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Sportklubs auf der Suche nach Migrant:innen

6 Min
Ein Handball rollt über ein bunt pulsierendes Handballfeld.
Die Vereine wollen mehr Vielfalt unter den Mitgliedern erreichen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Sehr viele Vereine in Österreich haben sehr wenige migrantische Mitglieder. Ein Drittel hätte gerne mehr.


Wären nicht bereits die Eltern von Mykola Bylik und Janko Božović Handballer:innen gewesen, wer weiß, ob der ukrainischstämmige Wiener und der gebürtige Montenegriner zu Leistungsträgern im österreichischen Nationalteam geworden wären, das die Handball-EM in Deutschland so überraschend gerockt hat. Denn Personen mit Migrationsbiografie finden in Österreich abseits von Fußball und Kampfsport verhältnismäßig selten den Weg in Sportvereine, wie eine große Umfrage der Neuen Österreichischen Organisationen aufzeigt.

Mykola Bilyk beim Torwurf im Handball-EM-Spiel gegen Kroatien 2024
Der ukrainischstämmige Handballer Mykola Bilyk spielte bei der EM nicht nur gegen die Kroaten groß auf.
© APA / Eva Manhart

So ist zum Beispiel bei West Wien, dem aktuellen österreichischen Handballmeister, der sich nach dem finanziell bedingten Zwangsabstieg nun mit einem jungen Team zurück nach oben kämpft, Bela der exotischste Spielervorname unter drei Fabians, zwei Clemens, einem Andreas, Philipp oder Paul. Im Jugendbereich ist es ähnlich. „Wir hätten sehr gern mehr migrantische Spieler“, sagt Lukas Musalek, der bei West Wien für den Jugendbereich verantwortlich ist.

Der Wille ist da, aber auch ein Bedarf an Unterstützung

Er steht damit nicht allein da: In der österreichweiten Befragung von mehr als 5.000 Sportvereinen hat sich gezeigt, dass zwei Drittel weniger als zehn Prozent Mitglieder mit Migrationshintergrund haben; migrantische Trainer:innen sind noch seltener. Umgekehrt gaben vier von fünf an, dass Diversität für sie besonders wichtig sei, ein knappes Drittel wünscht sich mehr Migrant:innen als Mitglieder, und ein Viertel hätte gern mehr migrantische Trainer:innen. Kein Wunder, ist doch der Sport eines der besten Instrumente, wenn es um Integration geht, wovon die gesamte Gesellschaft profitiert. Die Vereine haben hier also eine eine gewisse Vorbildfunktion.

Allerdings ist in 85 Prozent der Vereine niemand für den Bereich Integration und Diversität zuständig, und nur ein Zehntel hat ein eigenes internes Integrationsprojekt. Dabei ist hinlänglich bekannt, welche wichtige Rolle Sport für die Integration spielt. Dino Schosche, Sprecher der Neuen Österreichischen Organisationen, zieht folgendes Fazit: „Man erkennt hier einen großen Bedarf an Unterstützung und Weiterbildung sowie den Willen, die erfolgreiche Partizipation aller Menschen in Sportvereinen zu fördern.“ Denn, auch das zeigt die Studie, waren Diversität und Integration zwar bisher nur für etwa ein Viertel der Wiener Sportvereine ein Thema, aber fast 60 Prozent wünschen sich kostenlose E-Learning-Plattformen oder Workshops dazu.

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Bei Ingo Bergmann wären sie an der richtigen Adresse. Der 37-jährige Wahlwiener aus Rostock ist gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosa seit mehreren Jahren im Sport- und Freizeitbereich in Bezug auf soziale Teilhabe aktiv. Sie hat die Vienna Hobby Lobby gegründet, deren erklärtes Ziel als Social-Start-up eine kostenlose Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Schichten ist; er war Mitgründer des gemeinnützigen Vereins Breaking Grounds, dessen Slogan „Social Change through Sports“ alles sagt. Bergmann und sein Team möchten ihre Expertise zum Thema Inklusion, Kinderschutz, soziales Lernen, Gewaltprävention und Bestärkung von Jugendlichen auch an andere weitergeben. Breaking Grounds hat im vergangenen Jahr rund 2.400 Jugendliche begleitet und sieht sich als eine Art Kompetenzzentrum für Jugendarbeit über den Sport hinaus. Begonnen hat es mit dem Projekt „Kicken ohne Grenzen“, das „die Kraft des Fußballs nutzt, um Kinder und Jugendliche bei der Entfaltung ihrer Potenziale zu unterstützen“, wie es auf der Webseite heißt. Später ist das Projekt „Life Goals“ dazugekommen, bei dem der Turnsaal zum Lern- und Entfaltungsraum wird.

Leichte Zugänglichkeit

Bergmann, der seit seinem 14. Lebensjahr Fußballtrainer ist und unter anderem in Südafrika in den Townships tätig war, nennt im Gespräch mit der WZ drei Hebel, mit denen man viel bewirken kann. Der erste ist leichte Zugänglichkeit zum Verein: „Es muss so barrierefrei wie möglich sein“, betont er. Denn Kinder und Jugendliche ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind fast dreimal so stark von Armut oder Ausgrenzung bedroht wie jene mit österreichischer Staatsbürgerschaft. „Für viele ist der Einstieg in einen Verein, der Geld kostet, deutlich schwerer.“ Deshalb ist zum Beispiel das vom Sportministerium geförderte Projekt „Kicken ohne Grenzen“ gratis. Abgesehen davon ist Fußball denkbar leicht zugänglich: Die Ausrüstung ist verhältnismäßig billig, die Regeln sind einfach und allgemein bekannt, und man kann es so gut wie überall spielen.

Zeitressourcen für Beziehungsarbeit

Der zweite Hebel ist Beziehungsarbeit: Es gilt, die Jugendlichen in ihrem Alltag, in ihren Problemlagen auch abseits des Trainings mental zu begleiten, ein Unterstützungssystem zu schaffen, und das auf Augenhöhe. Das benötigt zusätzliche Zeitressourcen. „Das ist natürlich sehr viel verlangt“, weiß Bergmann. „Da muss man ein paar Extrameilen zurücklegen.“ Aber manchmal sind es schon Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen: wenn zum Beispiel jemand nicht zum Training kommt und der Trainer nachfragt, was los ist. Das eine sind Talentförderung und Leistungsentwicklung, das andere sind Entwicklungsarbeit, Empowerment und psychosoziale Förderung.

Identität, Zugehörigkeit und Entfaltung

Als dritten Hebel nennt Bergmann Identitätsbildung und Zugehörigkeit. „Das ist etwas, wonach sich gerade Jugendliche sehnen. Sie wollen sich verstanden fühlen, eine Heimat finden.“ Das wird durch partizipative Ansätze unterstützt: Bei „Kicken ohne Grenzen“ finden sie Entfaltungsmöglichkeiten, sie können Verantwortung übernehmen, zum Beispiel in Form eines Jugendbeirats, und es gibt eigene „Youth Leader“ als Mediator:innen und Multiplikator:innen für die Jugendlichen. „Das läuft alles neben dem Sport, außerhalb des eigentlichen Trainings“, erzählt der Vereinsmitgründer. Und wenn man auch noch gemeinsame Trikots oder Trainingsoutfits bekommt, verstärkt dies das Zugehörigkeitsgefühl enorm. „Das ist auch den Jugendlichen total wichtig.“

Wie aber kommt man an die Jugendlichen heran? Am besten, indem man dorthin geht, wo sie sind, und sie aktiv anspricht: zum Beispiel in Schulen und Jugendeinrichtungen. Es hilft, lokale Partnerorganisationen ins Boot zu holen, um die Zielgruppe zu erreichen. Vieles lebt von Mundpropaganda, von bestärkenden Vertrauenspersonen und von Role Models. Je vielfältiger die bestehenden Mannschaften und Betreuerteams sind, desto bunter sind auch die potenziellen Mitglieder.

Gemeinsames Integrationsprojekt von ASKÖ, ASVÖ und Sportunion

Die großen Sportorganisationen sind nicht untätig. Seit Juli 2023 läuft das dreijährige Projekt „Beyond Sport 2.0” (bis Juni 2026), bei dem ASKÖ, ASVÖ und Sportunion gemeinsame Sache machen und ihre Vereine speziell für Geflüchtete sowie Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien kostenlos öffnen und eigene Kurse anbieten. Mehr als 36.000 Teilnahmen wurden im Vorgängerprojekt (2020 bis 2023) verzeichnet.

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Niedrige Migrant:innenanteile sollte man nicht den betroffenen Vereinen anlasten, betont Bergmann. „Es hängt auch mit der gesellschaftlichen Gesamtsituation zusammen.” Manchmal können sie nämlich tatsächlich nichts dafür. So wie West Wien, wo Musalek berichtet, dass man schon lang in den Schulen rund um seinen Standort auf Werbetour geht. Zwar tragen die älteren Jahrgänge und die Kampfmannschaft ihre Heimspiele im 15. Bezirk aus, wo laut Statistik fast jede:r zweite Bewohner:in im Ausland geboren ist – trainiert wird aber in Hietzing, dem Wiener Bezirk mit dem niedrigsten Migrant:innenanteil. „Wären wir im 15. Bezirk beheimatet, hätten wir sicher mehr Migranten dabei“, ist Musalek überzeugt.

Insgesamt gibt es in Wien für Burschen und Mädchen nur je fünf Handballvereine, von denen nicht alle in jeder Altersklasse einen Spielbetrieb haben (West Wien zum Beispiel hat nur Herrenmannschaften). „Damit verlieren wir sehr viel Potenzial“, resümiert der Nachwuchsverantwortliche. Zudem gibt es in der Türkei und anderen starken Herkunftsländern keine ausgeprägte Handballtradition, „da spielen die Kinder eher Fußball oder gehen in den Kampfsport“. Auch wenn sich West Wien explizit zur Diversität bekennt, werden wohl weiterhin vor allem gebürtige Österreicher die grünen Dressen mit der Aufschrift „#VIELFALT“ überziehen.