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Tradwives: Wenn Nachhaltigkeit misogyn wird

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Die Tradwife-Ästhetik wirkt auf den ersten Blick oft erstaunlich nachhaltig. Doch was wie ein umweltbewusster Lebensstil daherkommt, ist oft ein antifeministisches Rollenbild.


Vor einiger Zeit auf TikTok gesehen: ein Reel mit Videos von schönen Frauen in ländlicher Umgebung. Eine männliche Stimme sagt Dinge wie „Sourdough. Homestead. Eats Meat. Butter. Wants Kids. Jesus.“ – das sei für ihn die ideale Frau. Ich kann mich nicht mehr an das gesamte Reel erinnern, und ich habe es nicht gespeichert – doch gestern begegnete es mir wieder: in einer Studie der Uni Klagenfurt über Tradwives.

Misogyn, „nachhaltig“ und viel Jesus

Wer nicht unter einem Stein lebt, wird von diesem Trend gehört haben, der schon wieder keiner mehr ist (doch dazu später): Tradwives sind das Gegenteil emanzipierter, selbstständiger Frauen. „Feministin“ ist für sie ein Schimpfwort. Sie wohnen am Land, bekommen viele Kinder, sind finanziell vom Ehemann abhängig und ihre einzige Form der Altersvorsorge ist: „Ich werde mich nicht scheiden lassen“. Vor allem leben sie ein Leben wie aus dem 19. Jahrhundert vor, inklusive Mehl selbst mahlen, Hühnerhaltung für die eigenen Eier, die gelegentliche Schlachtung eines Schweins sowie die Herstellung eigener Naturkosmetik und natürlich das Selbstnähen oder Stricken der Kleidung für die Kinderschar. Und das Ganze gewürzt mit sehr, sehr viel Jesus.

Die Hälfte dieser Praktiken könnte genauso gut in einem Nachhaltigkeitsratgeber und nicht nur im Playbook für Tradwives stehen. All diese Kleinigkeiten: Sauerteig selbst ziehen, Marmelade selbst einkochen, auf Fertigprodukte verzichten, Plastik vermeiden – diese Ästhetik findet man nicht nur bei den Tradwives, sondern auch bei Umweltschützer:innen. Vielen Frauen wird so ein Lebensstil sogar als Empowerment vermittelt, doch leider sind die Tradwives weder frauenempowernd noch nachhaltig. Wer alles selbst macht, macht alles richtig – dieses leider komplett falsche Versprechen finden sich in beiden Welten.

Individueller Lebensstil vs. das große Ganze

Abgesehen davon, dass es natürlich gut ist, sich im eigenen Lebensstil auf eine Reduktion von Plastik oder hoch verarbeiteten Lebensmitteln zu konzentrieren: Zu echter Nachhaltigkeit trägt das noch lange nicht bei.

In der genannten Klagenfurter Studie wird beschrieben, wie außerdem antifeministische Botschaften geschickt in harmonische Bilder vom Brotbacken eingebettet werden: ein Bibelzitat hier, eine Spitze gegen berufstätige Frauen da, darunter sanfte Musik und schaut mal, wie schön der Teig grad aufgeht, das ist doch wirklich der Sinn des Lebens. Neben all dem misogynen Mist, den die Frauen da selbst erzählen, wird Nachhaltigkeit von der gesellschaftspolitischen auf die Lebensstilebene geschoben, und Lebensstil selbst wird komplett entpolitisiert. Ich krieg Ausschlag allein beim Gedanken daran, und gegen den helfen dann keine Hausmittelchen und pflanzlichen Öle.

Es ist traurig, aber wahr: Ich kann noch so sehr versuchen, individuell klimafreundlich zu leben, es hat keinen messbaren Einfluss auf das globale Fortschreiten der Klimakatastrophe. Damit diese endlich aufgehalten wird, müssen Industrie und Politik aktiv werden und die Emissionen massiv zurückgefahren werden. Das passiert, aber zu langsam. Und der globale Tradwives-Trend ist ein zusätzlicher Stein im Getriebe: Er vermittelt nämlich, dass man als Frau im Grunde nur innerhalb der eigenen Grundstücksgrenzen denken muss. The big picture? Ist was für die Männer. Die Welt da draußen? Verdorben und für die Männer, strick doch lieber deinem Baby eine Haube, ach was, spinne die Wolle dafür gleich selbst!

Individueller Konsum wird überschätzt

Ganz persönlich liebe ich es, zu stricken – aber ich lieb halt auch die Wissenschaft. Der Sonderbericht des Austrian Panel on Climate Change hält fest: Appelle an individuelles Verhalten und nachhaltigen Konsum werden in ihrer Wirkung komplett überschätzt. Klimafreundlich leben kann man nur, wenn die Strukturen es zulassen. Raumplanung, Wohnbau, Verkehr, Energie – alles Dinge, die man nicht in der Küche ändert, sondern in Parlamenten, Gemeinderäten und Aufsichtsräten. Also genau dort, wo Tradwives Frauen nicht sehen wollen.

Aus meiner Perspektive ist es immer wieder unfassbar, wenn ich mir den Lifestyle von Tradwives anschaue: Da erklären Frauen anderen Frauen, dass sie sich bitte vom Mann abhängig machen sollen, nicht arbeiten gehen sollen, sondern wie unsere Großmüttergeneration den Haushalt und die Kinder als alleinigen Lebensinhalt sehen sollen, und dann glauben sie auch noch, mit ihrem Brotbacken retten sie die Welt. Und noch absurder finde ich, DASS ich diesen Einblick bekomme – von Frauen, die es per Social Media vorleben und, Achtung Treppenwitz, dafür irre Summen einstreichen! Also: Doch arbeiten und nicht Haushalt und Kinder im Fokus haben!

Tradwives werden zum Glück uncool

Und jetzt, wo der Gegenwind immer größer wird, sagen diverse Tradwife-Ikonen, dass sie ja nie eine gewesen seien und in Zukunft solche Videos nicht mehr machen wollen. Tradwives sind inzwischen stark Trump- und MAGA-codiert, und das scheint – juhu, endlich – in den USA immer uncooler zu werden. Trotzdem: Diese Frauen verdienen gar nicht wenig Geld damit, anderen Frauen zu erklären, dass sie keines verdienen sollten. Diese Ironie! Eine der Tradwife-Größen, Nara Smith, die inzwischen behauptet, natürlich nie eine gewesen zu sein, soll übrigens über ein geschätztes Jahreseinkommen von über 7,5 Millionen US-Dollar verfügen.

Wir müssen endlich aufhören, unsere eigenen Lebensstil-Entscheidungen für mehr Nachhaltigkeit für den großen Gamechanger zu halten. Weder werden wir durchs Brotbacken die Welt retten noch durchs Marmelade einkochen. Das wird uns seit Jahrzehnten viel zu oft vermittelt. Und wenn es dann noch im Tradwife-Mantel daherkommt, dann wird sogar diese falsche Erzählung von Nachhaltigkeit einfach nur noch misogyn.

PS: Übrigens, wenn euch ein Mann erklärt, dass er eine Frau sucht, die „Feminismus“ für ein Schimpfwort hält: Rennt.


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Infos und Quellen

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