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Tuvalu wird überleben

5 Min
Funafuti wird vom Meerwasser überflutet.
Noch steht den Menschen auf Tuvalu das Wasser nicht bis zum Hals. Aber die Inseln werden immer öfter überflutet.
© ASHLEY COOPER / Science Photo Library / picturedesk.com

Wird der Klimawandel nicht gestoppt, versinkt der Inselstaat im Meer. Die Bevölkerung soll in Australien eine neue Heimat finden. Das ist nicht unumstritten.


Tuvalu wird im Meer versinken. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber vermutlich innerhalb der nächsten hundert Jahre, wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird. Denn der höchste Punkt auf Tuvalu liegt keine fünf Meter über dem Meeeresspiegel. Das bedeutet das Ende dieses Inselstaates im Pazifik – oder auch nicht. Denn Australien hat sich in einem bilateralen Abkommen bereiterklärt, die Bevölkerung von Tuvalu aufzunehmen. Und der Staat soll als digitale Nation weiterexistieren.

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Die Idee dieses Staates ohne Staatsgebiet, zu der es bisher noch keine greifbaren Konzepte gibt, die über das Schlagwort eines digitalen Zwillings im Metaverse gegen das Vergessen hinausgehen, wurde vor einem Jahr während der damaligen Weltklimakonferenz aufgebracht. Und knapp drei Wochen vor dem Beginn der heurigen Weltklimakonferenz haben Australiens und Tuvalus Regierungschefs das entsprechende Vertragswerk zur Umsiedlung der Bevölkerung unterzeichnet. In diesem Fall sprechen wir nur von knapp 11.000 Menschen, die irgendwann ihre Atolle in Richtung Westen verlassen sollen. Und in Australien hat man gleich einmal vorgebaut und festgelegt, dass pro Jahr lediglich 280 Tuvaluaner:innen ins Land kommen sollen.

Eine ganz spezielle Umsiedlung

In dieser Größenordnung dürften die Migrant:innen also kaum auffallen, meint Elisabeth Worliczek, Präsidentin der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft. „Außer sie werden – und das kommt in dem Abkommen nicht klar heraus – alle in einer Community angesiedelt, um die Nation wieder abzubilden.“ Das kann sie sich allerdings kaum vorstellen.

Satellitenbild von Funafuti, einem Atoll, auf dem sich die Hauptstadt des Inselstaates Tuvalu befindet.
Der Inselstaat Tuvalu besteht aus drei Riffinseln und sechs Atollen.
© Science Photo Library / picturedesk.com

Wie diese spezielle Umsiedlung letztlich vonstatten gehen soll, die sich durch ihre langfristige Perspektive völlig von allen bisherigen Fluchtbewegungen unterscheidet, ist derzeit noch ebenso unklar wie die Frage, wie die digitale Nation konkret aussehen soll und ob sie sich in irgendeiner Form im politischen System Australiens niederschlagen wird. Die Politologin Sarah Louise Nash von der Donau-Universität Krems erwartet hier noch „eine spannende internationale Debatte“ über dieses weltweite Unikum. Für Details sei es jetzt noch viel zu früh, heißt es dazu aus der australischen Botschaft in Österreich auf Anfrage der WZ.

Kritik am Abkommen mit Australien

Durch die Umsiedlung droht auch kein großer Kulturschock. Denn schon jetzt findet ein reger Austausch von Arbeitskräften und Studierenden zwischen den beiden Staaten statt. Australien betont auch, dass die Menschen, die hier aufgenommen werden sollen, dezidiert nicht als Flüchtlinge behandelt werden. Wohl, weil man die restriktive Migrationspolitik nicht aufweichen möchte. Das Abkommen ist nicht unumstritten. „Viele auf Tuvalu und auch in den anderen pazifischen Inselstaaten meinen, dass Australien mehr gegen den Klimawandel tun sollte, statt sich als Regionalmacht im Pazifik darzustellen, die nun großmütig Flüchtlinge aufnimmt“, sagt Worliczek. Denn das flächenmäßig sechstgrößte Land der Erde, das nun dem viertkleinsten die Rettung vor dem Klimawandel zusagt, ist selbst ein großer Klimasünder. Zwar wurde vor zwei Jahren das Ziel ausgegeben, die CO₂-Emissionen bis 2050 auf null zu senken – bei gleichzeitigem Festhalten an Schwerindustrie und Rohstoffabbau –, der Pro-Kopf-Ausstoß ist aber in Australien mit 14,3 Tonnen pro Jahr mehr als doppelt so groß wie im EU-Durchschnitt (6,3 Tonnen). Der Klimawandel trifft auch Australien selbst, „aber es hat eine größere finanzielle Stemmkraft als die ärmeren Staaten in der Region.“

Viele auf Tuvalu meinen, Australien sollte mehr gegen den Klimawandel tun.Elisabeth Worliczek, Präsidentin der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft

Umstritten ist auch der Artikel 4 des Abkommens, erklärt Nash. „Darin heißt es, dass Tuvalu Sicherheits- und Verteidigungsfragen, Polizeiarbeit und Grenzschutz mit Australien abstimmen muss. Das würde einen massiven Einschnitt in die Souveränität als Nationalstaat bedeuten.“ Angesichts dessen vermutet Worliczek jedenfalls nicht nur rein altruistische Motive Australiens hinter dem Abkommen.

Eine Karte die den Standort von Tuvalu im Verhältnis zu Australien zeigt.
Tuvalu liegt nördlich von Neuseeland und östlich von Australien.
© Illustration: WZ

Ein großer Kritikpunkt im gesamten Diskurs ist laut Nash, dass die Abwanderung als ausweglos dargestellt wird. „Dieses Narrativ lenkt in den Augen der Tuvaluaner:innen von ihren Versuchen ab, Klimawandelanpassung zu betreiben.“ Die Bevölkerung will ihre Inseln nämlich nicht so einfach aufgeben. Zwar leugnet dort niemand den Klimawandel angesichts der seit zwei Jahrzehnten zunehmenden Springfluten und Wirbelstürme, doch viele hoffen auf technologische Fortschritte in den nächsten Jahrzehnten, durch die vielleicht doch Teile bewohnbar bleiben könnten.

Klimaflüchtlinge wollen nicht so genannt werden

Steigende Meeresspiegel und andere Folgen des Klimawandels bedrohen viele Weltregionen. Die Genfer Flüchtlingskonvention greift bei Klimaflüchtlingen nicht; sie bezieht sich ausschließlich auf Kriegsflüchtlinge. Wäre es da nicht an der Zeit, sie entsprechend umzuschreiben? Nein, meint Nash. „Manche Betroffene lehnen den Begriff ‚Flüchtling‘ bewusst ab. Sie wollen nicht so genannt werden. Und sie werden ja nicht von ihrem eigenen Staat bedroht, sondern ihr Problem wird vom globalen Norden verursacht.“ Außerdem könnte eine Öffnung der Genfer Konvention eine Verwässerung und in weiterer Folge eine Schwächung in Hinblick auf jene bedeuten, denen sie jetzt einen Schutzstatus garantiert.

Nash glaubt auch, dass gerade in dieser Situation, wo die Probleme der vom Klimawandel Betroffenen so vielfältig sind, ein so verallgemeinernder Schutzmechanismus gar nicht funktionieren würde. „Wir werden eher viele kleinere Regelungen in unterschiedlichen Formen brauchen, seien es bilaterale Abkommen, Visakategorien, finanzielle Unterstützung oder Abkommen zum freien Personenverkehr. Ich denke, regionalspezifische und auf bestimmte Personengruppen abgestimmte Regelungen haben größere Chancen, die Betroffenen zu unterstützen.“

Manche vom Klimawandel Betroffene lehnen den Begriff ‚Flüchtling‘ bewusst ab. Politologin Sarah Louise Nash

Gerade Europa muss sich seiner Verantwortung gegenüber den anderen Weltregionen bewusst werden. Zwar dürfte in naher Zukunft kein klimawandelbedingter Massenansturm hierher stattfinden, weil die Betroffenen meist zuerst innerhalb der jeweiligen Region migrieren. „Aber es wäre gut, wenn wir auf europäischer Ebene langfristig darüber nachdenken würden, wie wir damit umgehen, wenn immer mehr Menschen wegen des Klimawandels ihren Wohnort verlagern müssen“, mahnt die Politologin. Nash zufolge legen übrigens Studien aus Österreich, Dänemark und Deutschland – mit jeweils recht kleinen Samples – nahe, dass Klimaflüchtlinge positiver gesehen werden als Kriegs- oder sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Allerdings sind diese Begrifflichkeiten zu hinterfragen, wie auch die österreichische Asyljudikatur zeigt: Denn ein Somalier, der nach Europa geflüchtet war, weil er wegen der Dürre daheim keine Existenzgrundlage mehr gesehen hatte, wurde im Jahr 2017 nicht mehr als Wirtschaftsflüchtling eingestuft, sondern als Klimaflüchtling anerkannt.