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Was die neue Sozialhilfestatistik über unser Land verrät

4 Min
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© Illustration: WZ, Bildquellen: Georg Renner, Adobe Stock

Die aktuelle Sozialhilfestatistik zeigt, wie sich wirtschaftliche Lage und Zuwanderung in Österreichs letztem sozialen Netz niederschlagen – mit deutlichen Unterschieden zwischen den Bundesländern.


Am Mittwoch haben Sozialministerium und Statistik Austria die Sozialhilfestatistik für 2024 veröffentlicht. Für mich ist das immer ein bisschen ein Feiertag, weil dieses letzte Sicherungsnetz ein passabler Indikator dafür ist, wie es um die Lage in Österreich so insgesamt steht – nicht zuletzt, weil das von der türkis-blauen Koalition 2018 beschlossene Sozialhilfe-Grundsatzgesetz als eines der wenigen in Österreich eine umfassende Verpflichtung für die Länder erhält, feingliedrige Daten an die Statistik Austria zu melden.

Bevor wir ins Unterholz ebendieser Daten steigen – du findest sie alle auf den Websiten von Statistik und Ministerium –, noch einmal kurz zur Erinnerung: „Armenwesen“, wie es in unserer Verfassung heißt, ist einer der Bereiche, für die Bund und Länder gemeinsam zuständig sind. Nach Artikel 12 Bundes-Verfassungsgesetz gibt der Bund – in Gestalt des Parlaments – Grundsätze vor, die neun Landtage erlassen dann Ausführungsgesetze, die in diesem Rahmen die Details regeln. Zuletzt haben das eben ÖVP und FPÖ gemacht, zwei Länder (Wien und Tirol) haben die damalige Reform bis heute nicht umgesetzt.

Das müssen sie wahrscheinlich auch nicht mehr, denn die aktuelle Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS verhandelt gerade über eine neuerliche Reform. Und genau vor diesem Hintergrund – die Positionen der Parteien liegen da noch weit auseinander – sollte man die neuen Daten lesen.

Fangen wir einmal mit der Basis an: Wie viele Menschen beziehen insgesamt Sozialhilfe?

Wir sehen: Seit 2023 geht es mit der Zahl der Sozialhilfebezieher:innen wieder bergauf – ein Spiegel der Wirtschaftslage, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn Sozialhilfe bekommt ja nur, wer aus anderen Quellen nicht ein bestimmtes Mindesteinkommen erzielt – für Einzelpersonen liegt die Grenze aktuell bei 1.209,01 Euro. Unter solche Einkommen, die da angerechnet werden, fällt zum Beispiel auch das Arbeitslosengeld – womit bei vielen Menschen erst nach etlichen Monaten beim AMS die Sozialhilfe zum Tragen kommt, wenn dieser Bezug auch noch wegfällt.

Gegenläufige Entwicklungen in den Bundesländern

Auch wenn die Zahl der Sozialhilfe-Bezieher:innen insgesamt steigt – regional ist das äußerst unterschiedlich:

Während in Burgenland, Oberösterreich, Steiermark und Wien die Zahl im Vorjahr deutlich gewachsen ist, ist sie in Vorarlberg, Salzburg und Tirol sogar gesunken. Insgesamt sticht ein Bundesland aber deutlich in jeder anderen Statistik heraus:

Diese Balken zeigen die sogenannte Sozialhilfequote – also wie viele Prozent der jeweiligen Landesbevölkerung im betreffenden Jahr das „letzte Netz“ in Anspruch genommen haben. Während das in den meisten Ländern um oder unter einem Prozent oszilliert, haben im Vorjahr 7,4 Prozent der Wiener:innen Sozialhilfe bezogen – mehr als jede:r vierzehnte Wiener:in.

In absoluten Zahlen waren das im Vorjahr 149.188 Menschen in der Bundeshauptstadt – fast drei Viertel der 205.781 Menschen, die 2024 in ganz Österreich Sozialhilfe bezogen haben. (An dieser Stelle eine Anmerkung: Ich verwende lieber die Sozialhilfe-Zahlen im Jahresdurchschnitt; die Insgesamt-Zahlen – in Wien waren das mehr als 190.000 Menschen, österreichweit 272.000 – zählen im Gegensatz dazu auch Leute mit, die erst später im Jahr in die Sozialhilfe gekommen sind und auch solche, die wieder herausgefallen sind.)

Dass Wien so hervorsticht, hat nicht zuletzt auch – an dieser Stelle schon oft Thema – damit zu tun, dass die Hauptstadt einen großen Teil der Menschen beherbergt, die aus den klassischen Asylstaaten nach Österreich gekommen sind.

Und hier sehen wir, dass es nun einmal zu einem ganz großen Teil jene sind, die in Österreich Sozialhilfe beziehen. Das hat natürlich strukturelle Gründe: Wer in Österreich aufgewachsen ist, hat hier weit häufiger entweder eigenes Vermögen (das man in der Regel aufbrauchen muss, bevor man Sozialhilfe bekommt) oder Ansprüche über der Sozialhilfegrenze (wie Arbeitslosengeld oder Pension). Außerdem kostet die Staatsbürgerschaft ja etwas – das heißt, dass Zuwander:innen, die zu Staatsbürger:innen werden, deutlich seltener in die Sozialhilfe schlittern und damit ebenfalls nicht in die Statistik fallen.

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Trotzdem wird es fix Thema bleiben, dass der Anteil der Staatsbürger:innen in der Sozialhilfe sinkt, während jener der Drittstaatenangehörigen – also Menschen, die nicht aus EU- und EWR-Staaten stammen – kräftig steigt.


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Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

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