Zum Hauptinhalt springen

Tatortreiniger: „Den Geruch vergessen Sie nie“

4 Min
Peter Vachutta legt größten Wert auf Sauberkeit.
© Zoe Opratko

Peter Vachutta ist Tatortreiniger. Wenn eine Leiche erst spät gefunden wird, kommt er zum Einsatz, um deren Spuren zu beseitigen. Die WZ hat mit ihm über den Job gesprochen, der vor allem Diskretion und starke Nerven erfordert.



Triggerwarnung: In diesem Text geht es um das Sterben und den Tod – falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies bitte nicht weiter oder wende dich an eine vertraute Person.

Zuerst kommen die Maden. Und dann die Fliegen. Bis zu 20.000 können es sein, sagt Peter Vachutta: Er ist Tatortreiniger und immer dann im Einsatz, wenn eine Leiche in einer Wohnung oder einem Haus lag. Das heißt: Die Leiche sieht Vachutta oft gar nicht mehr, die hat das Hygieneamt schon abgeholt. Wenn überhaupt, dann stößt er auf eine gallertige Masse. Er beseitigt die Spuren, die der verwesende Körper hinterlassen hat. Und die sind meist unübersehbar.

Die WZ hat den Tatortreiniger in seiner Firma in Wien-Liesing besucht, wo er ein Reinigungsunternehmen betreibt. In einer Ecke der Halle, die zum Firmenkomplex gehört, reihen sich Reinigungs- und andere Geräte ganz unterschiedlicher Größen und Formen aneinander. Gegenüber stapeln sich Chemikalien in einem wandfüllenden Regal.

Reinigungsmittel in der Halle des Tatortreinigers Peter Vachutta in Wien.
Reinigungsmittel in der Halle des Tatortreinigers Peter Vachutta in Wien.
© Zoe Opratko

„Wie im Horrorfilm“

Was macht Herr Vachutta mit all diesen Geräten und Chemikalien und den Maden und Fliegen an einem Tatort nun genau? Nach dem Hygieneamt und der Freigabe des Tatorts, etwa durch die Polizei, beginnt seine Arbeit. „Bis wir hinkommen, sind die meisten Fliegen schon wieder tot, und die anderen haben sich von der Leiche ernährt“, sagt er. Die Körpersäfte der sich zersetzenden Leiche haben Wände, Möbel und Boden durchtränkt. War eine Waffe im Spiel, sehe es „wie im Horrorfilm“ aus.

Die Möbel müsse er alle wegschmeißen, Wände abschlagen, den Boden herausstemmen. Bei den Wänden genüge es mitunter, sie mit speziellen Farben zu übermalen. „Und natürlich muss man alles sterilisieren.“

Aber das Schlimmste sei der Geruch. Diesen bekomme man nur mit einem Ozongenerator aus der Luft. „Der Tod hat einen eigenen Geruch – er ist ekelhaft süßlich. Wenn Sie ihn einmal gerochen haben, vergessen Sie ihn nie wieder“, erklärt Vachutta, während er in der Geräte-Ecke seiner Halle auf einen orangen Würfel in der Größe eines Schuhkartons zugeht: Der Ozongenerator zerstört mithilfe von Ozon organische Verbindungen, die Gerüche verursachen.

Immer mehr sterben unbemerkt

Bis eine Wohnung, in der eine Leiche gelegen ist, komplett geruchsfrei und wieder bewohnbar ist, können bis zu drei Monate vergehen. „Bei einer sehr alten Leiche“, fügt Vachutta hinzu. Tatorte wie diese – mit einer Leiche, die lange unentdeckt geblieben ist – seien die häufigsten, zu denen er ausrückt. „Der Tatortreiniger ist nicht der, der nach der Mafia hinkommt. Es geht um jene Personen, die zuhause versterben, ohne dass es irgendwer merkt, und das werden leider immer mehr.“

Vachutta reinige zehn bis 15 Tatorte pro Jahr. Die Todesursache könne er aber nur erahnen: Offiziell erfahre er diese nicht.


Ein Tatortreiniger, bevor er zu seinem Arbeitsplatz fährt.
Ein Tatortreiniger, bevor er zu seinem Arbeitsplatz fährt.
© Peter Vachutta

Weiße Gestalten und Diskretion

Diskretion stehe auch für ihn an oberster Stelle – obwohl das allein durch das Outfit der Tatortreiniger:innen schwierig zu sein scheint: Für ihre Arbeit schlüpfen sie in ein weißes, gasdichtes Gewand aus Polyester. Außerdem setzen sie eine Haube, eine Brille sowie eine Vollschutzmaske auf, die keine Gerüche durchlässt. Von den Nachbar:innen merke dennoch selten jemand etwas, sagt Vachutta. Das sei wichtig, „weil irgendwann wird die Wohnung an den nächsten weitergegeben, und wenn dann der Nachbar sagt: ,Hearst, do is a Leich’ glegn bis vor a paar Monat‘, ist das nicht so angenehm.“

Darüber, wieviel eine Tatortreinigung kostet, hält sich Vachutta ebenfalls bedeckt. Der Preis variiere stark und hänge davon ab, wie verschmutzt der Tatort sei, sagt er. Preisvergleiche und Recherchen der WZ haben ergeben, dass Betroffene mit mehreren 100 bis mehreren 1.000 Euro rechnen müssen. Oft übernehmen allerdings Versicherungen diese Kosten, oder, sie werden aus der Erbmasse bezahlt.

Vachutta ist einer von wenigen Tatortreiniger:innen in Wien. Es gib keinen eigenen, staatlich anerkannten Lehrberuf, sondern lediglich Kurz- oder Spezialausbildungen dafür. Warum es grundsätzlich so wenige Tatortreiniger:innen gibt: Könnte das daran liegen, dass die Arbeit keine einfache ist? Dass du Bilder, Gedanken der jeweiligen Tatorte mit nach Hause nimmst, wo sie sich festsetzen und dich nicht mehr loszulassen drohen? Vachutta kennt dieses Problem nicht. „Wenn ich um fünf Uhr den Bleistift im Büro fallen lasse, dann ist die Firma für mich gestorben“, sagt er, „und das ginge auch gar nicht anders.“

Wer dem Tatortreiniger Peter Vachutta selbst zuhören möchte -> hier geht es zur Podcast-Folge, in der er zu Gast war:


Auf einer anderen Plattform anhören:


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

Peter Vachutta ist Gerichtssachverständiger für Gebäudereinigung, Fassadenreinigung und Tatortreinigung und Inhaber der Reinigungsfirma Vachutta GmbH. Seit 20 Jahren ist er zudem als Tatortreiniger aktiv.

Daten und Fakten

  • Bei einem Todesfall in einer Wohnung in Wien ist für die ärztliche Totenbeschau die zentrale Totenbeschau des Gesundheitsdienstes zuständig. Die Meldung eines Todesfalles ist telefonisch an den Journaldienst unter +43 1 4000-87890 zu richten. Dieser veranlasst den Einsatz des Totenbeschauteams mit dem/der Totenbeschau-Arzt/-Ärztin an der angegebenen Adresse (Stadt Wien). In den weiteren Bundesländern ist der Gemeindearzt/die Gemeindeärztin zuständig.
  • Nach dem Tod eines Menschen beginnen Zersetzungsprozesse im Körper, die zum Abbau organischer Substanzen führen. Verantwortlich dafür sind körpereigene Mikroorganismen, zu denen Bakterien und Pilze gehören. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Zersetzungsprozesse einer Leiche als Verwesung beschrieben. Der Verwesungsprozess wird als sicheres Todesanzeichen angesehen (Bundesverband Deutscher Bestatter e. V.).
  • Buttersäure-Anschläge passieren häufiger als man denkt. Das Tückische daran ist, dass mit einem vergleichsweise geringen Aufwand hoher Schaden angerichtet werden kann. Buttersäure schädigt nicht nur die Gebäudesubstanz, sondern stellt auch eine ernsthafte gesundheitliche Gefahr dar, denn sie greift die Haut an und belastet die Atemwege (Tatortreinigung Ing. Vachutta).
  • Der Ozongenerator zerstört mithilfe von Ozon (O3) organische Verbindungen, die Gerüche verursachen. Ozon dringt in jede noch so kleine Ritze ein.
  • Zielsetzung der ÖNORM S 2104 ist die ordnungsgemäße Behandlung von Abfällen aus dem medizinischen Bereich zur Vermeidung einer Gefährdung von Personen durch Verletzung, Infektion oder Vergiftung und zur Vermeidung einer Umweltgefährdung. Diese ÖNORM ist von allen Personen anzuwenden, die mit der Erzeugung und mit dem Umgang (Bereitstellung, Sammlung, Transport, Zwischenlagerung, Verwertung und Entsorgung) von Abfällen aus dem medizinischen Bereich befasst sind, sowie von Gewerbetreibenden aus dem Kosmetikbereich. Diese ÖNORM ist nicht auf radioaktive Abfälle anzuwenden, es sei denn, dass diese Abfälle nach strahlenschutzrechtlichen Bestimmungen wie inaktive Abfälle entsorgt werden dürfen (Austrian Standards).

Reinigungsmittel in der Halle des Tatortreinigers Peter Vachutta in Wien.
Die Chemikalien müssen einer bestimmten Norm entsprechen.
© Zoe Opratko
  • Der Beruf der Tatortreiniger:innen ist eine Kurz- bzw. Spezialausbildung. Tatortreiniger:innen säubern Orte eines Verbrechens und Orte, an denen tote Menschen gefunden wurden. Sie reinigen zum Beispiel Möbel, Fußböden und Wände sowie Fahrzeuge und verwenden dafür spezielle Reinigungsmittel, -geräte und -techniken. Sie gehen dabei gründlich und genau vor, um eventuelle Krankheitserreger, wie Viren und Bakterien sowie Schädlinge, zu beseitigen. Falls notwendig, übernehmen sie auch kleinere Reparaturarbeiten und schleifen gegebenenfalls die Böden und Wände ab, um alle Spuren zu beseitigen. Sie desinfizieren die Räume oder Fahrzeuge und stellen zudem Geräte auf, um Gerüche zu neutralisieren. Stark verunreinigte Gegenstände am Tat- und Fundort, die nicht mehr gesäubert werden können, werden von den Tatortreiniger:innen fachgerecht entsorgt, ebenso wie die bei der Reinigung verwendeten Utensilien wie Putzschwämme und -tücher. Werden im Rahmen der Säuberung wertvolle Gegenstände gefunden, übergeben sie diese den Angehörigen oder deren juristischen Vertreter:innen. Tatortreiniger:innen tragen bei ihrer Arbeit eine Schutzkleidung sowie Schutzhandschuhe, Schutzbrillen und Atemschutzmasken (AMS Berufslexikon).

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte