Zum Hauptinhalt springen

Standort teilen: Fürsorge oder digitale Fußfessel

5 Min
Wann wird aus Fürsorge Kontrolle?
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Das Teilen des eigenen Standorts kann in Notsituationen Sicherheit vermitteln. Doch für viele Menschen ist daraus längst eine Form der gegenseitigen Dauerüberwachung geworden. Wo endet Fürsorge und wo beginnt digitale Überwachung?


    • Standort teilen bietet Sicherheit, kann aber zunehmend zu sozialen Erwartung und Kontrolle im Alltag werden.
    • Psychologinnen warnen vor Vertrauensverlust und Konflikten durch ständige Überwachung.
    • Privatsphäre bleibt ein Grundbedürfnis; Freiwilligkeit und Selbstbestimmung beim Teilen des Standorts sind essenziell.
    • Standortfreigabe wird oft über Apps wie „Wo ist?“ oder die „Snap Map“ genutzt
    • Von den unter 30-Jährigen verfolgen 16 Prozent die Standortdaten ihrer Partner:innen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es ist Mitternacht. Ich gehe allein nach Hause. Die Straße ist leer, hinter mir höre ich Schritte. Rational betrachtet wahrscheinlich völlig harmlos. Irrational betrachtet beginnt mein Kopf bereits, den Plot eines True-Crime-Podcasts zu schreiben. Also mache ich, was viele Menschen meiner Generation tun: Ich teile meinen Standort mit meinem Freund.

Für diesen Moment finde ich die Funktion großartig. Falls mir tatsächlich etwas passiert, weiß wenigstens jemand, wo ich zuletzt war. Ein digitaler Schutzengel direkt am Smartphone. Doch genau hier beginnt mein Unbehagen.

Denn für viele junge Menschen ist das Teilen des eigenen Standorts längst mehr als eine Notfallmaßnahme. Über die Apple-App „Wo ist?“ oder der „Snap Map“ von Snapchat verfolgen Freund:innen gegenseitig jede ihrer Bewegungen, oft rund um die Uhr. Das Teilen des Standorts dient längst nicht mehr nur der Sicherheit, sondern ist für viele zu einer sozialen Erwartung geworden. Wer seinen Standort nicht teilt, muss sich manchmal sogar dafür rechtfertigen.

Natürlich gibt es praktische Vorteile. Die Frage „Wo bleibst du?“ erübrigt sich. Man kann einfach nachsehen, wann jemand ungefähr ankommen wird. Nach einer langen Partynacht kann man überprüfen, ob Freund:innen gut nach Hause gekommen sind.

Auch beim ersten Date teilen vor allem Frauen ihren Standort bewusst mit Freund:innen. Vor allem beim Treffen mit einer Person, die man bisher nur online kannte, dient die Funktion als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Im Notfall können die anderen nachverfolgen, wo man zuletzt war.

Auch die Psychologin Caroline Erb sieht darin zunächst nichts Problematisches. Standortfreigaben könnten durchaus ein Gefühl von Verbundenheit vermitteln, sagt sie. Gerade wenn Menschen einem wichtig sind, könne die Möglichkeit, zu sehen, ob jemand sicher angekommen ist, beruhigend wirken.

Aber müssen wir jederzeit wissen, wer wo ist?

Wenn ich wissen möchte, was meine Freund:innen machen, schreibe ich ihnen eine Nachricht. Ich rufe an. Ich frage nach. Das mag altmodisch wirken, aber Beziehungen basieren doch auf Kommunikation und nicht auf GPS-Daten.

Die Psychologin Karin Flenreiss-Frankl warnt zudem davor, Standortdaten mit echter Nähe zu verwechseln. Nur weil wir wissen, wo sich jemand befindet, seien wir dieser Person nicht automatisch näher. Wirkliche Verbundenheit entstehe durch Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und Kontakt, nicht durch einen Blick auf die Karte.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Datenschutz zu einem gesellschaftlichen Dauerthema geworden ist, gewinnt die freiwillige Standortüberwachung zunehmend an Normalität. Einerseits sorgen wir uns um Datenschutz, andererseits liefern wir unsere Bewegungsprofile direkt an Freund:innen, Partner:innen und milliardenschwere Tech-Konzerne.

Was mich daran besonders irritiert: Die ständige Verfügbarkeit von Informationen erzeugt selten mehr Vertrauen. Sie erzeugt vor allem die Versuchung, nachzuschauen. Warum ist er noch dort? Mit wem trifft sie sich? Weshalb war sie gestern Abend noch bei ihm?

Laut Psychologin Erb entstehen genau dadurch oft Konflikte, die es ohne die technische Möglichkeit der Ortung gar nicht gegeben hätte. Ein misstrauischer oder eifersüchtiger Mensch könne durch die ständige Verfügbarkeit von Informationen sogar noch in seinem Verhalten bestärkt werden. Dann reiche schon ein leerer Akku oder eine kurze Deaktivierung der Standortfreigabe, um Diskussionen auszulösen.

„Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle“

Vor allem in Paarbeziehungen halte ich das für problematisch. Vertrauen bedeutet schließlich nicht, jederzeit kontrollieren zu können, wo sich der andere Mensch befindet. Vertrauen bedeutet eben gerade, nicht kontrollieren zu müssen.

Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle.
Caroline Erb, Klinische und Gesundheitspsychologin

Auch Flenreiss-Frankl sieht eine problematische Dynamik: „Das Kontrollbedürfnis kommt ja erst dann, wenn ich mir unsicher bin.“ Wer seinem Gegenüber vertraut, müsse dessen Aufenthaltsort nicht ständig überprüfen. „Vertrauen entstehe nicht durch Kontrolle.“, so auch Erb. Die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, sei für gesunde Beziehungen wichtig.

Natürlich verursacht nicht die App selbst Eifersucht oder Misstrauen. Aber sie schafft die Infrastruktur dafür. Aus einem kurzen Blick wird eine Gewohnheit. Aus Neugier wird Kontrolle. Aus Fürsorge wird Überwachung.

Wann dieser Punkt erreicht ist, lässt sich oft daran erkennen, dass die geteilten Standortdaten immer wieder zum Streitthema werden. Wenn schon kleine Abweichungen von den erwarteten Aufenthaltsorten misstrauisch hinterfragt werden oder man sich für jeden Weg erklären muss, stehe nicht mehr die Fürsorge, sondern die Kontrolle im Vordergrund, sagt Erb. Betroffene geraten dann schnell in einen permanenten Rechtfertigungsmodus.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob das Teilen des Standorts gut oder schlecht ist. Die Frage lautet, ob wir noch selbst entscheiden, wann wir erreichbar, auffindbar und sichtbar sein wollen.

Besonders problematisch finde ich ein Argument, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt: „Wenn du nichts zu verbergen hast, kannst du deinen Standort doch teilen.“

Wozu eigentlich den Standort teilen?

Der Wunsch nach Privatsphäre ist kein Schuldeingeständnis. Er ist ein menschliches Grundbedürfnis. Psychologin Erb betont, dass Privatsphäre zur gesunden Entwicklung von Autonomie gehört. Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, nicht jederzeit kontrollierbar zu sein.

Flenreiss-Frankl geht noch einen Schritt weiter: „Wenn ich mich rechtfertigen muss, warum ich meine Privatsphäre nicht mehr freigeben möchte, dann ist das schon bedenklich.“ Die Freiwilligkeit müsse jederzeit bestehen bleiben.

Denn jeder Mensch braucht Rückzugsräume. Orte und Momente, die nicht dokumentiert, geteilt oder überprüft werden. Die Regie über das eigene Leben sollte weiterhin bei uns selbst liegen und nicht bei einer Karte auf dem Smartphone.

Ich möchte die Möglichkeit haben, meinen Standort zu teilen, wenn ich nachts allein unterwegs bin. Ich möchte aber nicht in einer Welt leben, in der es als verdächtig gilt, das nicht zu tun.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, Klinische und Gesundheitspsychologin
  • Mag.a Caroline Erb, Klinische und Gesundheitspsychologin
  • Insgesamt zwölf Frauen und Männer zwischen 24 und 32 Jahren, die ihren Standort mit Freund:innen, Partner:innen oder Familienmitgliedern teilen

Daten und Fakten

Mehr als die Hälfte der liierten Österreicher:innen darf das Handy des:der Partner:in jederzeit benutzen. Für zehn Prozent ist das Smartphone tabu, obwohl er:sie neugierig wäre. Von den unter 30-Jährigen verfolgen 16 Prozent die Standortdaten ihrer Partner:innen und 14 Prozent checken das Handy des:der anderen. Ab einem Alter von 50 Jahren nimmt das Interesse am Smartphone der anderen Person deutlich ab. (parship.at)

Weitere Daten gibt es aus den USA: Bei einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts CivicScience unter rund 1.200 US-Amerikaner:innen im Jahr 2025 gaben 41 Prozent an, ihren Standort mit mindestens einer Person zu teilen. Von den 18- bis 29-Jährigen teilten zwei Drittel ihren Standort. (CivicScience)

Laut einer Umfrage des deutschen Digitalverbandes Bitkom aus dem Jahr 2026 teilen 14 Prozent der Internetnutzer:innen ihren Standort dauerhaft mit ihrem:ihrer Partner:in. Unter den 16–19-Jährigen ist es sogar ein Viertel. (Bitkom e. V.)

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte