rest doch nicht einreisen durfte?
WZ | Gerald Gossmann
Würden Sie dem ÖFB empfehlen, in den USA ein Zeichen zu setzen, wie der DFB 2022 in Katar, als sich Spieler demonstrativ den Mund zugehalten haben, aus Protest gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit?
Peter Filzmaier
Es wäre gut, gemeinsam einen Nenner zu finden. Aber da sollte der ÖFB die Spieler miteinbeziehen. Man könnte sich auch mit anderen europäischen Verbänden absprechen und da gemeinsam vorgehen. So könnte die FIFA auch schwer Ausschlüsse gegen einzelne Teams verhängen. Das Bild des Stadions in München in Regenbogenfarben ist bis heute in Erinnerung, und je mehr sich die UEFA darüber aufgeregt hat, desto prominenter wurde die Aktion.
WZ | Gerald Gossmann
Fans fürchten, dass ihnen aufgrund der politischen Diskussionen die Freude am Spiel genommen wird.
Peter Filzmaier
Ich bin Fan mit leuchtenden Augen – und kann trotzdem rund um Spiele sehr kritisch sein. Das tut gar nicht weh.
WZ | Gerald Gossmann
Wann hat Sie eigentlich die Fußballbegeisterung gepackt?
Peter Filzmaier
Als Bruno Pezzey für Wacker Innsbruck gespielt hat. Ich bin zwar Wiener, hatte aber schon als Kind eine Abneigung vor ultimativen Entweder-oder-Fragen – und die lautete im Wiener Gemeindebau mit einem leicht aggressiven Unterton: Rapid oder Austria? Und so bin ich zum Wacker Innsbruck-Fan geworden.
WZ | Gerald Gossmann
Wie gefällt Ihnen Österreichs Nationalmannschaft unter Teamchef Ralf Rangnick?
Peter Filzmaier
Ralf Rangnick hat die gesellschaftliche Einstellung verändert: Es wird jetzt weniger gejammert. Als Fan spüre ich diesen Siegeswillen. Ich erfreue mich an den beiden Neuzugängen Paul Wanner und Carney Chukwuemeka – und habe mit meinem gefährlichen Fan-Halbwissen Sorge auf den Außenbahnen, im Tor und im Sturm. Arnautović ist eine 36-jährige Kultfigur, Gregoritsch macht seine Tore, aber im internationalen Vergleich sind wir dünn besetzt.
WZ | Gerald Gossmann
Wie finden Sie, dass im ÖFB-Funktionäre aus dem Amateursport über den Spitzensport entscheiden?
Peter Filzmaier
Es ist gut, dass ein Sportverband auch den Breitensport im Fokus hat. Zum Problem werden eher Teilinteressen im Gremium und diese typisch österreichischen Seilschaften, die jede Entscheidungsfindung schwierig machen.
WZ | Gerald Gossmann
Wo werden Sie Österreichs WM-Spiele verfolgen? Zu Hause oder mit Fan-Schal beim Public Viewing?
Peter Filzmaier
Ich werde zu Hause mit Freunden schauen. Ein Public Viewing würde schwierig werden aufgrund der Beginnzeiten, da ginge sich nur das Argentinien-Spiel aus. Die Partie gegen Algerien wird um vier Uhr in der Früh angepfiffen – da würde ich draußen auf der Straße wohl wegen öffentlicher Ruhestörung verhaftet.

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Infos und Quellen

Genese

Österreich spielt erstmals seit 28 Jahren wieder bei einer Weltmeisterschaft. Doch das Veranstalterland USA steht immer mehr in der Kritik – wegen des Krieges gegen den Iran, der Menschenrechtslage und Trumps Willkür. Eine WM zwischen Sicherheitsrisiken und Moraldebatten. Wie soll der Österreichische Fußball-Bund damit umgehen? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschafter und Fußballfan Peter Filzmaier gibt Antworten darauf.

Daten und Fakten

  • Peter Filzmaier, 59, ist eines der bekanntesten Fernsehgesichter in Österreich. In der ZIB2 erklärt er politische Zusammenhänge kritisch, pointiert und verständlich. Der Politikwissenschaftler und Universitätsprofessor betreibt dazu gemeinsam mit ORF-Moderator Armin Wolf einen Podcast unter dem Namen „Der Professor und der Wolf“. Was viele lange nicht wussten: Filzmaier ist auch ein großer Sportfan und träumte einst davon, selbst Sportreporter zu werden. Sein Zugang: Er sieht Sport und Politik untrennbar miteinander verbunden.
  • Die letzten beiden Weltmeisterschaften fanden 2018 in Russland und 2022 in Katar statt. Für das Jahr 2034 wurde die Austragung des Turniers bereits an Saudi-Arabien vergeben.
  • Der Fußball-Weltverband FIFA besteht weltweit aus 211 nationalen Verbänden. Kritik erntete FIFA-Präsident Gianni Infantino zuletzt, als er US-Präsident Donald Trump im Dezember einen eigens geschaffenen Friedenspreis verlieh und ihm während der WM-Auslosung eine große Bühne bot. Die FIFA wird zudem dafür kritisiert, problematische Menschenrechtslagen, etwa bei der WM 2022 in Katar, weitgehend zu ignorieren.
  • An der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko nehmen 48 Mannschaften – 16 aus Europa – teil. Jedes Teilnehmerland erhält zumindest eine Prämie von 10,5 Millionen Dollar. Österreich trifft beim Turnier auf Jordanien, Algerien und Argentinien.
  • Aufgrund von Einreiseverboten können Fans aus der Elfenbeinküste, Haiti, dem Iran und Senegal nicht in die USA einreisen. Auch Fans anderer Nationen sind mit Überwachung konfrontiert – so sollen etwa ihre Social-Media-Accounts auf „Antiamerikanismus“ überprüft werden.
  • Der ÖFB beteiligt sich nur zögerlich an der Debatte. Er halte grundsätzlich „nichts von Boykotten, in einem Stadium, in dem wir jetzt sind“, erklärte ÖFB-Chef Josef Pröll zuletzt im ORF. Man habe „einen sehr engen Kontakt zum Außenministerium, zum Innenministerium“ und wolle „mit einer gemeinsamen Task Force für unsere Fans, die dann kommen wollen, beobachten, wie die Lage weitergeht“.

Quellen

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