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Im Terrorverfahren im Zusammenhang mit den abgesagten Taylor-Swift-Konzerten sind am Donnerstagabend die Urteile gefallen. Wie aus zwei orientierungslosen Teenagern Anhänger des Islamischen Staates wurden.
Das Medieninteresse ist groß beim Finale des Terrorverfahrens rund um die abgesagten Taylor-Swift-Konzerte. Hauptangeklagter Beran A., in blauem Hemd und dunkler Jeans, gibt sich in seinem Schlussplädoyer wortkarg: „Es tut mir sehr leid.“ Emotionen zeigt er dabei keine. Zweitangeklagter Arda K. entschuldigt sich ausführlicher: „Ich bin dankbar, dass ich verhaftet worden bin“, sagt er, denn er habe viel gelernt in diesen zwei Jahren in Untersuchungshaft. „Wenn Sie mir eine Chance geben, möchte ich Ihnen allen gerne beweisen, dass ich mich in die Gesellschaft gut integrieren und etwas aus meinem Leben machen kann.“
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Nach fünf Verhandlungstagen endete am Donnerstag der Gerichtsprozess gegen Beran A. und Arda K. am Landesgericht Wiener Neustadt. Sie sollen laut Anklage gemeinsam mit ihrem ehemaligen Schulfreund Hasan E. im März 2024 koordinierte Anschläge im Namen des Islamischen Staates (IS) in Mekka, Istanbul und Dubai geplant haben. Die beiden in Österreich angeklagten Männer zogen in letzter Sekunde zurück. Hasan E. hingegen stach in Mekka auf Sicherheitsbeamte ein. Ihm droht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Beran A. plante nach seiner Rückkehr aus Dubai jedoch den nächsten Anschlag, diesmal auf ein Taylor-Swift-Konzert im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Dafür bewaffnete er sich mit Messern und einer Machete. Den Sprengstoff für eine Bombe stellte er erfolgreich her. Schlimmeres konnte gerade noch verhindert werden – aufgrund eines entscheidenden Tipps des US-Geheimdienstes.
Im Schwurgerichtssaal ist es kurz vor 22 Uhr, als das endgültige Urteil fällt. Zuvor haben die Geschworenen stundenlang beraten. Beran A. wird umfassend schuldig gesprochen, sowohl für den geplanten Anschlag auf das Konzert als auch für den Beitrag zum Mordversuch von Hasan E. in Mekka. Auch Arda K. wird für die Beitragstäterschaft verurteilt. Beran A. bekommt eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, Arda K. 12 Jahre. Die Angeklagten waren zu weiten Teilen der Anklage geständig, aber nicht dazu, Hasan E. bestärkt zu haben. Nach der Urteilsverkündung gaben die Angeklagten keine Erklärungen ab, damit sind die Urteile nicht rechtskräftig. Innerhalb von drei Tagen können noch Rechtsmittel dagegen angemeldet werden.
Der Terrorprozess offenbarte den Zuhörenden in den letzten Wochen eine Radikalisierungsgeschichte, die für die heutige Generation junger Dschihadisten steht: weg vom physischen Kalifat in Syrien hinein in die Abgründe von TikTok, Telegram und Co.
Wie aus zwei Teenagern IS-Anhänger wurden
Aufgewachsen in Wien-Favoriten mit Wurzeln in Nordmazedonien, zog der Hauptangeklagte Beran A. mit 15 ins niederösterreichische Ternitz – aufgrund der Arbeit seines Vaters, wo er später selbst als Lagerarbeiter aushalf. Während seiner Schulzeit wurde er laut seinen Erzählungen gemobbt. Er war unsicher, auf der Suche nach einer Freundin, und nach Anerkennung. Dann lernte er Hasan E. in der Mittelschule kennen, beliebt, charismatisch, selbstbewusst. Beran A. schaute zu ihm auf – „nicht umgekehrt“, wie seine Verteidigerin Anna Mair im Gericht nicht müde wurde, zu betonen.
Hasan E. sei es auch gewesen, der ihm Stück für Stück die islamistische Ideologie näherbrachte. Es waren einfache Antworten auf schwierige Fragen, die Beran A. laut Mair faszinierten. Er konsumierte immer mehr IS-Propaganda über TikTok und Telegram, schaute Videos von bekannten salafistischen Predigern. Er war zunehmend erfüllt mit Hass und Mordfantasien, teilte brutale Gewaltvideos, wie es aus der Anklage hervorgeht. Irgendwann hätte es für Beran A. „keinen Sinn mehr gemacht, nur zu beten“. Der „Heilige Krieg“ war für ihn sinnstiftend, erzählte er bei seiner Einvernahme. Mit dem Anschlag auf das Taylor-Swift-Konzert wollte der heute 21-Jährige berühmt werden. Sein Vorbild? Der Wien-Attentäter Kujtim F., den er „krass“ fand und dessen Bekennerfoto er imitierte.
Auch der Werdegang von Arda K. ist geprägt von der Suche nach Orientierung. Er wuchs in einem muslimischen Haushalt auf, war streng gläubig und wollte laut seinem Anwalt David Jodlbauer „seinen Platz in der Welt“ finden. Er besuchte dieselbe Schule wie Beran A. – und wie Hasan E., der auch auf ihn eine starke Anziehungskraft ausgeübt haben soll.
Arda K. hatte Fragen, Hasan E. lieferte die Antworten, erklärten der Angeklagte und sein Verteidiger. Es ging viel um den Krieg in Gaza, um Menschen, die „in der muslimischen Welt leiden“. Das habe wesentlich zu seiner Radikalisierung beigetragen, wie Arda K. vor Gericht erzählte: Hasan machte ihm Druck, es sei „Pflicht“, etwas gegen dieses Leid zu unternehmen. Jeder, der den IS ablehne, müsse getötet werden – egal ob Christ:innen, Jüdinnen und Juden oder Jesid:innen. Bei einem Attentat in Istanbul war geplant, dass Arda K. „draufgeht“. Was ihn am IS damals fasziniert hat: „Das Idealbild des Mannes, der keine Angst vor nichts hat“.
Der Ex-Dschihadist, der heute Schulen besucht
Wie stark sich dschihadistische Radikalisierung ins Digitale verlagert und dadurch beschleunigt hat, beobachtet auch Bernd T., ein ehemaliger IS-Anhänger. Am dritten Prozesstag saß er im Gerichtssaal als Zuseher. Mit der WZ hat er über seine eigene Geschichte gesprochen: 2013 reiste er als einer der ersten Österreicher nach Syrien aus, um sich islamistischen Milizen anzuschließen. Nach einem längeren Aufenthalt in Saudi-Arabien stellte er sich 2019 den österreichischen Behörden. Bei seinem Prozess wurde er 2021 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und nach drei Jahren entlassen.
„Früher hat Radikalisierung in Moscheen stattgefunden, da gab es wenigstens noch reale Treffpunkte, die beobachtet werden konnten. Heute konsumieren Jugendliche im Kinderzimmer stundenlang TikTok-Videos“, sagt er im WZ-Interview.
Bernd T. fand damals in der islamistischen Szene Gemeinschaft, Loyalität und das Gefühl, „Teil von etwas Größerem zu sein“. Doch als in Syrien die ersten Bomben flogen, hatte er plötzlich Angst um sein Leben. „Da ist etwas in mir aufgewacht“, erinnert er sich. Er ging nach Saudi-Arabien, um den Koran zu studieren. Die Zeit dort habe ihn deradikalisiert, weil er verstanden habe, „wie wertvoll Demokratie und Freiheit eigentlich sind“.
Heute ist der 36-Jährige in der Deradikalisierungsarbeit tätig und hält Vorträge an Schulen. „Ich will nicht, dass Jugendliche denselben Weg gehen wie ich damals“, sagt er. „Die Haftbedingungen waren für mich traumatisierend. Allein das müsste abschreckend genug sein.“
Er hat zu mir gesagt: ,Wenn ich wieder draußen bin, werde ich dich beschützen.‘Anna Mair, Anwältin von Beran A.
Die Frage nach der zweiten Chance
Doch wie können junge Menschen aus der islamistischen Ideologie wieder herausfinden? Durch „Alternativen zu extremistischen Gruppierungen und Weltbildern“, erklärt Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus, gegenüber der WZ. Eine „professionelle, vertrauensvolle Beziehung“ sei die Grundlage der Beratungsarbeit der Präventionsstelle. „Wir glauben, dass sich Menschen ändern können, und es ist grundlegend, zwischen der Person und der Tat zu unterscheiden.“
Nach diesem Prinzip lebt und arbeitet auch Beran A.s Anwältin Anna Mair, die wegen dem Prozess regelmäßig Hassnachrichten und Morddrohungen erhält. Sie ist überzeugt, dass sich ihr Mandant grundlegend verändert hat. In ihrem Schlussplädoyer am Donnerstag erzählt sie ein Beispiel: „Er hat zu mir gesagt: ,Anna, wenn ich wieder draußen bin, werde ich dich beschützen – egal wann und wo.‘“
Bis das möglich ist, wird es noch eine Zeit dauern. Nach einem langen Prozesstag werden Beran A. und Arda K. mit Handschellen aus dem Gericht geführt. Nun warten weitere Jahre im Gefängnis auf sie.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus
- Bernd T., Ex-IS-Anhänger, heute in der Deradikalisierungsarbeit tätig
Daten und Fakten
- Der sogenannte Islamische Staat (IS) ist eine dschihadistische Terrororganisation, die 2014 ein selbsternanntes Kalifat in Teilen Syriens und des Iraks ausrief. Er entstand aus Al-Qaida im Irak und nutzte extreme Gewalt, um Gebiete zu kontrollieren und eine radikale Interpretation des Islam durchzusetzen.
- Der IS verübte Massenmorde, Anschläge auf der ganzen Welt und versklavte unzählige Menschen – diese Taten wurden als Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Durch internationale Militärinterventionen verlor er bis 2019 sein gesamtes Territorium, blieb aber als Untergrundbewegung aktiv.
- Heute agiert der IS vor allem durch Schläferzellen, Online-Propaganda und Ablegergruppen in verschiedenen Regionen der Welt.
Quellen
- APA
- Profil: „Ich zog das Messer aus der Scheide“
- Der Standard: Beran A. gesteht Anschlagsplan auf Taylor-Swift-Konzert, schloss sich auf Ecstasy IS an
- Der Standard: Taylor-Swift-Anschlagsplaner Beran A. wollte berühmt werden, im Prozess gegen ihn bricht er in Tränen aus
- Der Standard: Tränen, Haft und Freisprüche zum Abschluss des Wiener IS-Prozesses
Das Thema in der WZ
- Die Anwältin, die Terroristen verteidigt
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