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Gewaltschutz beginnt in der Nachbarschaft

6 Min
Männer setzen ein Zeichen gegen Gewalt, hier beim dritten Männerlauf in Wien-Simmering.
© Fotocredit: Laurent Ziegler

Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem. Das Präventionskonzept „Stadtteile ohne Partnergewalt (StoP)“ geht dagegen erfolgreich an.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Wieder war es der Türstock, den sie in der Dunkelheit übersehen hat; oder die Treppe, über die sie zum x-ten Mal gefallen ist. Und ja, die Tasse ist ihr tatsächlich aus dem Schrank direkt ins Gesicht gefallen. Es sind immer dieselben Geschichten, die Frauen erzählen, wenn sie vor häuslicher Gewalt flüchten. Warum sie trotzdem den Täter decken? Weil sie Angst haben, dass eine Trennung oder eine Anzeige ihre Situation noch verschlimmern würde. „Wenn diese Frauen Zuflucht im Frauenhaus suchen, verlieren sie praktisch die Wohnung, sie müssen ihre Kinder neu einschulen, und sie haben so viel zusätzliche Arbeit mit dieser Situation“, sagt Sabine Stövesand im Gespräch mit der WZ. Die Hamburger Professorin für Soziale Arbeit wollte diese Ungerechtigkeit irgendwann nicht länger mitansehen.

Nicht vom Gewalttäter kleinkriegen lassen

Den Ausschlag gab ein besonderes Erlebnis in einem Hamburger Frauenhaus: „Dort sagte eine Frau: ‚Ich gehe auf jeden Fall in meine Wohnung zurück. Meine fünf Kinder haben hier ihre Freunde. Und meine Nachbarn werden mir helfen, das haben sie bisher schon getan.‘ Das fand ich ungewöhnlich.“ Als Stövesand nach ihrer Tätigkeit im Frauenhaus in die Stadtteilarbeit wechselte, ging ihr diese fünffache Mutter, die sich vom Gewalttäter nicht kleinkriegen ließ, nicht aus dem Kopf. „Ich habe überlegt, ob man die Nachbarschaftsarbeit und den Gewaltschutz nicht kombinieren kann.“

Ich habe überlegt, ob man die Nachbarschaftsarbeit und den Gewaltschutz nicht kombinieren kann.
Sabine Stövesand, Professorin für Soziale Arbeit und Erfinderung der „Stadtteile ohne Partnergewalt“

Und ja: Man kann. Sehr gut sogar. Stövesand, die seit 1987 in der Sozialarbeit aktiv ist, wurde zu einer Pionierin im Bereich Gewaltprävention und entwickelte in den vergangenen drei Jahrzehnten das Konzept der „Stadtteile ohne Partnergewalt (StoP)“, das erst in Hamburg und in der Folge in zahlreichen anderen deutschen Städten und auch in Österreich etabliert wurde. Ihr Ansatz: Statt einzugreifen, wenn etwas passiert ist, wird die lokale Bevölkerung schon vorher entsprechend sensibilisiert, damit es gar nicht so weit kommt.

Acht Schritte gegen Gewalt

Stövesand hat ein Acht-Schritte-Konzept entwickelt, von der Grundsatzentscheidung über den Aufbau nachbarschaftlicher Aktionsgruppen und Netzwerke bis zur Entwicklung politischer Bündnisse. „Diese acht Schritte müssen alle umgesetzt werden“, betont die Erfinderin. „Denn bei Gewalt im Geschlechterverhältnis darf man nicht einfach irgendetwas machen. Das sind ernstzunehmende Risikosituationen, für die es ausgebildete Fachkräfte braucht. Unser Konzept ist erprobt und wissenschaftlich fundiert.“

Männertische und Männerläufe

In Österreich wird das „StoP“-Konzept vom Vereins AÖF (Autonome Österreichische Frauenhäuser) umgesetzt. Dessen Geschäftsführerin Maria Rösslhumer erzählt, wie das abläuft: „Wir gehen zum Beispiel von Tür zu Tür und reden mit den Leuten direkt über das Thema Gewalt, ob sie es selber schon erlebt haben, wie sie damit umgehen. Das ist ein zentraler Schritt, dass die Menschen lernen, in der Nachbarschaft offen darüber zu reden.“

Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem.
Männertische-Koordinator Jan Wunderlich

Zu diesen nachbarschaftlichen Begegnungen gehören auch sogenannte Männer-, Frauen- und Nachbarschaftstische. Dort gibt es verschiedene Vorträge, Diskussionen und praktische Übungen mit Expert:innen, jedes Mal zu einem anderen Themenschwerpunkt. Hier überlegen Männer zum Beispiel gemeinsam, wie sie am besten auf sexistische Kommentare oder frauenfeindliche Altherrenwitze reagieren und damit toxischer Männlichkeit den Nährboden entziehen; oder mit welchen Männlichkeitsnormen in unserer Gesellschaft gebrochen werden sollte. Stövesand stellt dazu fest: „Wo Leute sich einmischen und nicht wegschauen, gibt es nicht nur signifikant weniger Gewaltfälle, es verbessert sich dadurch auch das Verständnis, was eine gute Partnerschaft ist, und insgesamt das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.“

Im Rahmen der Männertische werden auch nach außen sichtbare Aktionen im Stadtteil organisiert. „Männer stemmen sich hier gemeinsam gegen patriarchalische Strukturen und kommen dabei vom Reden ins Tun“, formuliert es Jan Wunderlich, der derzeit die Männertische in Wien-Margareten koordiniert, von denen schon mehr als hundert stattgefunden haben. Aus diesen heraus sind unter anderem die Männerläufe entstanden, die seit einiger Zeit in Wien stattfinden. Mehrere Dutzend Männer setzen dabei in grünen und blauen „StoP“-Leibchen gemeinsam ein Zeichen.

Das Ziel ist längst nicht erreicht

28 „Stadtteile ohne Partnergewalt“ gibt es derzeit in Österreich. Finanziert wird das Projekt mit 1,2 Millionen Euro pro Jahr vom Sozialministerium; außerdem steuern der Fonds Gesundes Österreich 200.000 Euro sowie die Wiener Gesundheitsförderung 240.000 Euro für jeweils drei Jahre bei. Eigentlich bräuchte es noch viel mehr Geld, meint AÖF-Geschäftsführerin Rösslhumer, die sich eine flächendeckende Ausweitung dieses Präventionskonzepts auf ganz Österreich wünschen würde. 81 Millionen Euro pro Jahr würde das ihrer Rechnung nach kosten. Das wäre ein Teil der 250 Millionen Euro, die seit Jahren für den Gewaltschutz gefordert werden. Eine sehr hohe Summe, „aber es wäre gut angelegtes Geld“, betont sie und kritisiert gleichzeitig, dass „Gewalt an Frauen derzeit von der Politik nicht ernsthaft angegangen“ werde. Vor allem fehle eine Gesamtstrategie. Gleichzeitig äußert Rösslhumer die Befürchtung, dass unter der nächsten Regierung in Österreich zu wenig Geld für den Gewaltschutz da sein könnte.

Gewalt an Frauen wird von der Politik nicht wirklich ernsthaft angegangen.
AÖF-Geschäftsführerin Maria Rösslhumer

Alle halfen zusammen

Jene fünffache Mutter in Hamburg, deren Schicksal den Ausschlag für die Entwicklung der „Stadtteile ohne Partnergewalt“ gab, hat es übrigens geschafft, ungestört in ihrer Umgebung weiterzuleben, berichtet Stövesand: Die Nachbar:innen kümmerten sich um sie und richteten die Wohnung wieder her, die ihr Mann verwüstet hatte; ein Tischler reparierte ihre eingetretene Eingangstür; sie wurde bei der Rückkehr aus dem Frauenhaus mit Blumen und Kuchen empfangen; und es gab eine Telefonkette von Menschen, die ihre Augen offen hielten, ob der Mann eh nicht zurückkehren würde. Stövesand erzählt auch, dass es „nicht alle in der Community gut fanden, dass sie das so gemacht hat, vor allem so öffentlich – aber es meldeten sich dann andere Nachbarinnen, die ein ähnliches Problem hatten”. Und genau das ist ja Sinn und Zweck der „Stadtteile ohne Partnergewalt“.


Der nächste Männerlauf findet am 30. November entlang der Wiener Ringstraße statt. Mitmachen kann jeder, gerne auch ganz spontan. Das Datum ist kein Zufall: Es fällt mitten in die jährliche Präventionskampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“, die am 25. November (dem internationalen Gedenktag für alle Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt wurden) beginnt und am 10. Dezember (dem internationalen Tag der Menschenrechte) endet. Die nächsten Männertische werden am 19. Oktober in Margareten und Simmering sowie am 6. November in Penzing abgehalten.

Frauenhelpline gegen Gewalt
kostenlos, anonym, rund um die Uhr
Tel. 0800/222 555

Online-Beratung für Frauen
www.haltdergewalt.at

Frauennotruf
kostenlos, anonym, rund um die Uhr
Tel. 01 71 71 9
www.aoef.at

Männernotruf
kostenlos, anonym, rund um die Uhr
Tel. 0800 246 247
www.maennernotruf.at


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteur Mathias Ziegler wurde durch eine Einladung zum 100. Männertisch in Margareten auf das Konzept der „Stadtteile ohne Partnergewalt“ aufmerksam. Er wollte wissen, wie diese Form der Gewaltprävention konkret aussieht.

Gesprächspartner:innen

Daten und Fakten

Begonnen haben die „Stadtteile ohne Partnergewalt“ mit einem Vorläuferprojekt im Hamburger Stadtteil St. Pauli, das nach zwei Jahren aus Kostengründen weggekürzt wurde. Doch der Samen war gesät. 2010 wurde dann in Hamburg ein Pilotprojekt mit Unterstützung von Behörde und Hochschule gestartet, das heute noch existiert. „Daraus hat sich alles weitere entwickelt“, erzählt Sabine Stövesand, die das Konzept erfunden hat. Nicht nur in mehreren deutschen Städten gibt es inzwischen „Stadtteile ohne Partnergewalt“, sondern auch in österreichischen. Der Lizenzpartner hier ist der Verein AÖF (Autonome Österreichische Frauenhäuser) – das „StoP“-Konzept ist nämlich urheberrechtlich geschützt und darf nur mit entsprechender Fort- und Weiterbildung übernommen werden. „Natürlich ist es gut, wenn sich möglichst viele Menschen gegen Gewalt einsetzen“, sagt Stövesand. „Aber bevor jeder seines macht und von vorne anfängt, haben wir hier ein erprobtes, fachlich fundiertes Konzept, dem man folgen kann.“ Von einem Patentrezept möchte sie nicht sprechen: „Es ist nicht so, dass man das so macht, und dann ist alles gut. Aber wir bieten hier eine Schatzkiste an, die man nutzen kann.“ Bei „StoP“ kommen in der Regel Menschen aus der Stadtteilentwicklung oder aus dem Opferschutz zusammen. „Das zusammenzudenken, das hat es bisher so nicht gegeben. Dazu braucht es eine Expertise“, stellt die Professorin für Soziale Arbeit klar. Sie ist international bestens vernetzt; von Neuseeland über die USA bis Indien hat sie verschiedene Gewaltpräventionskonzepte erforscht und überall ähnliche Bausteine gefunden. Bei der Finanzierung ist Österreich übrigens einen Schritt weiter als Deutschland: Hier gibt es nämlich eine nationale Finanzierung durch das Sozialministerium, die Stövesand in ihrer Heimat vermisst.

Quellen

Das Thema in der Wiener Zeitung

Das Thema in anderen Medien