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In Salzburg steht die Stefan-Zweig-Villa nun doch zum Verkauf. Wird sie öffentlich zugänglich werden?
Die einstige Villa des weltberühmten Autors Stefan Zweig in Salzburg ist zum Schauplatz eines symbolträchtigen Verteilungskampfes zwischen Gemeinwohl und Privatinteresse geworden. Nachdem der Milliardär Wolfgang Porsche das Anwesen als private Luxusunterkunft nutzen wollte, stellt er es nun doch zum Verkauf. Dadurch könnte es zu einem öffentlichen Erinnerungsort werden.
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Österreichische Kulturschaffende haben bereits eine Petition gestartet, um die Villa – das Paschinger Schlössl in Salzburg – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das historische Anwesen war zwischen 1917 und 1937 Eigentum des jüdisch-österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Der aktuelle Eigentümer Porsche, unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG, hat es jahrelang renoviert. Dazu kam das umstrittene Vorhaben, einen Zufahrtstunnel zu bauen, der mittlerweile genehmigt worden ist. Dass es nun offenbar verkauft werden soll, wollen die Initiator:innen der Petition nutzen, um einen Raum zu schaffen, der dem Leben und Wirken Zweigs gewidmet ist. Unklar bleibt jedoch, wie der Kauf des millionenteuren Anwesens finanziert werden soll.
Verkauf mit Altlasten
„Die Villa am Kapuzinerberg ist weit mehr als ein historisches Gebäude – sie ist ein Ort, an dem Stefan Zweig einige seiner wichtigsten Werke geschrieben hat und an dem sich exemplarisch zeigt, wie eng Salzburg mit der europäischen Kulturgeschichte verbunden ist“, sagt Bernhard Jenny, der die Petition gestartet hat. Online haben diese auf mein.aufstehn.at bereits mehr als 5.000 Menschen unterschrieben. „Als nun die Möglichkeit entstand, diesen Ort dauerhaft für die Öffentlichkeit zu sichern, war für mich klar, dass ich mich engagieren möchte“, so der Initiator Jenny.
Eine:n konkrete:n Käufer:in gibt es für die Villa noch nicht. Der Verkaufspreis beträgt derzeit 12,7 Millionen Euro, wie auf der Webseite der Immobilien-Plattform Le Figaro Properties zu sehen ist. Im Inserat wird das Anwesen unter anderem mit dem genehmigten Privattunnel und der Garage beworben. Dem Inserat zufolge liegen die geschätzten Kosten für den Bau des Tunnels, der noch nicht begonnen wurde, bei zusätzlich etwa zehn Millionen Euro. Der oder die Käufer:in könnte diesen immer noch umsetzen, weil die Genehmigung an die Immobilie und nicht den aktuellen Eigentümer gebunden ist. Der rund 500 Meter lange Tunnel müsste allerdings bis Ende 2028 fertig sein, weil sonst die Frist für die Bewilligung erlischt. Tunnel und Garage haben im vergangenen Jahr für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Die Kritik richtete sich vor allem dagegen, dass in der Genehmigung durch die Stadt eine unzulässige Sonderbehandlung für Superreiche gesehen wurde, aber auch, dass das Bauwerk einem rein privaten Zweck gedient hätte.
In einer Protestpetition gegen das Tunnelprojekt wurden damals mehr als 19.000 Unterschriften gesammelt. Während die Grünen und teils die KPÖ gegen die Genehmigung stimmten, bewilligte die Mehrheit des Planungsausschusses aus SPÖ, ÖVP und FPÖ schließlich den Bau des Privattunnels im September 2025. Nun könnte er sogar der Grund für den plötzlichen Sinneswandel Porsches sein: Zahlreiche Medienberichte führen diesen auf eine vermeintliche „Neiddebatte“ rund um das Bauvorhaben zurück. In diesem Zusammenhang wird auch das zuständige Immobilienmanagement zitiert, das ebendiese öffentliche Kritik als Grund für den überraschenden Verkauf des Anwesens angegeben haben soll.
Zwischen kosmopolitischem Erbe und modernem Tunnelbau
Der Entschluss zum Tunnelbau hätte wohl gerade bei Stefan Zweig für Kopfschütteln gesorgt. In seinem autobiografischen Werk „Die Welt von Gestern“ beschreibt er sein Salzburger Anwesen als „ebenso romantisch wie unpraktisch“. „Unpraktisch“ war die Villa, in der er rund 15 Jahre lang lebte, unter anderem auch wegen der Unzugänglichkeit für Autos, wie er schreibt. Zweig selbst genoss diese Zurückgezogenheit zeit seines Lebens. Dennoch wurde das Schlössl zu einem kosmopolitischen Treffpunkt namhafter Persönlichkeiten. Zu Zweigs internationalen Besuchern gehörten der Schriftsteller Thomas Mann, der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry, Komponist Richard Strauss und zahlreiche weitere Größen der damaligen Kulturwelt Europas.
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Der zurückgezogene Zweig, der das Erklimmen des Kapuzinerbergs, auf dem sich die Villa befindet, regelrecht genoss, wie er schrieb, steht in starkem Kontrast zum Milliardär Porsche und seinem Drang, einen Tunnel und eine Garage für seine Autosammlung bauen zu wollen.
Die Salzburger Verkehrs- und Planungsstadträtin Anna Schiester (Bürgerliste – Die Grünen) sieht nun in einem potenziellen Eigentümer:innenwechsel eine grundlegende Wende für das umstrittene Tunnelprojekt bei der Stefan-Zweig-Villa. Zwar würde die Entscheidung über den Weiterbau zunächst beim der oder dem neuen Eigentümer:in liegen, die Bürgerliste dränge dennoch auf eine rechtliche Neubewertung der Dienstbarkeiten auf städtischem Grund: „Ich würde es begrüßen, wenn der Privattunnel in dieser Form nicht gebaut wird. Der mögliche Eigentümerwechsel eröffnet jetzt jedenfalls die Chance, die Zukunft der Stefan-Zweig-Villa und ihre Erschließung noch einmal grundsätzlich neu zu betrachten – mit einem stärkeren Blick auf das öffentliche Interesse und eine mögliche kulturelle Nutzung“, so Schiester.
Finanzierung für öffentliche Nutzung noch ungeklärt
Salzburgs Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) schließt währenddessen eine finanzielle Beteiligung der Stadt am Ankauf der Immobilie, um daraus ein Museum zu machen, aus. Die „aktuelle budgetäre Lage“ lasse solch ein kostspieliges Unterfangen derzeit schlicht nicht zu. „Sollte aber ein Erwerb durch Sponsoren, Mäzene, Universität oder eine andere Gebietskörperschaft zustande kommen, was ich sehr begrüßen würde, kann ich mir natürlich eine Unterstützung im Betrieb des Museums sehr wohl vorstellen. Diesen Beitrag leisten wir bei anderen Museen auch“, betont der Stadtchef.
Die Universität Salzburg bekundete bereits Interesse an einem Kauf der Villa, um diese in einen Erinnerungsort umzuwandeln. Die Gespräche mit dem Bund laufen bereits, heißt es. „Aus Sicht der Universität gilt es, die Möglichkeit wahrzunehmen, diesen Ort für die allgemeine Öffentlichkeit erleb- und begehbar zu machen“, sagt der Rektor der Universität Bernhard Fügenschuh. Auf die Frage, wie sich der geplante Erwerb der Villa mit den derzeitigen Spar- und Konsolidierungsmaßnahmen der Universität vereinbaren lässt, antwortet er: „Zugegeben schwierig, aber es gilt auch, Verantwortung zu übernehmen und andere dabei mitzunehmen.“
„Bedeutender Schritt für die Zukunft“
Das Vorhaben, die Villa für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, stößt auch beim Salzburger Stefan Zweig Zentrum auf breite Unterstützung. Für die Leiterin der Institution, Martina Wörgötter, steht fest: „Die Möglichkeit, die historische Villa gemeinsam mit starken Partnern als öffentlich zugänglichen Ort des kulturellen Gedächtnisses zu bewahren, wäre ein bedeutender Schritt für die Zukunft.“
Das Stefan Zweig Zentrum kooperiert in seiner Arbeit auch international und pflegt eine enge Verbindung zu Zweigs letzter Lebensstation im Exil in Petrópolis, Brasilien, wie Wörgötter sagt: „Das Haus in Petrópolis ist im Grunde durchaus mit dem Salzburger Haus auf dem Kapuzinerberg vergleichbar. Es sind Wohn- und Arbeitsstätten in wichtigen Lebensphasen des Autors. Bemerkenswert ist dabei, dass die öffentliche Nutzung als Erinnerungsort am Exilort gelungen ist, am Ort der Vertreibung und Flucht bisher leider noch nicht.“
Damit verweist das Zentrum direkt auf das historische Schicksal des jüdischen Autors, der seine Salzburger „Villa in Europa“ (wie sie vom französischen Schriftsteller Jules Romains genannt wurde) gezwungenermaßen aufgeben und weit unter Wert verkaufen musste. Eine museale Aufarbeitung dieser Vertreibung im Rahmen eines neuen Erinnerungsortes läge daher nahe. Am originalen Ort könnte man beispielsweise – so Wörgötter – auch die beklemmenden Ausgrenzungs- und Fluchterfahrungen Zweigs durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten greifbar machen oder die Hausdurchsuchung im Jahr 1934 durch die Polizei des austrofaschistischen Regimes, die ihn letztlich in die Emigration nach London trieb.
Zweigs Villa lag zudem in Sichtweite von Adolf Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg – ein Umstand, den er in seiner Autobiografie „Die Welt von Gestern“ einprägsam beschreibt: „Mein Haus in Salzburg lag so nahe der Grenze, daß ich mit freiem Auge den Berchtesgadener Berg sehen konnte, auf dem Adolf Hitlers Haus stand, eine wenig erfreuliche und sehr beunruhigende Nachbarschaft.“ Wie Zweig rückblickend beschreibt, habe ihm die unmittelbare Nähe zur deutschen Grenze damals einen klareren Blick auf die tatsächliche Bedrohung Österreichs erlaubt als seinen Freunden in der fernen Hauptstadt Wien.
Sollte die öffentliche Nutzung gelingen, gibt es also viele Ideen zur Gestaltung eines neuen Erinnerungsortes. Noch sei es aber zu früh, so Wörgötter, um auf konkrete Nutzungskonzepte einzugehen.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Bernhard Jenny lebt und arbeitet in Salzburg. Er ist Teil des Personenkomitees, das sich für die öffentliche Nutzung der Stefan-Zweig-Villa engagiert.
- Anna Schiester, Verkehrs- und Planungsstadträtin der Stadt Salzburg (Bürgerliste – Die Grünen)
- Bernhard Auinger, Bürgermeister der Stadt Salzburg (SPÖ)
- Bernhard Fügenschuh, Rektor der Universität Salzburg
- Martina Wörgötter, Leiterin des Stefan-Zweig-Zentrums in Salzburg
- Die Interviews wurden in schriftlicher Form per E-Mail-Anfrage durchgeführt.
Daten und Fakten
- Stefan Zweig, geboren 1881 im kosmopolitischen Wien der k. u. k. Monarchie, ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autor:innen des 20. Jahrhunderts. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören unter anderem seine psychologischen Novellen wie etwa „Amok“ (1922), seine historischen Miniaturen wie „Sternstunden der Menschheit“ (1927), seine im Exil vollendete Autobiografie „Die Welt von Gestern“ (1942) sowie die posthum veröffentlichte „Schachnovelle“ (1942), die auch sein letztes Werk war. Unter dem Druck des aufstrebenden Faschismus und nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung floh Zweig 1934 ins Exil nach Brasilien, wo er angesichts des Untergangs seiner „geistige[n] Heimat Europa“, wie er in seinem Abschiedsbrief festhielt, 1942 gemeinsam mit seiner Frau Lotte Suizid beging. Im Zug der nationalsozialistischen Verfolgung wurden die Werke des jüdischen Autors vom NS-Regime verboten und öffentlich verbrannt.
- Die Baugeschichte des Paschinger Schlössls auf dem Salzburger Kapuzinerberg reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück, als das Gebäude als barocker Zweckbau errichtet wurde. Stefan Zweig erwarb das sanierungsbedürftige Anwesen im Jahr 1917, nutzte es ab 1919 insgesamt 15 Jahre lang als Wohn- und Arbeitsstätte, ehe er nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung im Jahr 1934 emigrierte und sich gezwungen sah, die Liegenschaft 1937 deutlich unter ihrem Wert zu verkaufen. Nach der NS-Zeit und der Liquidation des Besitzes ging die Liegenschaft in den darauffolgenden Jahrzehnten durch die Hände verschiedener privater Eigentümer. Im Jahr 2020 erwarb schließlich Wolfgang Porsche das denkmalgeschützte Gebäude für 8,4 Millionen Euro und plante in der Folge einen privaten Zufahrtstunnel, der allerdings nicht gebaut wurde.
Quellen
- Zweig, Stefan (1978): Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Stockholm: S. Fischer Verlag.
- Inserat der Stefan-Zweig-Villa (Le Figaro Properties)
- Petition: „NEIN zum Porsche-Tunnel!“ (mein.aufstehn.at)
- Petition: „Öffentliche Stefan Zweig Villa“ (mein.aufstehn.at)
- Stefan Zweig Zentrum Salzburg
- Planungsausschuss: Umstrittener Privattunnel am Kapuzinerberg genehmigt
Das Thema in anderen Medien
- theguardian.com: Austrian campaign aims to save writer Stefan Zweig’s Salzburg villa after Porsche tunnel row
- theguardian.com: Porsche magnate puts historic Salzburg villa up for sale after row over private ‘tunnel for one’
- Salzburg.orf.at: Medienbericht: Porsche verkauft Zweig-Villa
- Meinbezirk.at: Porsche-Privattunnel wurde heute bewilligt
- Derstandard.at: Uni Salzburg will Stefan-Zweig-Villa von Porsche kaufen
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