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Tschernobyl: Der metallische Geschmack des Unwissens

6 Min
Natalija Tereshchenko erlebte die Katastrophe von Tschernobyl als Ärztin im Krankenhauslabor mit.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images,, Natalija Tereshchenko

Natalija Tereshchenko half 1986 in Tschernobyl Menschen, deren Leid offiziell kleingeredet wurde. Heute lebt sie in Charkiw wieder mit einer existenziellen Bedrohung – eine Geschichte über Strahlung, Schweigen und die Wiederkehr der Angst im Alltag.


    • Natalija Tereshchenko erlebte als Ärztin die Tschernobyl-Katastrophe und später den Krieg in der Ukraine hautnah.
    • Die medizinische Versorgung war mangelhaft, Informationen wurden verschwiegen und offizielle Opferzahlen massiv heruntergespielt.
    • Natalija sieht Parallelen zwischen den Katastrophen und warnt, Frieden und Sicherheit nicht als selbstverständlich zu betrachten.
    • Im Mai 1986 kümmerte sich Natalija zuerst um Menschen, die aus Prypjat evakuiert wurden.
    • Natalija arbeitete 33 Tage in der Strahlenzone, ursprünglich waren 20 Tage vorgesehen.
    • Offiziell werden bis heute nur 31 unmittelbare Opfer der Katastrophe genannt.
    • Natalijas Brigade bestand aus 53 Ärzt:innen, zuletzt lebten noch 3 davon.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Im Videochat treffe ich eine ältere Dame mit kurzem, rostbraunem Haar, goldener Brille und rotem Lippenstift. Im fast schwarzen Raum hinter ihr erkenne ich nur ein wenig den Stuck an der Decke ihrer Wohnung in Charkiw. Der Krieg in der Ukraine ist für Natalija Tereshchenko nicht das erste einschneidende Lebensereignis. Ist die Gefahr heute laut und zerstörerisch, war sie damals jedoch lautlos und unsichtbar.

Das Ende der Normalität: nur für 3 Tage

Es ist Mai 1986. Natalija arbeitet als Leiterin des Labors in einem Krankenhaus in Charkiw und hat erstmals mit evakuierten Menschen aus Prypjat Kontakt. Sie weiß noch nicht, wie schlimm das Leid der Menschen ist, weil es die Menschen selbst noch nicht wissen. „Den Leuten wurde gesagt, sie sollten nur das Nötigste für zwei bis drei Tage mitnehmen“, erzählt Natalija.

Trotzdem ist es für sie schrecklich, die Menschen zu sehen. „Wir mussten ihre Kleidung vernichten und Blutproben entnehmen“, erzählt Natalija, „dann haben wir die Leute an verschiedene Abteilungen weitergeleitet.“ Stark kontaminierte Patient:innen werden auf Krankenhäuser verteilt, andere in Notquartiere gebracht. Dieses „Sortieren“ der Menschen ist für Natalija damals besonders verstörend.

Von der Explosion des Kernreaktors weiß Natalija zu diesem Zeitpunkt noch nichts: „Uns wurde nur gesagt, dass es ein Feuer im vierten Block gab.“ Auch haben die Ärzt:innen hierfür keine spezielle Ausbildung. Bis auf den täglichen Wechsel der Arbeitskleidung und die „Therapie“ der Opfer in Schwitzbädern wissen sie sich kaum zu helfen und kennen die Folgen der Katastrophe noch nicht. „Immer öfter haben wir aber vermutet, dass etwas Schreckliches passiert sein muss“, erzählt Natalija.

Der Befehl: 9 Kilometer bis zum Reaktor

Am 16. August 1986 wird Natalija dann beordert, in die Kiew-Region zu fahren. Sie ist Teil einer Delegation von 53 Ärzt:innen, die alle erst vor Ort erfahren, dass sie mitten ins Geschehen müssen. „Wir mussten direkt ins Spital von Tschernobyl und niemand hat uns so wirklich erklärt, wie wir uns schützen können“, erzählt Natalija von dem schlecht vorbereiteten Transport und den undeutlichen Empfehlungen von offizieller Seite. Auch, dass sie Mutter von zwei Kindern ist und eines ihrer Kinder mit einer Behinderung lebt, ändert nichts am Befehl.

Und so schiebt Natalija im Labor der zentralen Klinik von Tschernobyl Schichten von bis zu 18 Stunden, untersucht Blutproben im Akkord. Arbeiter und Liquidatoren, also Hilfskräfte direkt am Reaktor, deren Leukozyten zu tief sinken, schickt sie weg. Dabei beschreibt sie einen ständigen metallischen Geschmack im Mund, „weil die Mikroskope, an denen ich das Blut untersuchte, die Strahlung förmlich anzogen“. Der explodierte Block 4 ist damals nur neun Kilometer entfernt.

Der Alltag: 40 Menschen täglich

Jeden Tag kommt ein neuer Bus mit 40 Menschen, die im oder rund um den Reaktor gearbeitet haben. „Für die Untersuchungen hatten wir keine modernen Geräte, sondern nur das Nötigste“, berichtet Natalija, „trotzdem war die Arbeit gut strukturiert. Wir hatten eine gute Chefin, die auch dafür sorgte, dass Personal mit Vorerkrankungen nicht bleiben musste.“ Viele aus Natalijas Delegation sind erst kürzlich von der Uni gekommen und noch ganz jung.

Täglich gehen sie zum Mittagessen in die Kantine – über einen extra geräumten Weg, von dem sie nicht abweichen dürfen. „Einmal sah ich auf der Wiese am Weg kleine gelbe Küken, die im strahlend grünen Gras liefen“, berichtet Natalija. Sie freut sich, dass die Natur offenbar wieder den Weg zurückfindet. „Am nächsten Morgen waren alle Küken tot.“ Da begreifen auch jene, die vorher noch die Schutzmaßnahmen ignoriert haben, die Brisanz der Situation.

Aus anfangs 20 Tagen in Tschernobyl werden schließlich 33 Tage, die Natalija mitten in der Strahlenzone verbringt: „Es ließ sich einfach niemand mehr finden, der dort noch arbeiten wollte oder konnte.“

Das Schweigen: nur 31 Opfer

Dass im Reaktor mehr als nur ein Feuer herrschte und es den Menschen schlimmer geht als gedacht, sieht Natalija an den Blutwerten: „Wir haben es gemerkt, dass die Leukozyten und Hämoglobinwerte der Proben sanken.“ Trotzdem wissen sie offiziell von nichts und machen weiter ihre Arbeit. Dass sie nicht über ihren Job entscheiden darf, ist damals normal: „Wir haben das machen müssen, weil wir zuvor kostenlos studieren durften.“

Die politische Dimension dieser Intransparenz zeigt sich ihr besonders deutlich bei der Untersuchung einer Regierungsdelegation, die den Reaktor per Hubschrauber überflogen hatte. Obwohl diese Gruppe massiv verstrahlt ist, stehen ihr medizinische Möglichkeiten offen, die für einfache Arbeiter unerreichbar bleiben. Während die Führungsebene Zugang zu speziellen, aus dem Ausland importierten Präparaten und ergänzenden präventiven Mitteln zur Entstrahlung hat, werden einfache Liquidatoren bei kritischen Blutwerten oft ohne tiefergehende Aufklärung in andere Kliniken verlegt.

Die Diagnose „Strahlenkrankheit“ ist nicht gestattet. Um die Statistiken der Katastrophe nicht zu belasten, müssen Ärzt:innen in den Akten stattdessen Todesursachen wie Herzversagen oder Schlaganfälle eintragen. Natalijas Vater hört damals heimlich Radio Europa und erfährt etwas von einer „Wolke“. Seiner Tochter kann er allerdings von dieser Gefahr nicht berichten, weil Telefonate beim Wort „Radioaktivität“ oder anderen Begriffen einfach abgebrochen werden.

Bis heute sprechen offizielle Statistiken nur von 31 unmittelbaren Opfern der Katastrophe.

Der Krieg: 40 Jahre danach

Wie viele von den 53 Ärzt:innen in Natalijas Brigade heute noch leben, weiß sie nicht: „Vor fünf Jahren waren wir noch drei Überlebende.“ Die, von denen sie weiß, sind an onkologischen oder neurologischen Krankheiten sowie Infarkten gestorben. Auch Natalija entdeckt nach ihrem Aufenthalt in Tschernobyl eine Geschwulst an der Hand, mit der sie das Mikroskop täglich bedient hat.

2026 durchlebt Natalija eine weitere „Hölle“ ganz bewusst: den Krieg. Während des Interviews berichtet sie von einem Einschlag in ihrer Nachbarschaft in Charkiw, nur fünf Minuten vor dem Gespräch. Ihre Stimme zittert, als sie sagt: „Jeder Tag ist ein Grauen. Es gibt keine Worte dafür [...] Wir leben einfach in der Hölle.“

Für Natalija schließt sich ein grausamer Kreis: 1986 war die Gefahr unsichtbar und lautlos, heute schlägt sie mit voller Wucht und Lärm in ihren Alltag ein. Angesichts dieser Erfahrungen sieht sie politische Zusagen skeptisch: Friedensverträge sind für sie heute eine reine Fiktion.

Natalija wünscht sich, dass Menschen, die in Frieden und Sicherheit leben, das nicht als selbstverständlich betrachten: „Die Menschen sollten das schätzen und alles dafür tun, dass so etwas nicht passiert. Es gibt kein größeres Übel als Krieg und nukleare Katastrophen.“ Eine nukleare Katastrophe sei kein Relikt der Vergangenheit, sondern könne durch den Krieg wieder real werden.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten:

  • Am 26. April 1986 kam es im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der heutigen Ukraine bei einem Sicherheitstest zu einer Explosion und zu einem Brand, der rund zehn Tage andauerte und große Mengen radioaktiver Stoffe freisetzte. Die Stadt Prypjat wurde kurz darauf evakuiert, insgesamt wurden 1986 laut internationalen Berichten mehr als 100.000 Menschen aus der Region in Sicherheit gebracht, später kamen weitere Umsiedlungen hinzu. Unmittelbar nach dem Unfall starben zwei Arbeiter, weitere 28 Einsatzkräfte und Beschäftigte starben in den folgenden Wochen an akuter Strahlenkrankheit, zahlreiche weitere Menschen erlitten Strahlenschäden. Als am besten belegte langfristige Gesundheitsfolge gilt ein deutlicher Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die 1986 als Kinder oder Jugendliche radioaktivem Jod ausgesetzt waren. Tschernobyl gilt bis heute als die schwerste Katastrophe in der Geschichte der zivilen Atomenergie.
  • Liquidatoren nennt man die Hunderttausenden Menschen, die nach der Reaktorkatastrophe zur Eindämmung der Folgen eingesetzt wurden. Dazu zählten Feuerwehrleute, Soldaten, Bauarbeiter, Techniker, Bergleute, Ärzt:innen und weitere Hilfskräfte. Sie löschten Brände, räumten radioaktive Trümmer weg, dekontaminierten Gebäude und Flächen, errichteten den ersten Schutzmantel über Reaktor 4 und halfen bei Evakuierung und Versorgung. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) beschreibt sie als Aufräum- und Einsatzkräfte. Je nach Quelle werden rund 600.000 bis 800.000 registrierte Einsatzkräfte genannt, wobei etwa 200.000 in den Jahren 1986 und 1987 unter den höchsten Belastungen arbeiteten.
  • Natalija Ivanovna Tereshchenko war zum Zeitpunkt der Katastrophe als Leiterin der Laborabteilung eines städtischen Krankenhauses tätig. Am 16. August 1986 wurde sie als Liquidatorin der Kategorie 1 in die Stadt Tschernobyl beordert, neun Kilometer vom Reaktor entfernt. Ihr Einsatz dauerte aufgrund mangelnder Ablöse 33 Tage. Von ihrer ursprünglich 53-köpfigen Brigade lebten vor fünf Jahren nur noch drei Personen. Heute lebt Natalija in Charkiw und erfährt dort die Auswirkungen des aktuellen Krieges.
  • Der Kontakt zu Natalija wurde von Global2000 hergestellt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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