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Wer erschöpft ist, müsste eigentlich schlafen. Doch das Gehirn kennt den Unterschied zwischen Säbelzahntiger und Smartphone erstaunlich schlecht.
Es ist zwei Uhr früh. Die Augen tun weh, die Glieder sind schwer und dennoch drehst du dich ständig von rechts nach links und wieder zurück. Neben dir lauert der Wecker als Dieb, der dir die Nacht stehlen wird, noch bevor du ein Auge zu tun konntest. Denn dein Gehirn will nicht zur Ruhe kommen, sondern Gedanken wälzen: Wäsche nicht aufgehängt. Vergessen, den Arzt anzurufen. In der Früh die dringende Mail an die Hausverwaltung schreiben. Und in diesem Gespräch letzte Woche, was hat die Chefin da eigentlich wirklich gemeint?
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Müde, aber aufgedreht heißt das frustrierende Gefühl, körperlich zwar geschafft, aber im Kopf hellwach zu sein. Eigentlich sollten rechtschaffen geschlauchte Menschen von selbst einschlafen, könnte man meinen. Doch das Gehirn ruht sich nicht einfach aus, bloß weil der Körper rasten muss. „Unter Stress treten Erschöpfung und Schlaflosigkeit oft gemeinsam auf. Ein Grund dafür liegt in der Biologie des Überlebens“, sagt Michelle Spear, Professorin für Anatomie der britischen Universität Bristol, zur WZ. Unser Leben ist digital, unser Gehirn aber aus der Steinzeit. Mit unserer Lebensweise muten wir ihm einiges zu.
Gerät der Mensch unter Stress, aktiviert eine Region namens Amygdala im Gehirn die uralte Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Adrenalin und Cortisol steigen, Herzschlag und Aufmerksamkeit nehmen zu. Das Gehirn schaltet auf Überleben um. Der Organismus kann dadurch unmittelbar und präzise auf Raubtiere, Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen oder lebensbedrohliche Umweltgefahren reagieren.
Das Raubtier im Schlafzimmer
In der Menschheitsgeschichte ging es in solchen Momenten ums blanke Überleben. „Diese Reaktion ist außerordentlich nützlich – wenn man versucht, einem Säbelzahntiger zu entkommen. Weitaus weniger nützlich ist sie, wenn die ,Bedrohung‘ aus einem überquellenden Posteingang oder wachsendem finanziellen Druck besteht“, schreibt Spear in einem Fachartikel zum Thema. Genau deswegen sollten wir mit uns selbst geduldig sein. In der Nacht nicht einschlafen zu können ist nämlich keine Frage der Willenskraft, sondern ein Ergebnis der Evolution.
Während extreme Gefahrenmomente nach einer Zeit aber wieder vorbei sind, lassen sich moderne Stressfaktoren selten im Handumdrehen aus der Welt schaffen. E-Mails kommen ununterbrochen herein, ihre Liste lässt sich kaum abarbeiten, man darf keinen wichtigen Betreff übersehen. Unseren Beruf nehmen wir über Smartphones und Laptops bis nach Hause mit, den Haushalt organisieren wir oft mit denselben Geräten. Social Media sorgt für einen Strom an sozialen Vergleichen und erfordert ständige Wachsamkeit. Ununterbrochen kommen Benachrichtigungen herein und mit ihnen die Erwartung, dass man selbst spätnachts, frühmorgens oder in der Freizeit antwortet. Biologisch gesehen ist das laut Spear „ziemlich seltsam“ – und ziemlich neu.
Kampf zwischen Alltag und Biologie
„Die Evolution vollzieht sich über Tausende Generationen hinweg. Smartphones, E-Mails und soziale Medien gibt es jedoch erst seit einem winzigen Bruchteil dieser Zeit. Da diese Technologien noch so jung sind, hatte die natürliche Selektion noch kaum Gelegenheit, unsere neuronalen Schaltkreise umzugestalten“, sagt die Anthropologin zur WZ.
Wir erwarten von unserem Gehirn also etwas, das es evolutionär gar nicht leisten kann, und organisieren trotzdem unseren Alltag ganz genauso. Im Ergebnis bleiben heute jene Teile des Gehirns, die uns wachsam halten, für unnatürlich lange Zeiträume aktiviert. Jene Systeme in unserem Denkorgan, die sich zur Bewältigung von sporadischen Gefahrenmomenten entwickelt haben, sind heute ununterbrochen gefordert, weil sie ständig fesselnden Informationen ausgesetzt sind. Dadurch können wir schwerer abschalten.
Menschen sollten im Idealfall ein Drittel ihres Lebens schlafend verbringen. Um einzuschlummern, muss das Gehirn seine Wachsamkeit aktiv herabsetzen, berichtet ein US-Team der Harvard Medical School. Dazu müsse ein Netzwerk an Erregungszentren, das uns normalerweise tagsüber wach und aufmerksam hält, sich beruhigen. Längerfristiger Stress könne dieses Netzwerk an der Entspannung hindern. Das Gehirn verbleibe dann in einem Zustand der Übererregung: Selbst, wenn der Körper nach Pause schreit, scannt, antizipiert und testet es weiter. Aus evolutionärer Sicht ist das laut dem Forschungsteam sogar sinnvoll. Wenn die Umgebung bedrohlich und unsicher erscheint, wird sie keineswegs sicherer, wenn man sie ignoriert, indem man sich „offline“ schaltet.
Gehirn bei zu hoher Drehzahl im Leerlauf
In der Nacht kann sich diese Überreaktion allerdings so anfühlen, als wäre das Gehirn bei zu hoher Drehzahl im Leerlauf unterwegs, auch zumal die Sinneseindrücke des Tages verschwinden. Wenn alles still und grau ist, hat unser Denkorgan plötzlich Rechenkapazität frei. Das Ruhezustandsnetzwerk wird aktiv. Es schaltet sich ein, wenn man sich entspannt, keinen Fokus auf äußere Reize hat, tagträumt oder Erinnerungen nachhängt. Innere Gedankenprozesse setzen sich in Gang und lösen Vorstellungen, Fantasien, aber auch Grübeln und Zukunftssimulationen aus.
Die Ironie besteht darin, dass die Gefühlsregulierung oft umso schwieriger wird, je erschöpfter wir werden. Schlafmangel verringert die Aktivität jenes mäßigenden Teils des Gehirns, der für rationale Kontrolle und Perspektive zuständig ist. Ein müdes Gehirn reagiert somit emotional stärker, wodurch sich Sorgen nachts intensiver anfühlen können.
Das Gehirn erfüllt dabei den uralten Auftrag, wachsam zu bleiben, wenn Gefahr droht, nur lösen eben nun E-Mails, Push-Nachrichten und finanzielle Sorgen denselben Alarm aus wie einst lebensbedrohliche Raubtiere. Vielleicht liegt das eigentliche Problem also darin, dass wir von ihm etwas erwarten, wofür es nie gebaut wurde. Wir versuchen unseren Schlaf sogar noch mit Apps, Gadgets und immer neuen Selbstoptimierungstipps zu verbessern, während wir gleichzeitig einen Alltag geschaffen haben, der unser Nervensystem permanent in Alarmbereitschaft hält. Möglicherweise wären deshalb nicht unser Gehirn und seine Schlafleistung das Erste, das wir verändern sollten – sondern die Welt, die wir ihm täglich zumuten.
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Infos und Quellen
Gesprächspartnerin
Michelle Spear, Professorin für Anatomie an der University of Bristol, Großbritannien.
Quellen
- The Conversation: How can you be tired yet wired? Blame your stone‑age brain
- Neuron: Sleep State Switching Sleep State Switching
- Sleep Medicine Reviews: The hyperarousal model of insomnia: A review of the concept and its evidence
- Current Opinion in Endocrine and Metabolic Research: Sleep and Circadian Regulation of Cortisol: A Short Review
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