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Stop giving men microphones

9 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Über Männerpodcasts, Männerkarrieren und den Scam namens heterosexuelle Paarbeziehung.


    • Benjamin Karl äußerte im Podcast patriarchale Ansichten und verweigerte seiner Frau Selbstverwirklichung und Freizeit.
    • Die unbezahlte Arbeit von Frauen ermöglicht Männern Karrieren, während Frauen finanziell abhängig und benachteiligt bleiben.
    • Traditionelle Arbeitsteilung wird fälschlich als fair dargestellt, ist aber keine echte Partnerschaft auf Augenhöhe.
    • Olympiasieger Benjamin Karl äußerte sich im Podcast „Mindgames“ abwertend über seine Frau.
    • Karl verweigerte seiner Frau Freizeit und Selbstverwirklichung mit Verweis auf seine Termine.
    • Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin: Frauen erleiden durch Mutterschaft ein Karriere-Minus.
    • Väter profitieren finanziell nach der Geburt eines Kindes, Mütter geraten häufiger in Altersarmut.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

2020 wurde die Menschheit von einer fürchterlichen und neuartigen Pandemie heimgesucht. Auch ihr, werte Leser:innen, könnt euch bestimmt noch an sie erinnern, genau genommen peinigt uns die Seuche ja bis heute noch. Sie heißt: Männerpodcasts.

Anders als für Frauen hatten die andere Pandemie im Jahr 2020 – die, die mit C beginnt – und die mit ihr einhergehenden Distance-Learning- und Kinder-Bespaßungs-Situationen für Männer in aller Regel (Ehefrau sei Dank!) keine Mehrarbeit zur Folge, sondern stattdessen (Homeoffice sei Dank!) ein Mehr an Tagesfreizeit. Dieses musste wiederum unverzüglich in die Ausübung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung im weltweiten Netz investiert werden – während die Ehefrau kochte und putzte und Mathematik dreier Schulstufen an drei Kinder gleichzeitig lehrte.

Ja, viele von uns werden heute noch regelmäßig belästigt von entweder sinnbefreiten oder frauenverachtenden oder sinnbefreiten und frauenverachtenden Dingen, die Männer völlig schambefreit in Mikrofone sagen, auch wenn diese Form der Lärmbelästigung oftmals nur in Form von Snippets auf Instagram und TikTok stattfindet. Den Mut nämlich, sich Männerpodcastfolgen vollumfänglich anzuhören, haben nur die wenigsten von uns. Ich begebe mich aus beruflichen Gründen regelmäßig und tapfer in genannte Abgründe und sollte dafür sowohl Schmerzensgeld als auch Gefahrenzulage erhalten (oder zumindest ein paar Therapiestunden im Monat gratis), bin aber leider selbstständig.

Die M-Pandemie

Seit Beginn der M-Pandemie fordern deshalb Feministinnen – aber nur die ganz schlimmen, die gemein zu Männern sind und dauernd diesen schlimmen Männerhass verbreiten, nicht die netten – ebenso auf Social Media: „Stop giving men microphones!“. Comedienne Sarah Hester Ross hat sogar einen Song mit dem Titel geschrieben. Während die Forderung nach dem Mikrofonverbot für Männer als Scherz begann, bekommen wir aktuell täglich Beispiele vor Ohren geführt, die frau überdenken lassen, ob die Sache mit der freien Meinungsäußerung für alle wirklich so eine gute Idee war (und das mit dem netten Feminismus auch).

Das aktuellste und viel Aufsehen erregende Beispiel, das mich (wenig überraschend, ich bin ja eine von den Gemeinen, nicht eine von den Netten) eher in Richtung „nein, war es nicht“ tendieren lässt, ist Olympiasieger Benjamin Karl. Dieser erzählte im Podcast mit dem in diesem Kontext fast ironisch klingenden Titel „Mindgames“ stolz, wie er seine Frau in die Schranken verwiesen hat, nachdem diese die Impertinenz besaß, den Wunsch nach Selbstverwirklichung und Freizeit zu äußern.

Ein sehr ernstes Gespräch

„Es war plötzlich ein sehr ernstes Gespräch“, sagte Karl in der mittlerweile offline genommenen Podcastfolge. „Sie hat das Gefühl, dass sie mir 20 Jahre den Rücken freigehalten hat. Jetzt quasi ist einmal sie dran. Jetzt will sie einmal auf Mädelsurlaub fahren. Und sie will einmal das Leben mehr genießen und mehr Zeit haben. Und sie hat mir das gesagt. Und dann hab’ ich gesagt: Das geht nicht.“ Seine Termine hätten Priorität, schließlich habe er die finanzielle Verantwortung.

All das sagte Karl mit einer Gelassenheit, als hätte er gerade die selbstverständlichste Wahrheit der Welt ausgesprochen. Kein Zögern ist zu hören, keine Zurückhaltung und kein Zweifel am Gesagten. Als sei „das geht nicht“ ein ganz normaler Satz, den man nun mal zu seiner Partnerin sagt, wenn diese Zeit für sich haben will. Als wäre es ganz normal, dass innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung eine Person überhaupt mit ausreichend Macht über eine andere ausgestattet ist, um über ihre Zeit bestimmen zu dürfen.

Kinder sind ihr Hobby

Selbstverwirklichung und Zeit mit Freundinnen zu wollen, ist auch eine freche Forderung, nachdem man eh schon verheiratet ist und Kinder hat (was ja bitte reichen muss für eine Frau), oder wie Karl es sagt: „Dafür hat sie, muss sie auch ehrlich sein, alles bekommen, was sie sich jemals gewunschen hat. Sie wollte früh heiraten, sie wollte zwei Kinder haben, sie wollte ein Haus haben, sie wollte einen Pool haben. Sie wolltet das Leben, das wir jetzt haben, genauso haben, wie wir es jetzt haben. Dann zu sagen, jetzt bin ich dran und jetzt will ich einmal das Leben genießen, das geht so weit, das hätte ich nicht akzeptieren können.“

Das muss nicht nur reichen für eine Frau, das ist doch wohl mehr als genug. Ganz so, als wären Kinder – gemeinsame Kinder in einer gemeinsamen Beziehung – ein lustiges Freizeithobby einer Frau, dem sie eben mal gerne im Alleingang nachgehen wollte, weil ihr sonst fad im Schädel wär, und das ihr von ihrem Ehemann, der damit sonst nichts am Hut hat, gnädigerweise erfüllt wurde.

Wenn dieser Frau dann die Selbstverwirklichung doch lieber ist, kann man sich ja auch trennen. Das schlug Karl seiner Frau dann auch vor. „So sind wir eingeschlafen. Dann in der Früh bin ich aufgewacht, die Nina war irgendwie ein anderer Mensch. Das hat sie mir bis heute noch nicht erklärt, was da in der Nacht passiert ist in ihrem Kopf.“

Frauenköpfe und männliches Unverständnis

Unverständnis darüber, was sich in den Köpfen von Ehefrauen so tut, ist ein Phänomen, das sich durch viele Ehemänner-Köpfe und durch viele heterosexuelle Paarbeziehungen zieht. Um zu verstehen, was sich in Frauenköpfen tut, müsste man die Frauen danach fragen, was sich in ihren Köpfen tut, aber die haben ja doch bitte schon eine Ehe, zwei Kinder, ein Haus und einen Pool, und das wird ja wohl reichen. Interesse am ehefraulichen Innenleben kann man nicht auch noch erwarten. Das Unverständnis bleibt zumindest bis zu jenem Zeitpunkt, an dem sie das, was sich in den Ehefrauen-Köpfen tut, von der Scheidungsanwältin erklärt bekommen.

Patriarchale Vorstellungen

Es ist weder zielführend noch von öffentlichem Interesse, individuelle Beziehungen öffentlich zu diskutieren. Was allerdings besprochen werden kann, sind öffentliche Äußerungen. Diese sollten sogar besprochen werden, wenn sie weit verbreitete und abgrundtief patriarchale Vorstellungen darüber offenbaren, wie Paarbeziehung und Familie zu organisieren ist. Und die weite Verbreitung des ideologischen Substrates hinter den Aussagen von Benjamin Karl ist nicht nur an der Selbstverständlichkeit erkennbar, mit der er sie vortrug, sondern auch am Zuspruch, den er für seine Äußerungen erhielt. Denn ja, trotz des Shitstorms, der folgte, gab es offenbar viele Personen, die die Aussagen für normal oder unterstützenswert hielten.

Das eigentlich Erschütternde ist nicht die beschriebene Arbeitsteilung in einer individuellen Beziehung, sondern wie selbstverständlich die systematische Ausbeutung der Arbeitskraft von Frauen in Haushalt und Kinderbetreuung und im Dienste ihrer Ehemänner immer noch ist. Wie selbstverständlich es ist, dass Frauen über ihre Zeit und ihr Leben nicht frei verfügen können.

Keine Partnerschaft

Traditionelle Arbeitsteilung in heterosexuellen Paarbeziehungen wird gerne und fälschlicherweise als gerechter Deal dargestellt. Die Frau arbeitet unbezahlt, der Mann bezahlt. Er „bringt das Geld heim“, sie kümmert sich währenddessen um Haushalt und Kinder. Und um das Wohlbefinden des Mannes.

Allerdings: Männer, die „arbeiten gehen“ und „das Geld heimbringen“ würden auch ohne Frau und Kinder arbeiten gehen und Geld heimbringen müssen. Für sie ändert sich also erstmal: nichts.

Zweitens: Was sich schon ändert, sind die Karrierechancen, die sich für Männer dadurch ergeben, dass man nun eine unbezahlte Betreuungs- und Pflegekraft zu Hause hat, die sich um einen kümmert und unbezahlte Reproduktionsarbeit leistet. Und die dabei in finanzieller Abhängigkeit und daraus folgend wahrscheinlicher in Altersarmut landet.

Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin legte dar, dass die Geburt eines Kindes für Frauen zu einem nie wieder aufholbaren Minus an Geld und Karriere führt – zur „motherhood penalty“, wie sie das nennt, also die Strafe für Mutterschaft. Väter hingegen erhalten ein „fatherhood premium“ – eine Vaterschaftsprämie. Sie verdienen ab der Geburt eines Kindes mehr und machen bedeutende Karriereschritte.

Ein wesentlicher Grund hierfür ist die unbezahlte und unsichtbare Arbeit von Frauen. Genau das, was Karl „den Rücken freihalten“ nennt. Ohne diese unbezahlte Arbeit sind die allermeisten sportlichen Karrieren von Männern nicht möglich. Nicht jene in Wirtschaft und Politik oder sonst wo. (Die Karrieren von Männerpodcastern könnten wir im Übrigen verhindern, indem wir uns das mit dem Männermikrofonverbot nochmal überlegen, aus Gemeinwohlgründen.)

Seine Karriere, ihr Opfer

Es ist also das Opfer der Frau, das seine Karriere ermöglicht. Die Ehefrau ist die, die in einer traditionellen Ehe die Opfer bringt. Er ist der, der profitiert.

Nein, das ist kein fairer Deal.

Und Partnerschaft ist es auch keine.

Partnerschaft setzt nämlich – in jeder Beziehungskonstellation – voraus, dass sie auf Augenhöhe und unter gleichberechtigten Personen stattfindet, die die Freiheit und die reale Möglichkeit haben, die Beziehung auch wieder zu beenden, wenn sie das möchten. In heterosexuellen Paarbeziehungen ist all das in den seltensten Fällen zutreffend. Auf sie das Wort „Partnerschaft“ anzuwenden, ist also im Regelfall keine Tatsachenbeschreibung, sondern entweder Wunschdenken oder Idealisierung oder beides.

Und weil es für Frauen sehr viele gute Gründe gibt, sich aus diesem Scam zu befreien, und sehr wenige, es nicht zu tun, ende ich mit einem Zitat aus dem meistgelikten Kommentar unter dem mittlerweile gelöschten Reel. Es stammt von Elisabeth Wagner : „Was er – wie viele Männer – dringend verstehen muss: Sie hat ihm alles ermöglicht. Ohne sie wäre er nicht, wo er ist. Sonst müsste er zuhause bleiben, auf die Kinder aufpassen, Haushalt machen und könnte zu keinem einzigen Termin. 20 Jahre Leibeigenschaft sind genug – the next 20 years are yours girl!“

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

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Quellen

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