Zum Hauptinhalt springen

Türkei: Ein Jahr nach dem Erdbeben  

10 Min
Eine Collage die sich um das Erdbeben in der Türkei vom 6. Februar 2023.
Ein Jahr nach der Katastrophe: Wie sieht das Leben im Erdbebengebiet aus?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Das verheerende Erdbeben in der Türkei und in Syrien jährt sich am 6. Februar zum ersten Mal. Die Katastrophe bedeutete auch für die Diaspora in Wien eine Zäsur: Schuldgefühle, Wut und Machtlosigkeit begleiten auch ein Jahr später ihren Alltag. 


„Meine Eltern und ich saßen in den ersten Stunden und Tagen konstant vor dem Fernseher, wir haben ununterbrochen auf unsere Handys gestarrt und auf ein Lebenszeichen unserer Verwandten gehofft. Wir haben geweint, getrauert, wir waren wütend und fühlten uns machtlos, weil wir so weit weg waren. Gedanklich waren wir ganz in der Türkei, nicht hier“, erinnert sich Özben Önal, die bei dem Erdbeben am 6. Februar in der Türkei einige Verwandte verloren hat: ihren Cousin, ihre Tante und deren Familien. Die Wahl-Wienerin und Journalistin ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Wurzeln liegen in Hatay, einer Provinz im Süden der Türkei nahe der syrischen Grenze. Hatay war eines der am stärksten von dem Erdbeben betroffenen Gebiete. Das Warten und die Unwissenheit lähmten damals Özbens gesamte Familie, sowohl in der Türkei als auch in Österreich. Die Leiche von Özbens Tante wurde erst nach über zwei Wochen aus den Trümmern geborgen, deren neunjähriger Sohn ist auch erst nach Tagen an einer Sammelstelle für Überlebende aufgetaucht – in dem Chaos vor Ort war es schwierig, den Überblick zu behalten. Für jene Angehörigen, die in Europa leben, stellte die geographische Entfernung und gleichzeitige emotionale Nähe eine zusätzliche Herausforderung dar. Sie waren hier, in Wien, weit weg von der Katastrophe, aber es waren ihre Familien und ihre alte Heimat, die betroffen waren.

Es ist nicht mehr die alte Heimat, es ist das, was davon übrig ist.Özben Önal

Bei dem heftigen Beben mit der Stärke 7,8 kamen mehr als 54.000 Menschen ums Leben, mehr als 500.000 Gebäude stürzten ein, mehr als drei Millionen Menschen verloren ihre Häuser. Auch ein Jahr später sind die übergangsweise errichteten Container-Camps noch das neue Zuhause für viele Familien, der Wiederaufbau geht nur schleppend voran. Allein in Wien leben etwa 75.000 Menschen türkischer Herkunft, wovon 45.000 die türkische Staatsbürgerschaft besitzen. Viele der hier lebenden Türk:innen haben Verwandte in der Türkei, die von der Katastrophe betroffen waren. Auch jene Menschen, die schon vor Jahren nach Österreich migriert sind, hatten in der Türkei noch Häuser, in denen sie aufgewachsen sind, oder in denen sie die Sommer verbracht haben – auch diese wurden in vielen Gegenden dem Erdboden gleichgemacht. Die Naturkatastrophe bedeutete für viele eine Zäsur: Ihre alte Heimat wird nie wieder dieselbe sein.

Man begrüßt sich mit „Es tut mir so leid“ 

„Schuldig, wahnsinnig schuldig“ hat sich Alara Yilmaz gefühlt. Die 21-jährige Wienerin mit Wurzeln in Iskenderun hat bei dem Beben ebenfalls einige Verwandte verloren. „Wie jeder in Hatay eigentlich“, resümiert die Studentin. Zum Zeitpunkt des Erdbebens war sie gerade auf Auslandssemester in Lyon, also „auf zweifache Weise noch weiter weg von meiner Familie in der Türkei und in Wien als ohnehin schon“. „Ich hatte einfach so ein schlechtes Gewissen. Es war für mich unverständlich, wie ich auf eine Erasmus-Party gehen soll, während meine Großeltern in Iskenderun tagelang im Auto geschlafen haben, weil sie zu große Angst hatten, in ihr Haus zurückzukehren.“ Halt fand sie darin, mit ihrer Familie zu telefonieren, oder sich mit arabisch- oder türkischstämmigen Studierenden in Lyon gegenseitig aufzubauen. „Wir haben alle mehr oder weniger dasselbe durchgemacht. Die haben das einfach viel besser verstanden als meine deutschen oder österreichischen Freunde. Meine Mutter, die zu dem Zeitpunkt in Wien war, wurde von keiner/m einzigen ihrer Arbeitskolleg:innen gefragt, wie es ihr oder ihrer Familie vor Ort geht, so fühlt man sich dann noch mehr allein gelassen.“ Übrigens: Kurz nach dem Erdbeben ermöglichte Deutschland ein beschleunigtes Visa-Verfahren für Betroffene aus der Erdbebenregion – sie konnten somit unbürokratischer nach Deutschland einreisen und bis zu drei Monate bei ihren dort lebenden Verwandten bleiben. In Österreich gab es diese Visa-Erleichterungen nicht, allerdings versprach das BMI eine „rasche Prüfung“ der Anträge. In der Praxis gestaltet sich da aber oft schwierig: Seit Monaten versucht Alaras Familie, ihre Großmutter nach Österreich zu holen – bis jetzt hat es mit dem Visum noch immer nicht geklappt. Özbens Cousine Nigar hat auf ihren Visa-Antrag, den sie im Mai gestellt hat, bisher keine Rückmeldung erhalten.

 Alara war zuletzt im Sommer in Iskenderun. „Früher, also vor dem Erdbeben, hat man sich dort ständig gegenseitig besucht, Verwandte und Freunde getroffen, sich zum gemeinsamen Essen verabredet“, erzählt Alara. Mittlerweile begrüßt man sich mit „Es tut mir so leid.“

Ali Gedik, Sozialarbeiter bei der Volkshilfe Wien, stammt ursprünglich aus der Stadt Pazarcık in der Provinz Maraş im Südosten der Türkei. Der gebürtige Kurde lebt seit 1972 in Österreich – in die Türkei darf er seit neun Jahren nicht mehr einreisen, da er sich in der Vergangenheit kritisch gegenüber Erdogan und der türkischen Regierung geäußert hat. Ali ist wütend. Wütend über die türkische Regierung und darüber, dass man in einem Erdbebenland wie der Türkei „nicht die vorgesehenen Bau-Gesetze einhalte“. Bei der Katastrophe hat er seine Tante, bei der er als Kind mehrere Jahre gelebt hat, und die der 62-Jährige als „Ersatzmutter“ bezeichnet, und mehrere Freunde verloren. Sein Bruder und seine Schwester leben noch in der Türkei, auch ihre Häuser wurden zerstört. Alis Schwester lebt seit dem Erdbeben in einem Containercamp, sein Bruder ist nach Antalya gezogen, beide hat er seit neun Jahren nicht mehr gesehen.

Trümmer, Leichen und Staub 

Vergangenen April, drei Monate nach dem Erdbeben, war Özben erstmals wieder in der Heimatstadt ihrer Eltern, in Antakya. Das Haus, in dem sie die Sommer ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat, war nur mehr ein Trümmerfeld, wie alles rundherum auch – die Straßen, die einst voller Leben und Getümmel waren, mit Cafés, Restaurants und Geschäften, gleichen jetzt nur mehr einer Geisterstadt. Auf dem „Friedhof der Namenlosen“ sind etwa 5.000 Menschen begraben, teilweise wurden ganze Familien ausgelöscht, viele Leichen konnten nicht mehr identifiziert werden. Antakya wurde großflächig zerstört – anhand von alten Handyfotos und mit der Hilfe von Google Maps bewegte sich die 27-Jährige durch die Stadt und versuchte, ihre Erinnerungen visuell zu rekonstruieren.

Man half auch Familienmitgliedern, vereinzelt noch Möbel aus den zerstörten Wohnungen zu retten. „Trotz Masken waren unsere Lungen und Nasen nach ein paar Stunden schon voll mit Staub, wir konnten kaum atmen. Der Staub hängt immer noch überall in der Luft – ich frage mich wirklich, wie die Menschen in den Containercamps leben, wenn wir es nicht einmal ein paar Stunden ausgehalten haben? Ich befinde mich hier natürlich in einer unfassbar privilegierten Situation, ich kann wieder abreisen. Aber dieses Gefühl, nicht ständig vor Ort zu sein, begleitet einen andauernd.“ Özben verbindet wie viele Diaspora-Kids mit Hatay unzählige Erinnerungen aus ihrer Kindheit, das Gefühl von Geborgenheit und Zuhause. Ein Zuhause, das in der ihr bekannten Form nicht mehr existiert. 

Nepotismus und Korruption 

Eine Naturkatastrophe kann zwar keiner verhindern, die türkische Bevölkerung beklagt allerdings, dass man die Schäden minimieren und somit Menschenleben hätte retten können. Was das konkret bedeutet? Die Türkei ist ein Hochrisikoland für Erdbeben. Fachleute kritisieren, dass trotzdem Vorschriften und Warnungen zur Gebäudesicherheit ignoriert wurden, um Geld zu sparen.

Die Vorwürfe richten sich allen voran gegen Recep Tayyip Erdoğan, der seit 2014 Präsident der Türkei ist, und an seine Regierungspartei, die AKP. Direkt nach dem Erdbeben errichteten die Regierung und die staatliche Katastrophenschutzbehörde AFAD als erste Maßnahme Zelt- und Containercamps. Es gibt auch finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau, die Fälle werden einzeln geprüft. Je nachdem, wie schwerwiegend die Schäden am jeweiligen Haus sind, stellt der Staat den Bürger:innen Geld zum Wiederaufbau zur Verfügung. Auch Özbens Eltern haben einen Antrag auf besagte finanzielle Beihilfe gestellt, um ihr zerstörtes Haus in Antakya wieder aufbauen zu können, sie warten derzeit noch auf eine Antwort. Nach einer ersten Schätzung wird es sich um ca. 500.000 türkische Lira (das sind etwa 15.000 Euro) handeln, die sie vom Staat erhalten könnten. Apropos Geld: Seit 1999 gibt es in der Türkei die sogenannte „Erdbebensteuer“ – mit diesem Steuergeld sollte dafür gesorgt werden, dass die Gebäude erdbebenfest gebaut werden. Am 6. Februar 2023 wurde aber sichtbar, dass die Bauvorschriften teilweise zwar auf dem Papier, allerdings nicht in der Praxis eingehalten wurden. 

Viele Bauaufträge gehen an AKP-nahe Firmen. Seit Jahren ist die Rede von Nepotismus und Korruption. Im Jänner 2024 startete in der Türkei der erste große Prozess wegen Baumängeln beim Hotel Grand Isias in Adiyaman, bei dessen Einsturz 72 Menschen starben. Elf Angeklagte müssen sich verantworten. Trotz aller Anschuldigungen wurde Erdogan im Mai 2023 mit einer knappen Mehrheit von 52,2 Prozent erneut zum Präsidenten der Türkei gewählt, und befindet sich somit in seiner dritten Amtszeit. Unter den in Österreich lebenden türkischen Staatsbürger:innen stimmten im Mai übrigens 72 Prozent für Erdoğan. 

Für Ali, Alara und Özben ist das völlig unverständlich. Zwischen ihrer Wut über die Verantwortungslosigkeit der Regierung, der Trauer um ihre toten Verwandten und ihre zerstörten Erinnerungen schwingt die Zerrissenheit zwischen den beiden Heimatländern seitdem immer stärker mit, oder, wie Özben es ausdrückt: „Es ist nicht mehr die alte Heimat, es ist das, was davon übrig ist.“