Du möchtest keinen Sonnenbrand bekommen, Hautkrebs schon gar nicht, und altern soll deine Haut auch nicht? Sonnencreme schützt – aber noch besser sind Schatten, Sonnenschirme und Hüte. Krebserregend sind die Cremen nicht.
Keine Frage: Wir mögen die Sonne – zu viele Sonnenbäder schaden allerdings der Haut. Sonnenschutz sollte daher selbstverständlich sein. Ist er aber nicht, denn es kursieren immer wieder unterschiedliche Meldungen über Sonnencremen, die von Panikmache bis Fake News reichen. Sonnencreme sei krebserregend, heißt es zum Beispiel. Oder: Wer sich in der Früh mit hohem Lichtschutzfaktor eincremt, könne getrost den ganzen Tag in der Sonne liegen. Der Sonnenbrand wird aber auch als Look gepriesen: ,,Unter ,Tanmaxxing’ erfahrt ihr, wie das geht”, ist zu lesen. Und nicht zuletzt: Sonnencremen schützen nicht vor Hautkrebs.
Was davon ist wahr? Wie wirkt die Sommersonne auf der Haut, und wie können wir uns richtig vor schädlichen Folgen schützen? Die WZ hat darüber mit dem Dermatologen Rainer Kunstfeld, Experte für weißen Hautkrebs, gesprochen.
WZ I Eva Stanzl Wie wirken Sonnenstrahlen auf der Haut?
Rainer Kunstfeld 90 Prozent der ultravioletten Sonnenstrahlen sind UV-A-Strahlen. Sie gehen bis in die tieferen Schichten der Haut, sind für Hautalterung verantwortlich und können Hautkrebs verursachen. Die UV-B-Strahlen, die den kleineren Anteil ausmachen, treffen die oberen Schichten und verursachen Sonnenbrand und Bräune. Vor allem sie können Hautkrebs auslösen.
WZ I Eva Stanzl Warum wird man in der Sonne braun?
Rainer Kunstfeld Bräune ist ein Selbstschutzmechanismus. Unter der Haut bildet sich das Farbpigment Melanin, wenn vor allem UV-B-Strahlen auf die Hautzellen treffen, und das ergibt die braune Färbung. Melanin schluckt die gefährlichen Strahlen, weshalb Menschen, die leichter braun werden, ein geringeres Hautkrebsrisiko haben.
Rainer Kunstfeld Der Sonnenbrand ist eine akute Entzündung der Haut durch zu viel Sonnenlicht. Hellhäutige Menschen sind besonders anfällig. Wiederholter Sonnenbrand erhöht das Risiko für Hautkrebs.
WZ I Eva Stanzl Welche Rolle spielt der Hauttyp?
Rainer Kunstfeld Verschiedene Hauttypen können sich unterschiedlich lange ungeschützt in der Sonne aufhalten. Menschen des Typs 1 haben sehr helle Haut, zumeist blonde oder rote Haare und helle Augen. Die Eigenschutzzeit, bevor sie einen Sonnenbrand bekommen, beträgt 5 bis 10 Minuten am Tag. Typ 2 hat mittelbraune Haare und immer noch helle Haut, wird aber leichter braun und kann bis zu 20 Minuten in der Sonne bleiben. Typ 3 hat mittelhelle Haut und braune Haare, wird recht schnell braun, bekommt nicht leicht einen Sonnenbrand und hält bis zu 30 Minuten aus. Typ 4 wird als mediterraner Typ bezeichnet, hat pigmentierte Haut und dunkle Haare und Augen und wird leicht und schnell braun. Im Durchschnitt vertragen mediterrane Typen über den Tag verteilt 45 Minuten Sonne ohne Schutz.
Abends ist die UV-Intensität geringer als mittags, hat aber auch einen Effekt.
Rainer Kunstfeld WZ I Eva Stanzl Wie ist „über den Tag verteilt“ zu verstehen?
Rainer Kunstfeld Jedes Mal, wenn man draußen ist, bekommt man UV-Strahlen ab. Weißer Hautkrebs und Hautalterung entstehen aus der kumulativen Strahlung, die man im Laufe des Lebens sammelt. Dazu muss man gar nicht exzessiv sonnenbaden, sondern auch die Straßenbahnhaltestelle, an der man in der Sonne wartet, zählt.
WZ I Eva Stanzl Die Sonne strahlt unterschiedlich stark. Welche Rolle spielt das?
Rainer Kunstfeld Es macht einen Unterschied, ob man im Norden oder im Süden ist oder sich an einem Sandstrand am Meer, hoch oben im Gebirge oder auf einer Wiese im Flachland befindet. Pro 1.000 Meter Seehöhe steigt die UV-Belastung um zehn Prozent. Wenn Sonnenlicht vom Meer reflektiert wird, steigt seine Intensität auf der Haut.
WZ I Eva Stanzl Ist die Abendsonne in Ordnung?
Rainer Kunstfeld Am Abend ist die UV-Intensität geringer als zu Mittag. Aber auch geringere UV-Strahlung hat einen Effekt.
WZ I Eva Stanzl Sollte man daher besser nicht in die Sonne gehen?
Rainer Kunstfeld Doch, aber im richtigen Maß und mit Sonnenschutz. Es ist wichtig, das Sonnenlicht nicht zu verteufeln – denn ohne Sonne gibt es kein Leben auf diesem Planeten.
WZ I Eva Stanzl Und wie schützt man sich richtig?
Rainer Kunstfeld Indem man Sonnencreme aufträgt. Allerdings hat jeder Mensch wie gesagt auch einen Eigenschutz, wie etwa die Haare oder das Melanin, das die Haut braun werden lässt.
WZ I Eva Stanzl Welche Sonnencreme schützt am besten?
Rainer Kunstfeld In der EU und anderen Staaten ist der Sonnenschutz standardisiert. Alle Sonnencremen haben Mindestanforderungen zu erfüllen mit einer gewissen Relation von UV-A- zu UV-B-Schutz – egal, ob die Creme günstig oder teuer ist. Wichtig ist nur, dass man sie verwendet, und zwar ausreichend.
Alle Sonnencremen haben Mindestanforderungen zu erfüllen, ob günstig oder teuer.
Rainer Kunstfeld WZ I Eva Stanzl Wie creme ich mich richtig ein?
Rainer Kunstfeld Um eine durchschnittlich große Person mit einer Körperoberfläche von 1,8 Quadratmetern komplett einzucremen, sind 6 Teelöffel nötig – das entspricht etwa 36 Gramm. Eine Tube reicht somit, um den gesamten Körper fünfmal richtig einzucremen.
WZ I Eva Stanzl Und wie oft sollte ich nachcremen?
Rainer Kunstfeld Es kommt darauf an, was Sie machen. Wenn Sie den ganzen Tag in Badekleidung in der Sonne am Strand verbringen und immer wieder ins Wasser gehen, dann im Schnitt alle zwei Stunden. Salzwasser hat einen höheren Abrieb als Süßwasser, und mehr Bewegung im Wasser bedeutet mehr Abrieb. Auch durch Schwitzen oder Abtrocknen verliert sich die Sonnencreme – im Zweifelsfall also mehrere Male nachcremen.
WZ I Eva Stanzl Das heißt: Solange ich nachcreme, kann mir wenig passieren?
Rainer Kunstfeld Es kann weniger passieren. Der beste Sonnenschutz ist und bleibt physikalisch, also indem man unter einem Sonnenschirm oder Vordach im Schatten sitzt und Kappe und Sonnenbrille aufsetzt. Auch Textilien schützen vor UV-Strahlung, je dichter gewebt, desto besser.
WZ I Eva Stanzl Wie muss ich mich im Alltag eincremen?
Rainer Kunstfeld An einem normalen Arbeitstag reicht es, wenn man exponierte Stellen wie Nase, Stirn, Ohren und Oberarme eincremt, je nachdem, wo die Kleidung die Haut nicht bedeckt.
Rainer Kunstfeld Ein niedriger Sonnenschutzfaktor kann angenehmer in der Anwendung sein, weil er weniger Inhaltsstoffe hat. Wichtig ist, dass man ihn richtig benutzt: Besser ist es, sich mit einem niedrigen Sonnenschutz öfter einzucremen, als sich in trügerischer Sicherheit durch Faktor 100 zu wähnen, wenn man ihn nur einmal aufträgt.
Selbst exzessive Nutzung von Sonnencreme verhindert Vitamin D-Produktion nicht.
Rainer Kunstfeld WZ I Eva Stanzl Und wofür stehen die Zahlen 50 und 30 beim Sonnenschutzfaktor?
Rainer Kunstfeld Der Hauttyp gibt die Eigenschutzzeit vor. Der Lichtschutzfaktor verlängert diese Zeitspanne. Bei einer Eigenschutzzeit von zehn Minuten ergibt sich mit einem ausreichend angewandten Sonnenschutzfaktor 30 eine Zeitspanne von 10 x 30 – also maximal 300 Minuten.
Rainer Kunstfeld Theoretisch so lange. Praktisch kann man aber um einiges früher spüren, dass die Haut rot wird. Auf der sicheren Seite wäre man bei 60 Prozent; das wären dann etwa 180 Minuten. Dass sich das relativiert, sieht man am Sonnenschutzfaktor 100, denn einen 100-prozentigen UV-Schutz gibt es nicht.
WZ I Eva Stanzl Verhindert Sonnenschutz die Bildung des lebenswichtigen Vitamin D im Körper?
Rainer Kunstfeld Das Sonnenbad erhöht den Vitamin-D-Spiegel, weil es den Körper zu dessen Produktion anregt. Aber das ist kein Grund, sich deswegen ohne Schutz in die Sonne zu setzen. Denn selbst exzessives Eincremen verhindert die Vitamin-D-Produktion nicht.
WZ I Eva Stanzl Schützt Sonnencreme vor Hautkrebs?
Rainer Kunstfeld Ja klar, Sonnencreme schützt vor Alterung, Sonnenbrand und Hautkrebs, vorausgesetzt, dass man genug davon verwendet und nicht den ganzen Tag in der Sonne brät.
WZ I Eva Stanzl Sind Sonnencremen krebserregend?
Rainer Kunstfeld Das sind Mythen, die vielleicht im Labor entstanden sind, indem man die Inhaltsstoffe in ihrer höchsten Konzentration auf Zellen in der Petrischale geträufelt hat. Daraus zu schließen, dass Sonnencremen krebserregend sind, ist Humbug. Ich habe noch niemanden gesehen, der durch das Auftragen von Sonnencremen Krebs bekommen hat, aber ich sehe täglich Menschen, die durch das Nichtverwenden von Sonnenschutz Hautkrebs bekommen haben.
WZ I Eva Stanzl Verliert Sonnencreme mit der Zeit ihre schützende Wirkung?
Rainer Kunstfeld Jede Creme verliert Wirkung mit der Zeit, gerade wenn die Tube offen ist, durch Sauerstoff, Lagerung und Temperatur. Warum soll das bei einer Sonnencreme anders sein? Sie sollten sich eine neue Tube gönnen. Und wenn Sie den Inhalt richtig anwenden, werden Sie auch mehr als eine Tube brauchen.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
Rainer Kunstfeld ist Oberarzt an der Universitätsklinik für Dermatologie am AKH in Wien. Der Dermatologe ist Spezialist für weißen Hautkrebs und Sonnenschäden.
Daten und Fakten
- Insbesondere Kinder bis zum dritten Lebensjahr sollten vor Sonne geschützt werden, da ihre Haut noch keine Schutzmechanismen entwickelt hat. Sonnenbrände in der Kindheit sind erwiesenermaßen schlecht für die Haut im Erwachsenenalter.
- Winterurlaub im Süden ist eine Gefahr für die winterlich unvorbereitete Haut: Nicht gebräunt im Winter auf den Strand zu gehen, ist ein Schock für unser größtes Organ – die Haut. Man sollte sich daher gerade in den ersten Sonnenstunden besonders sorgfältig eincremen und es erst entspannter angehen, wenn man schon gebräunt ist.
- ,,Weißer Hautkrebs ist in der Regel weniger aggressiv als das Melanom, das auch „Schwarzer Hautkrebs“ genannt wird und häufig Metastasen macht”, sagt Dermatologe Rainer Kunstfeld. Der weiße Hautkrebs des Typs Basalzellkarzinom oder auch Basaliom, der durch UV-Strahlung ausgelöst wird, sei allerdings der häufigste Tumor beim Menschen überhaupt. Insgesamt gelte: Je früher Hautkrebs erkannt wird, mit umso weniger Kollateralschäden lasse er sich behandeln.
Quellen
- PLOS Digital Health: Sunscreen is overwhelmingly promoted on TikTok, but content with misinformation exhibits proportionally high levels of audience interaction
- Bundesamt für Strahlenschutz: UV-Schutz durch Sonnencreme
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Sonnencreme und Co.: Gibt es gesundheitliche Risiken?
- Wear Sunscreen (Tragt Sonnenschutz auf) ist die erste Empfehlung aus einem Essay namens „Advice, like youth, probably just wasted on the young“ der US-Kolumnistin Mary Schmich, der 1997 in der Chicago Tribune veröffentlicht wurde, und die Grundlage für ein mantraartiges Spoken-Word-Lied „Everybody’s Free (To Wear Sunscreen)“ von Baz Luhrmann wurde. Ob man den Song mag oder nicht: Die Botschaft mit der Sonnencreme geht rein.
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