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Trotz Warnungen: Scientology-Verein an Österreichs Schulen

6 Min
Die Bundesstelle für Sektenfragen warnte alle Bildungsdirektionen vor „Sag NEIN zu Drogen“
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels, Adobe Stock

Der Verein Sag NEIN zu Drogen tritt in Österreich als Präventionsinitiative auf – doch dahinter steckt die Scientology-Sekte. Die Bundesstelle für Sektenfragen warnte alle Bildungsdirektionen vor dem Verein. Aber er hält weiter Vorträge an Schulen.


    • Hinter dem Verein „Sag NEIN zu Drogen“ steht die Scientology-Kirche, was oft nicht offen kommuniziert wird.
    • Die vermittelten Inhalte sind wissenschaftlich nicht fundiert, setzen auf Panikmache und werden von Expert:innen wie Ulrike Schiesser kritisiert.
    • Trotz Warnungen hält der Verein weiter Vorträge an Schulen.
    • Verein „Sag NEIN zu Drogen“ ist seit rund 30 Jahren in Österreich aktiv
    • Im Mai 2025 besuchte der Verein eine öffentliche Mittelschule in Niederösterreich
    • Bundesstelle für Sektenfragen warnte 2023 vor wissenschaftlich nicht fundierten Inhalten
    • In Deutschland wird der Verein schon länger von den Behörden beobachtet
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Überschriften im Horror-Grusel-Stil. Bilder von Jugendlichen mit blasser Haut und leerem Blick. Vor der Shopping Mall in Wien-Mitte steht ein türkiser Infostand mit dem Schriftzug „Sag NEIN zu Drogen, Sag JA zum Leben“. Viele Menschen eilen vorbei. Manche bleiben stehen und blättern in den Broschüren über Cannabis, Heroin und LSD. Daneben steht ein Plakat-Aufsteller mit dem Gelöbnis „Ich verspreche, ein drogenfreies Leben zu leben“. Eine Mutter mit Kind kommt ins Gespräch mit den Stand-Betreuer:innen.

Was sie vermutlich nicht weiß: Hinter der Präventionskampagne scheint die Scientology-Kirche zu stecken, eine internationale Sekte, die in Österreich nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Ihre Mitglieder müssen hohe Beiträge zahlen, strenge Loyalität zeigen und sich kostenpflichtigen Kursen unterziehen. Kritiker:innen werfen der Sekte vor, Menschen systematisch zu binden und finanziell auszubeuten.

Sag NEIN zu Drogen ist hierzulande seit rund 30 Jahren tätig, hält Vorträge und Workshops an Schulen in Wien und Umgebung, macht Drogenaufklärung in der Box-Union Favoriten. Auch bei öffentlichen Events wie dem Frauenlauf, dem Wien Energie Business Run oder dem Donauinselfest ist der Verein mit Infoständen präsent.

Auf Wiens Straßen ist der Verein regelmäßig präsent
Auf Wiens Straßen ist der Verein regelmäßig präsent
© WZ/Chiara Swaton

Doch der Verein vermittelt fragwürdige Inhalte. Die Bundesstelle für Sektenfragen warnte in ihren Tätigkeitsberichten vor Sag NEIN zu Drogen und verschickte eine Aussendung an alle Bildungsdirektionen. Grund: Die Materialien seien wissenschaftlich nicht fundiert, setzen auf Panikmache und versuchen, Jugendliche mit Horrorszenarien abzuschrecken. Auch das Institut für Suchtprävention kritisiert, dass die Inhalte „nicht den Standards wirksamer und seriöser Suchtprävention entsprechen“. Im August 2023 leitete die Bildungsdirektion Wien diese Warnung an alle Wiener Schulen weiter. Dennoch besuchte der Verein seitdem sieben Wiener Privatschulen und zuletzt im Mai 2025 eine öffentliche Mittelschule in Niederösterreich, wie Recherchen der WZ zeigen.

NMS-Direktorin: „Großer Fehler“

Auf Nachfrage bei der Mittelschule erklärt die Direktorin: „Da ist uns leider ein großer Fehler passiert.“ Ein Kollege sei online auf den Verein gestoßen, die Website habe unauffällig gewirkt – so sei es zum Vortrag gekommen. Kurz danach habe ein ehemaliges Vereinsmitglied aus Deutschland die Schule auf die Verbindung zu Scientology hingewiesen. Daraufhin kontaktierte die Leitung sofort die Bildungsdirektion. „Inhaltlich war die Präsentation sehr schwach und pädagogisch nicht wertvoll“, betont die Direktorin und fügt hinzu: „Von den Vortragenden wurde Scientology mit keinem Wort erwähnt.“ Zum Schutz der Schule bittet sie um Anonymität.

„Es ist bedenklich, dass sich der Verein in seinem Auftreten nicht als Teil von Scientology zu erkennen gibt“, sagt Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen, im Gespräch mit der WZ. „Sie wollen vermutlich unabhängig wirken, um leichter Zugang zu Schulen und Institutionen zu bekommen.“ Doch neben dem Sektenhintergrund sei auch die Art der Drogenaufklärung problematisch, so Schiesser.

Die (un)sichtbare Agenda

Ein besonders anschauliches Beispiel liefert die Ritalin-Broschüre des Vereins. Blättert man sie auf, liest es sich wie ein Horrorroman: „Kiddie Coke“ – Kinder-Kokain. Pillen, die „wie Süßigkeiten“ verteilt würden. Ein 17-Jähriger, der tagelang aufblieb und psychotisch wurde, greift laut Heft zu einem Beil und tötet seine Eltern.

Tatsächlich ist Ritalin ein gut untersuchtes Medikament zur Behandlung von ADHS. Es lindert Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – und verbessert die Konzentration im Unterricht. Unter ärztlicher Aufsicht gilt es als gut verträglich, auch wenn es wie jedes Medikament Nebenwirkungen haben und missbraucht werden kann.

Schiesser erklärt: „Die Broschüren verteufeln Psychopharmaka pauschal, was besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen gefährlich sein kann.“ Sie kritisiert, dass Workshops und Materialien nicht mehr zeitgemäß sind.

Im Sektenbericht 2024 findet sich die Einschätzung des Instituts für Suchtprävention: Die Organisation setze auf „Informationsweitergabe (noch dazu falsche) und Abschreckung“, was „wissenschaftlich hinlänglich widerlegt, sogar kontraproduktiv und nicht state of the art“ sei. Laut Institut könne dies bei Jugendlichen den Eindruck erzeugen, dass Drogen weit verbreitet und „normal“ seien. Viele Informationen seien falsch oder stark vereinfacht – etwa die Einstufung von LSD als „giftigste Substanz der Welt“. Zudem werde Sucht als moralisches Versagen dargestellt, obwohl es sich um chronische Erkrankungen handele, die fachgerechte Behandlung erfordern.

Three anti-drug brochures titled "Drogen," "Heroin," and "Cannabis," featuring impactful imagery and text in German.
Broschüren des Vereins „Sag NEIN zu Drogen“
© WZ/Chiara Swaton

Vom Straßenstand ins UN-Hauptquartier

Bei den Infoständen stehen die Vereinsmitglieder mit türkisen T-Shirts und Kappen, auf einem anderen Foto dann ganz offiziell mit Anzug und Krawatte. Der Anlass: die Tagung der UN-Suchtstoffkommission in Wien. Denn die US-amerikanische Mutterorganisation Foundation for a Drug-Free World erhielt vergangenes Jahr den besonderen Beraterstatus im UN-Wirtschafts- und Sozialrat – einem der sechs Hauptorgane der Vereinten Nationen. Das ermöglicht die Teilnahme und Organisation von Konferenzen in Genf, Wien und New York.

Ob es bei dieser Entscheidung Bedenken wegen der Verbindung zu Scientology oder der wissenschaftlichen Qualität der Inhalte gab, bleibt unklar. Mehrfache Anfragen der WZ an die zuständige UN-Stelle in New York werden nicht beantwortet.

Unklare Qualifikationen, fehlende Transparenz

In einer Stellungnahme gegenüber der WZ betont der Verein Sag NEIN zu Drogen: „Die Mitgliedschaft ist unabhängig von jeder Religionszugehörigkeit und steht allen gleichermaßen offen. Ziel des Vereins ist die Aufklärung über Drogen zu Zwecken der Prävention. Es findet im Rahmen von ‚Sag Nein zu Drogen‘ keine Mitgliederwerbung für die Scientology-Kirche oder andere Vereine statt.“ Gleichzeitig weist die Organisation darauf hin, dass auf der Website der Foundation for a Drug-Free World ein deutlicher Hinweis auf das Sponsoring durch Scientology zu finden sei.

Unklar bleibt jedoch, welche Qualifikationen und Ausbildungen die Vortragenden besitzen, und wie viele Ehrenamtliche Scientology-Mitglieder sind. Auch wie viele und welche Schulen in den letzten vier Jahren besucht worden sind, wurde nicht beantwortet. Belegt ist jedoch, dass ein führendes Vereinsmitglied Scientology angehört: Stellvertretender Vereinspräsident Gerd Pölzl ist seit den 1990er-Jahren aktiv bei der Kirche, reiste zuletzt nach Clearwater, der Hochburg von Scientology in den USA. Das zeigen seine Instagram-Posts.

Ideologie über Evidenz

Trotz umstrittener Inhalte darf Sag NEIN zu Drogen öffentlich auftreten. Laut Landespolizeidirektion Wien können aufrecht gemeldete Vereine genauso wie Privatpersonen Veranstaltungen anmelden und durchführen, solange sie sich an die gesetzlichen Regeln halten.

In Deutschland wird die Organisation schon länger von den Behörden beobachtet. Nach dem Hamburger und dem Bayerischen Verfassungsschutz sowie der Berliner Senatsverwaltung gilt Sag NEIN zu Drogen als Nebenorganisation von Scientology. Die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) möchte keine Auskünfte zu „einzelnen Organisationen, Gruppierungen oder Personen“ geben.

Und wie sieht das die Bundesstelle für Sektenfragen? Ulrike Schiesser betont: „Ich glaube nicht, dass die Initiative nur deshalb gegründet wurde, um Menschen für Scientology zu gewinnen.“ Der Kampf gegen Drogen sei immer eines ihrer großen sozialen Anliegen gewesen. „Aber natürlich ergibt sich dadurch automatisch die Möglichkeit, mit Menschen niederschwellig ins Gespräch zu kommen.“ Das Problematische sei – wie so oft bei ideologischen Gruppen – eine „stark verehrte Gründerfigur“: in diesem Fall L. Ron Hubbard (Näheres unter Infos & Quellen). „Anstatt sich wissenschaftlich weiterzuentwickeln, hält man an alten Überzeugungen fest. Das ist problematisch, wenn es um Aufklärungsarbeit geht.“

Zurück beim Stand vor der Shoppingmall in Wien-Mitte. Ein älterer Herr bekommt die Drogenbroschüren in die Hand gedrückt. Er blättert kurz, zuckt mit den Schultern und legt sie wieder zurück. „Danke, brauche ich nicht. Mit dem Thema habe ich sowieso nichts am Hut.“ Kaum ist er weg, kommen schon die nächsten Passant:innen.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen
  • Direktorin einer Neuen Mittelschule in Niederösterreich
  • Verein Sag NEIN zu Drogen
  • Bayerischer Verfassungsschutz
  • Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN)
  • Bildungsdirektion Wien
  • LPD Wien

Daten und Fakten

  • Scientology, das ist jene Organisation, die an Xenu, einen intergalaktischen Diktator glaubt, der vor Millionen Jahren Milliarden von Menschen auf die Erde deportiert haben soll. Diese Ereignisse hätten die Thetans – unsterbliche geistige Wesen, die in jedem Menschen weiterexistieren – belastet und traumatisiert. Durch Auditing-Sitzungen mit dem E-Meter (eine Art Lügendetektor) sollen diese „spirituellen Lasten“ bearbeitet und der Thetan von den negativen Einflüssen befreit werden. Das Ziel: den Zustand des „Clear“ zu erreichen. Das kostet Geld. Viel Geld. Scientology-Aussteiger:innen berichten von Verschuldung, Manipulation, strenger Kontrolle und Überwachung, psychischem Druck. Psychiatrie und Psychopharmaka lehnt Scientology grundsätzlich ab. Um Image und Einfluss zu stärken, setzt die Kirche gezielt auf Prominente wie Tom Cruise und John Travolta. Oder eben auch auf Frontvereine.
  • Frontvereine von Scientology sind zum Beispiel: Narconon (Drogen-Rehabilitation), Criminon (Programme für Gefangene), Applied Scholastics (Nachhilfe und Lernmethoden), und die Citizens Commission on Human Rights (CCHR), die Psychiatrie pauschal bekämpft. Zu den Frontvereinen soll auch Sag NEIN zu Drogen zählen.
  • Gegründet wurde Scientology in den 1950er-Jahren von L. Ron Hubbard. Der 1911 in Nebraska geborene Sohn eines Soldaten und einer Lehrerin schrieb zunächst Abenteuer- und Science-Fiction-Geschichten. 1950 veröffentlichte er das Buch Dianetik, das wochenlang auf der New York Times-Bestsellerliste stand. Als das Interesse nachließ, formte Hubbard seine Lehre zur Religion um und gründete 1953 die „Church of Scientology“.
  • Die WZ kontaktierte alle neun Bildungsdirektionen in Österreich. Sieben haben geantwortet: In Wien und Salzburg wurden die Schulen aktiv über die problematischen Hintergründe von Sag NEIN zu Drogen informiert, teils nach Hinweisen der Bundesstelle für Sektenfragen oder Elternvertretungen. In Vorarlberg wolle man die Schulen zu Beginn des neuen Schuljahres informieren. Niederösterreich und Steiermark gaben an, den Verein nicht zu kennen; im Burgenland ist er seit Jahrzehnten bekannt, aktuell aber nicht aktiv. Oberösterreich verwies wie Wien auf die Schulautonomie und hat keine zentralen Daten zu Aktivitäten.
  • Die Bundesstelle für Sektenfragen bietet sachliche Informationen und individuelle Beratung zum Themenbereich „sogenannte Sekten“ und Weltanschauungsfragen. Dazu gehören unter anderem alternative religiöse Bewegungen, Esoterik, spezifische Angebote zur Lebenshilfe, fundamentalistische Strömungen, Verschwörungstheorien, sozial-utopische Aussteigergruppen und Pyramiden- bzw. Schneeballsysteme. Bundesstelle für Sektenfragen Telefon: + 43-(0)1-513 04 60, bundesstelle@sektenfragen.at

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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